A/N: “A Convergence of Birds” (Cloudrun 2.06)


Ein paar Anmerkungen und Randnotizen zum 6. Kapitel von Cloudrun 2. Unnötig zu erwähnen: [Spoiler]

Es gibt zwei große Schwierigkeiten bei Kapiteln, deren Konzept man schon über ein Jahr vor dem Schreiben zu kennen glaubt: 1) Man hat das Konzept unbewusst schon so sehr in Stein gemeißelt, dass man es nicht mehr in Frage stellt. Und 2), man baut unwillkürlich zu große Erwartungen in/an sich selbst auf, denen kein Kapitel gerecht werden kann.

»Convergence of Birds« hat vom Plot bis zum fertigen Text etwa zehn Monate gebraucht. Die längste Zeit, die ich je an einem einzelnen Kapitel gesessen habe. Allerdings fiel in diese Zeit auch mein Einstieg ins freizeitlose Berufsleben, jede Menge gesundheitlicher Ärger und ein Star Wars Podcast Projekt. Und zu allem Überfluss ist 2×06 vermutlich das logistisch schwierigste Kapitel bisher und für die nähere Zukunft, auch wenn es aus Leserperspektive hoffentlich einfach und naheliegend aussieht. Hoffentlich.

Der Anfang des Kapitels war leicht und cool zu schreiben, und letzte Akt ist meine übliche Walk-&-Talk-Mystery-Sequenz, also nicht irrsinnig originell, aber dafür ohne Aufwand machbar. Die Versammlungsszene dagegen war eine monatelange Katastrophe.

Hauptproblem war, dass ich den Plot in eine bestimmte Richtung bringen wollte/musste, sich die Figuren aber seit meinen ersten Plänen anders entwickelt haben. Ursprünglich wollte ich lediglich ein paar stark unterschiedliche Charaktere für die gleiche Sache gewinnen, aber als ich dann beim Kapitel angekommen war, hatten sie sich einige fast zu Todfeinden entwickelt. Die Kernwelle sollte sie dann zwingen, trotzdem zusammenzuarbeiten – das durften sie dann aber auch wieder nicht zu bereitwillig und kommentarlos tun, weil’s schade ums Konfliktpotential wäre. Einerseits wollte ich zwar sagen, »Hey, hier ist eine Star Wars Familie in der Tradition von Luke, Leia, Han und Co«, andererseits sind diese Leute als Familie eine Katastrophe und niemand sollte sich zu große Hoffnungen machen.

Auf diese Art ging es laufend auf und ab mit der Sequenz, sowohl was den Ton anging (Wie viele verbalen Streifschüsse sind zu viel, wie viel zu wenig?), als auch ihren Endpunkt: Wie viel Zusammenhalt kann man von diesen Figuren an diesem Punkt schon erwarten? Einerseits haben die Beteiligten schon mehrfach aufeinander geschossen, andererseits sitzen sie alle im gleichen, bedrohten Boot.

Speziell das »Finale« der Versammlung hat mir bis zuletzt Ärger gemacht. Ich wollte eine Szene, wo nacheinander jeder Charakter seinen Teil zum Rettungsplan beiträgt – ohne dass jemand fehlt oder zweimal dran ist. Und anschließend wollte ich, dass jede Figur einen klassischen Star Wars Satz ihres Kanon-Vorbildes sagt, in leicht abgewandelter Form. Ein kleiner »Meta«-Moment, in dem Cloudrun ganz kurz im klassischen Star Wars Genre spielen darf.

Ich hab dann eingesehen, dass sie das nur so gerade eben tut. Es ist Star Wars, aber es ist kaputtes Star Wars. Und während ich nach wie vor nicht sicher bin, ob diese Passage wirklich funktioniert, war mein einziger Lösungsansatz, sie entsprechend kaputt zu machen. Deshalb darf jetzt jeder zur Rettung beitragen – bis auf Altair. Er kann keine Hilfe anbieten. Und sein einziger Nutzen im Kapitel war, den anderen erst Angst zu machen und dann von ihnen gerettet werden zu müssen. Im Allgemeinen geht’s in Empires darum, ob diese Leute sich zu einer Notfall-Familie zusammenraufen können – aber im Speziellen zielt alles darauf ab, ob sie einen Platz für diesen Jungen finden oder nicht.

Uhm. Das wird vielleicht nicht immer über endlose Versammlungsszenen ablaufen. Einfach, um meine Nerven zu schonen. Ich find’s immer etwas schwierig, beim Schreiben einer einzelnen Szene zu viele Charaktere gleichzeitig zu »sein« und parallel dazu immer noch die, öchem, »Interessen des Autors« durchzusetzen. An sich sind Dialoge zwar immer angenehmer zu schreiben als Action oder Beschreibung. Und eine Diskussion mit drei oder vier Figuren ist interessant und cool – aber acht auf einem Haufen hatte ich stark unterschätzt.

Die Kapitelstruktur von Cloudrun brockt uns die zusätzliche Herausforderung ein, nicht wegspringen zu können. In einer anderen Geschichte hätte ich die Versammlung in einzelne Szenen geteilt und durch eine parallele Storyline aufgelockert. Hier dagegen ist man als Leser mit Delfy und den anderen eingesperrt, sitzt gefühlte Stunden in diesem verdammten Raum fest, und kann nicht weg. Nun denn. Willkommen zu Cloudrun, fürchte ich.

ENTFALLENE SZENEN

Man sieht es seiner Länge nicht an, aber aus dem Kapitel habe ich mehr rausgeworfen als aus jedem anderen bisher.

  • Das Delfy-Janus-Gespräch war ursprünglich doppelt so lang und ist mehr auf den generellen Zustand der Galaxis eingegangen – wichtig, kann aber warten, bis wir aus dem Abseits raus sind.
  • In der Versammlung wurde der Tod von Falen Khal ziemlich aggressiv diskutiert. Wird noch passieren, ist hier aber nicht so dringlich wie alles andere.
  • Ursprünglich hat Altair den anderen nicht bloß vom Monster erzählt, sondern verraten, dass die Galaxis stirbt, woraufhin eine eigene, riesige Diskussion/Panik ausgebrochen ist. Zu früh, zu umfangreich.
  • Delfy erfährt, was es mit Pandora auf sich hat. Aufgeschoben für später!
  • Angedachter, ungeschriebener Subplot: Ich hatte überlegt, Delfy den Antrieb der Arcadia sabotieren zu lassen, um die Gruppe an die Cloudrun zu binden und zur Zusammenarbeit zu zwingen. Aber das hätte alles verkompliziert.
  • Umgekehrter Fall: Altairs Rettung hab ich nachträglich noch reingestopft. In der ersten Version des Kapitels hat er den Betäubungsschuss besser verkraftet/gezielt und es ging gleich mit der Allianz-Szene weiter. Aber das war sehr ruckartig – und sein Monolog über das Monster bedeutet vor allem ihm selbst etwas, nicht so sehr den anderen, kann diese also nicht zusammen trommeln (wie es in der allerersten Version der Tod der Galaxis getan hätte). In der finalen Version rauft sich die Gruppe also stattdessen zusammen, um ein Kind zu retten. Was ich sympathisch fand.

TRIVIA

  • Produktionsnotizen: Das 18. Kapitel der Reihe, das fünfte für Delfy. Das erste Kapitel, in dem sechs POV-Charaktere im selben Raum sind – alle bisher vorgestellten, mit Ausnahme von Kali.
  • Das letzte Kapitel von Akt 1 spiegelt das erste Kapitel (»Man in the Moon«) und hat die gleichen drei Sequenzen:
    • (1) Kali/Delfy spricht mit Schwester/Bruder …
    • (2) versucht dann einen Rat zu versammeln und kontrollieren, um schließlich …
    • (3) in die wässrigen Tiefen zu steigen, ihren Machtwunsch erfüllt zu bekommen und dafür mit dem Leben von Bruder/Schwester zu bezahlen.
  • »A Convergence of Birds« ist der Titel einer Kurzgeschichtensammlung von Jonathan Safran Foer. Es gibt keine inhaltlichen Anspielungen, ich hab das Buch nicht gelesen, aber ich mochte »Everything is Illuminated« und »Extremely loud and incredibly close« von ihm, also… Sollte ich das irgendwann mal nachholen.
  • Unter anderem weil das Kapitel mit mehreren Monaten Verspätung kam, ist es randvoll mit Exposition. Sogar noch mehr in den Dialogen als im Erzähltext. Nicht immer subtil… Aber glücklicherweise mussten sich die Charaktere eh gerade gegenseitig informieren, bedrohen oder ausfragen – also passte es hoffentlich in den Kontext.
  • Jorelle ist der einzige Nebencharakter im Kapitel, vom unbenannten Sanitäter und wer-auch-immer-das-in-der-letzten-Szene-ist mal abgesehen. Mich stört etwas, dass wir Themis’ Kommandocrew ewig nicht gesehen haben, zumal sie später in EMPIRES wichtig werden. Ich hatte überlegt, sie in die Versammlung zu schieben, aber… Kein Platz.
  • Das große Rad ist die tausendste LOST-Anspielung.