1.01 Broken


Ben

»Wer bist du?«, das waren die letzten Worte, die der Sterbende herausbrachte.

Ben hatte sein Knie in den Bauch des Veteranen gedrückt. Das Messer steckte im Hals. Er beugte sich herab, um ihn sterben zu hören. Er wollte den Atem spüren, das sprudelnde Blut riechen – alles, was nötig war, um zu fühlen, was hier passierte.

Der Mann starrte ihn mit geweiteten Augen an. Dann wich das Leben aus seinem Gesicht und der Körper unter Ben erschlaffte.

Der alte Avary hatte gesagt, der Moment des Todes sei ein Moment des Verstehens. Alles würde klar werden, gläsern und erleuchtet.

Der Tote sah nicht aus wie ein Erleuchteter. Er sah aus, wie ein kaltblütiger Kriegsveteran, der soeben von einem 13-jährigen Jungen getötet worden war.

Ben stand auf.

Die ersten Zuschauer begriffen nun und verfielen in ein begeistertes Brüllen. Sie hatten den Tod des Veteranen gewollt. Ben war jetzt ihr neuer Held, Ben, der Trickser.

Arme Irre.

Hinter dem großen Graben, hinter den grellen Scheinwerfern, begann das Meer der Zuschauer zu kochen.

Ben stand über seinem Opfer und fühlte gar nichts. Keine Schuld, keinen Stolz und keine Erleichterung.

Die Kameradroiden tauchten zu ihm herab wie gefräßige Falkenfledermäuse und umschwirrten den Mörder des Veteranen.

»Ben!«, rief das Mädchen.

Er drehte sich um.

Der Quarren hatte Bens Mitspielerin, eine Twi’lek, bis an den Rand des Dejarik-Zirkels gedrängt. Bis zum Abgrund blieben nur noch wenige Schritte.

Ben lief los und sammelte seine letzten Kräfte. Der Kampf war schwer gewesen, schwerer als alle bisherigen. Denn heute durfte der Trickser sich keine Tricks erlauben. Er folgte geheimen Regeln, von denen weder die Zuschauer noch die anderen Spieler wussten.

Denn im Publikum versteckte sich ein Schattenmann.

Und wenn der Schattenmann ihn auch nur bei einem einzigen Trick erwischte, war alles vorbei.

Die Twi‘lek verlor ihr Schwert. Im letzten Moment konnte sie unter einem Schwung der Vibro-Axt hindurchtauchen und sich auf den Quarren werfen. Begleitet vom Toben der Zuschauer schleuderte der Quarren sie herunter, packte sie und stieß sie in Richtung des Abgrunds.

Ben warf sich nach vorne, vorbei am Quarren, die Hand ausgestreckt.

Die nackten Füße der Twi‘lek stolperten auf die Kante zu. Ihr panischer Blick klammerte sich an Ben. Sie verlor das Gleichgewicht. Sie stürzte nach hinten, verpasste Bens Hand und mit einem gedehnten Schrei…

Fiel sie in die Tiefe.

Ben sah ihr nach. Er fühlte Ärger. Enttäuschung. Nur nicht das, was er suchte.

Der Quarren war wieder auf die Beine gekommen. Er machte einen Satz vor und versuchte, nach dem ungleich kleineren Ben zu greifen, genau wie der Veteran es mehrmals versucht hatte.

Ben fing die linke Hand ab und biss hinein.

Der Quarren brüllte auf.

Ben erwischte eines der Tentakel, riss dran und rammte die Finger seiner anderen Hand in die Augen des Nicht-Menschen.

Sein Gegner schlug blind um sich.

Ein Treffer warf Ben zu Boden, genau neben die Vibro-Axt. Er packte zu, sprang auf die Beine und schlug dem Quarren den Kopf ab.

»Trickser!«, brüllte die Menge und niemand schien sich daran zu stören, dass Ben das Mädchen nicht gerettet hatte.

Atemlos blickte er an sich herab. Sein Leinenhemd klebte zerfetzt auf der Haut, gesprenkelt mit Blut – rotes vom Veteranen, schwarzes vom Quarren. Sein eigenes Blut tropfte aus einer Wunde am rechten Oberarm. Das geheime Blut. Gegen seinen Willen sah er zum Schattenmann hinauf.

Der Schattenmann stand allein in seiner Kanzel, schmal und hochgewachsen, die Hände auf einem Gehstock ruhend. Niemand saß auch nur in der Nähe. Niemand sah dort hinauf. Aber es schien sich auch niemand zu fürchten. Die Menge tobte wie hundert andere vor ihr.

Ben hielt den Atem an. Sie sehen ihn nicht.

Ihre Blicke trafen sich. Er konnte das bleiche Gesicht kaum erkennen, aber der Schatten sah ihm in die Augen. Ben spürte es.

Und er musste von hier verschwinden. Jetzt.

Patchwork-Droiden sammelten die Leichen des Veteranen und des Quarren auf. In der Mitte des Duellzirkels surrte der Toydarianer Navvo um zwei Gildensprecher herum. Er fing Bens Blick auf. »He! Komm her, Trickser!«

Ben schaute noch einmal zum Schatten.

Die Kanzel stand leer. Der Mann hatte sie verlassen, aber… Er war noch hier. Und er kam näher.

»Komm schon!« Navvo schwirrte Ben entgegen. »Lass uns feiern! Du machst mich reich!«

Ben musste ihn abwimmeln. »Ja«, sagte er schnell. »Könnte klappen.«

Der Toydarianer grinste breit. »Ich sag‘s doch! Vielleicht kommen wir bis nach Trantor, raus aus dem Dreck. Und wer weiß, vielleicht machst du mich so reich, dass ich dich nicht mehr brauche und…« Er bleckte die Zähne und kramte einen Risslestick hervor. »Freiheit, Ben! Du bist noch jung!«

»Ja. Wär toll. Nur, dass du‘s niemals tun wirst. Ich werd‘ immer ein Sklave sein.«

»Sklave, schon, ja…« Das traf den siegestrunkenen Navvo unerwartet. »Nun, aber du… Du bist auch ein Mensch!«

Ben zeigte ihm das stille Lächeln, von dem er wusste, dass Navvo es hasste. »Nicht mehr als du«, sagte er leise.

Navvo wich in der Luft zurück, das Gesicht zu Stein erstarrt. »Spar dir das, du… Ich mag das nicht, klar? Diesen ganzen Killer-Dreck. Du bist ein Kind. Ich bin dein Besitzer.«

Zur Antwort deutete Ben auf den kopflosen Leib des Quarren, der auf einer Repulsortrage an ihnen vorbeigebracht wurde. »Ich soll wieder ein ein Kind sein? Zu spät.«

Navvos Gesichtsmuskeln zitterten. »Aber hierfür«, er schob den Auslöser für den Detonator ein Stück weit aus seiner Gürteltasche, und flüsterte, »hierfür ist es nie zu spät.«

Die Gilde hatte es den Besitzern verboten, solche Geräte mit in die Arena zu bringen – zu groß war die Gefahr, dass jemand die Leiche seines besiegten Sklaven hochjagte, um dessen Gegner doch noch zu töten. »Der Detonator ist im Kampf beschädigt worden«, sagte der Besitzer dann. Wenn dieser nicht so mächtig war, dass er keine Lügen nötig hatte.

Navvo kam näher. Die Flügelschläge wirbelten Bens Haare auf und jagten ihm den Gestank von Rissle in die Nase. »Ich kann dich hochjagen«, flüsterte der Toydarianer, »wann immer ich will.«

Ja, vielleicht konnte Navvo das. Aber Ben erinnerte sich an etwas, das Avary ihm damals mit auf den Weg gegeben hatte. Jemanden zu kontrollieren, hatte der Alte gesagt, ist keine Macht. Macht ist, wenn man es sich leisten kann, ihn zu verlieren. Sei wertvoll, Ben. Sei so wertvoll, dass man dich braucht.

Ben nahm Navvos Drohung ohne Erwiderung hin und verließ den Dejarik-Kreis durch die Luke im Boden.

Auf der Treppe kamen ihm die Kämpfer für die nächste Runde entgegen: ein Wookiee und ein Rodianer.

Der Rodianer hieß Trent und Ben kannte ihn.

»Viel Glück«, murmelte Ben.

Trent hielt an und schenkte ihm ein unsicheres Lächeln. Als der Wookiee an ihnen vorbei war und das Brüllen der Zuschauer ihn empfing, fügte Trent hinzu: »Wird schon werden. Ist kein Todeskampf. Vielleicht kann ich mir das Energienetz schnappen, ich hab die ganze Woche geübt, wenn ich ihn im richtigen Moment erwische…«

Ben schüttelte den Kopf. »Wenn du ihn heute fertig machst, zerfleischt er dich halt morgen. Oben in Esparanza. Oder in der Ostpassage. Lass den Wookiee gewinnen. Solange er noch nach den Regeln spielt.«

Trent schwieg einen Moment, dann nickte er. »Wo ist Taylee?«

»Tot.«

Der Rodianer schloss die Augen. »Scheiße.«

»Ja.«

»Und du konntest nichts, ich mein‘… Du… Du bist ziemlich gut, Ben, konntest du nichts für sie…«

Ben sah ihn nicht an. »Dein Kampf geht los.«