1.01 Broken


Die Treppe mündete in die Große Halle, wo sich Besitzer und Trainer mit ihren Schützlingen trafen.

Ben tauchte in das Gewühl ein.

Ortega, der Dug-Meisterschütze, sah ihn von Weitem kommen und zeigte mit beiden Armen – oder vielleicht Beinen – auf ihn. Mehrere Köpfe drehten sich nach dem Veteranen um und fanden stattdessen den Trickser.

Ben versuchte, ihre Blicke in der Menge zu verlieren. Der Kampf rauschte noch immer in seinen Ohren. Erst langsam konnte er sich bewusst machen, was geschehen war und in welcher Gefahr er schwebte: Nicht nur der Schattenmann würde aufmerksam zugesehen haben. Ortega würde noch in dieser Nacht die Holos studieren. Wieder und wieder. Genau wie etliche andere Sklaven und Trainer auf etlichen anderen Asteroiden sich etliche andere Kämpfe des Tricksers ansehen würden.

Bis sie das Geheimnis durchschauten.

Ortegas Besitzer spielte in einer anderen Liga als Navvo: Der Dug bestritt seine Kämpfe für die Rote Hand, eine der mächtigsten Banden auf den Splitterwelten. Jetzt, wo Ben den Veteranen geschlagen und Fuß auf Manarai gesetzt hatte, würden sie ihn als nächstes Ziel wählen.

Bens Magen verkrampfte sich. Er hatte sich eingeredet, wenn er den Veteranen erledigte, würde alles besser werden. Stattdessen hatte er sich mit einem einzigen Sieg auf alle Abschusslisten katapultiert. Nein. Nicht er, sondern Navvo. Navvo hatte das getan. Weil dieser verdammte Dreckskerl nach Trantor wollte und kleinere Gegner nicht die Credits dafür brachten.

Doch Ben hatte noch dringendere Probleme: Der Schatten konnte bereits hier sein. Und unbemerkt durch die Menge gleiten, mit dem gleichen Trick, den er oben in der Arena genutzt hatte.

Wohin also jetzt? In den Quartieren würde Ben die Fragen der anderen beantworten müssen, über den Kampf und über Taylee, das Mädchen, das er nicht gerettet hatte. Und vielleicht würde der Schatten dort auf ihn warten – falls er Ben nicht schon hier in der Halle abfangen wollte!

Ben beschleunigte seinen Schritt. Er brachte es nicht fertig, seine Sachen zurückzulassen.

Schwer atmend traf er an seinem Lager ein. Er zerrte sich das blutige Leinenhemd über den Kopf und schlüpfte in seine alte Pilotenjacke. Sie war ihm noch immer zu groß. Trent meinte, er sähe darin lächerlich aus, aber das machte nichts. Die Jacke gehörte zu den zwei einzigen Dinge, die Ben jemals geschenkt bekommen hatte. »Hat meinem Sohn gehört«, hatte Avary damals erklärt. »Du wirst reinwachsen.«

Das zweite Geschenk war der kleine Anhänger, den Ben aus der Jackentasche kramte und sich um den Hals band. Er schob ihn unter den Kragen, damit ihn niemand sah. »Geheim«, hatte Avary gesagt. »So geheim wie dein Blut.«

Von irgendwo her kam Ortegas Stimme.

Ben flüchtete in Richtung des nächstbesten Ausgangs.

Wenn Ben weglief, dann lief er immer nach oben. Und so führte diese Flucht ihn an den gleichen Ort wie so viele andere Fluchten vor ihr: Bis unter den Sternenhimmel. Aber niemals weiter.

Selbst auf einem so großen Asteroiden wie Manarai fiel es ihm nicht schwer, den Weg zu finden: Vom Kern weg wurden die Bewohner ärmer. Die künstliche Atmosphäre war an der Oberfläche dünn und kalt, also lebten dort nur Geschöpfe, die sich anpassen konnten – oder mussten.

Ben trat durch ein großes Portal ins Freie, knapp eine Stunde, nachdem er den Veteranen getötet hatte. In den wohlhabenderen Höhlenstädten besaß jede Cantina einen Holotisch, auf dem sich kleine Abbilder der Dejarik-Spieler bewegten. Hier oben in den Slums war Ben für alle nur irgendein Kind.

Er setzte sich in den Schatten einer der Atmo-Säulen.

Über ihm schwebte ein Meer aus Asteroiden. Die Lichter von Schiffstriebwerken schwirrten zwischen ihnen umher und manche von ihnen zogen einen Schweif giftiger Abgase nach sich. Auf der Schattenseite der größeren Asteroiden leuchteten die Lichter monströser Städte, errichtet aus den Ruinen einer verlorenen Zivilisation. Die Splitterwelten mochten das leuchtende Zentrum der Galaxis sein, im grellen Licht des sterbenden Sterns, dem die Asteroiden ausgeliefert waren. Aber die Raumfahrer nannten diesen Ort einen schwarzen Fleck auf dem Himmelblau des Valueen Königreichs. Flüchtlinge aus den verlorenen Teilen des Weltraums kamen hierher, nachdem Arbeiterhöllen wie Sarapin und Ruan sie abgelehnt hatten.

»Wir ziehen nach Trantor«, hatte Navvo gesagt, aber da hatte der Siegesrausch gesprochen. Der Traum von Trantor, der reichen Industriewelt der Black Sun, schien so alt wie die Splitterwelten selbst. Doch der Toydarianer würde es niemals nach Trantor schaffen. Und Ben schon gar nicht.

Er hatte sein ganzes Leben hier verbracht, auch wenn er sich kaum noch an die Zeit vor Avary erinnerte. Das Gesicht des Veteranen tauchte in seinen Gedanken auf. »Wer bist du?«

Ben schloss die Augen.

Der Veteran hatte seinen Spitznamen nicht zu Unrecht getragen. Er hatte lange gelebt und viele Kämpfe gesehen. Einige sagten, er hätte in der Vermillion-Rebellion gekämpft. Ganz gleich, wie viel Wahrheit darin steckte, der Veteran hatte vor seinem eigenen Tod die Tode von vielen anderen gesehen. Er kannte den Krieg und er kannte Mord.

Ben hatte er nicht gekannt.

Ich bin anders, dachte Ben. Ich bin schlimmer.

Er schlug die Augen auf und versuchte, sich an das zu klammern, was er sah und was ihn umgab. Die Vergangenheit hatte in seinen Gedanken nichts zu suchen, das hatte Avary gesagt, das war eine von Avarys Regeln gewesen. Und Avarys Regeln waren die einzigen, die überall galten.

Ohne sie wäre Ben nicht mehr am Leben.

Ohne sie hätte der Schattenmann ihn entdeckt und getötet.

Ben stand auf. Er musste sich bewegen. Sich ablenken. Von seiner Angst – und auch von dem seltsamen Hunger, der ihn nach jedem Kampf heimsuchte. Wäre er in Navvos Quartiere zurückgekehrt, hätte er dort etwas bekommen. Aber vielleicht auch nicht – nach dem, was er sich gerade erlaubt hatte.

Der Hunger trieb ihn in die Stadt.

Esparanza gehörte zu den größten und gleichzeitig ärmsten Städten auf den Asteroiden. Umso überraschter war Ben, über einem der Plätze ein riesiges Holo schweben zu sehen. Manche der Passanten kümmerten sich nicht darum, andere starrten es schweigend an, und wieder andere stießen laute Flüche aus. Neben dem Holo-Emitter standen ein Dutzend königliche Soldaten.

Ben drängte sich durch die Menge, um besser sehen zu können. Anders als im Dejarik-Kreis stand er hier oben nicht im Scheinwerferlicht und konnte sich verstecken. Avary hätte das Risiko nicht gefallen, aber er hatte Ben keine Regel gegeben, die es ihm verbot, sich Soldaten genauer anzusehen. »Lass dich nicht schnappen«, hatte er nur gesagt und das hatte Ben nicht vor.

Er erreichte die vorderste Reihe.

Für gewöhnlich trauten sich die königlichen Truppen nur in ganzen Verbänden überhaupt ins System, geschweige denn auf die Oberfläche eines der Asteroiden. Aber diese hier wurden von einem Gardisten angeführt, gekleidet in eine dunkelblaue Rüstung, das Gesicht hinter einer goldenen Maske verborgen. Durch ein T-förmiges Visier hindurch scannten zwei gelbe Augen die Menge. Über die Gardisten gab es noch mehr wilde Geschichten als über Lord Janus oder den Piratenkönig. »Sie sind Vollstrecker«, sagten einige, »König Valueens Attentäter.« Manche dagegen sprachen von den Erben der Jedi-Ritter.

Aus den Lautsprechern ertönte eine Stimme.

Ben sah nach oben.

Vor dem Hintergrund der Asteroiden, erschien das Gesicht einer jungen Frau. Bis auf ein paar lange Strähnen, die ihr ins Gesicht fielen, trug sie ihre blonden Haare zu einem eleganten Zopf geflochten. Sie hatte eiskalte Augen, aber ihr Lächeln war atemberaubend.

»Wer ist sie?«, fragte Ben, ohne darüber nachzudenken.

»Die Prinzessin«, sagte eine Nautolanerin. »Delfy Valueen.«

»Und auch weiterhin«, sagte Delfy gerade, »wird das Königreich alles in seiner Macht Stehende tun, um die Splitterwelten zu unterstützen und aufzubauen.«

Vereinzelte Rufe kamen aus der Menge, aber längst nicht so viele, wie bei dem Bericht eines Lords gekommen wären – oder gar des Königs persönlich. Die Prinzessin zeigte sich selten. Bis zu diesem Moment hatte Ben nicht einmal gewusst, dass Delfy hübsch war.

»Ich weiß, dass ihr verbittert seid«, sagte sie, »und dass ihr euch nicht fühlt, wie Bürger des Königreiches. Aber das seid ihr. Ihr seid mein Volk.«

Schweigen. Und in einer Stadt, die das Königreich hasste, entsprach Schweigen beinahe einem Applaus.

»Ich brauche Eure Hilfe«, sagte Delfy, »und vielleicht seid ihr meine letzte Hoffnung. Um wirklich etwas zu verändern, im Königreich und vor allem hier auf den Splitterwelten, muss ich etwas finden. Ein Schiff. Es hat sehr viele Namen. Ihr nennt es die Cloudrun

Das interessierte Schweigen war zu einem ungläubigen geworden. Und Ben verstand den Grund nicht. Was konnte an einem Schiff so besonders sein?

»Wenn ihr etwas wisst«, sagte Delfy. »Irgendetwas. Dann erzählt es unseren Soldaten. Geschichten, Märchen, Gerüchte… Ganz gleich. Ein altes Holobild, eine Skizze… Die Welten, die ihr bewohnt, sind alt. Ihr kennt sie, ihr wisst, dass an diesem Ort all das Wissen von Coruscant gesammelt ist. Ich bitte euch, mir zu helfen.«

Mit diesen Worten löste sich das Holo auf.

Ben wartete eine Weile, um zu sehen, ob jemand vortrat und mit den Soldaten sprach, aber nichts dergleichen geschah. Enttäuschung breitete sich in ihm aus. Und noch immer hatte er keine Ahnung, woher er etwas Essbares bekommen sollte. Geld hatte er keines und er würde nicht betteln. Auch er hatte seinen Stolz.

Ben drehte sich zu der Nautolanerin von vorhin um. »Was ist das für ein Schiff?«, flüsterte er. »Und was ist Coruscant?«

Die Nautolanerin bedachte ihn mit einem müden Lächeln. »Die Prinzessin verschwendet ihre Zeit. Mach’ nicht den gleichen Fehler.«

»Aber der Soldat da vorn ist ein Gardist! Mit einem Holo von Delfy Valueen! Wenn’s nicht wichtig wäre, dann wären die doch nicht hier, oder?«

Sie musterte ihn. Berechnete. Dann beugte sie sich zu ihm herab und fragte in nüchternem Ton, ohne eine Spur von Spott oder Belustigung: »Möchtest du ein Geheimnis erfahren?« Ihre Augenlider klappten seitwärts auf und zu. »Ben?«