1.01 Broken


Sie führte ihn in eine Nebengasse. Während der Stadtplatz karg und grau gewesen war, hatte man diese Barracken rot bemalt. Die Zeltplanen, die vor dem grellen Sternenlicht schützen sollten, die Vorhangsfetzen hinter Fenstern und Türrahmen… Alles in Rot.

Ben schärfte seine Sinne, so als würde er einen neuen Dejarik-Zirkel betreten, eine noch unbekannte Arena. Die Gasse mochte zwar aussehen wie ein Zuhause. Aber Rot, das waren die Vermillion-Piraten. Und die Bande der Roten Hand.

Er sollte umdrehen.

Aber er wollte seine Antworten.

Die Nautolanerin führte ihn in einen Innenhof, in dessen Mitte ein flaches Becken wartete. Das Wasser war trüb und schmutzig, aber die Nautolanerin schien sich nicht daran zu stören: Sie setzte sich auf den Rand und begann, ihre Schuhe auszuziehen. Vielleicht brauchte sie das Wasser, um nicht auszutrocknen.

Neben der Bank stand ein kleiner Kasten mit dem Logo der Black Sun, eine Essensration, ausgegeben von der Mine im Zentrum des Asteroiden. Der Hunger meldete sich zurück.

»Der Trickser«, sagte die Nautolanerin, als sie sich beider Schuhe entledigt hatte. »So nennen sie dich doch, oder?«

»Ja.« Ob er sie fragen sollte? Nach dem Essen? Nein, sie würde es ihm nicht geben.

»Ein 13-jähriger Menschenjunge schafft es zum Dejarik-Zirkel von Manarai. Was immer dein Trick ist…« Sie schenkte ihm ein verschwörerisches Lächeln, ehe sie ihren Gaberwoll-Pullover zuerst über den großen Kopf und anschließend über die Tentakel zog. »Was immer du tust, es scheint zu funktionieren.«

»Hm«, machte er.

»Also gut, Ben… Warum ist das Königreich hierher gekommen?«

»Die Prinzessin möchte… die Cloudrun finden.«

»Besser«, sagte die Nautolanerin. »Delfy möchte, dass wir die Cloudrun für sie finden.« Inzwischen saß sie in Unterwäsche auf der Bank. Eine lange Narbe reichte von ihrer Hüfte bis unter den linken Arm. »Und du hast darauf gewartet, dass wir tatsächlich zu den Soldaten gehen und denen sagen, was immer wir wissen.«

»Und was wissen Sie?«

Die Nautolanerin stieg in das Becken und setzte sich, vorsichtig, damit kein Wasser verloren ging. »Ich weiß, dass Cloudrun ein schöner Name ist und unsere Delfy ein sehr schönes Lächeln hat. Und ich weiß, dass nichts so ist, wie es scheint.« Sie lag nun auf dem Rücken, so dass nur ihr Gesicht aus dem trüben Wasser herausschaute. Einige ihrer Kopftentakel hingen über den Rand und berührten den schmutzigen Boden, was Ben seltsam falsch erschien.

»Ich versteh‘ nicht.« Er schielte zur Essensration.

Die Nautolanerin tauchte mit dem Oberkörper wieder auf. Ein Schmutzfilm bedeckte ihre Haut. »Niemand, der auch nur ein wenig über die Cloudrun weiß, möchte dieses Schiff finden«, sagte sie. »Oder von ihm gefunden werden. Das Königreich ist erst seit gestern hier. Wir nicht. Dieser Ort ist sehr alt, das hat Delfy verstanden. Für das junge Königreich ist die Cloudrun nur ein Name. Aber wenn dieses Schiff wirklich da oben erscheinen würde, zwischen all den Asteroidenstädten? Dann würden einige der älteren hier, die schon als Kinder die Geschichten gehört haben, sich umbringen. Ehe das Schiff sie holen kann.«

Ben wusste nichts zu sagen. Eigentlich war er neugierig auf die Cloudrun gewesen. Aber die Fremde sprach in Rätseln und überhaupt klang diese Geschichte nicht nach der, die er sich ausgemalt hatte. Ein Geisterschiff, na und? Das älteste Märchen des Alls.

»Ist schon gut, Ben«, sagte die Nautolanerin. »Ich will dir keine Angst machen.«

Bens Gedanken kreisten längst wieder um seinen Hunger. Er musste einen Weg finden, an die Notration zu kommen, aber dazu musste die Frau noch einmal untertauchen.

»Was ist Coruscant?«, fragte er.

»Coruscant war die Hauptstadt der alten Galaxis. Für ganze Jahrtausende. Bis zum Krieg.«

»Die Prinzessin hat gesagt, dass… das Wissen von Coruscant hier in den Splitterwelten gesammelt ist.«

Die Nautolanerin nickte langsam.

Und ihr Blick wanderte nach oben.

Ben folgte ihr, sah an den Dächern Esparanzas vorbei und fand den vertrauten Anblick des Asteroidenmeeres vor der Schwärze des Alls. Dann begriff er. »Das hier… Das hier war Coruscant?«

Wieder nickte sie.

Einen Augenblick lang vergaß Ben sogar den Hunger. »Aber… Was ist passiert?«

»Der König. Das ist passiert. Daphan. Der große Daphan Valueen.«

Valueen. Aber wenn die Splitterwelten einmal Coruscant gewesen waren, musste das Ewigkeiten her sein. Der König sah auf Holos nicht älter aus als 50. Und welche Macht konnte einen Planeten zerteilen?

»Es ist nicht wichtig, Ben.« Die Nautolanerin schien auf einmal sehr müde, als wäre sie in dem Wasser zerflossen. »Es ist lange her, lange vor deiner und meiner Geburt… Delfy wird die Cloudrun nicht finden und die Splitterwelten werden nicht wieder zu Coruscant werden.« Sie lächelte ihm zum Abschied zu, dann lehnte sie sich zurück und tauchte unter.

Glück gehabt! Ben zögerte keine Sekunde. Er beugte sich zur Notration herunter, öffnete den Behälter und stopfte sich eines der Brotpacks in die Tasche seiner Pilotenjacke.

Die Silhouette im Becken rührte sich nicht.

Konnte er noch mehr nehmen? Die ganze Box? Wollte er wirklich von der Roten Hand stehlen?

Er hatte zu lange gewartet. Die Nautolanerin tauchte aus dem Wasser auf. Die schwarzen Augen auf ihn und den Behälter gerichtet.

Ben erschrak. Wenn sie schreit, ist es aus. Er kam hoch und warf sich auf sie, ehe sie ganz aufgestanden war. Die linke Hand presste er auf ihren Mund, die andere schob er blitzartig zwischen Nacken und Tentakel, um sie nach unten zu ziehen. Ins Wasser, dachte er, im Wasser kann sie nicht schreien!

Die Nautolanerin versuchte ihn abzuwerfen, doch sie hatte noch keinen festen Stand.

Ben umklammerte ihren Hals mit beiden Händen, nahm die Füße hoch und stemmte sie gegen ihre glitschigen Oberschenkel. Fierfek! Er rutschte ab.

Doch er hatte es geschafft, die Nautolanerin aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie kippte vornüber auf das Becken zu, mit Ben voran. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf. Ihre nassen Tentakel peitschten ihm ins Gesicht.

Er rollte sich unter ihr heraus und warf sich auf ihren Rücken. Um ihn herum spritzte das Wasser hoch. Er packte die Nautolanerin bei den Ansätzen zweier Tentakel und mit beiden Händen drückte er ihren Kopf unter Wasser.

Sie zappelte, aber sie war zum Glück nicht laut.

Was jetzt? Sie konnte im Wasser atmen und Ben konnte sie nicht ewig unten halten. Alles wegen der verdammten Essensration. Er hätte einfach gehen sollen.

Die Kräfte der Nautolanerin ließen auf einmal nach. Sie bewegte sich langsamer und ihre Rückenmuskeln erschlafften.

Das Wasser, dachte Ben. Das Wasser ist schmutzig und deshalb… Oder kann sie doch nicht unter Wasser atmen? Er stieg von ihr herunter und drehte sie auf den Rücken.

Ihre Augen standen offen. Sie rührte sich nicht. Vielleicht war sie tot. Oder ohnmächtig.

Ben hob die Essensration auf und sah sich um.

Am Ausgang des Innenhofs stand Ortega der Dug. Die Rüstung aus rotem Leder. Dem Rot seiner Besitzer.

Für einen langen Augenblick blieben Ben und Ortega in der Bewegung erstarrt.

Dann wirbelte Ortega herum und rannte los, auf allen vier Füßen.

Ben folgte, aber der Andere war schneller. Als Ben die Gasse verließ, musste er vor dem dichten Strom der Passanten abbremsen. Schwer atmend, durchnässt von Kopf bis Fuß, schaute er in beide Richtungen. Doch der Dug war viel zu klein, um aus der Menge zu ragen.

Stattdessen hielten jetzt einige Leute an und durchbohrten Ben mit neugierigen Blicken.

Er versuchte, im Gedränge unterzutauchen. In seinem Kopf rauschte das Blut und ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Ortega würde der Roten Hand erzählen, was Ben getan hatte. Und die Bande würde den Tod der Nautolanerin rächen wollen. Vielleicht beim Dejarik, dachte Ben hoffnungsvoll. Beim Dejarik konnte er sie kriegen.

Er hechtete um eine weitere Ecke. Nirgendwo hin. Er lief, weil er es nicht wagte, anzuhalten.

Die Rote Hand würde sich nicht auf ein Dejarik-Spiel einlassen. Sie hatten niemanden, der den Veteranen übertraf. Und warum mogeln, wenn sie Ben auch auf offener Straße erschießen konnten?

Nach Luft ringend kam Ben zum Stehen und lehnte sich gegen eine Häuserwand, während die Welt vor seinen Augen kippte und zerbrach.

Er musste fliehen. Runter von Manarai, raus aus dem Territorium der Hand. Vielleicht konnte er Navvo überzeugen, dass er hier keinen weiteren Tag überleben konnte, geschweige denn bis zum nächsten Spiel und…

Nein. Trantor. Navvo würde ihn weiter kämpfen lassen, bis sie die Credits für Trantor hatten. Ben konnte den Toydarianer vor sich sehen, wütend auf und ab schwirrend. »Weglaufen?«, brüllte Navvo. »Jetzt, wo du den Veteranen besiegt hast? Jetzt, wo du uns mehr einbringst, als je zuvor?«

Ben schloss die Augen.

Scheiße.

Wenn er bei Navvo blieb, war er tot. Aber wenn er weglief, wenn er sich auf einem der Frachter versteckte…

Drückte Navvo den Knopf. Sprengte ihn in die Luft. Wumm. Und das war’s.

Ben zwang sich, ruhig zu atmen. Der Trickser hatte schon so viele Duelle gewonnen, so viele Gefahren überlebt – er würde hier und heute nicht sterben. Und wusste er nicht längst, was er tun musste? Hatte er nicht schon immer auf diesen Tag gewartet?

Er öffnete die Augen.

Mit festen Schritten marschierte der kleine Ben zum Stadtrand, um in die Unterwelt zurückzukehren.

Und Navvo zu töten.