1.03 Arcadia


»… aus einer zivilisierteren Zeit.«

— Janus

Themis

Es hieß, dass es im Leben eines Raumnomaden nur zwei große Lieben gab: Das Weltall. Und das eigene Schiff.

In den 26 Jahren seines Lebens hatte sich Themis Leander, der Piratenkönig, nie wirklich für die tödliche Leere zwischen den Sternen begeistern können. Es war einfacher jemanden zu lieben, der einen nicht töten wollte. Jemanden wie Delfy, die Prinzessin des Valueen-Königreiches, die jetzt hinter ihm im Cockpit saß und die gleiche Luft atmete wie er. Aber nicht einmal Delfy würde ihm jemals so viel bedeuten, wie die Arcadia.

Das Flaggschiff seiner Flotte schwebte über der kleinen Stargazer wie ein majestätischer Raubvogel. Die vier Flügeldecks waren in einem X angeordnet und griffen wie eine riesige Hand nach den Sternen vor der Arcadia. Zwischen den vier Fingern schimmerte ein keilförmiger Rumpf im Dunkelrot der Vermillion-Piraten.

Themis steuerte den Shen-Jäger an den Brückenaufbauten der Stargazer vorbei und hielt dann auf den Hangar seines eigenen Schiffes zu.

Die Arcadia war alt. Je näher sie kamen, desto mehr der Verbrennungen und Löcher waren entlang des Rumpfes zu erkennen. Unter Themis‘ Crew gingen die Gerüchte um, dass die Arcadia unter der Roten Königin im Schattenkrieg geflogen war – vor 87 Jahren.

Ein seltsames Gefühl, fand Themis, wenn das einzige Zuhause, das man je gekannt hatte, einmal in einen Krieg gezogen war. Gewöhn‘ dich an den Gedanken, sagte eine dunkle Stimme in seinem Hinterkopf, aber er brachte sie zum Schweigen. Es würde keinen Krieg geben. Die Revolution kam ohne Blutvergießen – oder gar nicht.

Sie passierten das Stasisfeld und tauchten senkrecht im Hangar auf.

»Also«, sagte Themis, als er den Shen-Jäger gelandet hatte. Es war Zeit, sich selbst und Delfy auf bessere Gedanken zu bringen. »All die Reichtümer des Valueen Königreichs… Aber du kommst hier mit leerem Frachtraum an?«

»Sieht so aus«, gab Delfy zurück.

»Und mich nennen sie Pirat.«

Delfy lachte.

Themis mochte sich, wenn er witzig war. Es war fast ein Jahr her, dass er Delfy das letzte Mal gesehen hatte, und er wollte einen besseren Eindruck machen als damals. Bisher lief es gut. Delfy hatte sogar zugelassen, dass er den Jäger flog, obwohl sie die bessere Pilotin war.

Du kannst bei uns leben, dachte er und schaltete die Motoren aus. Dein Vater ist nicht der einzige, der dir ein Königreich bieten kann.

Er fuhr die Kuppel hoch und schwang sich aus dem Cockpit heraus auf den linken der vorderen Flügel, und dann auf den Boden des Hangars. Noch bevor er entschieden hatte, ob Delfy Hilfe beim Aussteigen erwartete, sprang sie aus ihrem Sitz und landete federnd neben ihm.

»Ich komme schon zurecht«, sagte sie und klopfte ihm auf die Schulter, ehe sie ihre Aufmerksamkeit dem riesigen Hangar schenkte. »Nett habt ihr’s hier.«

Delfy wirkte immer so sicher. Sie wusste genau, was sie tun musste, wie sie sich bewegen musste, welche Entscheidungen richtig waren… War das alles die Macht? Oder ihr Training als Gardistin?

Er schloss zu ihr auf. »Warst du damals nie im Hangar?«

»Doch, doch«, sie sah ihn nur flüchtig an, ehe sie wieder zu den Reihen von Jägern blickte. »Aber da war der Hangar fast leer.«

»Ah«, machte Themis. Natürlich hatte er das gewusst und natürlich hatte er den Hangar füllen lassen, um Eindruck zu machen. Nur ein Drittel der gut zweihundert Stellplätze waren besetzt, trotzdem waren hier noch immer weitaus mehr Jagdmaschinen als Themis Piloten hatte.

Er hoffte, dass Delfy ihn nicht durchschaute. Konnte sie Gedanken lesen? »Nein«, hatte sie gesagt. »Aber manchmal erahne ich Gefühle.« Er verzog das Gesicht. Auch nicht besser.

»Lord Janus war auf dem Schiff«, sagte sie plötzlich.

Themis brauchte einen Moment, bis er den Satz wirklich verstanden hatte. Janus war auf der Stargazer gewesen? Der Oberste Lord persönlich?

»Du warst etwas zu langsam«, fügte Delfy hinzu. »Er kam kurz vor dir hier an.«

War die Kritik ernst gemeint?

»Schon gut, mein Fehler«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken tatsächlich erraten. »Er ließ sich nicht abwimmeln.«

Sie verließen den Hangar und bogen in den Hauptkorridor des Decks ein.

Themis suchte zusammen, was er über Janus wusste. Es gefiel ihm ganz und gar nicht. »Janus ist schlau«, sagte er. »Siena Kali und ihre Leute werden uns die Entführungsshow vielleicht abkaufen. Aber Lord Janus… Was hast du ihm erzählt, als ihr losgeflogen seid?«

Delfy zuckte mit den Schultern. »Die halbe Wahrheit. Dass ich den Piratenkönig finden will und mich entführen lasse. Er hat’s mir abgekauft, denke ich. Wahrscheinlich glaubt Janus, ich will mich an Euch rächen. Für damals.«

»Ich wusste der Tag würde kommen, ja.« Gute Antwort.

Delfy grinste.

Vielleicht konnte er die ganze Sache jetzt ansprechen? Einen Versuch war’s wert.

»Dein Vater wird bald Verdacht schöpfen«, begann er vorsichtig. »Und wenn nicht er, dann Janus. Was willst du jetzt tun? Ich meine… Nach Hause fliegen und allen erzählen, dass du uns zum zweiten Mal entkommen bist?«

»Natürlich. Was anderes bleibt mir kaum übrig.«

»Wir könnten dich aufnehmen. Meine Crew vertraut dir. Und die Captains der anderen Schiffe vertrauen mir.« Komm schon, Delfy…

»Wenn ich gehe… Dann gibt es niemanden mehr, der meinen Vater in Frage stellt.«

»Mag sein, ja. Aber ihn in Frage zu stellen, ist vielleicht nicht mehr genug. Vielleicht wird es Zeit, dass ihn jemand offen herausfordert. Und das kannst du nur mit uns.« Sie erreichten den Turbolift und er ließ Delfy den Vortritt.

»Ich bin noch nicht soweit. Und ihr seid das auch nicht.« Sie lehnte sich an die gegenüberliegende Wand und sah umwerfend aus. »Aber es gibt noch einen anderen Weg.«

Themis starrte sie an, während er mit der linken Hand versuchte, die Kontrollen zu bedienen, ohne wirklich hinzusehen. Der Lift fuhr los. Er war nicht sicher, wohin, ließ sich das aber nicht anmerken. Stattdessen bemühte er sich um ein wissendes »Natürlich. Ja.«

»Wenn wir die Cloudrun finden«, sagte Delfy, »und wenn dieses Schiff wirklich einen Antrieb hat, der… Der uns nach draußen bringen kann. Dann ist mein Vater nur noch ein kleiner Fisch im großen Teich. Vielleicht muss er sich dann vor anderen Regierungen verantworten. Im schlechtesten Fall verlassen wir den Kern eben; mit der Cloudrun hätte jeder, der will, die Chance.«

Nein, dachte Themis. Im schlechtesten Fall ist der große Teich voller Haie. Aber das sagte er nicht, denn was er wirklich sagen wollte, würde ihm jede Menge Punkte bei Delfy einbringen.

»So oder so«, verkündete er, »hab‘ ich gute Nachrichten. Wir haben die Cloudrun gefunden. Und wir springen gleich hin.«

Delfys Augen wurden groß.

Themis grinste. Ein Millionentreffer.

»Das ist nicht dein Ernst…«

Keine Umarmung?

»Themis, du hast sie wirklich gefunden? Wo? Und wie?«

In diesem Moment kam der Turbolift zum Stehen. Die beiden Türen schwangen auf und dahinter lag die rechte der beiden Zwillingsbrücken.

»Nach dir, Prinzessin.«

Delfy nickte gedankenverloren. »Die Cloudrun… Wir fliegen zur Cloudrun, das ist…«

»Piratenstark?« Er folgte ihr aus dem Lift. Seine Schritte fühlte sich federnd an.

»Piratensta…« Delfy warf ihm einen augenrollenden Blick über die Schulter zu. »Von mir aus, ja. Piratenstark.« Lachend sah sie wieder nach vorne.

Die Brücke war leer bis auf zwei Crewmitglieder, die an einer der Konsolen arbeiteten. Als sie Themis sahen, nickten sie knapp, vielleicht etwas zu knapp, als das Delfy es hätte bemerken können. Themis hatte natürlich überlegt, die Brücke bis an den Rand mit Leuten zu besetzen, aber L1 hätte sie fortgescheucht. Bei aller Geselligkeit mochte One es nicht, wenn man an den Brückenkonsolen arbeitete.

»Prinzessin Delfy«, erklang Ones künstliche Stimme aus den Lautsprechern. »Die Galaxis ist klein.«

»Sehr komisch.«

Sie passierten den Eingangsbereich der zweiten Brückenebene und der riesige holografische Kopf von L1-E12 blickte von oben auf sie herab.

Es war etwas schwer, zu erklären, was One war. Er hatte wohl begonnen als ein L1-Droide, ein fliegender Kurier, wie sie auf den Hauptwelten des Valueen-Königreichs in Massen eingesetzt wurden. Aber das alles war Vermutung, denn One selbst sprach nicht darüber, ebenso wenig wie er über seine Zeit auf dem Azuramond sprach.

Themis trat an das zentrale Schaltpult, vor das Holobild. »Sind wir sprungbereit?«

»Die Splitterwelten liegen an einem Sprungpunkt der Metellos-Handelsroute«, erklärte One. »Ich vermute, sie reicht noch immer bis ins Koornacht-Cluster.«

»Du vermutest?« Das war nicht, was Themis sich erhofft hatte. »Wie stehen denn die Chancen?«

»Schrecklich. Aber ich habe begonnen, den Glücksfaktor einzuberechnen. Das erspart mir negative Zahlen und hebt die Stimmung.«

Bis jetzt war alles so nach Plan verlaufen. Aber er hatte sich darauf verlassen, dass One einen sicheren Weg zum Ziel finden würde. Mist. »Was wenn diese Route eine Todesfalle ist? Genau wie fast jede andere?«

»Ist sie nicht.« Ones holografischer Kopf versuchte sich an einem beiläufigen Grinsen. »Hand drauf.«

Delfy trat neben Themis. »Wenn wir an Bord der Cloudrun wollen«, drängte sie, »dann müssen wir dort sein, ehe sie wieder springt. Wir bekommen nicht nochmal eine solche Chance.«

Sie hatte Recht. Und wenn er noch länger zögerte, stand er als Feigling da. »Okay«, erklärte er. »Sind wir schon soweit?«

One nickte. »Sag was Schmissiges.«

»Energie.«

»Catchy.« Ones Stimme ging unter im Pfeifen des erwachenden Hyperantriebs. Die Brücke wurde von Licht geflutet, kurz bevor sich sich die Fenster auf allen drei Ebenen versiegelten.

Es gab einen kräftigen Ruck und sie waren unterwegs.

»Gut«, sagte Delfy und trat von der Konsole zurück. »Ist mein Quartier von damals noch an seinem Platz?«

Die Frage traf Themis unvorbereitet. »Ah… Ja. Bestimmt.«

Delfy bedachte ihn mit einem schiefen Grinsen, dann wandte sie sich zum Gehen. »Sagt mir Bescheid zum Abendessen. Und sag deinem Koch, ich will beeindruckt werden.« Die Tür schloss sich hinter ihr.

One legte seine digitale Stirn in Falten. »Ich glaube, du hast mich deinem Koch noch nicht vorgestellt, Captain.«

Themis war in Gedanken noch immer bei Delfy. Warum war sie schon gegangen? War er dermaßen langweilig?

»Du weißt genau, dass es keinen Koch gibt«, murmelte er und lehnte sich gegen das rechte Zentralpult. »Sag Raleigh und seinen Leuten, dass der Maschinenraum bis morgen warten muss.«

»Auch dass Delfy beeindruckt werden will?«

»Nein. Aber sie sollen sich die Hände waschen.«

»Die Prinzessin wird Augen machen.«

Nun musste Themis doch grinsen. One konnte anstrengend sein, aber er hatte Humor und vielleicht war der Droide sein einziger Freund auf dem gesamten Schiff.

Themis war der Captain und sie akzeptierten ihn, aber wenn er etwas befahl, dann gehorchten sie nicht ihm – sie gehorchten seinem Vater. Als würde dessen Geist über Themis schweben und jeden so lange mit strengem Blick anstarren, bis dieser tat, was der Sohn des legendären Avary Leander wollte. Themis machte sich keine Illusionen darüber, dass die Captains der anderen Schiffe allein deshalb noch nicht die Macht übernommen hatten, weil ein Befehl seines Vaters bis in alle Ewigkeit galt.

Ich bin ein toller Piratenkönig, dachte Themis frustriert und beschloss, sich ebenfalls in sein Quartier zu verziehen.

Erst als er allein war, merkte er, wie sehr ihn das alles aufgewühlt hatte. Er hatte sich lebendig gefühlt, den ganzen Tag über, vom Tarnflug ins System hinein, über den für Siena Kali gespielten Angriff auf Delfys Stargazer, bis hin zu der Tatsache, dass er nun zur Cloudrun flog – zusammen mit Delfy.

Themis ließ sich auf das Bett sinken.

Wie in den alten Holo-Märchen, dachte er. Der Held und seine Prinzessin finden das Schiff, das der Galaxis die Freiheit wiedergibt. Die Cloudrun…

Themis stand wieder auf. Er konnte jetzt unmöglich sitzen, nicht inmitten eines solchen Abenteuers.

»Cloudrun…«, wiederholte er leise, und zum hundertsten Mal überlegte er, welche Geheimnisse in diesem Schiff warten würden. One und er hatten sämtliche Datenbanken der Flotte abgesucht, aber sie hatten dort nicht einmal das wenige wiedergefunden, das sie auch von Delfy erfahren hatten.

Ein Donnergrollen war in der Ferne zu hören und das Zimmer erzitterte kurz.

Themis erinnerte sich noch lebhaft, wie sehr er sich als Kind vor dem Hyperraum gefürchtet hatte. Und dabei waren die Flüge von damals noch überaus gemütlich – verglichen mit dem jedenfalls, was einem Reisenden abseits der Königsstraße inzwischen passieren konnte.

Er vertrieb den Gedanken daran. Es gab Wichtigeres zu tun. Themis gab sich einen Ruck und setzte sich vor den Stapel mit Datapads der Flottencaptains. Was hatte er Delfy gesagt? Die Captains der anderen Schiffe vertrauten ihm? Er wünschte, es gäbe auch nur einen, der das tat. Mit einem Seufzen machte er sich daran, die Berichte zu lesen, um zumindest nicht ganz so ahnungslos dazustehen, wenn er das nächste Mal einem von ihnen persönlich begegnete.