1.04 The Prisoner


»Wir sind noch hier. Das ist passiert.«

— Ikaia

Ben

Ich habe die Regeln gebrochen.

Ben lag auf seinem Bett und starrte auf die Decke seines kargen Zimmers. Er fühlte sich wie in einer Müllpresse, die sich um ihn herum zusammenzog. Er war ein Raubtier in einem Käfig und er hatte seinen größten Feind entkommen lassen.

Er weiß es, dachte Ben wieder und wieder. Janus weiß, dass ich ein Midi bin.

Das Lärmen der anderen Sklaven kam aus weiter Ferne. Sie trainierten, auch so spät am Tag noch, denn morgen würden sie sich belanglosen kleinen Kämpfen gegen belanglose kleine Gegner stellen. Nur Ben und Taylee hatten Todesduelle ausgefochten. Taylee war nicht gut genug gewesen, aber Ben war anders. Ben war etwas Besonderes, das wusste er, wenigstens das hatte er von Janus erfahren und…

»Scheiße«, brummte er und stand auf. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Am Morgen war alles so einfach gewesen. Er hatte die Regeln befolgt und er hatte hier unten überlebt. Ganz allein. Ich bin etwas Besonderes.

Er ballte die rechte Hand zur Faust und schlug gegen die Metallwand. »Besonders«, sagte er. »Ich bin besonders.«

Er hätte niemals die Regeln brechen dürfen. Der verdammte Anhänger wäre zerschellt, wenn er ihn nicht mit den Kräften des Monsters gefangen hatte, aber Bens Geheimnis wäre unversehrt geblieben.

Töte niemanden, hatte Avary gesagt.

Ben schlug wieder zu.

Verlier kein Blut.

Seine Faust krachte gegen die Wand.

Wecke nicht das Monster.

Er spürte den Schmerz nicht mehr.

Bleib auf den Splitterwelten.

Mit zusammengebissenen Zähnen sackte Ben an der Wand zusammen. »Erst, wenn du weißt, du würdest sterben…«, sagte er laut, als wäre er selbst der alte Avary. »Wenn jemand gesehen hat, wie die Kräfte des Monsters nutzt… Wenn jemand dein Blut untersuchen konnte… Wenn jemand dich von diesen Asteroiden wegbringen will…«

Ben schloss die Augen.

»… dann töte ihn.«

Das waren die Regeln. Avary war nicht lange geblieben, niemand hatte sich je lange um Ben gekümmert, aber der Alte hatte jede Sekunde genutzt, um Ben diese Worte einzuprügeln.

Er hatte sie nie gebrochen. Beim Dejarik hatte er erst dann getötet, wenn es andernfalls ihn selbst getroffen hätte. Taylee hatte er fallen lassen, obwohl er sie hätte auffangen können. Aber dann war Janus gekommen, Ben hatte den verdammten Anhänger gerettet und er hatte solche Angst vor dem Schattenlord gehabt, dass er nicht einmal versucht hatte, Janus umzubringen.

Er schluckte. Langsam stand er auf, schwer atmend und am ganzen Körper zitternd. »Keine Zeit«, flüsterte er sich zu. Janus würde Gardisten schicken, hierher, in Navvos Quartiere. Ben würde fortlaufen müssen, aber da war der Transmitter und wenn Navvo sah, dass Ben fort war… Würde er ihn einfach zerplatzen lassen.

Ben hatte nie versucht, den Transmitter zu finden. Er konnte Gegenstände fliegen lassen, er konnte Wind erschaffen und er hatte die Lungen etlicher Dejarik-Gegner zerquetscht… Aber er würde mit dem Monster niemals nach sich selbst suchen, nicht einmal um eine Bombe im eigenen Körper zu finden. Es würde nur wehtun. Als ob man den Finger in eine Wunde legte.

Er öffnete die Tür und trat auf den Gang hinaus.

Trent kam die Treppe herauf. Der Rodianer musste unten trainiert haben und konnte kaum noch aufrecht gehen. Er stank nach Schweiß.

»Wo ist Navvo?«, fragte Ben.

»Navvo…« Trent blinzelte ihn aus trüben Augen an. »Ist in seinem Zimmer, der Scheißkerl.«

Hatte Trent geweint? Wegen Taylee? Konnte er wirklich so weich sein und all die Jahre überlebt haben? Hier?

»Was ist?« Trent war stehen geblieben

Ben schüttelte den Kopf. »Nichts. Geh‘ schlafen. Tuda koth kama… pagari?«

Früher hatte Trent Bens Huttese-Bemühungen immer mit einem Lächeln quittiert. Die Zeiten waren nun vorbei.

Navvos Zimmer war am Ende des Ganges. Es hatte dem Toydarianer bestimmt nicht gefallen, auf einer Ebene mit seinen Sklaven zu wohnen. Aber die Quartiere auf diesem Asteroiden waren teurer. Alles war hier teurer, aber man bekam auch mehr Geld beim Dejarik – vor allem, wenn man verkommen genug war, einen dreizehnjährigen Jungen in ein Todesduell zu schicken…

Ben riss die Tür auf.

Navvos unförmiger Körper lag auf dem Boden. Über ihm ragte eine zusammengeflickte Apparatur auf, mehrere Bildschirme und Konsolen, verbunden mit Dutzenden Kabeln. Eine umfunktionierte Steuereinheit der Black Sun diente als Kontrollpad.

Navvo sah hoch, als Ben eintrat. Der Sklavenhändler sah aus, wie ein fettes Insekt, eine Missgeburt aus irgendeinem verkommenen Nest, irgendwo im All. Er hatte irgendein Zeug genommen, der ganze Raum stank danach.

»Ich gehe heute«, sagte Ben und stellte fest, dass seine Stimme kalt war und so gar nicht ängstlich. »Die Gardisten kommen und ich muss laufen und… Wenn ich dich leben lasse, bringst du mich um.«

Navvo sagte nichts. Er richtete sich nicht einmal auf.

Auf einem der Bildschirme flackerten die Umrisse eines Menschen, gemalt mit roten und gelben Flecken. Ein Wärmebild, glaubte Ben. Und etwas über dem Bauch, auf der linken Seite… War ein toter Punkt.

Der Transmitter.

Ben konnte nicht lesen, was auf den Bildschirmen stand. Aber das musste er auch gar nicht. Navvo hatte den Transmitter zünden wollen, er hatte Ben umbringen wollen…

Und hatte es nicht gekonnt.

»Ich weiß, was du bist, Junge«, sagte Navvo und schleimige Fäden tropften aus dem großen Mund, spannten sich zum Boden. »Du bist ein Midi. Deshalb hast du immer gewonnen, deshalb hab‘ ich dich immer rausgeschickt zum Töten…«

Ben erstarrte.

»Wenn die Gardisten kommen«, Navvo hustete, »und sehen, dass ich dich hier behalten hab’… Einen Midi… Dann pusten die mir den Kopf weg. Ich dacht‘, ich jag dich hoch, bloß ein Knopf, hätt‘ dir nicht mal in deine beschissenen Augen sehen müssen…«

Ben trat näher, baute sich über Navvo auf und sammelte seine Kräfte. Er rief das Monster.

Der alte Toydarianer sah zu ihm herauf. »Aber ich konnt‘ dich nicht töten, Ben… Konnt‘ ich nicht. Yana na gulu…«

Ein gewaltiger Knall ertönte und eine Erschütterung ging durch das Zimmer. Staub rieselte wie Nebel auf Ben und den liegenden Navvo herab. Die Gardisten waren hier, das wusste Ben, und sie hatten die Tür aufgesprengt.

Ich muss weg. Oder das war’s.

»Du weißt, was ich bin«, sagte er und kniete sich zu Navvo herab. »Und… Die machen dich eh kalt, wenn sie hochkommen, also…«

Navvos Blick gefror, dann verformte sich sein hässlicher Mund zu einem Grinsen. »Du rechtfertigst?«, flüsterte Navvo. Er hustete und ließ es dabei klingen wie ein kehliges Lachen. »Du machst dir… Machst dir tatsächlich die beschissene Mühe… Es zu rechtfertigen…«

Von unten waren Schüsse zu hören. Die Gardisten feuerten auf die Sklaven. Gingen kein Risiko ein.

»Ich muss dich töten«, fauchte Ben. »Ich rechtfertige mich nicht, ich habe Regeln, ich muss das tun, also… Komm mir nicht mit diesem Mist, den du…«

Er brach ab.

Beide schwiegen.

»Mach schon«, sagte Navvo, die Augen geschlossen. »Kannst mich nicht leben lassen.«

Ben nickte. Er griff hinaus, weckte auf dem Grunde des Sees das Monster, schöpfte Kraft aus dem Wasser, riss Navvo den Kopf ab, schleuderte ihn in die Funkapparatur, es blitzte, und Ben entfloh aus der Welt des Monsters, noch ehe der letzte Bildschirm schwarz geworden war.

Dann rannte er los.

Ein stämmiger Besalisk lief vor ihm auf die Treppe zu. Ein Energieblitz jagte durch die Luft und bohrte sich durch den Kopf des anderen Sklaven. Der massige Leib ging zu Boden, überschlug sich und blieb leblos liegen.

Ben kam zum Stehen und wirbelte herum. Er musste in die andere Richtung. Es gab einen Hinterausgang, einen Sicherheitsschacht für den Fall, dass die ständigen Minenarbeiten den Haupttunnel zum Einsturz brachten.

Er fand die Luke zum Schacht in einem Wartungsraum am Ende des Quartierkorridors. Sie war elektronisch verriegelt. Auf einem kleinen Display schimmerte eine Kolonie von Schriftzeichen, die Ben nicht kannte. Niemand hatte ihm je das Lesen beigebracht.

Er ging vor der Luke auf die Knie, wohl wissend, dass die Gardisten jeden Moment hier sein würden.

»Kriegst du sie auf?«

Ben zuckte zusammen.

Trent schloss die Tür des Wartungsraums hinter sich und starrte Ben mit unübersehbarer Panik an. »Die Luke? Kriegst du sie auf? Du… Ich meine, du bist ein Midi und…« Trent brach ab.

Ben konnte nicht glauben, was er gehört hatte. Trent auch? Wusste denn jeder hier von seinem Geheimnis? Ben war unvorsichtig gewesen. Dass die Gardisten jetzt hinter ihm her waren, hatte er seiner eigenen Dummheit zuzuschreiben.

Unten detonierte eine Granate.

Trent war außer sich vor Angst. »Ben! Die Luke! Sag‘ irgend’ne Zauberformel oder sonstwas Beschissenes, ich weiß genau, dass du ein verdammter Midi bist!«

Zauberformel. Die einzigen Zauberformeln, die Ben kannte, waren Avarys Regeln. Wenn jemand erfährt, was du bist, töte ihn.

Trent verstummte. Er wich zurück. Als hätte er gespürt, dass Ben sich gerade für etwas entschieden hatte.

Nein, dachte Ben, als er sich erhob und das Monster weckte, es ist keine wirkliche Entscheidung. Ich folge den Regeln. Er hob die Hand, fand Trents Lungenflügel und ließ sie zerplatzen.

Der Rodianer sackte in sich zusammen.

Ben drehte sich um und riss die Luke aus ihrer Halterung, begleitet von Funken und einem lauten Kreischen.

Draußen auf dem Gang waren Schritte zu hören.

Ben sprang durch die Öffnung im Boden, landete auf ungeschliffenem Fels und begann zu laufen.

Obwohl es alle paar Meter ein Lichtpack gab, wäre Ben mehrmals fast gestolpert. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass der Tunnel auf einmal zu zittern begonnen hatte und immer wieder kleinere Steine aus der Decke brachen.

Und plötzlich begriff Ben, was geschah.

Er hielt an. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich umsah. Seine rechte Hand suchte und fand die Wand des Tunnels.

Im nächsten Moment bildeten sich dort Risse. Direkt vor ihm löste sich ein kopfgroßer Felsbrocken von der Decke und zerbrach vor seinen Füßen.

In der Ferne brüllte das Monster.

»Nein«, flüsterte Ben und löste seine Hand wieder von den Felsen, versuchte sich von allem zurückzuziehen. »Nein, das wirst du nicht, du wirst nicht…«

Der Boden platzte auf und ein Hagel aus winzigen Steinen traf ihn ins Gesicht.

Er wich nach hinten, stolperte und konnte sich nur knapp auf dem Boden abfangen.

Felsspitzen bohrten sich in seine Handflächen. In der Ferne erklang ein Grollen, mächtiger und bösartiger als das träge Brummen der Minenbohrer.

Ben hatte das Monster für Navvo, für Trent und für die Luke geweckt. Jetzt verlor er die Kontrolle. Er selbst brachte den Tunnel zum Einsturz!

Eine der Lichteinheiten löste sich aus der Halterung und schwebte auf Bens Gesicht zu. Der Energiekreislauf musste durcheinander geraten sein und jetzt war die Einheit umgeben von statischen Entladungen, vielleicht genug um einen Menschen zu rösten…

Ben schloss zum Schutz vor der Helligkeit die Augen. »Nein«, sagte er und hob die Hand. »Nein.«

Die Lichteinheit erlosch.

Alles wurde schwarz.

Ben schoss nach oben und wäre fast gegen die niedrige Decke gestoßen. Er lebte. Was immer geschehen war, wo immer er auch gelandet war… Das Monster hatte ihn nicht bekommen.

Er war in einem fensterlosen Raum, der von einer einzigen Fusionslaterne im Zentrum erleuchtet wurde. In die Wände, dorthin wo nur wenig Licht kam, waren Kojen eingelassen – in einer davon lag er selbst. Links vom Türbogen, dem einzigen Ausgang, stapelten sich aufgebrauchte Essensrationen, daneben gab es ein paar Black Sun Geräte und einen Haufen alter Kleidung. Die Wände waren mit kunstvollen Verzierungen versehen und wollten damit so gar nicht zu dem behelfsmäßigen Quartier passen, zu dem der Raum umfunktioniert worden war.

Ben stand von der Matratze auf und sah an sich herab. Eine Staubschicht bedeckte ihn von oben bis unten, aber er war unverletzt.

Von oben, aus weiter Ferne, war das Brummen der Minenbohrer zu hören. Was immer auch geschehen war, Ben befand sich offenbar tief im Zentrum des Asteroiden, in einem Bereich, in den nicht einmal die Minengilde vorgestoßen war.

»Hallo, Ben.«

Er schrak zusammen.

Im Türbogen erschien die schmale Silhouette einer großen Frau, eine Nautolanerin. Die Nautolanerin. Die Frau, die er angegriffen hatte, um ihre Minenration zu stehlen. »Du hast das Bewusstsein verloren«, sagte sie und trat näher. »Kurz bevor, du den Tunnel zum Einsturz gebracht hättest.«

»Ich… Ah, tut mir Leid«, sagte Ben kleinlaut. »Das mit dem Essen.«

Die Nautolanerin kam vor ihm zum Stehen. »Nein«, sagte sie. »Das tut es nicht, oder?«

»Ich weiß nicht.«

Sie nickte schwach, dann sank sie auf einen ungewöhnlich geformten Stuhl, der aussah, als hätte er vor Urzeiten einmal einem König gehört. Sie schien erschöpft und ihr Körper war übersät von Verletzungen und wunden Flecken. War das alles Ben gewesen? Nein. Das konnte er sich nicht vorstellen.

»Wie haben Sie mich gefunden?«

Sie schrak aus ihren Gedanken auf und sah ihn an. »Ich bin eine Midi. Eine Seherin. Ich kann Dinge sehen, durch die Augen des Monsters. Das…« Sie verzog die vollen Lippen zu einem traurigen Lächeln. »Das ist meine Gabe. Schätze ich.«

»Wie heißen Sie?«

»Ich bin Ikaia. Wer bist du?«

Kannte sie seinen Namen nicht längst? »Ben«, sagte er trotzdem. »Ich bin Ben.«

Sie fuhr sich über die flache Nase, berührte dann ihre Tentakel und schob sie über die Schultern nach hinten, als wären es menschliche Haare. »Nach allem, was ich weiß«, sagte sie, »bist du Ben Leander. Der Sohn von Avary Leander.«

Ben brauchte einen Moment, um zu verstehen. Als er schließlich so weit war, fühlte er sich so leicht wie noch nie. »Ja«, sagte er und musste lachen. »Das ist gut. Das ist… Das ist gut.«

Ikaia sah ihn irritiert an.

»Ich bin einer von denen«, sagte Ben und begann, vor Aufregung auf und ab zu gehen. »Ich bin wie der Piratenkönig, oder? Wissen Sie, ich wusste immer, dass ich anders bin, irgendwie… Hab‘ ich das immer gewusst.«

Er hatte einen Vater. Er hatte eine Familie, er hatte ein Schicksal, er hatte einen Zweck. Das alles war großartig, und doch…

»Warum ist er gegangen?«, fragte er laut und blieb stehen. »Warum hat Avary mich hier gelassen, ich meine… Wenn dieser Piratenkönig, wenn Themis da draußen ist… Warum bin ich…?«

Ikaia stand auf. »Ich weiß es nicht, Ben. Ich wusste bis heute Abend nicht einmal mit Sicherheit, dass du sein Sohn bist. Avary… Avary war niemand, der seine Geheimnisse teilt, nicht einmal mit seinen Vertrauten.«

Ich bin ein Geheimnis, sagte Ben und genoss den Klang. Ganz wie Avary gesagt hat, mein Blut ist geheim.

»Ben?«

»Ja?«

»Er ist tot.«

»Ja, ich…« Ben atmete tief durch. »Irgendwie wusste ich auch das.« Sein Leben bewegte sich mit berauschender Geschwindigkeit. Er hatte alles hinter sich gelassen, hatte Navvo und Trent getötet, alle Brücken abgebrochen… Aber da draußen war eine größere Welt und er stand kurz davor, alles zu verstehen. »Wie ist mein Vater gestorben?«, fragte er.

»Nicht schön.« Ikaia verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. Sie war nur spärlich bekleidet und schien zu frieren. »Vor acht Jahren hat der König uns alle jagen lassen und viele von uns wurden gefangen und getötet. Zur Strafe für…« Sie brach ab.

»Den Zwischenfall«, flüsterte Ben und die Worte hatten etwas Magisches. Er hatte davon gehört, die Raumfahrer erzählten sich Geschichten, aber niemand wusste, welche man glauben konnte.

Ikaia gab ein Schnauben von sich. »Ja, der Zwischenfall…« Sie klang, als würde das Wort sie auf eine dunkle Art belustigen. »Der Zwischenfall ist neun Jahre her, aber Daphan Valueen hat nie aufgehört, uns zu jagen…«

»Was genau… Ist passiert? Was war der Zwischenfall?«

»Komm mit.«

Ikaia führte ihn aus dem Zimmer heraus in einen Korridor. Er war halb eingestürzt und einige Stellen zeigten Spuren von Verbrennung. Aber inzwischen glaubte Ben, dass das hier einmal ein ganzer Palast gewesen sein musste, ein Relikt aus der Alten Zeit, begraben unter dem Schutt der Splitterwelten.

»Wo sind wir?«, fragte Ben.

»Wir«, Ikaia drehte sich nicht um, »sind an dem Ort, nach dem die Minengilde sucht.«

»Und wo…?«

»Das hier war der Tempel der Jedi. Vor dem Krieg. Bevor die Masseschatten Coruscant zerrissen haben.«

Sie erreichten eine Halle, die fast so groß war wie eine Dejarik-Arena. Zu beiden Seiten des Eingangsbereichs fanden sich die Reste riesiger Statuen, einer der Köpfe lag in einem Krater im gefliesten Boden. Das Gesicht war mit einer Energieschneide verunstaltet worden und war nun kaum mehr als eine Grimasse.

Über die gesamte Fläche verteilt lagen Skelette oder vereinzelte Knochen, manche von ihnen gehüllt in halb aufgelöste Fetzen, allein die metallenen Teile der Kleidung hatten sich gehalten. Ein Skelett lag genau im Zentrum der Halle, über etwas, das Ben für das Symbol des Jedi-Ordens hielt. Als hätte man dessen Form imitieren wollen, war der Brustkorb des Toten aufgerissen und die Rippen deuteten nun wie zwei Flügel nach außen.

Ben konnte kaum wegsehen. »Warum haben die das mit ihm gemacht?«

»An diesem Ort darfst du niemals nach dem Warum fragen.« Ikaia schob ihn am Skelett vorbei. »Und was du siehst, kann genau so gut das Werk des Jedi selbst gewesen sein.«

Ben musste grinsen. Dieser Ort wurde mit jedem Moment interessanter.

Die Wände waren bis zum dritten oder vierten Stock mit Bildern verkleidet, wobei die Hälfte von ihnen rußgeschwärzt war oder gänzlich fehlte. Das riesige Porträt eines gütig wirkenden alten Mannes wurde zur Hälfte von einem schwarzen Tuchfetzen bedeckt, darauf ein Aurekbesh-Schriftzug in roter Schrift.

»Was steht da?«, fragte Ben.

»Frieden ist eine Lüge«, sagte Ikaia und richtete ihre Stablampe auf das Tuch. »Durch den Sieg zerbersten meine Ketten. Der Kodex der Sith. Eine Zierde für jedes Zuhause.«

Sie betraten einen Korridor, dessen Decke halb eingestürzt war und nur noch von ein paar Säulen getragen wurde.

»Sind die Jedi gestorben, als der Planet…?«

Ikaia zuckte mit den Schultern. »Alle, die sich daran erinnern könnten, sind tot. Es gibt genügend Geschichten über die Sache, such‘ dir eine aus. Ich sage, sie sind tot, weil sie Gefangene ihres Glaubens waren.«

»Was meinen Sie damit?«

»Wenn du dich an etwas klammerst, an ein Weltbild, ein Gesetz, einen Gott, was auch immer… Und alles, was du bist, baut darauf auf. Auf diesen Regeln. Und du verlierst es, dann…«

»Stirbst du.«

»Entweder das. Oder du wirst jemand sehr Gefährliches.« Ikaia ließ ihren Blick über die Trümmerlandschaft schweifen. »Die Macht, an die sich die Jedi gebunden haben, ist zum Monster geworden. Wir sollten froh sein, dass der Orden daran zugrunde gegangen sind. Wenn sie immer noch hier wären und dem Monster dienen würden, wie sie früher der Macht gedient haben… Dann, erst dann, Ben, würden wir wirklich in der Scheiße stecken.«

Es war hier.

Bis zu diesem Moment hatte Ben nicht das Geringste gespürt, aber jetzt, wo das Gefühl plötzlich wieder da war, hatte er keinerlei Zweifel. Das Monster war hier. Es flog durch den Tempel, durch die Ruinen des Ordens, der es einmal angebetet hatte… Und bald würde es Ben gefunden haben.

Ikaia schien es nicht zu spüren. »Valueen, Siena Kali, Janus und die anderen Lords«, fuhr sie fort, »sie alle jagen Midi. Wenn die Midi jung genug sind, dann machen sie sie zu Gardisten. Aber ab… Fünf oder sechs Jahren…« Ikaia suchte kurz nach den Worten. »Ab dann sind sie zu gefährlich. Das letzte, was Valueen gebrauchen kann, sind Midi auf der Seite der Vermillion-Flotte. Geschweige denn des Monsters.«

»Es ist hier«, sagte Ben. »Das Monster ist hier im Tempel.«

»Es ist überall. Und je mehr Midi, je mehr Jedi-Artefakte, je stärker ein Ort in der Macht ist…«

»Sie verstehen nicht. Dieses Monster jagt mich. Mich allein. Valueen braucht mich für irgendwas, Janus wollte irgendwas, Kali will irgendwas, die sind alle hinter mir her. Und wenn Sie mir wirklich helfen wollen, dann bringen sie mich wohin, wo…«

»Ja, Ben«, unterbrach ihn Ikaia, »du bist etwas ganz Besonderes, du bist… Auserwählt. Einzigartig. Ist es das, was du hören willst?«

Ben wurde rot.

»Redet man sich das ein, wenn man ein Sklave ist? Dass man besser ist, als alle anderen? Weißt du, der letzte, der etwas Besonderes war, ist beim verdammten Zwischenfall draufgegangen.«

Sie schwiegen.

Das Monster kam langsam näher. Wie ein Raubtier, das sich an seine Beute heranschlich.

Ikaia deutete auf eines der Gemälde, auf dem zwei Gestalten leuchtende Schwerter kreuzten. »Der Freak in Schwarz ist Darth Vader. Auserwählt, den gesamten Jedi-Orden auszuradieren und im Anschluss noch ein paar weitere Völker… Das war vor 800 Jahren. Vor 14 Jahren, Ben, hat ein Mädchen eine Prophezeiung gemacht, dass ein Kind zur Welt kommen würde, das etwas Besonderes sein würde. Ein brandneuer Auserwählter.«

Ben wusste nichts von all dem. Er hörte schweigend zu und versuchte, die Teile des Puzzles zusammenzufügen. Gleichzeitig lauschte er dem gierigen Atem des Monsters.

Ikaia schien sich noch immer nicht darum zu kümmern. »Dieser Auserwählte, hieß es, würde uns alle umbringen.«

»Was?«

»Er würde alles Leben beenden.« Ikaia sah ihn aus ihren großen, pechschwarzen Augen an. »Wärst du gern dieser Auserwählte, Ben? Wärst du gern Altair?«

»Nein«, sagte Ben leise. »Nein.«

»Altair kam zur Welt, Monate nach der Prophezeiung. Der Feind allen Lebens, sagten sie… Die Galaxis hatte die Wahl, unterzugehen oder einen kleinen Jungen zu töten. Entweder wir. Oder Altair.«

»Was ist passiert?«

»Wir sind noch hier«, sagte Ikaia leise. »Das ist passiert.«

Ben verstand. Er fühlte nichts dabei.

»Alles was du hier siehst, der ganze Dreck, die ganze Dunkelheit… Unsere Welt ist genau die, die wir erkauft haben. Die wir verdienen.«

Das Monster heulte auf.

»Ich muss gehen«, sagte Ben. »Ich sollte nicht hier sein.«

»Nein.« Ikaia wirkte überrascht und schien eilig nach Worten zu suchen. »Wenn du jetzt gehst, Ben, bevor du wirklich verstehst… Dann zerstörst du alles.«

Ben wandte sich ab. Er musste raus aus dem Tempel. Konnte er ohne Ikaias Hilfe den Weg nach draußen finden? Dieser ganze Ort war das Jagdrevier des Monsters, an Ikaia hatte es vielleicht kein Interesse, aber an Ben…

»Hier.«

Hier? Ben drehte sich wieder um.

Ikaia hielt ihm ihre Hand hin, darin eine goldene Pyramide. »Das ist eines der Holocrone, die ich hier gefunden habe. Es ist sehr wichtig, dass du begreifst, also… Nimm es wenigstens mit. Für später.«

Ben sah vom Holocron zu Ikaia und plötzlich wurde ihm etwas bewusst. Ikaia hatte erzählt, dass sie Avarys Vertraute war, aber dafür gab es keinen Beweis. Und selbst, wenn sie die Wahrheit sagte, dann bedeutete das noch lange nicht…

»Ben? Ben, was ist?«

… dass sie außerhalb der Regeln stand. Sie kannte sein Geheimnis. Wenn er sie leben ließ, wie konnte er wissen, dass sie ihn nicht irgendwann an den Meistbietenden verraten würde?

Gedankenverloren nahm er das Holocron in die Hand.

Es blitzte.

Eine Urgewalt jagte durch seinen Körper, ließ seine Muskeln erschlaffen und riss ihn zu Boden. Er prallte schmerzhaft auf. »Was…?«, keuchte er.

»Vertrau mir, Ben.« Ikaia beugte sich über ihn und verschwamm in einem Meer aus blassen Farben. »Avary hätte es so gewollt.«

Er packte ihren Arm, aber er hatte keine Kraft mehr.

Die Welt wurde schwarz.

Ben öffnete die Augen.

Um ihn herum brannte grelles Weiß, so hell, dass es schmerzte.

Blinzelnd versuchte Ben, sich an die Helligkeit zu gewöhnen, und aus den Konturen und Farbklecksen ein Bild zu formen.

Vor ihm stand eine junge Frau mit grauer Haut und schneeweißen Haaren. Sie trug eine dunkelblaue Uniform, darüber einen goldenen Gürtel und Armreife aus dem gleichen Material. Blau und Gold, die Farben der Gardisten.

Was war geschehen? Wo war er? Es war kalt, noch kälter als in den Asteroidenstädten, und die Luft schmeckte künstlich und leer.

»Hallo Ben.« Die junge Gardistin bewegte beim Sprechen kaum ihre dünnen Lippen. »Ich bin Siena Kali.«

Ben begriff langsam, dass er in einem Eindämmungsfeld hing, einen Meter über dem Erdboden. Er konnte sich nicht bewegen. Selbst das Atmen fiel ihm unter Einfluss des Feldes schwer. »Ich kenne keine Siena Kali«, sagte er benommen, während er versuchte, gegen die übermächtigen Kräfte anzukämpfen.

»Ich bin die Kommandantin der Königlichen Garde.«

Kalte Angst stieg am Rande von Bens Gedanken auf. Wo war er? Im Herz des Valueen Reiches?

Der umliegende Raum jedenfalls war durch und durch Valueen. Alles war glatt und geschliffen, die einzelnen Flächen gingen fließend ineinander über. Blaue Lichter verliehen allem einen kalten Schimmer und spiegelten sich in einem silbrigen Boden. Es gab keinen Schmutz und keinen Schatten. Hinter Kali standen in respektvollem Abstand zwei Gardisten. Rechts von ihnen, am Rande von Bens Blickfeld, war ein ein zweites Eindämmungsfeld, in dem Ikaias schmaler Körper schwebte. Sie starrte ihn ausdruckslos an.

Er fühlte, wie Wut in ihm aufloderte und die Angst verdrängte.

»Sie wollte dich ausliefern«, sagte Kali. »Im Austausch für ein Leben frei von Verfolgung durch das königliche Gesetz.« Die Kommandantin trat einen Schritt näher. »Ben, ich möchte, dass du weißt, dass einer meiner Gardisten ein Telekinetiker ist, genau wie du. Er zielt in diesem Moment auf den Transmitter in deinem Innern. Und er kann ihn zerplatzen lassen, ehe du mir den Kopf abreißen kannst. Mein Wort darauf.«

Ben nickte trotzig. Gleichzeitig suchte er nach einem anderem Ausweg, aber da war keiner. Wenn er die Kräfte des Monsters nicht benutzen durfte, war er nur ein kleiner Junge, umgeben von Feinden und einer Verräterin.

»Was wollen Sie von mir?«

»Für den Anfang«, sagte Kali, »brauchst du einfach nur stillzuhalten.« Sie trat bis ganz an die Grenzen von Bens Eindämmungsfeld heran. Zu beiden Seiten ihrer Nase, aus Hauttaschen hinter ihren Wangen, wuchsen zwei Schlangen.

Ben kannte etliche Spezies, vom Aussehen her zumindest, aber so etwas hatte er noch nicht sehen müssen.

»Ich bin eine Anzati«, erklärte Kali, »vielleicht die letzte meines Volkes, je nachdem ob meine Heimatwelt noch irgendwo da draußen ist. Ich bin auf der… Jagd… Nach einem Mann, der sich selbst Janus nennt. Er hat dich aufgesucht, dich, einen bedeutungslosen Schmutzfleck in einem Nest aus Abschaum, und ich möchte verstehen, warum

Ben hörte ihr kaum zu. Er überlegte fieberhaft, wie er von den zwei Gardisten den Telekinetiker ausfindig machen konnte – und wie er dem Kerl den Kopf abriss, ehe dieser den Transmitter detonierte.

Die dünnen Fäden, die aus Kalis Wangen gekommen waren, bewegten sich nun auf und ab wie die Greiforgane eines Insektes. »Einige sagen«, sie ließ die Fäden peitschenartig nach vorne schnellen, »Einige sagen, die Anzati ernähren sich von Erinnerungen. Das ist ein sehr kleines Bild von dem, was wir tatsächlich tun, aber…« Sie lächelte. »Es ist anschaulich.«

»Meine Gedanken fressen…« Ben hoffte, dass sie ihm die Angst nicht anmerkte. »Ich glaub‘ nicht, dass Sie das wirklich wollen.«

Kali nickte beiläufig. »Oh, du bist kein glückliches Wesen, ja… Aber das sind die Zeiten, in denen wir leben, und gute Mahlzeiten sind schwer zu bekommen seit dem Krieg. Kinder haben außerdem die Angewohnheit, zu sterben, wenn man sie lesen will, daher…« Kali zeigte auf den dunklen Bereich hinter sich. »Möchtest du den Weltraum sehen? Zum Sterben?«

Ben antwortete nicht.

»Ich würde es wollen.« Kali gab einem ihrer zwei Gardisten ein Zeichen. Dieser betätigte einen Knopf auf dem Laserpack, das er um seinen Unterarm trug, und im nächsten Moment schoben sich die Abdeckplatten des Panoramafensters beiseite. Hinter Ikaia und den Gardisten erschien der offene Weltraum.

Sie waren noch immer im Coruscant-System, aber die Asteroidenstädte schwebten in weiter Ferne. Stattdessen wurde die Hälfte des Fensters von einer königlichen Korvette ausgefüllt.

Der Anblick veränderte etwas in Ben. Nicht nur war es ein seltsames Gefühl, eines dieser Schiffe in groß zu sehen. Nein, er konnte spüren, wie weit draußen im Nichts er sich befand. Er hatte Geschichten gehört, von alten Raumfahrern, die sich schon längst zur Ruhe gesetzt hatten, aber am Ende ihres Lebens noch einmal ins All hinausflogen, um dort zu sterben. Ben hatte den Gedanken immer interessant gefunden, nur hatte er dabei natürlich nicht an seinen eigenen Tod gedacht.

Ich hätte Janus töten sollen, dachte Ben. Ich hätte Ikaia töten sollen, anstatt mir das Gerede über Altair anzuhören. Ich hab‘ die Regel gebrochen und das hab‘ ich jetzt davon.

Aber vielleicht gab es noch eine Chance. Ben sah zu den Gardisten. Einer von den beiden musste der Telekinetiker sein, der auf den Transmitter zielte. Wenn Ben richtig riet und ihn ausschalten konnte, dann…

»Du bist kein Glücksspieler, oder?« Kali hatte ihn durchschaut. »Sonst hättest du es schon längst darauf ankommen lassen.«

»Ji wampa pagi naga.«

Kali quittierte Bens Worte mit einem kalten Lächeln. »Wie schön, dass der Dreck da unten solche Poeten hervorbringt.«

Ein Signalton erklang.

Kali ließ ihre Anzati-Fäden wieder in den Wangen verschwinden. Dann hob sie ihren Gardisten-Armreif und drückte eine dort verborgene Taste. Als würde sie ihn um einen Moment Geduld bitten, lächelte sie Ben ein zweites Mal zu, ehe sie sagte: »Lady Siena hier.«

»Mylady«, ertönte eine von Rauschen begleitete Männerstimme. »Noch immer keine Spur von Janus und der Prinzessin.«

Ben wurde hellhörig und vergaß für einen Augenblick, dass er in Schwierigkeiten steckte. Janus? Und Prinzessin Delfy? Er blickte wieder durch das Fenster, hin zur Korvette. Waren die beiden auf dem Schiff gewesen?

»Nun gut, General«, erwiderte Kali. »Haben Sie die Sensorberichte gefunden? Wissen wir, wohin die Piraten gesprungen sind? Und um welches Schiff es sich handelte?«

»Ich glaube, die Stargazer wurde vom Flaggschiff der Flotte angegriffen. Der Arcadia. Ihr Sprungvektor deutet auf das Koornacht-Cluster hin. Das ist der einzige Punkt, den die Metellos-Handelsroute heute noch erreicht…«

Kali blinzelte. Sie schaute zu Ikaia, die schweigend in ihrem Kraftfeld hing. »Die Metellosroute ist eine Todeszone«, sagte Kali zur Nautolanerin. »Ein solcher Sprung wäre glatter Selbstmord, es sei denn…« Sie zögerte, dann zeigte sie grinsend ihre weißen Zähne. »Ihr habt den gestohlenen L1-Droiden auf die Arcadia gebracht. Nicht wahr? Dieser Droide hat bis zum Zwischenfall den gesamten Azuramond kontrolliert. Wenn jemand ein Schiff nach Koornacht bringen kann, dann er.«

Ikaia sagte nichts.

Ben hatte keine Ahnung, wovon Kali sprach. Der Azuramond war die Thronwelt des Königreichs. War Altair dort ermordet worden? War das der Zwischenfall gewesen?

»General?« Kali sprach wieder in das eingebaute Komlink »Kommen Sie zurück. Die Stargazer hat keine weiteren Geheimnisse preiszugeben, denke…«

Der gesamte Raum wurde von Licht geflutet und ein ohrenbetäubender Knall durchbrach die Luft. Die Korvette draußen vor dem Fenster platzte in der Mitte auf, dann an einem zweiten Punkt, und an einem weiteren, und überall schossen Flammensäulen wie Blutfontänen aus dem Schiff.

Die Druckwelle traf einen Herzschlag später ein. Kali wurde gegen die Wand links von Ben geschleudert. Die beiden Gardisten verloren das Gleichgewicht, stürzten ebenfalls nach links und stolperten dabei übereinander.

Ben weckte das Monster.

Er zerquetschte den Kopf des einen Gardisten und übte Druck auf das Laserpack an seinem Unterarm aus.

Die Apparatur explodierte. Der zweite Gardist wurde geblendet, hielt sich die Hände vor das blutbespritzte Gesicht und wurde im nächsten Moment in zwei gerissen.

Ben schleuderte die Kräfte des Monsters gegen die Generatoren seines Eindämmungsfeldes. Er kam frei. Unsanft prallte er auf dem Boden auf, ging kurz in die Knie, dann stürmte er vor und streckte die rechte Hand nach Siena Kali aus.

Die Kommandantin der Gardisten wurde in die Luft gerissen und hing dort ebenso hilflos wie zuvor Ben.

Einen Augenblick lang wollte er sie töten. Er würde sie töten, die Regeln verlangten es, aber er war allein auf einem Schiff voller Feinde und er brauchte eine Geisel. Er verzog das Gesicht und warf Kali gegen die Transparistahlscheibe eines der Fenster.

Sie brach bewusstlos zusammen. Über ihr verglühten die Reste der Stargazer und den Geräuschen nach prallten einzelne Trümmerteile noch immer gegen die Deflektorschilde von Kalis Schiff. Wer immer die Stargazer gesprengt hatte, Ben verdankte ihm sein Leben – vorerst jedenfalls.

»Ben?«

Er drehte sich um.

Nur Ikaia und er waren jetzt noch im Raum. »Hör zu, Ben«, sagte sie. »Ich weiß, du bist wütend, aber das war der Plan, verstehst du?«

Ben richtete seine Kräfte gegen das Kontrollpanel der einzigen Tür und schloss es damit kurz. »Nein«, sagte er und bereitete sich darauf vor, Ikaia endlich zu töten, »ich verstehe nicht

»Ich kenne die Regeln. Avarys Regeln für dich. Ich brauchte deine Hilfe, aber du wolltest nicht mehr hinhören, also… Ich hab uns hierher gebracht, damit…«

Und plötzlich verstand er.

Ikaia hatte nie vorgehabt, ihn auszuliefern und sich ihre Freiheit zu erkaufen. Sie hatte genau gewusst, dass Kali sie beide an Bord ihres Schiffes bringen würde. Dass die Stargazer in Flammen aufgehen würde. Und dass Ben gezwungen sein würde, so viele Gardisten zu töten, wie er konnte. Das hier war Ikaias Rache am Königreich, Rache für ein Leben in Verfolgung…

»Ich hab‘ versucht, dir das alles zu erklären, Ben! Dass wir dich brauchen und dass irgendjemand, irgendjemand, Valueen aufhalten muss. Avary wollte, dass du auf den Splitterwelten bleibst, ja, aber das war damals! Die Piraten verlieren das hier, ohne einen Midi… Ohne jemanden wie dich sind wir in ein paar Monaten alle tot.«

Ben fühlte sich, als wäre er zurück in seinem Zimmer, zurück im Käfig und in der Müllpresse… Er war gefangen zwischen Regeln, Feinden, Verrätern und Kräften, die er nicht verstand. Was bei Corellias neun Höllen sollte er tun?

Ein Kreischen erklang.

Ben wirbelte herum und starrte auf die Drucktür.

Eine leuchtend gelbe Energieklinge hatte begonnen, einen Kreis in die Tür zu schneiden. Die Gardisten versuchten hereinzugelangen – und da draußen würden inzwischen etliche sein!

Er sammelte sich, um ein weiteres Mal das Monster zu nutzen. Die Erinnerung an den Tunnel holten ihn ein, an sein Versagen und die Ohnmacht. Er konnte ein paar der Gardisten in den Tod reißen. Aber das Monster würde stärker werden, je näher es kam. Und der einzige Tod, den das Monster wirklich wünschte, war Bens eigener…

»Meine Hand!«, rief Ikaia. »Nimm meine Hand!«

»Was…?«

Die Lichtklinge hatte inzwischen einen Halbkreis geschnitten. Es würden nur noch Sekunden sein, bis sie durchbrachen.

Ben lief zu Ikaias Eindämmungsfeld und nahm ihre Hand, ohne die geringste Ahnung, was passieren würde.

Er sah die Gardisten vor der Tür. Den Mann, der den Kreis schnitt. Etliche weitere eilten durch Korridore, konfigurierten ihre Laserpacks, während sie in Turboliften durch den Bauch des Schiffes jagten. Da waren Verwundete von den Decks, welche durch die Stargazer aufgerissen worden waren. Ben konnte sie alle sehen, alle bis auf einen, einen blassen Lebensschimmer in einer der Zellen, den ‚Gefangenen‘ nannte ihn der Aufseher und das war alles, was sie über ihn wussten, aber das bedeutete nun nichts, der Gefangene ließ sich nicht erfassen, wichtig waren alle anderen und…

Ben griff hinaus, umklammerte jede Person an Bord des Schiffes.

Dann tötet er sie alle.

Das nächste, was er sah, waren Ikaias weit aufgerissene Augen. Die Midi-Seherin hatte ihn ihre Kräfte nutzen lassen, um die gesamte Crew anzupeilen. Und sie musste jeden einzelnen Tod gespürt haben.

Ben stand regungslos da, während die Bilder der Sterbenden verblassten. Er war leer, so leer, wie er sein ganzes Leben lang schon gewesen war.

Hunderte waren tot.

»Was haben wir getan…«, flüsterte Ikaia, das Gesicht eine eisige Maske. »Bei den Säulen, was…« In ihren Augen spiegelte sich der Schmerz, den Ben in sich selbst nicht fand.

Auf eine gewisse Weise beneidete er sie darum.

»Bring mich nicht um, Ben…« Ikaia weinte auf einmal. »Lass mich leben.«

»Nein«, sagte er leise. »Du weißt, wer ich bin. Und du hättest mich fast getötet. Ich hab keine Wahl. Die Regeln…«

»Vergiss die Regeln!«, brüllte sie, um danach fast in ihren Tränen zu versinken. »Die Regeln beschützen nicht dich! Sie beschützen uns! Vor dir!«

Ben schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht wie andere. Ich weiß nicht, was… Was man tut und was man nicht tut, ich hab nur… Diese Regeln sind alles, was… Ich hab keine Wahl, verstehst du…«

»Keine Wahl?« Ikaia schloss die Augen, um sie dann wieder aufzureißen, voller Wut und Angst. »Willst du wissen, wer Altair damals getötet hat? Wer gesagt hat, er hätte keine Wahl, es sei Schicksal, es sei die Natur der Dinge? Daphan Valueen hat sich über seinen verfluchten Sohn gebeugt und ihm ein Schwert ins Herz gerammt, weil jemand eine ‚Prophezeiung‘ gemacht hat und jedes einzelne Lebewesen in dieser beschissenen Galaxis bedingungslos glaubt, was man ihm sagt!«

Ben starrte sie an.

»Du hast immer eine Wahl, Ben. Du bist kein Gefangener.«

Er nahm die Hände herunter.

Ikaia lächelte unter einem Vorhang aus Tränen. »Danke.«

Ben trat zurück. Seine Schritte fühlten sich an, als würde er sich in einem Traum bewegen, einer unwirklichen Welt.

Ikaias Haut platzte auf und wurde blutig. Ihr Körper verbog sich, Knochen knackten, aber sie hörte nicht auf zu lächeln.

»Was… « Ben starrte sie fassungslos an. Er tat nichts. Er tat doch überhaupt nichts, was geschah mit ihr?

Dann, in einem schrecklichen Moment begriff er. »Das Monster! Es ist das Monster, oder? Ich hab die Crew getötet, aber es nimmt dich, weil…«

Ikaias grüne Haut war blutüberströmt. Das Monster fraß sie bei lebendigem Leib.

»Du wusstest das«, flüsterte Ben. »Du wusstest, das Monster würde dich töten. Warum… Warum war es so wichtig, dass… Dass ich dich nicht…?«

»Weil du kein Sklave bist, Ben«, sagte sie und lächelte noch ein letztes Mal, »sondern ein Mensch.«

Sie schloss die Augen.

Eine Ewigkeit lang stand Ben schweigend da.

Navvo war tot. Avary Leander, sein Vater, war schon lange nicht mehr am Leben. Trent war tot. Jetzt auch Ikaia. Und die Regeln waren zertrümmert. Er war frei.

Er beugte sich über Siena Kali.

Sie schien sich nicht rühren zu können und sie blutete über der Stirn, aber ihr Blick war noch genau so kalt und ruhig wie am Anfang.

»Bring mich nach Koornacht«, sagte Ben und schlang die Krallen des Monsters um ihren bleichen Hals. »Bring mich zur Arcadia

Kali zeigte ihm ein blutiges Grinsen. »Und durch den Sieg«, flüsterte sie, »zerbersten meine Ketten.«

Fortsetzung folgt …