1.05 Mind Screw, Part I


»Da draußen ist irgendwas…«

— Falen Khal

Delfy

Es gab viele Dinge, die ihr Vater ihr verboten hatte.

Die meisten davon Sternensysteme.

Planeten, auf denen offiziell niemand lebte, gelegen an Hyperraumrouten, die offiziell eine Todesfalle waren, bewacht von Militärbasen, die auf offiziellen Frequenzen sendeten: Hier endet die Galaxis. Die Galaxis endete hinter Brentaal, wo der Verbotene Weg in ein Schwarzes Loch mündete. Sie endete mit der letzten Gabelung der Königsroute, ehe diese sich bei Duro und Nubia in der Leere verlor.

Mit 17 hatte Delfy sich vorgenommen, jede der verlorenen Welten zu besuchen. Jedes Verbot zu brechen. Nur einer einzigen Regel hatte sie immer folgen wollen.

Mach keine Fehler, hatte Daphan Valueen gesagt. Sei dir sicher, bevor du handelst. Und dann tu, was getan werden muss. Mit eigenen Händen, mit eigenen Augen.

Sie hätte auf ihn hören sollen. Wenn sie sich bei seiner Ermordung ebenso ungeschickt anstellte wie bei der von Janus, würde ihr Vater als ein überaus enttäuschter alter Mann sterben.

Der Turbolift kam mit einem metallenen Ächzen zum Stehen. Nur die rechte Hälfte der Tür schob sich beiseite, während die linke es bei einem hilflosen Klicken beließ. Dahinter lag einer der Außenkorridore des Schlachtschiffes. Das Halbdunkel deutete daraufhin, dass zumindest die automatische Abdeckung der Fenster funktioniert hatte. Verbotene Routen zu befahren war eine Sache, mit bloßem Auge in den Hyperraum zu sehen eine ganz andere.

Delfy trat aus der Liftkapsel. Vielleicht hatte Janus den Hangar noch nicht verlassen. Er kannte sich genau so wenig mit Schiffen der Archais-Klasse aus wie sie selbst. Und alter Meister war viel zu feige, sich in unbekanntes Feindgebiet vorzuwagen.

Sie konnte von Glück sagen, dass er nicht zu ihrem Vater geflohen, sondern an Bord dieses Schiffes geschlichen war. So gedankenlos wie ihr Mordversuch gewesen war, hätte sie nichts anderes verdient gehabt. Natürlich hatte die Zerstörung der Stargazer wie das Werk der Vermillion-Piraten aussehen sollen. Aber die Piraten hatten ihren Krieg damals verloren. Und wenn Delfy sie weiterhin so gekonnt imitierte, würde das hier die kürzeste Rebellion aller Zeiten werden.

Mach keine Fehler…

Keine Bomben mehr. Nur noch der Nahkampf, Auge in Auge. So sauber und präzise, wie sie es bei den Gardisten gelernt hatte.

Eine Drucktür öffnete sich und gab den Blick auf den Hangar frei. Über mehrere Ebenen verteilt warteten siebzig Shen-Jäger auf ihren Einsatz. Der schimmernd rote Durastahl verlieh ihnen das Erscheinungsbild von mühselig gepflegten Sammlerstücken.

Delfy fragte sich, ob Themis sie überhaupt als Kriegsmaschinen begriff. Als er Delfy hierher gebracht hatte, war er geflogen wie ein Kunstpilot, der corellianische Mädchen beeindrucken wollte. Und bestimmt nicht wie jemand, dessen legendärer Vater in einem dieser Jäger eine ganze Staffel abgeschossen hatte, bei Avarys Angriff auf Sarapin.

Sie hob den rechten Arm und aktivierte das Laserpack, das sie um ihr Handgelenk geschnallt hatte.

Eine gelbe Energieklinge wuchs aus dem Emitter heraus, über ihren Handrücken hinweg, bis auf einen Meter Länge. Gleichzeitig schob das Gerät eine Kortosisplatte über ihre Hand, um diese vor dem alles-zerschneidenden Lichtstrahl zu schützen.

Die Laserpacks waren die bevorzugten Waffen der Gardisten. Nutzlos und riskant für ungeübte Anwender – aber absolut tödlich, wenn man sie mit einer Variante des Teräs Käsi kombinierte. Traditionelle Lichtschwerter verwendeten nur noch die wenigsten Midi, überschattet von Naeton Anor als letztem Meister dieser Kunst.

Die Schwerttechnik von Janus dagegen hatte Delfy schon als Jugendliche übertroffen.

Er hatte keine Chance – und wusste es. Janus würde nach einem anderen Weg suchen, Delfy aufzuhalten. So kurz vor dem Ziel! Die Cloudrun wartete am Ende des Sprunges auf sie. Sollte irgendetwas schief gehen…

Ohne zu zögern, drang sie tiefer in die Dunkelheit vor. Der Schein der Lichtklinge glitt über die Reihen aus Shen-Jägern.

Zeig‘ dich, alter Mann…

Die in einem versetzten X angeordneten Flügelpaare malten wandernde Schatten auf den Hangarboden.

Du kannst nicht entkommen und du weißt es…

Das riesige Tor im Boden des Hangars zitterte und ächzte unter den gewaltigen Kräften des Hyperraums.

Delfy blieb stehen.

Ein Knall brach los und verfing sich zwischen den Wänden der Halle. Das Schiff erbebte. Für einen Herzschlag erlosch die Notbeleuchtung und ließ Delfys Klinge als einzige Lichtquelle zurück. Der Hyperantrieb heulte auf.

Delfy unterdrückte einen Fluch. One war das leistungsstärkste Droidengehirn des Königreichs gewesen – das Wunder, das die Wissenschaftler ihres Vaters nie hatten wiederholen können. Aber ein Museumsstück wie die Arcadia durch den Hyperraum zu bringen, schien selbst seine Fähigkeiten zu übersteigen.

Ein Dutzend Meter entfernt rutschte ein Werkzeugkasten über den Boden. Daneben schien sich ein Raumjäger aus seiner Halterung befreien zu wollen. Eine Welle von Schwindelgefühlen ließ auch Delfy um ihr Gleichgewicht kämpfen.

Erst jetzt begriff sie: Der Hangar dieses verdammten Schiffes war kein stabilisierter Bereich! Wenn mit dem Sprung irgendetwas schief gehen sollte, schwebte sie hier unten in…

Die Halle kippte zur Seite.

Delfy warf sich nach vorne, ließ die Lichtklinge im Sprung erlöschen, und klammerte sich an einem der Jäger fest. Sie öffnete die Kuppel des Cockpits, schwang sich hinein und legte die Gurte an.

Die Arcadia fiel aus dem Hyperraum.

Die Negativ-Beschleunigung riss Delfys Kopf nach vorn, spannte die Gurte, und für einen Moment schien sich der Jäger aus der magnetischen Halterung zu lösen – aber er hielt.

Benommen kletterte sie aus dem Cockpit und landete unsanft auf dem Boden.

Die Hauptbeleuchtung des Hangars erwachte.

Delfy rannte los, dem Ausgang entgegen. Der Sprung hatte viel zu früh geendet. Das Schiff hatte die Splitterwelten erst vor wenigen Stunden verlassen. Sie konnten das Koornacht-Cluster unmöglich schon erreicht haben.

Sie stürmte hinaus in den angrenzenden Außenkorridor, dessen Fenster wieder durchsichtig waren. Hinter einer scharfen Biegung wäre sie fast in einen jungen Mann gerannt.

»Delfy!« Er stolperte ein paar Schritte rückwärts. »Ihr seid wirklich hier!« Hastig sank er auf die Knie.

Sie schluckte die Überraschung und eine ungehaltene Erwiderung herunter.

Der Mann hatte ein weiches, furchtsames Gesicht, das nicht zu seiner kräftigen Statur passen wollte. Auf ähnliche Art stand die dunkelrote Jacke der Vermillion-Piraten im Kontrast zur blassen Haut eines Kernweltlers. Dieser Kerl war hier genau so fremd wie Delfy selbst. Und…

Sie kannte ihn.

»Falen«, murmelte sie.

Er lächelte vorsichtig, noch immer in der Haltung eines Untertanen. »Es, ah, es ehrt mich, dass Ihr Euch erinnert.«

Das tat sie nun: Falen war der Sohn von Harravan Khal, einem ehemaligen Lord des Zwölferrats. Ihr Vater hatte Lord Khal während des Krieges verdächtigt, Kontakte zur Vermillion-Flotte zu haben, und wie so oft hatte er offenbar richtig gelegen. Aber für die Details dieser Angelegenheit war keine Zeit.

»Steh auf.« Delfy ging an dem ängstlichen Riesen vorbei, den Blick auf die Fenster gerichtet.

Der Weltraum dahinter schien aus grünen Nebeln zu bestehen. Sternenlos, aber übersät von kleinen Lichtflecken, immer dort, wo eine nahe Sonne durch die grünen Schleier zu dringen versuchte. Delfy hatte Bilder von Koornacht gesehen, vor zwei Stunden erst, in ihrem zugewiesenen Quartier.

Dieser Ort hier war vollkommen anders.

Wo waren sie?

»Hast du ein Komlink?«, fragte Delfy. »Damit wir die Brücke rufen können? Oder One?«

Falen stand auf und lief ihr nach. »Blockiert«, sagte er atemlos. »Alles blockiert, alle Frequenzen. Ich dachte, es liegt vielleicht am Sprung, im Hyperraum funktionieren die eh nicht, aber jetzt…«

Delfy beschleunigte ihren Schritt. Komlinks waren nicht auf die Schiffssysteme angewiesen, nicht einmal die ältesten Modelle. Wenn die Kommunikation tot war, lag es entweder an diesem seltsamen Raumsektor, oder aber an Janus. Beides verhieß nichts Gutes.

Sie mussten zur Brücke, auf dem schnellsten Weg. Hoffentlich funktionierten die Turbolifte noch.

»Stimmt es, was der Captain gesagt hat?«, fragte Falen. »Ü-über die Hand?«

»Janus ist auf diesem Schiff, ja.« Sie warf ihm einen prüfenden Blick über die Schulter zu. Jemanden bei sich zu haben, der den komplexen Aufbau der Arcadia kannte, war nur solange nützlich, bis dieser jemand die Nerven verlor.

Falen schien verstanden zu haben und bemühte sich, die Angst aus seinem Blick zu vertreiben. Mit wenig Erfolg.

Delfy seufzte. »Ganz gleich, was du über ihn gehört hast, über den Lord der Schatten…« Sie verzog das Gesicht. »Oder über den Schrecken von Ebaq 9, der den Feind mit einem einzigen Wort in den Galaktischen Kern gejagt hat. Oder…«

»S-sie sagen, er hat die überlebenden Feinde umgedreht. Hat sie neu p-programmiert, a-als wären sie Droiden. Und er hat aus ihnen die Azura Phalanx gemacht und…«

»Und diese Legenden sind alles, was er hat.« Delfy hatte sich diese Märchen während ihrer Ausbildung fast täglich anhören müssen. »Sein Krieg ist lange her, und bevor er das Schiff im Alleingang übernehmen könnte, stirbt er an Altersschwäche. Sofern ich ihn nicht vorher…«

Sie verstummte.

Die grünen Nebel schoben sich an den Fenstern vorbei. Eben hatte sie das noch den Raumwinden zugeschrieben, Gravitationsströmen oder was auch immer. Aber am Bug der Arcadia schienen die Nebel zu brechen, wie Wellen an einem Felsen.

Das Schiff bewegte sich.

Falen hatte es auch bemerkt. Er war noch bleicher geworden als ohnehin schon. »Die Triebwerke sind alle aus«, flüsterte er.

»Ich weiß«, sagte Delfy langsam. Was bei Corellias neun Höllen geschah hier?

Neben ihr hatte Falen sein Komlink hervorgeholt und versuchte mit schweißnassen Fingern, eine Verbindung aufzubauen. »Komm schon. Komm schon, verdammt…«

Delfy war erst 14 oder 15 gewesen, als Falens Vater noch dem Königreich gedient hatte. Aber sie hatte Lord Harravan Khal als einen Mann ohne Furcht in Erinnerung, bekannt für seine Entschlossenheit und Disziplin. Falen schien nur wenig mit seinem Vater gemein zu haben.

Vielleicht war das hier ein Schiff für missratene Söhne.

Und Töchter.

»Da draußen ist etwas…«

Delfy drehte sich um.

Falen hatte von seinem Komlink aufgesehen und starrte auf einen Punkt hinter dem Heck der Arcadia. Es war ein Schiff. Aus dieser Entfernung sah es aus wie ein Dolch, stromlinienförmig, mit einem spitzen Bug und einem klar zu erkennenden Brückenturm. An einigen Stellen schneeweiß, schimmerte die Hülle an anderen in einem gespenstischen Grün, der Farbe der Nebel nicht ganz unähnlich. Das Schiff wirkte wie ein Raubfisch, der an Orten wie diesen lebte und jagte.

Und je größer die Cloudrun wurde, desto dichter wurden die geisterhaften Wolken – während das gewaltige Ungetüm seine Beute tiefer und tiefer in sein Reich zog.

Delfy bemerkte erst jetzt, dass sie beide Hände auf die Transparistahl-Scheibe gelegt hatte. Und dass sie grinste wie ein kleines Kind.

Sie hatte es geschafft. All die Zweifler und Feiglinge, mit denen sie sich in den letzten Jahren herumgeschlagen hatte, all die vergeblichen Reisen und toten Fährten – und plötzlich war sie hier. Bei der Cloudrun. Bei dem Schiff, mit dem sie Daphan Valueens Herrschaft beenden und die Galaxis befreien würde.

Falen schien weniger glücklich. Er war zurückgetreten, bis an die Rückwand des Korridors. Sein Atem ging unruhig und gehetzt. »Oh, bei den schwarzen Sternen… Was ist das für ein Monster…«

Delfy blickte ihn erstaunt an. Wie konnte er nicht sehen, dass…?

»Spürt Ihr es nicht?« Falen schluckte. »Wir sollten nicht hier sein!«

»Doch.« Delfy setzte sich in Bewegung. »Wir sind alle genau dort, wo wir sein sollen. Die einzige Ausnahme ist der Schattenlord.«

Janus würde das hier nicht mehr verhindern. Nicht so kurz vor dem Ziel. Er hatte sie lange genug an der Leine gehalten, in den nicht enden wollenden Jahren ihrer Ausbildung. Und aus irgendeinem Grund hatte sie ihm auch noch gehorcht. Hatte gewartet und war in ihrem Turm geblieben, wie die Prinzessinnen aus den Märchen.

Aber damit war es endlich vorbei.

Sie war in der Luft. Sie flog. Und sie war frei. So frei, wie auch der Rest der Kernwelten bald sein würde.

»Prinzessin.« Falen hatte zu ihr aufgeschlossen und folgte ihr in den angrenzenden Korridor wie ein kleines Kind, das den Anblick der Geisternebel allein nicht ertragen konnte.

Wo war der nächste Turbolift? Dieses Schiff war ein einziges Labyrinth.

»Prinzessin, bitte!«

»Was?«, fauchte sie und wirbelte herum,…

… um einen leichenblassen Falen zu sehen, der ihr das Komlink mit der zitternden Hand entgegenhielt, als sei es Detonationspack. »Ich wollte nur noch einmal die Brücke rufen«, brachte er heraus, kaum hörbar.

Delfy nahm das Komlink an.

»Prinzessin Delfy«, sagte eine leise Stimme. »Ich war in Sorge.«

Sie biss sich auf die Lippen. Es war schlimmer, als befürchtet. Dieser verdammte Greis hatte die Brücke genommen.

»Meister Janus«, sagte sie. »Wie ist das Leben?«

»Schlecht. Kleine Prinzessin. Ich hatte gehofft, ich könnte Euch zu einer guten Königin formen. Zu einem hellen Stern in dieser dunklen Galaxis.« Janus hatte noch nie so ruhig geklungen. »Ich dachte, ich könnte Euch ein sehr viel besserer Lehrer sein als Euer Vater. Aber ich war im Irrtum.«

»Ist Themis bei Euch?«

»Gewisserweise.«

Delfy blinzelte und sah zu Falen hinüber.

Er rührte sich nicht, sondern starrte teilnahmslos ins Leere, als könnte er irgendwo hinter der Wand die Cloudrun sehen.

Sie konnte fragen, ob Themis wirklich tot war. Aber hätte Janus ihr Wahrheiten anbieten wollen, so hätte er das bereits getan. Sie kannte ihn zu gut, um sich auf seine Spiele einzulassen.

Der Turbolift traf ein.

Delfy betrat die Kapsel. Als Falen keine Anstalten machte, Ihr zu folgen, ließ sie ihn zurück. Sie hatte ohne ihn genug Sorgen.

Die Lifttüren schlossen sich mit einem Zischen.

»Oh«, machte Janus, der das Geräusch richtig gedeutet hatte. »Werdet Ihr…« Er atmete schwer. »Werdet Ihr mich töten, Prinzessin? Bevor die Cloudrun Euch um das Vergnügen beraubt?«

Delfy drückte auf den Schalter für die Brücke.

Der Lift nahm Fahrt auf. Der Brücke entgegen.

»Ich bin genau so enttäuscht wie Ihr, Meister«, sagte sie. »Ich kann nicht sagen, dass Ich mit Eurer Hilfe gerechnet hatte. Aber ich hatte gehofft. Immerhin wisst Ihr so gut wie ich, dass mein Vater aufgehalten werden muss. Eure kleinen Bemerkungen, die versteckten Fragen, Eure Geschichten über das Ende von Coruscant… Ich war nie so jung, dass ich Euch nicht durchschaut hätte. Dank Euch weiß ich alles, was ich über ihn wissen muss.«

»Ja, so scheint es, Prinzessin. Verzeiht einem alten Mann, dass er Euch Wissen lehren wollte, wo Weisheit angebracht gewesen wäre.«

Delfy schnaubte.

»Ich habe einen Eid geschworen, Prinzessin, vor 80 Jahren, nach dem Ende des Krieges. Damals war dein Vater genau so alt wie Du jetzt. Und er hat mich mit deinen Augen angesehen und gefragt, ob ich tun würde, was getan werden musste. Ich schwor ihm, die Herrschaft der Valueen gegen jegliche Gefahren zu verteidigen, bis zu meinem Tod.«

Delfy hatte die Geschichte schon zu oft gehört, als dass sie ihr noch etwas bedeutet hätte. »Mein Vater hat jeden seiner Feinde getötet«, sagte sie. »Es gibt keine Gefahren mehr.«

»Es gibt die Cloudrun…«

Delfy lächelte. »Ja, die gibt es.«

»Weshalb ich sie zerstören muss.«

Delfy starrte auf das Komlink. Das kam unerwartet. Meinte der alte Mann das ernst? »Die Cloudrun ist zehnmal so groß wie wir.«

»Und tausendmal so alt.«

»Ihr habt keine Crew. Nur die Brücke.«

»Und die Cloudrun ist unbemannt. Nach allem, was wir wissen.«

»Nach allem, was ich weiß, ist sie programmiert. Sie kann springen und sie kann Schiffe heranziehen. Sie wird sich auch verteidigen können. Sonst hätte sie nicht bis heute überlebt!«

Janus bluffte. Ohne Zweifel.

»Sie hat durch solche wie Euch überlebt«, sagte er. »Durch furchtlose Helden, die wissen wollten, was sich im Bauch der Bestie versteckt – anstatt diese zu erlegen, solange sie die Chance hatten.«

Delfy schüttelte den Kopf. »Ihr habt Angst.«

»Und allen Grund dazu.« Er machte eine Pause. »Die Arcadia ist verloren. Sie kann nicht aus dem Fangstrahl ausbrechen und hoffen, es zu überstehen. Ihre Waffen dürften nutzlos sein gegen einen Feind dieser Größe. Welche Wahl bleibt mir also? Ich gebe den Befehl zum Sprung, sobald wir die Cloudrun erreicht haben. Das wird beide Schiffe zerstören.«

Delfys Gedanken überschlugen sich. Die Cloudrun war riesig. Aber die Explosion eines Hauptreaktors auf kürzeste Distanz würde sie schlimmstenfalls zerstören – und bestenfalls so stark beschädigen, dass sie nie wieder springen konnte. Das allein genügte, um alles zu ruinieren.

»Ihr blufft«, sagte sie. »Themis ist tot und wenn One noch aktiv wäre, dann wärt Ihr nicht auf der Brücke. Ohne einen der beiden habt ihr keinen Zugang zur Schiffssteuerung.«

»Manchmal.« Janus schien vom Mikrophon zurückzutreten. »Manchmal, Prinzessin Delfy, beneide ich Euch um Eure Gewissheit.«

»Was?«

»Ruft meinen Namen. Wenn Ihr aufgeben wollt.«

In diesem Moment bemerkte sie es.

Der Lift hatte angehalten. Vielleicht schon Sekunden zuvor.

Ein Defekt. Alles an Bord ist Schrott.

Aber die Statusdioden leuchteten alle. Und das Positionsdisplay funktionierte ebenfalls: Die Kapsel befand sich auf halber Höhe des Brückenturms. Sie hatte sanft abgebremst, eine handvoll Decks vor dem Ziel.

Ein dunkler Verdacht regte sich in Delfy. Sie wechselte die Frequenz ihres Komlinks. »One? One, kannst du mich hören?«

Der Lift setzte sich in Bewegung. Langsam. Abwärts.

Janus hatte die Steuerung der Turbolifte übernommen. Sie hatte diesen alten Irren unterschätzt.

Im Display des Kontrollpanels tauchte das Gesicht eines Kindes auf. Tiefblau, halb durchsichtig und mit unheimlichen schwarzen Augen.

Inzwischen bewegte sich der Lift gefährlich schnell.

»One? Du musst sofort den Aufzug anhalten. Im rechten Brückenturm.«

»Es tut mir Leid, Delfy«, sagte die elektronische Stimme. »Aber das kann ich nicht tun.«

Und die Kapsel schoss abwärts.

Delfy verlor den Boden unter den Füßen, wirbelte durch die Luft und prallte gegen die Decke der Kapsel. Die Abdeckung der Leuchtpanels knackte, hielt aber stand. Mit rauschender Geschwindigkeit stürzte Delfy in die Tiefe.

Die Zahlen auf dem Display ließen sich nur noch als ein Flimmern ausmachen.

15, 16, 17, 18, 19…

Delfy spannte alle Muskeln an.

22, 23… 24…

Biss die Zähne zusammen.

25… 26…

Komm schon…

27…

28.

Auf eine gewisse Weise blieb alles gleich. Das Gefühl, zu fallen. Der Druck auf ihrem Körper. Die Kräfte, die sie gegen die Decke pressten. Die zitternden Wände der Liftkapsel.

Aber alle Veränderung geschah nur noch in Zeitlupe. Delfys Atem ging so langsam, dass sie ihn nicht bemerkte. Wenn sie sich umsah, folgten ihre Augen nur träge ihrem Befehl.

29.

Wie viele Decks besaß die Arcadia? Die Brückentürme mitgezählt? Mehr als 40? Unwahrscheinlich. Und selbst dann blieb ihr nicht viel Zeit, um einen Ausweg zu finden.

Ruft meinen Namen, wenn Ihr aufgeben wollt.

Das war also Janus‘ Angebot: Gehorsam oder Tod.

Er sollte sie besser kennen.

30.

Sie hätte wissen müssen, dass One noch immer dem Obersten Lord unterstehen würde. Die Piraten hatten den Droiden gestohlen und auf der Arcadia installiert – die Programmierung jedoch hatten sie nicht ändern können. Damit konnte Janus das Schiff nun auf die gleiche Art steuern wie früher den Azuramond.

Delfy hatte keine Macht über One. Als man den Droiden damals geschaffen hatte, hatte niemand daran gedacht, der minderjährigen Prinzessin des Reiches die Kontrolle über eine Kampfstation von der Größe eines Mondes zu geben.

Einmal mehr fühlte sich Delfy, als hätte man sie um ihre Kindheit beraubt.

31.

Vielleicht konnte sie das Laserpack an ihrer rechten Hand nutzen, um die Kontrollen zu zerschießen. Auf einem Valueen-Schiff würden dann die Sicherheitsprotokolle in Kraft treten und den Lift stoppen. Aber wenn es diese Protokolle hier gab, hatte One sie sicherlich deaktiviert.

Den Schild an ihrer linken Hand brauchte sie einfach nur zu zünden und er würde sich durch die Decke schneiden. Möglicherweise konnte sie ein Loch schaffen, das groß genug war, um sich hindurch zu zwängen und…

Nein. Es mochte in der Azura Phalanx ein paar Midi geben, die aus einem abstürzenden Lift springen konnten. Naeton Anor konnte den Aufprall vielleicht sogar hier drinnen überleben. Delfy dagegen war nicht gut genug.

Nie gewesen.

32.

Sie würde geschätzt vier oder fünf Decks brauchen, um »Janus!« zu rufen. One vielleicht noch einmal ein knappes Deck, um zu reagieren. Oder nur ein halbes. Er konnte schneller denken als sie in diesem Moment. Der Lift würde mindestens drei Decks lang abbremsen müssen und selbst dann würde der Aufprall noch gefährlich werden.

33.

Delfys Kräfte ließen nach. Sie hätte härter trainieren müssen. Jede freie Sekunde. Die Festlichkeiten am Hof, das Schauspielen und der schöne Schein – all das war noch schlimmere Zeitverschwendung gewesen, als sie angenommen hatte.

34.

Delfy wartete darauf, dass die Todesangst einsetzte. Sie erinnerte sich an die verurteilten Vermillionpiraten, deren Heldengesichter zerbrochen waren, als sie in die Augen von Arthen Darakaer gesehen hatten, des Obersten Richters. Sie erinnerte sich an die Nester aus Abschaum, in die sie an der Spitze der Gardisten gestochen hatte, und an die Panik wilder Tiere. Delfy erinnerte sich an Angst. Und fühlte nichts.

35.

Sie erinnerte sich an Altair. Und an Mutter. In ihrem See aus Blut. Der Saal zerschnitten von Lichtschwertern, Linien aus Feuer, die um sie herum erkalteten und verschwanden. Delfy war in die Schwärze gefallen und hatte sich nicht mehr rühren können.

36.

Janus hatte sie dort gefunden. Er hatte zu ihr gesprochen, über Dinge, an die sie sich nicht mehr erinnerte. Aber anstatt ihr aufzuhelfen, hatte er sie inmitten der Leichen zurückgelassen. Als Geisel für die Vermillion Piraten.

37.

Scheiße, dachte Delfy. Schon wieder hatte sie Zeit verschwendet.

38.

Sie verlor den Kontakt zur Decke. Der Boden der Liftkapsel kam auf sie zu. Langsam hob sie die Hände.

39.

Und sie landete sanft auf dem Boden.

Als Delfy die Augen wieder öffnete, war sie am Leben. Sie kämpfte sich auf die Beine. Ihr Puls beschleunigte, als hätte ihr Körper die Gefahr erst jetzt registriert.

Deck 42. Der Fahrstuhl hatte abgebremst. One hatte ihn angehalten. Aber warum?

Und dann begriff sie.

One war eine künstliche Person. Er folgte den Gesetzen, die man ihm vor seiner Geburt einprogrammiert hatte. Ihn dem Befehl des Obersten Lords zu unterwerfen, war ein naheliegender Schritt. Aber One zu verbieten, Delfy auch nur ein Haar zu krümmen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass man es ihm je auftragen wollte…

Das war die grenzenlose Vorsicht von Daphan Valueen.

Und eine kleine Ironie, bedachte man die kommenden Dinge.

Hättest du meinen Bruder genau so krankhaft beschützt wie mich, dachte Delfy, dann wären wir heute an einem besseren Ort.

Das Komlink lag zerbeult in einer Ecke. Das Display der Liftkontrollen blieb tot. Keine weiteren Drohungen des Schattenlords fürs Erste.

Noch immer etwas schwach auf den Beinen verließ Delfy den Lift, ehe Janus ein Schlupfloch in der Programmierung fand, um sie doch noch umzubringen. Sie hatte seinen Abstieg zu einem verrückten Irren in den letzten Jahren miterlebt – aber es hatte einen Mordversuch gebraucht, damit sie begriff, wie gefährlich ihn das machte.

Janus würde einen Hyperraumsprung befehlen und das Schiff zerfetzen.

Es sei denn, Delfy konnte vorher den Antrieb deaktivieren.

Sie stutzte lieber der Arcadia die Flügel als der Cloudrun. Ersteres Schiff würde ihr in einem Krieg ohnehin nicht helfen.

Delfy begann zu rennen.

Wie schon die Gegend um den Hangar schien auch Deck 42 verwahrlost und vergessen. Zwar hatte die Besatzung offensichtliche Ausbesserungen vorgenommen – Schalttafeln ausgetauscht, Energiekabel neu gelegt, Türen notdürftig durch edle Vorhänge ersetzt – aber all das konnte auch schon zu Avarys Zeiten passiert sein. Themis schien an einem gepflegten Schiff genau so wenig Interesse gehabt zu haben wie an einer ausreichend großen Besatzung.

Einen abgesperrten Bereich konnte Delfy nur durch einen Wartungsschacht überwinden. »Und er wollte, dass ich hier einziehe«, murmelte sie, als sie die Luke aufstemmte und hinaus kletterte.

Obwohl sie sich vier Decks in Richtung Schiffsmitte hochgearbeitet hatte, fehlte nach wie vor jede Spur der Crew. Nicht wenige von ihnen würden ähnliche Feiglinge sein wie Falen Khal, und Delfy hatte erwartet, dass sie das Schiff in den zahlreichen Jägern verlassen wollten. Entsprechend sollte es hier von ihnen nur so wimmeln. Aber Delfy blieb allein.

Obwohl sie es besser wusste, wich sie schließlich von ihrem Weg zum Hyperantrieb ab, um einen weiteren Blick auf die Cloudrun werfen zu können. Sie musste herausfinden, wie viel Zeit sie noch hatte.

Der Umweg führte sie in eine halbkreisförmige Halle am Bug.

Zuerst hielt sie diese für ein verschwenderisch großes Ausgucksdeck. Als früheres Flaggschiff der Roten Königin besaß die Arcadia sogar Ballsäle, daher schien ihr das nicht unwahrscheinlich. Aber dann bemerkte Delfy die neun Sitze, die im Kreis angeordnet waren. Jeder von ihnen fast ein Thron – und in jede Lehne hatte man eine Spezies eingraviert.

Das hier musste der Versammlungssaal der Vermillion-Flotte sein. Mit einem Sitz für jeden Captain eines Flaggschiffes und der dazugehörigen Flottengruppe. Zumindest war das zu Avarys Zeiten so gewesen.

Delfy erreichte das andere Ende des Saals und zog einen der großen Vorhänge beiseite.

Die Cloudrun war näher als sie gehofft hatte. Mehr als die Hälfte der Strecke lag bereits hinter ihnen. Damit blieben bestenfalls zwanzig Minuten. Vielleicht weniger.

Verdammter Mist.

Sie schob sich zwei schweißnassen Strähnen aus dem Gesicht und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Transparistahl. Ihr Blick wanderte durch den Raum, während sie sich bemühte, wieder zu Atem zu kommen.

Von der Rückenlehne eines Throns her blickte sie eine Sturmbestie an. Das Wappentier von Ikaia Storm, Avarys rechter Hand und einem der wenigen Nicht-Menschen in der Vermillion-Flotte. Die Namen der anderen waren ebenso legendär: Ithila Farwynd von der Moon Moth, Rhea von Hapes, Captain der Mykal Queen, die berüchtigten Schwestern Alyssia und Ashara Thane, mit ihren Schiffen Dragon Queen und Red Jacuna

Sie brauchte diese Flotte. Fast so sehr wie die Cloudrun.

Ihrer Erschöpfung zum Trotz setzte sie sich wieder in Bewegung. Die Zeit lief ihr davon.

Wenn Themis wirklich tot war, überlegte sie weiter, würde sie jeden Captain einzeln für sich gewinnen müssen. Einen geeigneten Nachfolger wählen und an die Macht bringen. Vielleicht sogar dafür sorgen, dass die Vermillion-Flotte nicht zerfiel. Denn immerhin…

Delfy stockte. Wie hatte sie das übersehen können?

Der Oberste Lord des Valueen Königsreichs hatte den Sohn von Avary Leander ermordet. Die Flotte würde nicht zerfallen. Sie würde Rache wollen! Sogar die Thane-Schwestern, die für die Leanders angeblich nicht viel übrig hatten, würden die Ehre der Flotte bis aufs Blut verteidigen.

Delfy biss sich auf die Lippen. Nicht, dass sie Themis den Tod wünschte. Er war ein guter Kerl. Aber falls Janus es doch getan hatte, war Themis für eine gute Sache gestorben.

Sie passierte den Ausgang der Versammlungshalle, als sie eine entfernte Stimme hörte: Janus. Über die Kom-Anlage des Schiffes.

Bevor sie die Quelle erreicht hatte, verstand sie die ersten Worte: »… den unteren Decks«, sagte er gerade. »Sie wird bewaffnet sein. Aber sie ist allein. Und wir sind viele.«

Oh, bei den schwarzen Sternen…

Delfy trat vor den in die Wand eingelassenen Lautsprecher und war sicher, dass die gleiche Botschaft auf dem gesamten Schiff abgespielt wurde.

»Fürchtet euch«, sagte Janus und schien aus tiefer Meditation zu sprechen. »Fürchtet um euer Schiff und euer Leben. Ihr habt alle gesehen, was dort draußen ist. Wenn wir Delfy Valueen nicht aufhalten, wird sie uns alle der Cloudrun ausliefern.«

Delfy ballte die Hände zu Fäusten.

»Sie war schon einmal hier. Hat uns ausspioniert, obwohl wir sie bei uns aufgenommen haben. Der König hat sie geschickt, weil sie dieses Schiff kennt. Weil sie jeden einzelnen von uns hinrichten kann.«

Das war absurd. Janus sprach von sich, als sei er ein Teil der Besatzung. Und glaubte er ernsthaft, dass…?

Und dann spürte sie es.

Eine dunkle Flut überschwemmte das gesamte Schiff. Vielleicht schon seit mehreren Minuten, ohne dass Delfy sie bemerkt hatte. Vielleicht schon seit…

Falen.

Der Kerl hatte vor Angst fast den Verstand verloren. Delfy hatte es der Cloudrun zugeschrieben und die Präsenz des Geisterschiffes tat sicher ihr Übriges, aber vor allem…

War es das Werk von Janus.

Dem Lord der Schatten und der Angst.

Sie kannte die verdammten Geschichten, seit sie denken konnte. Janus hatte ganze Armeen in die Flucht geschlagen, nur durch Furcht. Er hatte die loyalsten Diener des Feindes umprogrammiert, hatte die Kräfte des Monsters genutzt, um ihnen falsche Erinnerung aufzuzwingen, der Begründer der Azura Phalanx, hieß es… Und sie hatte ihn komplett unterschätzt!

Delfy hämmerte die Faust gegen die Wand. Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Sprechknopf der Kom-Einheit.

»Du willst kämpfen?«, fauchte sie. »Du willst wirklich um dieses beschissene Schiff kämpfen, alter Mann? Oder glaubst du, ich flüchte von hier? Du glaubst, ich geb‘ auf, ja? Ich bin die verdammte Tochter von Daphan Valueen!« Sie holte Luft. »Was immer nötig ist. Verstehst du? Was immer nötig ist, ich mach‘s.«

Erst jetzt hörte sie die Schritte.

Das schwere Stapfen von bewaffneten Soldaten. Hinter der nächsten Ecke. Begleitet von den Lichtstrahlen der Suchlampen.

Delfy hatte die Crew schließlich gefunden.

Und die Crew sie.

»Ich tue, was immer nötig ist«, flüsterte Delfy.

»Ich weiß«, antwortete Janus. »Nur deshalb sind wir hier.«


Fortsetzung folgt…