1.06 Mind Screw, Part II


»Warum?«

— Janus

Delfy

Delfy rannte.

Stimmen und Schritte jagten ihr nach.

Sie stürzte in einen Nebenkorridor, kletterte eine Leiter hoch und zerschnitt diese mit der Lichtklinge, kaum dass sie oben angelangt war. Zur Brücke. Schneller. Und nicht anhalten.

Janus‘ Stimme begleitete sie. Wohin sie auch rannte, der alte Mann war schon da. In den Lautsprechern, Bildschirmen und Kameras. »Dies ist ihr Werk«, rief er. »Sie hat die Arcadia infiltriert und auf einen Kurs geschickt, der unser aller Ende sein wird.«

Wäre die Crew noch bei Verstand, hätten sie diesen Schwachsinn durchschaut und begriffen, wer da zu ihnen sprach. Aber Janus‘ Worte konnten noch so hohl sein: Sie gaben nur den Weg vor. Den Antrieb lieferte die eisige Furcht, die er in der Crew heraufbeschworen hatte.

Delfy hätte jeden an Bord auf die Cloudrun vorbereiten müssen; sie hätte alle von der Brücke aus vor Janus warnen müssen, anstatt es Themis zu überlassen. Sie hätte sofort bemerken müssen, was Janus tat.

Aber Furcht war Delfys blinder Punkt.

Und Janus‘ Fachgebiet.

Wenn auch die anderen Geschichten über ihn der Wahrheit entsprachen… Konnte sie sich glücklich schätzen, dass er die Kräfte des Monsters nicht genutzt hatte, um Crew-Mitglieder neu zu formen und ihr programmierte Killermaschinen zu schicken.

Obwohl sie einen solchen Feind besser verstanden hätte.

Ein Randkorridor öffnete sich, zwei Decks hoch und mit schweren Vorhängen an der Fensterreihe. Dahinter strömten die Geisternebel am Schiff entlang und brachten giftiges Grün in die dunkelrote Welt der Vermillion-Piraten.

»Falls Delfy Valueen noch lebt, wenn wir das Schiff am Horizont erreichen… Wird jeder Mann, jede Frau und jedes Kind an Bord sterben.«

Delfy erreichte das Ende der Seitengalerie und hechtete eine Treppe hinauf.

Über ihr erschien ein Mann mit einem Blaster. »Stehenbleiben!«

Delfy zwang die Welt in eine Zeitlupe.

Ein Laserschuss löste sich aus dem Lauf des Blasters, so langsam, als würde man Farbe in Wasser geben. Das Rot glitt über Delfy hinweg, ohne sie zum Ausweichen zu zwingen.

Delfy überwand die letzten Stufen, zerschnitt den Blaster mit ihrer Lichtklinge, deaktivierte sie, und schlug dem Mann mit dem Laserpack ins Gesicht.

Die Kraft des Aufpralls glitt über die Wangen, während die Hände nach oben strebten und der Körper nach hinten kippte. Die Blasterhälften hatten noch nicht einmal zu fallen begonnen.

Aus dem Laufen heraus stahl Delfy das Komlink vom Gürtel, passierte den stürzenden Mann und traf ihn mit dem Ellbogen am Hinterkopf.

Die Zeit kehrte zurück. Die Blasterhälften schlugen scheppernd auf. Der Mann kippte vornüber und rollte die Treppe hinab.

Er würde überleben. Wenn sie die Unterstützung der Crew wollte, durfte es keine Toten geben, schon gar nicht durch ihre Hand.

Hinter einer Flügeltür lag das Treppenhaus, auf das sie gehofft hatte. In einer großzügigen Spirale wanden sich die Stufen mehrere Dutzend Decks hinauf. Der rote Teppich, das elegante Geländer und die Hundertschaften von Gemälden standen den Sälen des Valueen Königreichs in nichts nach. Und dieses Schiff war weitaus älter. Die Archais-Schiffe stammten aus der Zeit noch vor dem Masseschattenkrieg, als Luxus ebenso wichtig gewesen war wie Kampfstärke. Und die Schiffssysteme noch nicht von einem Makro-Droiden beherrscht worden waren.

Delfy schaltete das Komlink ein. »One? One, hörst du mich?«

»Laut und deutlich, Prinzessin.« Der Droide klang seltsam. Seltsamer als sonst.

»Ich willen wissen, auf wessen Befehle du alles programmiert bist. Gib mir die Hierarchie.«

»Wie Ihr wünscht, Prinzessin.« One räusperte sich. »Seine königliche Majestät, Beschützer der Kernwelten und Euer Vater: Daphan Valueen. Der Oberste Lord und die Hand des Königs: Janus. Der Kommandant des Azuramondes: Lord Harravan Khal. Der Admiral und stellvertretende Ko…«

»Stopp«, fuhr Delfy dazwischen. Falls auch sie ein Teil der Hierarchie war, stand sie viel zu weit unten, um den Befehl zur Selbstzerstörung aufzuheben. Sie musste etwas anderes versuchen: »Du verstehst nicht, One. Janus wird dich töten.«

»Ich weiß.«

Delfy rannte die ersten Stufen hinauf. Natürlich wusste er das. Und trotzdem würde er das Schiff sprengen, sobald sie die Cloudrun erreichten. Aber es musste doch einen Weg geben, ihn davon abzubringen. »Du bist seit zehn Jahren auf diesem Schiff! Du kennst jeden an Bord. Und jetzt willst du es in die Luft jagen?«

»Ja. Das will ich.«

Auf der untersten Ebene strömten ihre Verfolger in den Treppensaal. Laserblitze stiegen von dort auf, jagten an Delfy vorbei und strebten der entfernten Decke entgegen.

Nach einer Pause ergänzte One: »Wollen ist vielleicht das falsche Wort. Vielleicht. Ihr solltet wissen, dass ich die Arcadia erst zerstören darf, wenn Ihr nicht mehr an Bord seid.«

»Was? Warum sollte…?« Dann erinnerte Delfy sich an den Lift, den One in letzter Sekunde gebremst hatte: »Du darfst mich nicht töten.«

Der Droide schien zufrieden. »Solange Ihr lebt, ist das Schiff sicher.« Er tat, als würde er nach Worten suchen. »Ich glaube, deshalb hat Janus die Crew auf die Jagd nach Euch geschickt.«

»Dann hilf‘ mir gegen diese Verrückten!«

»Das möchte ich. Aber ich will nicht. Falls man das so ausdrücken könnte.«

Ein Kraftfeld erschien in der Luft, über den gesamten Radius des Treppensaals hinweg. Drei Meter über Delfys Kopf.

Sie kam nicht weiter.

Ihre Finger krallten sich um das Komlink. »Schalte es ab.«

»Tut mir Leid.«

Delfy zündete die Lichtklinge und stach gegen das Kraftfeld.

Vergeblich.

»Hör zu«, fauchte sie. »Entweder bist du auf meiner Seite, oder du bist auf der von Janus. Entscheide dich.«

»Das hab‘ ich schon. Für beide Seiten. Ich lasse Euch nicht zur Brücke durchkommen. Ich lasse aber auch nicht zu, dass die Crew Euch gefährlich wird. So bin ich programmiert.«

Die Logik eines Droiden. Delfy hatte versucht, an One als Person zu appellieren – aber eine Person war er nur an der Oberfläche. Seine Handlungen wurden durch seinen Kern bestimmt – und dieser hatte keinen Grund für eine Entscheidung. Keinen Grund, zwischen zwei Wegen zu wählen, wo er doch beide gehen konnte. Er konnte Delfy am Leben halten, ohne sie zur Brücke zu lassen.

Delfy musste diese Programmierung brechen. Indem sie beide Ziele in Konflikt miteinander brachte.

Mit diesem Gedanken lief sie abwärts, ihren Verfolgern entgegen.

One baute ein weiteres Feld auf und zwang sie zum Anhalten.

Delfy fluchte innerlich. Wenn sie wollte, konnte sie noch sehr viel schneller sein – aber niemals schnell genug, um einen Makro-Droiden auszutricksen. Was also sollte sie tun? Sich durch die Wand schneiden?

Nein. Sie konnte aus dem Treppenhaus herausbrechen und in die abgestorbenen Bereiche des Schiffes flüchten, wo One keine Macht besaß. Aber sie musste zur Brücke. Und dazu würde sie Ones Eingriffe hier und jetzt beenden müssen.

Delfy hielt sich das Laserpack an die Schläfe.

Ones Reaktion brauchte eine ganze Sekunde. Ein Volltreffer. »Das ist nicht Euer Ernst. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr…«

»Die Kraftfelder aus. Jetzt.«

»Ich kann Euch von diesem Schiff bringen. Ich kann Euch retten.«

Delfy ließ ihre Hand, wo sie war. So weit hatte sie noch gar nicht gedacht: Wenn One weiterhin zwei Meistern dienen wollte, genügte es nicht, Delfy bis zur Selbstzerstörung von der Brücke fernzuhalten. Nein, er musste sie lange vorher von Bord gebracht haben. Und wie wollte ein körperloses Droidengehirn das anstellen?

Wie zur Antwort entsicherte sich eine der Türen entlang der Treppe. Ein Mann kam heraus, ein schweres Blastergewehr im Anschlag.

Falen Khal.

Delfy wollte schon ihre Kräfte einsetzen, besann sich dann aber eines besseren. Sie musste sich ihre Energie einteilen. Und Falen würde nicht abdrücken.

»Nicht bewegen«, sagte dieser und hob seine Waffe, zielte auf Delfys Kopf. »Nicht bewegen, Prinzessin.«

Sie kam dem Wunsch nach. Zur Abwechslung.

Falen verfiel in ein wirres Flüstern. »Ich geh‘ hier nicht drauf. Ich geh hier ganz bestimmt nicht drauf…«

Wieder diese Angst. Delfy verzog das Gesicht. Es gab einen Ausweg für sie alle, aber den gab es nur, wenn jeder an einer logischen Problemlösung interessiert war. Im Augenblick verhandelte sie mit einem verschreckten Kind – und seinem sturköpfigen großen Bruder.

»Du hast Falen hierher gebracht«, sagte sie zu One. »Deshalb die Kraftfelder. Er soll mich vom Schiff bringen und dir weitere Konflikte ersparen. Dich von der Entscheidung erlösen. Janus hat ihm Angst gemacht. Und du nutzt es aus. Nicht schlecht, One. Nicht schlecht.«

»Hey«, brüllte Falen. »Hey, hey, hey, nicht… Kein…« Weiter schien er nicht zu wissen.

Delfy nickte ihm höflich zu. »Was hat One dir versprochen? Was hat er gesagt, was mein Vater dir geben wird?« Sie schuf mühelos das Lächeln, mit dem ihr der gesamte Hof zu Füßen gelegen hatte. »Was bekommt man heutzutage für eine gerettete Prinzessin?«

Zuerst schien Falen nicht antworten zu wollen. Oder zu können. Er umklammerte den Griff seiner Waffe. Die Knöchel traten weiß hervor. »Den Titel«, sagte er, mit erstaunlicher Ruhe. »Den Titel, den sie meinem Vater weggenommen haben. Den Titel und unseren Mond.«

Schlau. Alle Achtung, One. »Den Azuramond«, sagte Delfy laut. »Der Ort, an dem du aufgewachsen bist.«

Falen nickte unsicher.

»Was glaubst du, Falen… Als sie One damals programmiert haben… Hat dein Vater ihm erlaubt, dich zu töten? Oder hat er Vorkehrungen getroffen, um dich zu schützen?«

»Prinzessin«, sagte One. »Ich bitte Euch, Ihr…«

Delfy hielt ihren Blick auf Falen gerichtet. Ließ ihn nicht los. »Du stehst auf Höhe eines Kraftfeldes. One müsste es einfach nur zünden, um dich in zwei Hälften zu teilen. Aber das tut er nicht. Aus dem gleichen Grund, aus dem er dir einen Blaster ohne Energie zugespielt hat, bevor er dich herein gelassen hat: Er muss uns beide beschützen.«

Falen wurde kreidebleich.

Delfy hob ihren rechten Arm und richtete das Laserpack auf Falen.

One hörte nicht auf, zu reden: »Delfy. Ich kann Euch hier weg bringen. Euch und die Crew. Janus wird die Cloudrun zerstören, ja, aber es wird andere Wege geben, den König zu stürzen, wenn Ihr nur…« Er brach ab. »Gebt auf. Bitte.«

Sie wollte Falen am Leben lassen. Aber sie musste zur Cloudrun. One würde an einer solchen Entscheidung zerbrechen, genau wie Themis, und Janus, und all die anderen. Aber Delfy war besser. Ihr Volk konnte sich darauf verlassen, dass sie in Momenten wie diesen die Entscheidungen traf, die niemand sonst treffen konnte. Sie war dafür geschaffen.

»Was immer nötig ist«, hörte sie sich sagen.

Dann erschoss sie Falen.

Mit einem Loch im Brustkorb ging der Riese zu Boden.

One schrie. Bis er sich in Kreischen und Statik verlor.

Die Kraftfelder erloschen.

Alles wurde dunkel.

Delfy aktivierte die Lichtklinge und eilte in ihrem Schein die Stufen hinauf, an Falens Leiche vorbei und durch die entsicherte Tür.

Kaum war sie hindurchgerannt, schloss diese sich mit der Geschwindigkeit eines Laserimpulses. Ebenso wie alle anderen Türen des Korridors. Das Licht ging wieder an, aber diesmal war es ein intensives Violett.

Was geschah hier?

Es war ihr gelungen, One in einen Konflikt zu bringen – woraufhin sich der Droide selbst abgeschaltet hatte. Damit sollte die Arcadia nun wieder ein ganz normales Schiff sein, ohne eine künstliche Intelligenz, die sich in den Systemen eingenistet hatte. Warum also…?

Delfy ächzte. Violettes Licht.

Ein Lockdown.

Ones Rückzug aus den Systemen war viel zu plötzlich erfolgt. Und diese hatten das ebenso schlecht verkraftet, wie ein komplexer Computer, dem man schlagartig seine Energieleitung kappte. Als Schutzmechanismus hatte die Arcadia den Lockdown initiiert: Alle Türen verriegelt, alle Kraftfelder gezündet – und alle Turbolifte deaktiviert.

Der Lockdown würde Delfy erheblich verlangsamen. Aber – sie betrachtete ihre Lichtklinge – im Gegensatz zur Crew würde sie noch immer vorankommen.

Sie schnitt sich durch die erste Tür.

Die Frage lautete: War der Hyperantrieb trotzdem einsatzfähig? Und wenn ja, würde Janus den Sprung selbst machen? One hatte sich aus der Gleichung entfernt. Wenn Janus die Cloudrun zerstören wollte, musste er das von der Brücke aus tun – und sein Leben dafür geben.

Noch eine Tür.

Vor einer Stunde noch hätte Delfy diese Vorstellung als absurd abgetan. Inzwischen war sie nicht mehr sicher, was Janus tun würde und was nicht. Solange Janus am Leben war, schwebte der gesamte Plan in Gefahr. Sie musste ihn ausschalten. Und es blieb nicht mehr viel Zeit, bis die Cloudrun sie nahe genug herangezogen hatte.

Delfy kroch aus einem Schacht hervor, überwand eine weitere Tür und fand sich in einem Saal wieder. Drei Treppen führten von der ringförmigen Galerie her zu einer spiegelglatten Ebene, ähnlich einer Tanzfläche. Darüber hing eine bemalte Kuppeldecke.

Delfy machte einen Satz über das Geländer und landete am Rand des Kreises. Dieser Saal war das Erste an Bord, das ihrer Erinnerung gerecht wurde. Genau wie jetzt hatte sie ihn damals nur zufällig entdeckt, nachdem sie aus ihrem Zimmer geflohen und durch das Schiff geschlichen war.

Avary hatte sie hier gefunden.

In der Mitte angekommen, blickte Delfy nach oben.

Die Kuppel zeigte eine stilisierte Sternenkarte. Und es war nicht die Version, mit der Delfy aufgewachsen war, die Königsstraße umgeben von ein paar Aderlinien, und einem angedeuteten Verbotenen Weg. Auch nicht die Schmugglerkarten, die sie bei den Gardisten gesehen hatte. Oder die absurden Märchenbilder, die man ihr auf der Suche nach der Cloudrun vorgesetzt hatte.

Das hier war echt. Und es war alles.

Die ganze Galaxis, so wie sie ausgesehen hatte, als die Arcadia noch neu gewesen war. Lange vor dem Masseschattenkrieg.

Da war Utapau, die Welt, von der Janus erzählt hatte, in seinen verfluchten sentimentalen Momenten. Coruscant, vor dem Bruch. Und Hapes. In der Wirklichkeit unerreichbar, hier keine zwei Meter vom Kern entfernt.

Die Vermillion Piraten waren genau so gefangen wie das Königreich. Aber die Piraten wussten es. Und seit der Zeit, die Delfy mit 17 an Bord der Arcadia verbracht hatte, wusste sie selbst es auch. Sie hatte hier gesessen, mit Themis, und er hatte jeden Tag von den Wundern und Mythen der verlorenen Sterne erzählt.

Themis würde diese Wunder nun nicht mehr sehen. Sein Volk schon. Sobald Delfy sie alle nach draußen führte.

Sie hatte den Saal durchquert und schnitt sich durch die Wand. Dahinter lag ein vertikaler Wartungsschacht, der bis zur Hauptbrücke führen sollte.

Delfy deaktivierte die Lichtklinge, trat auf die ersten Sprossen der Leiter, und machte sich auf den Weg nach oben.

In den Turm des Zauberers.

Während sie kletterte, kehrte ein Teil von ihr zu der Sternenkuppel zurück. Nach dem Zwischenfall, nachdem die Piraten sie aus dem Zerschnittenen Saal gebracht hatten, hatte Delfy ihren goldenen Käfig verlassen und war, wie jetzt, durch die Schächte der Arcadia geklettert. Auf der Suche nach einem Raumjäger. Und vielleicht einer Geisel. Stattdessen hatte sie die Galaxiskarte gefunden, um darunter zum ersten und einzigen Mal dem legendären Avary Leander zu begegnen.

Avary war die Hand der Roten Königin gewesen, im Masseschattenkrieg. War der einzige Nicht-Midi gewesen, der nach dem Krieg noch ein Schiff durch den Hyperraum hatte steuern können. Er hatte den Himmel von Sarapin verbrannt und Jahre später ihren Vater besiegt, im Duell um den Verbotenen Weg. Und Delfy hatte vor ihm gestanden…

Und hatte keine Angst gehabt. Als hätte sie die Angst im Zerschnittenen Saal zurückgelassen, zusammen mit Altair und ihrer Mutter.

Avary hatte ihr sein Beileid ausgesprochen und beteuert, dass weder er noch seine Leute daran beteiligt gewesen waren. Delfy hatte das bereits gewusst. Sie sah den Saal heute noch vor sich, ein Meer von Leichen, und jede einzelne im Blau der Gardisten. Die Vermillion-Piraten hatten den Azuramond angegriffen – aber Altair hatten sie nicht getötet.

»Vielleicht hätte ich es getan«, hatte Avary gesagt. »Und Ihr habt alles Recht, mich dafür zu hassen. Wenn die Prophezeiung sich erfüllt hätte, wäre Altair am Ende auch gestorben, zusammen mit der Galaxis, mit uns… Und mit Milliarden anderer Kinder.«

»Habt Ihr Kinder?«

»Zwei…«

»Wäre Altair durch Eure Hand gestorben? Würde ich die beiden jetzt finden und erschlagen.« Der Zorn war das Erste in langer Zeit gewesen, das Delfy wieder gespürt hatte. »Aber Ihr wart es nicht. Sondern die Gardisten. Auf den Befehl von Siena Kali.«

Avary hatte sie schweigend zurückgelassen. Delfy hatte nach ihrer Heimkehr ins Königreich mit der härtesten Ausbildung begonnen, die sich fernab der Genoharadan finden ließ. Um schließlich den Gardisten beizutreten, Wissen zu sammeln und sich Siena Kali aus den Schatten heraus zu nähern…

Der Schacht endete.

Delfy hatte die Brückendecks erreicht und stand zwei Minuten später vor der bisher größten Drucktür. Dahinter wartete die Brücke selbst. Janus‘ Gefängnis.

Delfy schloss den Kreis und stieg durch das geschaffene Loch hindurch.

Die weitläufige Brücke der Arcadia war in das gleiche lilafarbene Licht getaucht wie der Rest des Schiffes, aber hier schien es schwächer und die dunklen Flecken schwärzer.

Janus war der Lord der Schatten. Delfy würde ihn kein zweites Mal unterschätzen.

Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und fanden den weißen Dolch hinter dem drei Stockwerke hohen Hauptfenster. Die Cloudrun füllte es halb aus. Entgegen Delfys Erwartung zog das Geisterschiff sie nicht auf seinen Hangar zu, sondern zu dessen Brückenturm.

Delfy zündete ihre Klinge. »So treffen wir uns wieder, alter Mann…«

Die Dunkelheit schwieg. Wo immer Delfys Licht sie berührte, wich sie beiseite – um die Wunde gleich darauf wieder zu schließen.

Die Hauptbrücke der Arcadia bestand aus zwei Hälften: Die vordere besaß Fensterwände an drei Seiten, drei Decks hoch, und im Zentrum die Konsole des Captains. Die andere Hälfte hatte die gleichen Ausmaße, folgte aber der Deckstruktur des restlichen Schiffes und teilte sich in drei Fächer auf, jedes nach vorne hin offen, doch selbst von der Captainskonsole noch schwer einzusehen.

Delfy konnte die Tür bewachen, die sie soeben aufgeschnitten hatte, vorausgesetzt sie blieb auf dieser Ebene. Wenn sie dagegen losging und nach Janus suchte, konnte der Lord der Schatten an ihr vorbei schleichen und fliehen.

Andererseits: Die Turbolifte waren tot. Und ein Mann in Janus Alter konnte nicht die Schächte hinabklettern, jedenfalls nicht ohne eingeholt zu werden.

Delfy begnügte sich mit dieser Gewissheit und ließ die zerschnittene Tür hinter sich zurück. »Das Schiff ist im Lockdown«, sagte sie. »Ihr sitzt in der Falle. Aber es ist nicht mehr weit bis zur Cloudrun. Wenn Ihr auf den richtigen Moment wartet, uns umzubringen… Hier kommt er.«

Stille.

War Janus wirklich auf der Brücke? Was, wenn es nur ein weiterer Trick war?

Eine Silhouette. Keine fünf Meter entfernt.

Delfy richtete den Lichtstrahl darauf.

Themis Leander hing an beiden Armen von der Decke dieser Ebene herab. Er rührte sich nicht und die Augen waren geschlossen. In seiner Weste klaffte auf Hüfthöhe ein Brandloch. Als Delfy näher kam, stellte sie fest, dass er nicht atmete. Ein tödlicher Treffer? Dann hätte es mehr Brandspuren geben müssen. Und Blut.

Sie legte ihre Hand auf seine Stirn.

Eine Präsenz. Themis lebte. Unter einer Schicht aus todesähnlichem Schlaf. Ein weiterer von Janus‘ Zaubertricks.

Delfy musste lächeln. »Ihr wart immer schon zu weich. Reden, ja. Aber bloß nicht handeln. Bloß keine Entscheidungen treffen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.« Sie drehte sich um und fixierte einen Punkt in den Schatten. »Ihr werdet das Schiff nicht sprengen. Das weiß ich.«

Keine Antwort.

Verdammt. Wo war er?

»Erzählt mir mehr. Prinzessin. Von der Gestalt kommender Dinge.«

Delfy atmete aus. Sie hatte es gewusst. Jetzt musste sie ihn dazu bringen, weiterzureden, bis sie sein Versteck ausgemacht hatte. Oder noch besser: Sie provozierte ihn zum Handeln. »Ihr werdet sterben, denke ich. Auf dem ein oder anderen Weg. Anschließend bringe ich die Crew wieder zu Verstand. Wir gehen an Bord der Cloudrun, brechen aus den Kernwelten aus, suchen Verbündete und kehren mit einer Flotte zurück. Dann töte ich den König. Und lebe glücklich bis an mein Lebensende.«

»Und Themis?« Janus klang nicht wie ein in die Enge gedrängtes Tier. Sondern noch immer wie ihr Meister, der sich mit geduldigem Interesse den jüngsten Vorschlag seiner Schülerin anhörte. »Was macht Ihr mit Themis? Hier und jetzt töten, um die Crew gegen das Königreich aufzuhetzen? Oder leben lassen, um sie zu beruhigen?«

Delfy betrachtete das Gesicht neben ihr. »Noch nicht entschieden.«

»Das erstaunt mich. Für gewöhnlich wisst Ihr genau, was Ihr wollt, wenn Ihr Euch um nützliche Spielfiguren… bemüht.«

Sie verstand den Vorwurf. In all seiner Lächerlichkeit. »Und das von einem Mann, der einer gesamten Besatzung seinen Willen aufgezwungen hat.« Delfy schnaubte. »Themis hat uns aus freien Stücken hergebracht.«

Janus lachte.

Zum ersten Mal. Sie hatte ihn noch nie lachen hören. Ein seltsames Geräusch, nicht bösartig, aber unendlich abstoßend.

»Was ist so komisch?«

»Niemand ist frei, kleine Prinzessin. Wir können nicht aus den Kernwelten, ja, aber vor allem… Können wir nicht aus unserer eigenen Haut. Wir sind alle in irgendetwas eingesperrt. Und der beste Käfig ist der, den man nicht sieht.«

»Ihr verliert den Verstand.«

»Mit der Zeit, gewiss. Solltet Ihr auch einmal versuchen.« Janus kicherte. »Ein Gefängnis weniger.«

Weil die offenen Liftsäulen der Brücke nicht funktionierten, kletterte Delfy die Leiter daneben hinauf, zur mittleren Ebene. Als sie sich von den Stufen abstieß, erwartete sie einen Angriff – aber Janus war nicht diese Art von Feind. Er war schlimmer. Es wäre alles einfacher gewesen, wenn Ihr mit der Stargazer gestorben wärt…

Sie zündete ihre Lichtklinge. »Ich habe Euch nie gesagt, wie sehr ich Euch hasse.«

»Nein. Habt Ihr nicht. Ihr wart sehr damit beschäftigt, Euren Vater zu hassen.« Janus machte eine Pause. »Verzeiht einem Toten seine Neugier: Warum?«

»Weil mein Vater…« Sie brach ab. Das war die letzte Frage, die Delfy erwartet hatte. »Ihr selbst habt es immer wieder gesagt: Er sammelt zu viel Macht um sich. Er darf nicht hinterfragt werden; er kontrolliert alle, die…«

»Er ist der König, ja. Es fiel mir auf.« Janus schien auf eine bessere Antwort zu warten. Als er keine bekam, fragte er: »Ihr seht es wirklich nicht, oder?«

»Was?«

Janus zischte unzufrieden. »Daphan Valueen ist 112 Jahre alt. Seine Söhne sind tot. Und seine einzige Tochter geht über Leichen, um ein Geisterschiff zu finden, das möglicherweise die Kernwelten verlassen kann, wo es möglicherweise Verbündete gibt, mit denen die Prinzessin zurückkehren möchte, um einen Bürgerkrieg auszulösen und ihren eigenen Vater zu töten,…«

Er seufzte. »… dessen Thron sie in ein paar Jahren von ganz allein erben würde. Um noch am gleichen Tag alles wahrzumachen, dass sie jemals für ihr Volk gewollt hat. Oder geglaubt hat, für ihr Volk zu wollen.«

Delfy starrte ins Leere. Tausende von Erwiderungen und Erklärungen jagten ihr durch den Kopf, eine offensichtlicher als die andere – aber keine einzige bekam sie zu fassen. Ebenso wenig wie sie Janus finden konnte, obwohl er überall zu sein schien.

»Nein«, sagte sie, träge wie ein Idiot. »Ihr versteht nicht.«

»Erklärt es mir. Warum, Prinzessin? Warum habt Ihr diese ganze Geschichte in Gang gesetzt? Warum nicht einfach warten?«

Delfy suchte verzweifelt nach Worten. Wie erklärte sie etwas derart Offensichtliches? Wie erklärte sie, warum Eins und Eins verdammt nochmal Zwei ergab? »Das hier…« Sie presste die Lippen zusammen. »Soll so sein. Das hier muss genau so passieren.«

»So wie Altairs Tod?«

Erst als die Kontrollkonsole in einem Blitzfeuerwerk aufging, begriff Delfy, dass sie geschossen hatte. Die Ebene war für einen Herzschlag hell erleuchtet – aber der Lord der Schatten schien nie hier gewesen zu sein.

»Ein einziges Wort noch, alter Mann, ein einziges Wort über Altair…!«

Es kamen keine Worte. Über irgendetwas.

Delfy ging ein paar Schritte. »Ich weiß, was ich tue.«

»Ihr wisst nichts. Delfy.« Janus‘ Stimme hatte alles Lehrerhafte verloren. Seine Worte kamen beißend, und wie ein Gewitter. »Ihr wisst nichts über die Cloudrun. Nichts über die Galaxis jenseits des Kerns. Nichts über die Vermillion Flotte und nichts über Euren Vater.« Wieder dieses verdammte Seufzen. »Aber Ihr seid Euch so sicher. Nicht wahr? So schrecklich sicher.«

Unten. Er hatte es geschafft, nach unten zu kommen.

Delfy lief nach rechts, sprang über den Rand der Ebene und landete auf dem Aufweg zur Captainsplattform. Die Lichtklinge erhoben rannte sie auf die Haupttür zu. Auf Höhe von Themis blieb sie stehen. Ein Trick. Ich soll glauben, er wäre von der Brücke geflohen.

»Wann habt Ihr das letzte Mal Angst gehabt?«, fragte Janus. »Wann habt Ihr das letzte Mal gezweifelt?« Und dann, als fürchtete er die Antwort: »Wann geweint?«

»Ich…«

»Wann zuletzt? Vor neun Jahren? Im Zerschnittenen Saal?«

Zur Hölle mit ihm. »Als Ihr mich aufgegeben habt. Ja.«

»Ich wünschte, das hätte ich.« Janus holte tief Luft. »Tötet Leander.«

Delfy wirbelte herum und stieß Themis die Lichtklinge in den Bauch.

Sie zog sie heraus und starrte auf den Sterbenden. Auf ihre Hände. Eine Täuschung. Nur eine Täuschung, Janus‘ Kräfte hatten ihren Verstand schließlich doch erreicht, ließen sie Dinge sehen, die nicht passierten, oder passierte das hier, passierte es wirklich?

Sie griff nach Themis‘ Messer und schnitt sich über den Oberarm.

Die Wunde blutete.

Delfy sank auf die Knie. Sie war ein Mensch. Kein Droide. Sie war Delfy Valueen. Aber warum hatte sie…?

Falens Geist stieg aus den Tiefen des Schiffes auf. Er lachte, von jeder Furcht befreit. Sie sagen, Janus hat die überlebenden Feinde umgedreht, kam das Echo. Hat sie neu programmiert, als wären sie Droiden.

Janus saß auf einmal neben ihr.

Unfähig sich zu bewegen, blieb Delfy nicht mehr als die Frage eines zerbrochenen Kindes: »Was habt Ihr mit mir gemacht?«

Janus war zusammengesunken, den Gehstock quer über die Beine gelegt, den Blick auf den Sterbenden gerichtet.

Der Anblick eines sitzenden Janus war noch surrealer als sein Lachen. Janus hatte immer gestanden. Und hatte auf sie herabgeblickt. Seit sie zurückdenken konnte. Seit ihr Vater ihr gesagt hatte, dass der schreckliche, dürre Mann nun ihr Lehrer werden würde, lange vor dem Zwischenfall, lange bevor sie verlernt hatte, sich zu fürchten…

Verlernt…

»Als ich dich gefunden habe«, sagte Janus, »im Zerschnittenen Saal, neben Altair und deiner Mutter… Hast du mich angesehen und…« Seine faltige Hand berührte sie an der Wange. »Ich habe mir geschworen, dass du nie wieder Angst haben würdest. Ich hab‘ sie dir genommen. Ich hab‘ dich… Wieder heil gemacht. Stärker. So stark, dass nichts dich jemals brechen kann.«

»In meinen fast 900 Jahren hier, Delfy, habe ich alles sterben sehen, das ich je gekannt habe. Meine Töchter. Meine Frau. Meine Welt. Meine Zeit. Ich habe sogar den Tod von Sternen gesehen. Gegen das Große Dunkel sind wir nichts. Wenn es wirklich will, kann es jeden von uns zerstören.« Er biss die Zähne zusammen, den Mund umrahmt von wütenden Falten. »Dich nicht. Sagte ich mir. Dich würde es nie bekommen.« Zitternd sah er nach oben und der Gehstock rollte von ihm herab, als er die Sterne um Vergebung anzuflehen schien. »Denn ich würde dich so stark machen, dass Du sogar das Ende dieser Galaxis überlebst. Du würdest einen Weg finden. Und tun, was immer nötig ist.«

Er sah sie an. Erschrocken. »Du bist nicht echt«, sagte er, als hätte er es erst in diesem Moment erkannt. »Delfy Valueen ist seit neun Jahren tot. Du bist eine künstliche Person. Kaum mehr als ein Charakter… Aus einem Holodrama.«

Janus erhob sich. »Themis, und die Crew, und der abstürzende Turbolift… Ich wollte, dass du deine Programmierung überwindest. In einer unlösbaren Situation. Ich wollte dich brechen, wie du One gebrochen hast, damit du frei sein würdest. Ich wollte es alles wieder gut machen.« Er senkte den Kopf. »Und ich habe zum zweiten Mal versagt.«

Er nahm seinen Gehstab und fingerte gedankenverloren über den Griff. »Der Schwur, den ich deinem Vater geleistet habe, gilt für seine gesamte Familie. Ich könnte dich genau so wenig verletzen, wie One es konnte. Du bist die Einzige hier, der es erlaubt ist und die es sich selbst erlaubt… Zu töten.«

Damit reichte er ihr den Stab. »Schlag zu.«

Delfy packte den Stab, war plötzlich auf den Beinen, und schlug Janus zu Boden.

Er stand auf.

Wieder schlug sie zu. Trat hinterher.

Seine Augen flackerten, als er den Fall in die Bewusstlosigkeit begann. Dann war er fort. Genau wie Themis. Und One.

Delfy atmete aus und drehte sich zum Fenster um.

Der Brückenturm der Cloudrun kam auf sie zu. Grünes Licht sickerte aus dem Hangar, dem sie langsam entgegen fielen, im unsichtbaren Griff des Geisterschiffs.

Sie hatte gewonnen.

Delfy ging zurück zu Themis. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, löste seine rechte Hand aus einem Kabelknoten, dann die andere, und ließ ihn vorsichtig zu Boden sinken. So unsinnig das bei einem Toten auch sein mochte.

Sie stand über ihm. Die Arme verschränkt, trommelte sie mit den Fingern gegen die Laserpacks. One schlief und würde nichts mitangesehen haben. Delfy würde Janus für den Tod von Themis und Falen verantwortlich machen und die Piraten in einen Rachekrieg stürzen. Sie hatte gewonnen. Es hätte nicht besser laufen können.

Der Turm schien kaum näher zu sein, als noch vor einem Moment.

Sie ging zu Janus.

Zurück zu Themis. Wir haben gewonnen.

Wieder zu Janus.

Dann zum Eingang der Brücke: Würde die Crew nicht bald hier sein? Nein. Nicht im Lockdown.

Sie ging zu Themis.

Bis zum Turm waren es noch immer Minuten. Aber sie hatte gewonnen.

Sie ging zu Janus.

Sah sich um.

»One?«

Niemand. Aber sie hatte gewonnen.

Sie kam zu einer Konsolenreihe. Zu der Lücke zwischen zwei Konsolen, wo sie mit der Hand ein wenig Schmutz beiseite wischte, und sich niederließ. Dort blieb sie, eingeklemmt, mit dem kühlen Metall an ihren Armen, in einer unbedeutenden Ecke, irgendwo in den Schatten.

Die Cloudrun verschlang endlich die Brücke.

Gewonnen.

Delfy Valueen stand auf und wischte sich über die trockenen Augen.

Fortsetzung folgt…