1.07 Skywalking


Ben

Die Leiche hatte mehr Löcher, als es Sterne in der Galaxis gab, und alles Blut war durch sie hinausgeflossen. Wie durch ein Sieb. Als hätte der Mann das Blut ausgeschwitzt. Und nun hatte das Gesicht des Toten den gleichen Grauton angenommen wie das von Lady Siena Kali.

»Bist du zufrieden?«, fragte sie leise. »Mit deiner Arbeit?«

Ben nahm zwei Finger und zwängte das rechte Auge auf.

Darunter wartete milchiges Weiß. Vom linken Auge war noch weniger übrig.

»Nein.« Er ließ den Kopf des Mannes in der Blutpfütze aufschlagen. »Das hier war ich nicht. Ich hab‘ nur das Ding gerufen, das sie getötet hat.«

»Und macht das einen Unterschied?«

Ben stand auf. Er schüttelte seine Hände und Blut spritzte in alle Richtungen. Er wischte sich die Handflächen an der Hose ab. Nicht an der Jacke. Die Jacke war von Avary. Hatte seinem Sohn gehören sollen. Von Avary, für Ben.

»Das Monster war wegen mir hier«, sagte er. »Und ich wegen Ihnen. Das hier wär‘ nicht passiert, wenn Sie mich nicht hergebracht hätten. Die wären alle noch am Leben, Ihre Leute.«

Kali sagte nichts. Getrocknetes Blut ließ ihre weißen Haare zusammenkleben. Ihre Lippen waren aufgeplatzt und aus den Wunden an ihrem Hals war Blut auf die Uniform getropft. Ihre Hände hatte Ben mit Energiefesseln hinter den Rücken gebunden. Aber sie folgte ihm durch die Korridore ihres verlassenen Schiffes mit einer Ruhe und einer Würde, die ihn rasend machten, wenn er sie zu lange ansah.

Eines ihrer Schiffe war zerstört, ihre Crew tot, sie selbst in Bens Gefangenschaft – und trotzdem schien sie eher interessiert als ängstlich. Als wäre er eine Art Versuchsobjekt und würde noch immer in dem Kraftfeld hängen. Dabei hatte Ben ihr Leben in der Hand. Er war jetzt der Meister. Nicht umgekehrt.

Er öffnete eine weitere Drucktür.

Unmittelbar hinter der Schwelle lag eine Leiche: eine junge Frau in blauer Uniform, die erstarrten Hände um den Hals geklammert. Ein paar Meter dahinter hatte sich ein zweiter Toter zusammengerollt. Aus der Entfernung waren keine Verletzungen zu sehen.

Ben erinnerte sich an den Tag, an dem Navvo ihm Zutritt zur Leichenkammer einer Dejarikhalle verschafft hatte. »Der Mann, der diese Sklaven getötet hat«, hatte Navvo gesagt, »wird dein nächster Gegner. Sieh‘ dir genau an, was er mit ihnen gemacht hat. Und lass dir ne Verteidigung einfallen. Sonst liegst du morgen abend auch hier unten. Du willst leben? Dann lerne.«

Ben wollte leben. Also ging er auch vor diesem Toten auf die Knie, schob die Beine von dessen Bauch weg und tastete prüfend den Brustkorb ab.

Die Rippen waren nach innen gedrückt. Eine von ihnen brach bei Bens Berührung. Der rechte Arm hatte jede Festigkeit verloren. Die Knochen darin waren in tausende Einzelteile zersplittert.

Damals, vor dem Kampf, der ihn zum Trickser gemacht hatte, war Ben in der Leichenhalle den Spuren eines Künstlers gefolgt. Von Kunstwerk zu Kunstwerk. Er war zum Schüler geworden, um seinen Meister am Tag darauf zu erschlagen. Er hatte gelernt und er hatte überlebt.

Aber alles, was die Opfer des Monsters ihn lehrten, war Angst.

Das Monster hatte keine Technik, keine Vorlieben und vor allem keine Grenzen. Keine zwei Personen hatte es auf die gleiche Art getötet.

Navvos Strategien schützten ihn nicht vor einem Feind wie diesem.

Avarys Regeln hatten das getan. Jahrelang. Bis Ben sie bei seiner Flucht gebrochen hatte. Bleib auf den Splitterwelten, hatte Avary gesagt, denn dort unten war Ben nie gezwungen gewesen, das Monster so tief in diese Welt einzulassen. Aber Ben konnte nicht bleiben. Sein Platz war nicht im Dreck, das hatte er immer gewusst. Die Sterne riefen nach ihm und er würde endlich folgen.

»Du denkst natürlich«, sagte Kali, »du wüsstest was du tust. Und dass du es unter Kontrolle hättest. Aber was es mit mit meiner Crew getan hat… Das war seine Wahl, nicht deine. Es hat mit ihnen gespielt. Hat experimentiert. Du konntest uns beide vor dem Monster schützen, ja, aber das war es auch schon.«

Ben drehte sich nicht um. »Und? Was heißt das?«

»Macht ohne Kontrolle, Ben, ist keine Macht.«

»Niemand kontrolliert das Monster. Nicht mal Janus. Das wette ich.«

»Was du mit dem Monster getan hast, hätte noch sehr viel schlimmer enden können. Auch die besten meiner Gardisten borgen sich nur einen winzigen Teil seiner Kräfte. Selbst Naeton Anor persönlich wagt es kaum, den natürlichen Fluss wirklich zu stören. Die Midi der Splitterwelten folgen sehr strengen Regeln.«

Ben warf ihr einen Schulterblick zu. Lächelte. »Aber ich nicht.«

»Dann darf ich nicht zulassen, dass du dieses System verlässt.«

Er kam zum Stehen und funkelte die Kommandantin an. »Zulassen? Ist mir doch egal, was Sie zulassen möchten und was nicht! Ich war lange genug da unten. Ich war lange genug ein…« Er sprach das Wort nicht aus. »Ich hab‘ mehr verdient als das.«

»Und was wäre das? Die Arcadia? Oder gleich die Schlüssel zur Vermillion-Flotte? Dazu den Titel des Großmeisters aller Midi?«

Ben hätte sie gegen die Wand geschleudert, hätte sie nicht mit allem Recht gehabt, was das Monster anging. Wenn er dessen Kräfte unnötig nutzte, und schon so früh wieder, dann würde seine Flucht hier und jetzt enden.

»Die Tür«, sagte er also und trat beiseite.

Kali deutete eine Verbeugung an, ehe sie ihre Finger über die Tasten des Panels fliegen ließ. Die Drucktür entsiegelte sich und verschwand zu beiden Seiten in der Wand. Ben hatte Wachen erwartet, noch mehr Tote, aber hier gab es keine. Nur einen metallischen Quader, im Zentrum eines ansonsten leeren Raumes.

»Was ist das?«, fragte Ben.

»Karbonit.«

Das Wort sagte Ben nichts. Aber er wusste, dass sich in diesem Block eine Person befinden musste. Ikaia hatte den Gefangenen gespürt, als sie in der Macht jedes Lebewesen auf dem Schiff erfasst hatte. Doch dieser war kaum wirklich da gewesen, zu weit entfernt, als dass das Monster ihn hätte erreichen können.

Ben fragte sich, ob ein solches Gefängnis auch ihn selbst vor dem Monster schützen konnte. Und ob er jemals so verzweifelt sein würde, sich dort einsperren zu lassen.

Nein. Nein, ganz bestimmt nicht.

»Ich möchte stark davon abraten«, sagte Kali, »sie oder ihn zu befreien.«

»Sie oder ihn? Das hier ist Ihr Schiff. Sie wissen genau, wer da drin ist.«

Kali lächelte bedauernd. »Mein Schiff. Janus‘ Mission. Janus‘ Gefangener. Und die Hand neigt nicht dazu, ihre Geheimnisse zu teilen. Er hat mir über unseren Gast nicht mehr erzählt als über dich. Meine Neugier hat dich an Bord gebracht. Mache nicht den gleichen Fehler, indem du das Karbonit öffnest.«

Kali wusste nichts über den Gefangenen? Ben wollte das nicht glauben, tat es aber trotzdem. So wenig er auch über das Valueen Königreich wusste, dass die Lords und Ladys des Zwölferrats nicht gerade Freunde waren, das erzählte man sich auch unten in den Splitterwelten. »Wollte der König so«, hatte Ben einmal jemanden sagen hören, »damit die sich nicht gegen ihn stellen. Als würden die‘s wagen. Nach allem, was er mit dem letzten Rat gemacht hat.«

»Taut ihn auf«, sagte Ben trotzdem. »Oder sie.«

Kali sah ihn nur entschuldigend an. »Wenn ich raten müsste, würde ich auf Andor Hokulani setzen. Janus jagt ihn schon seit Jahren. Ein Pilot wie Hokulani wäre dir natürlich eine große Hilfe – aber der gefährlichste Kopfgeldjäger aller Zeiten wird keine Befehle von einem kleinen Jungen annehmen.«

»Wenn ich ihn befreie, dann ist er mir dankbar, oder?«

»Gewiss. Vielleicht schließt er deine Augen, nachdem er dir den Kopf abgeschlagen hat. Vielleicht ist Hokulani auch gar nicht hier drin. Der Punkt ist: Wenn du den Gefangenen befreist, bringst du ein unberechenbares Element in eine Situation, die du schon jetzt nicht unter Kontrolle hast.« Sie legte den Kopf schief. »Weißt du, was die Restwelten zusammenhält? Und uns alle am Leben?«

»Was?«, fauchte Ben.

»Mauern und Käfige. Manche Welten dürften sich niemals berühren. Manche Kräfte gehören ausgesperrt. Und manche Geschöpfe gefangen.«

»Ich. Nicht.«

»Wenn du wirklich entkommen willst, dann lass mich dir trotzdem noch einen Ratschlag geben.« Kali lächelte. »Vielleicht möchtest du das Schiff demnächst in Bewegung setzen. Wir hängen tot im Raum, direkt neben einem Trümmerfeld. Die Dauntless wird bereits auf dem Weg zu uns sein.«

Ben zuckte zusammen. »Die Dauntless? Was…?«

»Meine verbliebene Korvette. Stationiert beim Sprungschiff, am Rande des Systems. Sie wird sich fragen, wer oder was die Stargazer zerstört hat. Das Schiff der Prinzessin.« Sie erklärte all das in einem Ton, in dem Mütter mit sehr dummen Kindern sprachen.

Bens Herzschlag beschleunigte sich. Er hatte einen Fehler gemacht. Im Dejarik gab es nur das Spielbrett, und außerhalb dieses Kriegszirkels gab es nichts. Deshalb hatte Ben das halbe Schiff durchquert, um den Gefangenen zu sehen und ihn entweder für sich zu gewinnen, oder auszuschalten. Aber die Dinge waren viel komplizierter. Weil das Spielbrett über die Grenzen des Schiffes hinausreichte und das ganze Sternensystem einschloss, vielleicht die gesamten Restwelten. Ben hatte plötzlich etliche Mitspieler und keinen einzigen konnte er von hier aus sehen.

Eine königliche Korvette war am Rande der Splitterwelten explodiert. Neben Kalis verbliebenem Schiff würden sich auch die Banden und Gruppierungen der Asteroiden dafür interessieren, vielleicht sogar die Sirenen.

»Sobald die Dauntless hier ist«, fuhr Kali gelassen fort, »werden sie vergeblich meinen toten Kom-Offizier anfunken. Das tun sie vielleicht eine Minute lang. Ab der zweiten Minute starten sie die Scans. Ab der dritten macht sich ein Aufklärungstrupp bereit. Zwölf Gardisten. Sie landen entweder unter uns im Jäger-Hangar oder auf einer der zwei Plattformen auf Höhe von Deck 3. Sobald Sie die erste Leiche sehen, werden Sie ein zweites Team schicken, sowie zwei Dutzend ihrer Jagdmaschinen zurück zum Sprungschiff senden, um …«

»Ich hab‘s verstanden«, fuhr Ben dazwischen, während sich seine Gedanken überschlugen. »Sie verhindern das, okay? Jeder einzelne Gardist, der zu uns an Bord kommt, wird sterben.«

»Die ersten zwölf? Gewiss. Die nächsten 24? Vermutlich. Die folgenden 48, verstärkt durch vier Gardisten der Azura Phalanx?« Kali lächelte sanft. »Ich glaube nicht, dass du das kannst Ben. Was du mit dieser Crew getan hast, konntest du dank der Twi‘lek. Und die ist dabei gestorben.«

Sie hatte Recht. Und wie sie das hatte. Aber jetzt fiel Ben ein, was er von Anfang an hätte vorschlagen sollen: »Wenn Sie ihre Leute nicht zurückpfeifen«, er scheuchte alle Angst aus seiner Stimme, »dann bringe ich Sie um.«

Sie hob die Augenbrauen. Natürlich hatte sie nichts anderes erwartet.

Ben deutete auf das Gerät an Kalis Unterarm, über das sie vor einer Weile mit dem Außentrupp gesprochen hatte. »Sagen Sie denen, es ist alles unter Kontrolle. Und dass Sie… Sagen Sie denen, was die hören müssen, um wegzufliegen.«

Jetzt erst nickte Kali wie eine Dienerin, aber Ben erkannte den Spott darin. »Ich könnte ihnen befehlen, uns zu vergessen und das Sprungschiff zu beschützen. Vor weiteren Angriffen der Vermillion Piraten. Wäre dir damit geholfen?«

»Ja.« Glaubte er wenigstens.

»Mein Kom-Offizier ist tot, damit ist mein persönliches Komlink nutzlos. Wir sollten besser auf der Brücke sein, ehe die Dauntless in Funkreichweite ist.«

Und natürlich hätten sie schon längst auf dem Weg sein können. Aber Kali bremste ihn, wo sie nur konnte.

Ben hatte einmal auf einem Asteroiden gekämpft, nach dessen Regeln beide Spieler getötet wurden, sollte nach einer bestimmten Zeit noch kein Sieger feststehen. Als ein toydarianischer Meisterschütze verstanden hatte, dass er gegen Ben nicht gewinnen konnte, hatte er auf Zeit gespielt, damit sie beide starben. Kali versuchte jetzt das Gleiche. Vielleicht hoffte sie sogar, Ben zu überleben. Aber das würde nicht passieren.