1.08 Here Be Dragons


Themis

Vermillion-Rot.

Wie glatter Stoff lag es auf seiner Haut, über seinem Gesicht, über seinen Augen. Berührte seine Lippen, als er zum ersten Mal wieder atmete. Schlang sich um seine Arme, als er sie nach oben streckte, als er mit dem Oberkörper hochkam, umgeben von Rot – bis er den Stoff zur Seite riss und nach Luft schnappte.

Sitzende Gestalten. Ihre verschwommenen Gesichter im violetten Halblicht erstarrt. Hinter ihnen mehrere Kontrollkonsolen. Dann die hohen Seitenwände der Kommandobrücke. Und schließlich eine sternenlose Dunkelheit.

Er hob den rechten Arm und betrachtete in die geöffnete Hand. Sein Blick glitt nach unten, auf ein Loch in der roten Weste. Ein Brandloch, das eine verkrustete Wunde umrahmte. Daneben klaffte ein zweites, doch die Haut darin schien unversehrt. Er fuhr mit der Hand darüber. Die Haut war weich. Und viel heller als die auf seiner Hand.

Er schaute hoch.

Raleigh saß vor ihm. Die massigen Arme auf die gespreizten Knie gelegt, die Tech-Augenklappe hochgeschoben über die kurzrasierten schwarzen Haare. Der breite Mund stand offen.

Er bewegte den Kopf.

Laren hatte die Augen weit aufgerissen. Unter ihnen schimmerten halb-getrocknete Tränen.

War ich bewusstlos…?

Jorelle war im Aufstehen erstarrt und hatte die Haltung eines sprungbereiten Raubtiers eingenommen.

Was ist passiert?

Niemand brach die Stille. Raleighs Blick hing an Themis‘ Weste. Und den zwei Löchern darin.

Was ist passiert?, wollte Themis fragen, aber erst beim zweiten Versuch gehorchte seine Stimme. »Was ist passiert?« Er schaute auf das matt glänzende Tuch. »Was ist das hier?«

Raleigh lächelte, und Themis klammerte sich daran fest. An das Versprechen, dass alles gut war. »Du lebst«, sagte Raleigh. »Du lebst, Junge.«

Themis nickte unbeholfen.

»Das Vermillion-Rot«, sagte eine Stimme. »Die Farbe unserer Heimat. Sie hat ihn zurückgeholt.«

Themis drehte sich um.

Hinter ihm saß noch eine vierte Person. Shedu Maad, der rote Priester, hatte das weggestoßene Tuch aufgenommen und hielt es mit beiden Händen vor sich, halb wie ein Beweisstück, halb wie eine Reliquie. Shedu war der unheimlichste Mensch, den Themis kannte. Nach Janus.

Janus…

Die Bilder kehrten zurück. Delfys sorgloses Lächeln, vor ihm im Turbolift. Ihr gemeinsames Dinner, an dessen Ende Themis allein in der Dunkelheit gestanden hatte. Dann One, wie er dem Feind die Tür geöffnet hatte. Die Cloudrun im Fenster der Brücke. »Ihr habt uns alle umgebracht«, hatte Janus gesagt. Und mit dem Laserschuss endeten alle Bilder.

»Janus!« Themis versuchte aufzustehen, aber seine Beine hatten alle Kraft verloren. »Lord Janus ist auf dem Schiff!«

Jorelle eilte vor und packte ihn am rechten Oberarm. Auf der anderen Seite kam Raleigh dazu. »Es ist okay.« Die sonst so laute Stimme klang sanft und beruhigend. »Gefahr is‘ vorbei, Junge. Sind durch‘n Sturm durch. Für‘s Erste.«

»Lasst mich…« Themis schob die Hände von sich fort. Er kam wieder ins Taumeln, ohne jedoch zu fallen. Dankbar lehnte er sich an eine Konsole. Er war ihr Captain. Der Sohn von Avary Leander. Er musste stark sein. »Es geht mir gut. Gerüchte über meinen Tod…« Er atmete keuchend ein. »Komplett übertrieben…«

Aber das rote Tuch lag noch immer dort.

Ein Leichentuch. Hatten sie… Hatten sie ihn wirklich… Glaubten sie wirklich… Hatte es wirklich so ausgesehen, als ob… Oder… Oder war er etwa…

Seine Sicht verschwamm und sein Atem ging schwerer. Seine Hände fuhren wieder zu den zwei Wunden, nein, zu der einen Wunde, denn die andere war keine, war verheilt, als ob…

»Was ist passiert?« Er rief seine Gedanken beisammen. »Das Schiff… Wo sind wir aus dem Hyperraum gefallen?«

»Anfang der Metellos-Route.« Raleigh nahm die Augenblende und fingerte abwesend daran herum. »Eigentlich nur‘n paar Stunden von den Splitterwelten weg, aber… Wir ham keine Karten von dieser Ecke, völlig unbekanntes Gebiet und…«

One. Themis wollte schon nach ihm fragen, One könne ihnen doch bestimmt helfen, One würde doch wissen, ob… Aber nein. One hatte Janus die verdammte Tür geöffnet. »Etwas stimmt nicht mit One«, sagte er »Wir müssen ihn irgendwie… One? Kannst du mich hören?« Er konnte nicht glauben, dass der Droide sich gegen ihn gestellt hatte. Trotzdem rief er nach seinem alten Freund wie nach einem Fremden. Warum hast du das nur getan?

Laren suchte zum ersten Mal wieder seinen Blick. »Er ist abgeschaltet«, raunte sie und schaute hilfesuchend zu Raleigh hinüber.

Der massige Chefingenieur nickte. »Kann nicht sagen warum. Aber One hat auf Lord Janus gehört, plötzlich, also… Würd‘ ich denken, die Prinzessin hat ihm deshalb den Saft abgedreht.«

Themis zwang sich zur Ruhe. Deaktiviert, also. Gut. Sie würden sich in Ruhe darum kümmern. Alles aufklären. Eine Fehlfunktion vielleicht, oder ein durchgeknallter Schaltkreis, die Metellos-Route war unendlich schwer zu befliegen, One hatte das gewusst, aber der Droide war so sicher gewesen, One war immer so verdammt sicher, und jetzt…

»Lord Janus.« Themis schluckte. »Wo ist er jetzt?«

Diesmal antwortete Jorelle. »In den Toten Gemächern. Captain. Ich habe zehn meiner Leute als Bewacher postiert, rund herum.«

»Mehr«, sagte Themis. »Verdoppeln. Zwanzig. Noch mehr, wenn du hast.«

»Captain, wenn er zehn von uns überwindet, schafft er auch zwanzig. Ich kann Leute abzweigen, wenn du willst. Aber so wie es um die Arcadia steht…«

Themis nickte eilig. Sie hatte Recht. Und er führte sich auf wie ein ängstliches Kind. »Schon gut. Zehn reichen.«

Jorelle kommandierte 50 ausgebildete Soldaten, lächerlich wenig für das Kronschiff der Flotte, aber Themis missfiel der Gedanke, für eintausend Menschen verantwortlich zu sein. Um Frachtschiffe zu entern oder einen kleinen Schmugglerstützpunkt zu überfallen, brauchte man nicht mehr. Außerdem wollte Themis keine Armee von Fremden an Bord haben. Lieber eine kleine Crew aus Leuten, denen er wirklich vertrauen konnte.

Eine Tradition der Vermillion Flotte sah vor, dass jede Flaggschiff-Familie einen Sohn oder eine Tochter zum Dienst auf der Arcadia schickte. Aber den Thane-Schwestern traute Themis nicht über den Weg, ebenso wenig wie Alaric Fel, der ihn ohnehin für unwürdig hielt. Die einzigen Captainskinder, die unter Themis dienten, waren Jorelle und Falen. Sowohl Ithila Farwynd als auch Harravan Khal hatten ihn gebeten, weitere Soldaten anzunehmen – doch Themis hatte abgelehnt.

Nun bereute er das. Vielleicht genügte es, die jetzigen zweihundert Crewmitglieder in Gefahr gebracht zu haben. Trotzdem bereute er es. Genau wie alles andere. Ich hätte uns niemals hierher fliegen lassen dürfen…

»Um dich auf‘n neusten Stand zu bringen«, brummte Raleigh und verschränkte seine kräftigen Arme. »Janus hat irgendeinen Midi-Scheiß gemacht, mit…« Er zog eine Grimasse. »Mit uns. Irgendeine Zauberei. Wir ham alles stehen und liegen lassen und sind wie Bekloppte durchs Schiff gerannt.«

Midi-Scheiß. Themis lief ein Schauer über den Rücken. Er kannte die Geschichten über Janus. Und wenn auch nur ein Quäntchen davon der Wahrheit entsprach, konnten sie alle von Glück sagen, noch bei Verstand zu sein. Ob das so blieb, hing davon ab, dass an den Geschichten über die Toten Gemächer ebenfalls etwas dran war. Mance hatte es ihm versichert, aber Mance war bestenfalls ein Halb-Midi und würde es vielleicht gar nicht merken, wenn man ihn von der Macht abschnitt.

»Ich hab‘ erst geblickt, was passiert, als es schon aufgehört hat. Aber wisst ihr, was Jojen gemacht hat?« Raleigh grinste. »Der clevere alte Greis hat sich in sein Quartier gesperrt. Tür zu und die Konsole kurzgeschlossen. Kaum, dass er wusste, was los ist.« Er warf Laren einen aufmunternden Blick zu. »Guter Mann, dein Opa.«

Sie nickte zaghaft. »Ich weiß.«

Laren war die beste Technikerin an Bord, nur von Raleigh selbst übertroffen, der ihr die Erfahrung von mehreren Jahrzehnten voraus hatte. Nachdem Larens Eltern beim Zwischenfall getötet worden waren, hatte Raleigh sie unter seine Fittiche genommen – genau wie einen zehnjährigen Waisenjungen.

»Miku«, fragte Themis. »Ist Miku okay?«

Raleighs Augen funkelten. »Klar.«

Themis war nicht sicher, was er meinte. Aber für Details hatten sie keine Zeit. »Was ist mit Delfy? Wo ist die Prinzessin?«

Raleigh schaute unbehaglich. »Draußen«, murmelte er. Und alle Augen wanderten zu den großen Panoramafenstern.

Themis hatte angenommen, dass sie sich in sternenlosem Weltraum befanden. Tatsächlich aber ließ sich hinter den Fenstern ein Raum erahnen, dunkel zwar, aber definitiv nicht das offene All. Sie waren… In einem Hangar? Groß genug für die Arcadia?

Themis sank das Herz. Die Cloudrun.

Bitte nicht…

»Ein Superschlachtschiff«, sagte Jorelle, die nur darauf gewartet zu haben schien, dass man es Themis endlich offenbarte. »Es hat uns aus dem Hyperraum gerissen und in einen seiner Hangars gezogen, mit einer Art Traktorstrahl.«

»Ein Prototyp«, erklärte Shedu Maad. »Ein neues Schreckgespenst von Daphan Valueen. Die Metellos-Route ist abgelegen wie keine andere, und dieser Nebel hier tut sein Übriges, um das Schiff zu verstecken.«

»Verstecken?« In Raleighs Stimme lag düstere Heiterkeit. »Gib‘ dich nur deinen Illusionen hin, aber die müssen nix mehr vor uns verstecken. Genau so wenig wie sie so ein Schiff brauchen. Wir haben den Krieg verloren.«

»Also was dann?« Shedu kam durch den Widerstand sichtlich in Rage. »Die Black Sun

»Ah…« Laren hob zögerlich die Hand. »Das Schiff hat uns aus dem Hyperraum gerissen. Und wir…« Sie biss sich auf die Lippen. »Wir wissen doch alle, was das heißt, oder? Masseschatten-Technologie ist verboten. Seit dem Krieg. Die Black Sun hätte kein Interesse daran, den Hyperraum noch weiter zu schädigen. Das Königreich vielleicht, aber…«

»Ich kenne die Armada«, sagte eine Stimme. »Selbst wenn die von Blau auf Grün umgestiegen wären… Das Design wäre noch immer völlig anders. Dieses Schiff ist keins von Valueens.« Argon, der Besitzer der Stimme, trat in das Licht der Brückenmitte und lehnte sich beiläufig gegen eine Radartafel.

Themis wollte ihnen die Wahrheit sagen. Dass sie im Bauch der Cloudrun steckten, dass er gehofft hatte, auf dieses Schiff zu stoßen… Aber er schwieg. Wenn seine Crew erfuhr, dass diese ganze Situation seine Schuld war…

Ihm wurde übel.

Sein Vater blickte enttäuscht auf ihn herab.

»Haben die uns schon gerufen?«, fragte Themis halbherzig, obwohl er wusste, dass es keine Crew gab. Zumindest hoffte er, dass zu wissen. »Irgendwelche Signale, Anzeichen…?«

Raleigh fischte ein Komlink aus seiner Seitentasche, klappte es auf und hielt es der Gruppe entgegen. Zuerst war nichts zu hören. Mit dem Daumen schaltete Raleigh die Lautstärke hoch. Die Statik wurde lauter, aber darin versteckte sich etwas, ein…

Flüstern.

Themis lief ein Schauer über den Rücken.

Worte ließen sich nicht ausmachen, auch keine einzelnen Stimmen. Aber es war Sprache, ohne Zweifel. Und es kam von der Cloudrun.

»Was immer das is‘«, sagte Raleigh und klappte das Komlink endlich wieder zu. »Es überdeckt alle Kanäle. Wir kommen nich‘ zu Delfy durch. Nichtmal zum Maschinenraum.«

»Wir sind eine gute halbe Stunde hier drin«, sagte Jorelle. »Und niemand hat mit uns Kontakt aufgenommen. Vielleicht gibt es überhaupt keine Crew mehr?«

»Masseschatten und Traktorstrahl könnten Schutzmechanismen sein«, stimmte Laren ihr zu. »Komplett automatisch. Vielleicht ist dieses Schiff seit dem Krieg hier.«

Nein, wusste Themis. Es ist hier, weil es uns hier treffen wollte. Ich bin Delfy blind in eine Falle gefolgt.

Raleigh nickte. »Nur wissen wir immer noch nich‘, wer‘s gebaut hat.«

»Wen interessiert das?« Shedu machte eine fortwischende Geste. »Der Traktorstrahl ist weiterhin aktiv. Selbst wenn wir die Arcadia aus dem Lockdown bringen, die Antriebe wieder zum Laufen bekommen und die Tore aufsprengen… Kämen wir noch immer nicht frei.«

»Ungefähr so sieht‘s aus, ja.« Raleigh warf Shedu einen vorwurfsvollen Blick zu.

Einige Minuten nach Argon trafen die letzten beiden Mitglieder von Themis‘ Kreis ein, und zwar die zwei gegensätzlichsten: Mya Talcharaim, die Schwerttänzerin, ließ sich mit einer eleganten Drehung in einem Sitz nieder. Die hagere Silhouette hinter ihr gehörte dem alten Mance Galney.

Themis begrüßte sie, dankbar dafür, dass sie zwar fragend auf die Löcher in der Weste starrten, ihn jedoch nicht auf dem Boden hatten liegen sehen. Es genügte, dass Jorelle ihn anstarrte wie einen Geist.

Inzwischen hatten Raleigh und Shedu sich in einem Streit verfangen.

Niemand von ihnen mochte Shedu. Und Shedu selbst mochte allein das rote Leichentuch. Genau wie all die vergangenen Helden der Vermillion-Flotte, die darunter gelegen hatten, ehe man ihre Asche verbrannt und dem All übergeben hatte. In der Hoffnung, dass sie den Weg nach Hause fanden, zu den fernen Häfen, durch den Toten Raum hindurch.

Mein Vater war die letzte unserer Legenden. Aber Valueen wird ihm keine solche Beerdigung gegeben haben.

Hinter vorgehaltener Hand nannte man Shedu den Roten Priester, der auf fanatische Art von den Traditionen und Idealen der Vermillion Flotte besessen war. Themis‘ Hoffnungen, das Valueen Königreich auf friedlichem Weg zu Fall zu bringen, stießen bei Shedu nur auf Hass. Dass Themis als Piratenkönig bekannt geworden war, hatte diesen Hass noch wachsen lassen. Denn nach der alten Ordnung durfte die Flotte nur von Frauen befehligt werden, von einer Königin, nicht von einem König.

Shedu funkelte ihn an.

Themis war der rechtmäßige Erbe. Damit war Shedu ihm zu Gehorsam verpflichtet, und nur deshalb duldete er den Roten Priester überhaupt an Bord. Aber die alte Ordnung verlangte, dass Themis heiratete. Sei froh, dass ich das noch nicht getan habe, dachte er. Du würdest meine Wahl hassen.

»Warum hat Delfy das Schiff verlassen?«, fragte er in die Runde, um hoffnungsvoll zu ergänzen: »Will sie den Traktorstrahl ausschalten?«

»Das wissen wir nicht«, sagte Jorelle.

Shedu schüttelte heftig den Kopf. »Captain, wir dürfen diesem Mädchen nicht trauen. Mit Valueen als Vater, Lord Janus als Lehrmeister – es war bereits ein Fehler, sie überhaupt an Bord zu lassen.«

Themis wusste, er sollte widersprechen. Seine Befehlsgewalt deutlich machen. Er tat es nicht.

»Also ich weiß nicht mehr drüber als wir alle«, half Raleigh, »aber für mich sieht‘s so aus, als hätte das Mädel im Alleingang Janus erledigt. Während wir vor Angst den Verstand verloren haben.« Er sah in die Runde. »Hab‘ ich Recht?«

Argon machte ein Gesicht, als hätte er etwas Saures gegessen. Aber niemand widersprach – bis auf Shedu: »Für mich wiederum, Raleigh, sieht es so aus, als wäre Falen Khal durch eine Lichtklinge gestorben. Während Janus die Brücke nicht verlassen hat, was den Kreis der Verdächtigen auf eine gewisse Prinzessin eingrenzt.«

»Falen?«, wiederholte Themis. »Falen Khal ist tot?« Oh, bei den Säulen. Wie viele schlechte Nachrichten standen ihm noch bevor?

»Falls wirklich sie ihn getötet hat«, sagte Jorelle, »kann es Notwehr gewesen sein. Lord Janus wird Falen genau so gelenkt haben wie uns.« Sie hob die Hände. »Ich will die Prinzessin nicht in Schutz nehmen. Aber es ist, wie es ist, oder?«

»Exakt«, gab Shedu zurück. »Harravan Khal wird hören, dass sein Sohn tot ist, und wird uns alle in einen Krieg stürzen. Egal, ob es nun Notwehr, ein Unfall, ein Gnadenschuss oder sonstwas war. Egal, ob durch die Prinzessin oder durch Janus. Valueen ist Valueen. Und anders als die meisten hier wird Khal das verstehen.«

»Wir können ihm Janus als Gefangenen anbieten«, schlug Jorelle vor.

Themis schien schon lange kein Teil der Diskussion mehr zu sein.

Der alte Mance Galney, der bisher geschwiegen hatte, meldete sich mit leiser Stimme zu Wort: »Janus ist ein überaus fähiger Geistestrickser. Aus den Toten Gemächern heraus wird er uns nicht erreichen können – glauben wir. Aber jede Sekunde, die er sich auf der Arcadia befindet, sind wir in Gefahr. Vielleicht ist es weiser, ihm ein Ende zu bereiten…«

Raleigh fluchte. »Möchtest du vorschlagen, ja? Einen Gefangenen exekutieren, kein Prozess, kein gar nix, einfach weil wir Schiss haben?«

Argon räusperte sich. »Wenn wir es jetzt machen«, er legte den Kopf schief, »müssen wir uns nicht mit den Acht streiten.«

Jorelle sah ihn entgeistert an. »Das ist nicht dein Ernst…«

»Was denn?« Argon schien die plötzliche Aufmerksamkeit aller nicht zu behagen. Für gewöhnlich lehnte er schweigend an einer Wand, bis die Dinge besprochen waren. »Die Thane-Schwestern werden Janus tot sehen wollen, und zwar durch ihre eigene Hand – was Khal ihnen niemals geben wird. Rhea von Hapes? Völlig unberechenbar. Vielleicht würde sie ihn gegen Geld ausliefern. Und Farwynd…« Er stockte.

»Ja?«, fragte Jorelle. »Was würde meine Mutter tun?«

Argon schien zu schrumpfen. »Hör zu, es… Ich sage doch nur, wir könnten alles vereinfachen, wenn wir…«

»Aus dem Bauch dieses gigantischen Geisterschiffs entkommen?« Mya saß auf einer der Konsolen. Ihre Haltung war so elegant wie immer, aber Themis hatte Mya noch nie so aufgebracht erlebt. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment das Vibroschwert von ihrem Rückengurt lösen und auf das nächstbeste Opfer losstürmen. »Wir sind gefangen! Habt Ihr das alle vergessen? Man sollte doch meinen, wir haben andere Sorgen als die Machtspielchen der Flaggschiffe!« Sie fuhr zu Themis herum. »Also, Captain? Was tun wir?«

Ich weiß es nicht, wollte Themis schreien. Ich weiß es nicht, verdammt! Er wollte sie alle fortschicken. Er wollte sich in sein Quartier zurückziehen und warten, bis es vorbei war. Bis One wieder bei ihm war, und Delfy und…

Ich kann das nicht, Dad.

Ich bin kein Captain. Ich bin kein beschissener Piratenkönig.

Themis war 15 gewesen, als sein Vater ihm den Schlüssel vermacht und die Flotte verlassen hatte. 16, als sein Vater sich den Valueen Jägern ergeben hatte. Freiwillig. Ganz gleich, welche Legenden die Bevölkerung sich darüber erzählen mochte: Avary Leander hatte sich lieber dem Königreich ausgeliefert, als zu seinem Sohn zurückzukehren. Und Ikaia Storm, seine rechte Hand, die bestimmt gewusst hätte, was zu tun war… Ikaia hatte Vaters letzter Funkspruch gegolten. Danach hatte auch sie Themis zurückgelassen.

Raleigh blickte ihn schweigend an. Sag‘ was, Junge, stand in seinem Gesicht. Sag‘ was oder sie werden dir nie wieder folgen.

»Zwei Teams.« Themis löste sich von der Konsole. »Wir gehen an Bord des anderen Schiffes. Ein Team rettet Delfy. Das andere deaktiviert den Traktorstrahl.« Ich mache einen Fehler. Ich werde uns alle umbringen.

Zögerliches Nicken in der Runde.

Themis sah zu Laren. »Kannst du uns wieder aus dem Lockdown holen? Die Antriebe reparieren?«

Sie schien sich innerlich zu verkrampfen. »Ich… Glaube nicht. Captain. Aber Raleigh könnte. Und ich würde an seiner Stelle mit nach draußen gehen und den Traktorstrahl ausschalten…«

Und wenn du dabei umkommst, dachte Themis, hat Jojen das letzte Familienmitglied verloren. Wegen einer Entscheidung, die ich getroffen habe.

»Gut«, sagte er leise. »Mance geht mit dir. Und…« Er würfelte. »Und Mya. Und zehn von Jorelles Leuten.« Er würfelte und hoffte, dass er sie nicht alle in den Tod schickte.

Mya nickte grimmig. Mance deutete eine Verbeugung an.

»Für die zweite Gruppe«, Themis räusperte sich, »Jorelle und Argon. Und ich selbst. Dazu nochmal zehn.«

Er spürte Shedu Maads giftigen Blick im Rücken. Die gleiche Anzahl von Crewmitgliedern, einschließlich des Captains persönlich, um nicht etwa die Arcadia und ihre Crew zu retten – sondern Delfy Valueen.

Aber die Entscheidung war getroffen. Wenn er jetzt einen Rückzieher machte, sah er aus wie ein Feigling. Wie ein schlechte Scherz, den Avary Leander der Flotte hinterlassen hatte.

»Raleigh«, sagte Themis, »versucht währenddessen die Systeme wieder online zu bringen. Und Jorelle postiert Teams an sämtlichen Luftschleusen. Janus bleibt am Leben. Niemand geht zu ihm rein.«

Alle bis auf Shedu stimmten zu – was mehr Einigkeit war, als Themis je zuvor erzielt hatte. Und das fühlte sich schrecklich an. Es bedeutete, jeder einzelne von ihnen hatte Angst. Wenn Themis ihnen die Wahrheit erzählte, wenn er ihnen sagte, welches Schiff sie betreten würden…

Nein. Es war besser, wenn sie es nicht wussten. Besser, wenn nur er selbst vor Angst den Verstand verlor.

Raleigh hatte die Turbolifte vom Lockdown befreit, und so mussten sie nicht klettern. Das violette Licht gehörte kurze Zeit später ebenfalls der Vergangenheit an. Trotzdem erkannte Themis sein Schiff nicht wieder. Weder die Liftkapseln, noch den Korridor zum Hangar, noch den Hangar selbst. Sein Zuhause war nicht mehr sein Zuhause. Die Cloudrun hatte es gefressen. Während er geschlafen hatte, hatte sie ihm jeden Raum der Arcadia weggenommen – und für sich beansprucht.

»Wir gehen alle zusammen runter«, sagte Themis, als sie den Hangar erreichten. »Mit dem Shuttle. Delfy wird auf dem Weg zur Brücke sein, also trennen wir uns, und mein Team geht nach oben. Falls das Schiff wirklich leer ist, können wir den Strahl von dort ausschalten. Für den Fall, dass wir scheitern…« Er konnte keinem von ihnen in die Augen sehen »Für diesen Fall hat Larens Team hoffentlich den Generator gefunden.«

Sie stiegen an Bord des gepanzerten Landeshuttles. Themis hatte es noch nie von innen gesehen, aber Argon nahm routiniert auf dem Pilotensitz Platz. Themis nahm die Position des Co-Piloten ein, während die vier anderen sich in dem langen Raum dahinter festschnallten. Dort warteten bereits zwanzig von Jorelles Sicherheitskräften.

»Wir werden nicht miteinander sprechen können«, rief Laren ins Cockpit herein. »Das Flüstern blockiert immer noch das Kom. Wie wissen wir, dass ein Team Erfolg hatte?«

Themis hatte während der Turbolift-Fahrt darüber nachgedacht: »Vielleicht gibt es installierte Sprecheinheiten auf dem Schiff. Dieses Teil ist ein Dutzend Mal so groß wie die Arcadia – es muss irgendeinen Weg geben, mit anderen Bereichen zu kommunizieren.«

Das Flüstern, dachte er, und vermutlich hatte jeder an Bord den gleichen Gedanken. Aber niemand sagte etwas.

Das Shuttle stieg senkrecht in die Luft auf. Die großen Torflügel im Hangarboden öffneten sich und Argon steuerte das Shuttle mitten hindurch in die Dunkelheit. Der einzige Orientierungspunkt war der quadratische Lichtflecken, den die Lichter des Hangars auf den fernen Untergrund malten.

Themis hielt sich am Sitz fest. Keine Sorge, Delfy. Wir sind auf dem Weg.

Während er sich auf Argons Hände konzentrierte, die das Shuttle in einem sanften Sinkflug hielten, wurde Themis bewusst, warum er ihn ausgewählt hatte. Nicht, weil er einen guten Piloten brauchte, davon hatte Themis noch zwanzig andere und vielleicht hätte er das Shuttle auch selbst steuern können. Nein, die Sache mit Argon Azzameen war, dass er sich ihn nicht in Schwierigkeiten vorstellen konnte. Mya schon. Laren auch, überaus bildhaft. Mance strahlte ständig Besorgnis aus, egal wo, und Jorelle war nicht mehr die selbe, seit Themis das Leichentuch beiseite geschlagen hatte. Argon dagegen schien in jedem Moment zu sagen, dass er es allein mit dem ganzen Königreich aufnehmen konnte. Und so sehr Themis seine Art auch hasste, und so sehr Argon sich auch irren mochte – in diesem Moment hielt er Themis‘ eigene Angst in Schach.

Freunde würden sie trotzdem keine mehr werden: Argon hatte die Arcadia gesteuert, bis Themis diese Aufgabe an One gegeben hatte. Dass Argon nun nur noch zur Show flog, so wie beim gespielten Angriff auf die Stargazer, musste dessen Stolz verletzt haben. Ein Dämpfer, hatte Themis damals gedacht, damit dieses selbstverliebte Grinsen aufhört. Jetzt kam er sich dumm vor. Wenn sie das hier überlebten, würde er ihm das Steuer zurückgeben.

Das Shuttle setzte auf dem Boden auf.

Themis erhob sich. Es ging los.

Während Argon die Systeme in Landekonfiguration brachte, lösten die vier im Truppenraum ihre Gurte. Jorelle betätigte einen Schalter an der Decke, woraufhin sich im Boden des Shuttles eine Öffnung bildete, von zwei Metern Durchmesser. Darunter hatte sich ein blaues Kraftfeld aufgebaut. Fragend sah Jorelle zu Mance.

Dieser kniete sich vor das Kraftfeld und holte einen kleinen Metallzylinder hervor. Auf Knopfdruck fuhr sich eine Klinge aus Licht aus, ähnlich wie jene der Gardisten, aber viel rustikaler und nur von der Länge eines Dolches. Jorelle deaktivierte das Kraftfeld und Mance stach mit dem Dolch in die Metallplatte darunter. Er zog sie heraus und erklärte: »Kein Sog. In dem Korridor ist Luft. Captain?«

Themis nickte.

Mance schnitt an allen vier Seiten der quadratischen Öffnung entlang, bis die Metallplatte sich löste und scheppernd auf dem Boden des darunterliegenden Korridors aufschlug.

»Jetzt wissen sie, dass wir hier sind…« Argon war aufgestanden und lehnte in der Cockpit-Tür.

»Mir gefällt das nicht«, sagte Mance, so leise wie immer. »Das hier ist kein Valueen-Frachter. Oder irgendein Schrotthaufen aus den Splitterwelten.« Er blickte auf, die alten Augen zusammengekniffen wie bei starkem Wind. »Das hier ist nicht die Art von Schiff, in die man sich seinen Weg hineinschneiden darf.«

Argon schnaubte. »Sondern die die Art von Schiff, von der man sich fressen und verdauen lässt?«

»Alles, was ich sage, ist… Ich hab ein schlechtes Gefühl bei der Sache.«

»Keine Sorge.« Argon warf Themis einen flüchtigen Blick zu. »Der Piratenkönig ist bei uns.«

Themis ignorierte ihn, dieses eine Mal. Es gab Schlimmeres, wusste er, als er Jorelle hinab in die Dunkelheit folgte.

Von außen hatte die Cloudrun fast geleuchtet, mal in weißem und mal in grünem, unnatürlichen Licht. Dieser Korridor jedoch schien mindestens genau so dunkel wie der gigantische Hangar, in dem die Arcadia eingesperrt war.

Jorelle hob ihr Blastergewehr und aktivierte den Scheinwerfer.

Themis tat es ihr gleich, zu angespannt, um zu sprechen.

Hinter ihnen sprangen Jorelles Leute aus dem Shuttle. Themis kannte jeden bei Namen, aber er glaubte nicht, dass sie das wussten.

Er warf einen imaginären Würfel und gab die Richtung vor. Dann folgte er Jorelle. Sein Vater hätte den Trupp in vorderster Front angeführt, aber Themis konnte sich nicht dazu bringen, und er hoffte, dass es auch nicht von ihm erwartet wurde. Denk an deine Crew. Du hast sie hierher gebracht, du wirst sie auch wieder herausholen. Denk an Delfy. Vielleicht ist sie in Schwierigkeiten. Verletzt.

Sie kämpften sich durch die Dunkelheit, bei jeder Ecke zögernd, bei jedem Geräusch innehaltend.

»Hast du es bemerkt?«, fragte Jorelle leise. »Die Lichtquellen?«

»Lichtquellen?«

Sie lächelte gezwungen. »Ganz genau. Die Lampen sind nicht aus, oder tot oder sonstwas – es gibt keine.«

Sie hatte Recht. »Aber was für eine Crew lebt auf einem Schiff ohne Licht?«

Er sah Jorelles Blick nur flüchtig – aber es genügte, um jeden gewonnenen Mut wieder wegzuspülen. »Es gibt«, begann sie, kaum hörbar, »natürlich ein paar Spezies, die kein Licht brauchen. Und dann wären da noch Droiden. Aber…«

»Aber?«

Sie warf einen Blick über die Schulter. Argon folgte mehrere Schritte hinter ihnen, und erst nach ihm kamen die nächsten. Jorelle sah wieder nach vorn. »Wir sind auf der Cloudrun, Themis.«

Er schluckte. Und fragte so leise, wie er nur konnte: »Bist du dir sicher? Ich meine, ein Geisterschiff, dass…«

»Janus hat davon gesprochen. Als ich aufgewacht bin, hielt ich es für einen Trick, eine Lüge unter vielen, aber dann… Bist du aufgewacht.«

Verzweifelt hielt er dagegen. »Ein Betäubungsschuss.«

Jorelle stieß einen unterdrückten Laut aus. »Nein. Nein, du warst… Du warst fort. Versteh‘ bitte, ich bin froh, dass du lebst, aber… Ich hab‘ ein schreckliches Gefühl. Bei allem hier. Nichts an diesem Schiff, nichts was geschehen ist, seit wir aus dem Hyperraum gerissen wurden – nichts davon ist richtig.«

Themis schaute verstohlen hinter sich. »Wer weiß noch davon, Jorelle? Wem Janus es noch erzählt?«

»Seine Stimme war im ganzen Schiff. Aber ich erinnere mich selbst nicht an alles. Vielleicht geht es den anderen ähnlich. Oder vielleicht glauben sie es nicht. Oder sie trauen sich nicht, darüber zu sprechen.« Sie machte eine Pause. »Jeder geht auf andere Art mit seiner Angst um.«

»Also wir treten die Tür ein«, tönte Argon, »und laufen mit dreißig Scheinwerfern in einem Schiff ohne Lampen herum – aber ihr zwei flüstert? Vielleicht sollten wir auch noch barfuß gehen?«

Ein flüchtiges Licht zeigte, wie Jorelle mit den Augen rollte. Aber als das Licht ein zweites Mal über sie huschte, schien sie sanft zu lächeln.

Themis‘ Stimmung hatte sich dagegen verfinstert. Wenn er wirklich… tot… gewesen war, bedeutete das, jemand hatte ihn wieder zum Leben erweckt? War so etwas ernsthaft möglich? Er konnte nicht einmal sagen, ob er sich seltsam fühlte, denn seltsam war kein Ausdruck. Aber in einem Moment wie diesem konnte das etliche Gründe haben.

Der enge Korridor öffnete sich vor ihnen. Ein knappes Dutzend Scheinwerfer suchten den Raum dahinter ab – und jeder einzelne blieb an dem Wesen haften, das in dessen Mitte stand.

Themis hielt den Atem an.

Der Fremde trug eine Rüstung. Tatsächlich schien er ausschließlich aus Rüstung zu bestehen: Klobige Panzerplatten bildeten in mehreren Schichten einen fast zwei Meter großen Riesen. Auf breiten Schultern saß ein halb verrosteter Helm mit einem T-förmigen Visier. Auch als Ziel etlicher Lichter ließ sich das Metall zu kaum mehr als einem Schimmern herab, und schien die grünen Schatten der Cloudrun nie ganz zu verlassen.

Soweit es sich erkennen ließ, war der Fremde unbewaffnet.

Jorelle senkte ihre Waffe ein wenig.

Themis sah das ein, konnte sich selbst aber nicht dazu bringen. »Ich bin Themis Leander«, hörte er sich sagen, die Stimme dünn und fremd. »Oberster Captain der Vermillion-Flotte. Wer sind Sie?«

Der Mann hob langsam die Hand, um sie dann wieder zu senken, die Finger gespreizt.

Themis verstand. »Die Waffen runter…«

Die Offiziere gehorchten.

Vorsichtig trat Themis näher. Er brauchte keine Angst haben. Er hatte fast dreißig Leute, und der Fremde war unbewaffnet und allein. Oder? Oder?

Der Mann schien sie nacheinander zu mustern. »Argon Azzameen«, sagte er, die tiefe Stimme elektronisch verzerrt. »Laren Chell. Jorelle Farwynd. Mance Galney. Themis Leander. Basil Neware. Mya Talcharaim…« Er atmete schwer. »Ich weiß, wer Sie sind. Ich bin Verne Abbadon. Ich bin der… Erste Offizier dieses Schiffes.«

Schweigen, gemischt mit dem rasselnden, metallischen Atem des Fremden. Abbadon stand in der Mitte des Kreises wie ein lebendes Relikt aus einer anderen Zeit, mit einer Rüstung, wie sie der allererste Raumfahrer getragen haben mochte. Oder der erste Taucher. Vielleicht sogar der allererste Soldat.

»Wo sind wir hier?«, fragte Argon. »Was ist das für ein Schiff?«

»Eines, das seinen Namen verloren hat, als die Galaxis noch jung war. Nennt es das Schiff. Nennt es den Weißen Wanderer. Nennt es die Cloudrun

Totenstille.

»Was…« Themis rang um seine Stimme. »Was wollen Sie von uns? Warum kennen Sie unsere Namen? Warum haben Sie uns an Bord gebracht?«

Abbadon trat einen Schritt auf sie zu und zeigte auf das Komlink an Jorelles Gürtel.

Jorelle nahm es in die freie Hand und klappte es auf. »Es wird nicht funktionieren, wir bekommen nur Statik und…« Das Flüstern ertönte.

Abbadon gebot ihnen zu schweigen.

Themis lauschte angespannt. Es waren nicht wirklich Worte, nicht wirklich einzelne Stimmen, aber hier war alles klarer als noch auf der Arcadia und…

Raleigh. Die Flüsternden hatten Raleigh gesagt. Andere Namen wurden erkennbar. Jojen Chell. Janus von Utapau. Delfy Valueen. Und etliche aus Themis‘ Crew.

»Unsere Namen«, sagte er leise.

Verne Abbadon nickte langsam. »Ja«, sagte er mit schwerer Stimme. »Was du hörst, sind eure Namen.«

Jorelle starrte Themis an. Zusammen mit Argon, Laren und all den anderen. Keiner von ihnen hatte mehr gehört als unverständliches Flüstern.

Und Themis wusste, er war gestorben.

»Eine Passagierliste«, erklärte Abbadon, nach einer ganzen Weile des Schweigens. »Wenn man so will. Für die ist es nichts besonderes.«

»Wer sind… die

Abbadon antwortete nicht.

Eine Erschütterung ging durch den Raum. Die eng beisammen stehenden Vermillion-Soldaten stießen gegeneinander, andere stürzten auf die Knie. Abbadon blieb stehen, als wäre er ein Teil des…

Turbolifts.

Der gesamte Raum bewegte sich abwärts. Die Soldaten hatten sich wieder gefangen und richteten ihre Waffen auf Abbadon.

Nein. Themis musste verhindern, dass es zu Gewalt kam. »Halten Sie das Teil an. Wir werden reden, okay? Halten Sie den Lift an, oder…«

»Ich kann versuchen, ihn zu stoppen. Aber Sie waren es, der ihn in Bewegung gesetzt hat.«

»Schwachsinn.«

Jorelle machte einen Schritt vor, das Blastergewehr im Anschlag. »Halten Sie das Scheißteil an!«

Es ging tiefer…

Abbadon drehte sich zu Themis. »Sind Sie hier um Ihre Prinzessin zu retten?«

Themis nickte hilflos. »Ja. Ja, bin ich. Sind wir.«

»Dann machen Sie sich keine Sorgen, was unser Ziel betrifft. Es gibt sehr viel gefährlichere Wünsche als Ihren. Wie Sie gleich erfahren werden.«

Und tiefer…

»Wünsche? Also dieser Lift bewegt sich dorthin, wohin man… Wohin man will, ja?«

Abbadon atmete aus. »Sie sind nicht mit Turbolifts vertraut.«

Machte dieser Verrückte sich über ihn lustig? »Mit normalen Aufzügen!«, erwiderte Themis. »Aber was weiß ich, was dieses Schiff tut?«

Und immer tiefer…

»Die Cloudrun tut, was jedes Schiff tut. Sie bringt Passagiere von einem Ort… Zu einem anderen. In einer bestimmten Zeit und«, Abbadon atmete rasselnd ein, »zu einem bestimmten Preis.« Er schien zu überlegen. »Sie fragen, warum Sie hier sind. Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass Sie ein Ziel haben, das Sie zu erreichen versuchen. Weshalb Sie zu den Koordinaten geflogen sind, die dieses Schiff Ihnen geschickt hat. Das ist der… Ablauf. Für gewöhnlich. Für den Fall, dass andere Schiffe den Funkspruch aufgefangen haben und ebenfalls auf dem Weg nach Koornacht waren, hat die Cloudrun aber nicht etwa dort gewartet, sondern viel näher an der Arcadia dran. Um allein Sie aus dem Hyperraum zu reißen und unerwünschte Schiffe einfach passieren zu lassen.«

Themis starrte ihn an.

Tiefer und tiefer…

»Leider«, fuhr Abbadon fort, »sind die Dinge seitdem ein wenig komplizierter geworden. Wie ich Ihnen sagte, bringt dieses Schiff Sie an den Ort, zu dem sie möchten. Und wenn dieser Ort nicht existieren sollte…« Er machte eine lange Pause. »Wird die Cloudrun trotzdem einen Weg dorthin finden.«

»Ich verstehe nicht.«

»Niemand tut das. Aber jeder an Bord akzeptiert früher oder später, dass dieses Schiff nun einmal genau das macht. Ihre Prinzessin hat es… Sehr früh akzeptiert. Vielleicht zu früh.«

Der riesige Lift kam zum Stehen.

»Es wurde ein Preis gezahlt«, sagte Abbadon und deutete auf das Loch in Themis‘ Weste. »Und es wurde ein Ziel genannt.«

Die Wand hinter Abbadon öffnete sich. Delfy Valueen drehte sich um, auf ihrem Mund das Lächeln eines Kindes, in ihren Augen nichts als Krieg.

Themis war gekommen, um sie zu retten – und er war zehn Jahre zu spät.

Fortsetzung folgt…