1.09 The Albatross


»Manchmal ist es einfach nichts wert.«

— Via

Ben

Die Kette bestand aus winzigen Ringen. Biegsames Metall, nicht das von Keilklingen, nicht einmal das eines ID-Plättchens. Einige der Ringe hatten sich leicht geöffnet. Nicht genug, um die Kette zerfallen zu lassen. Aber die Unregelmäßigkeiten ließen sich spüren, wenn man die Finger sanft darübergleiten ließ. Der Anhänger war wärmer als das Metall, nach einem langen Kampf brannte er fast auf der Haut. Kleine Risse durchzogen die Oberfläche, sichtbar, wenn man den Anhänger im Licht ein wenig drehte. Die zwei Kreise schimmerten dann silbern, auch wenn vom Aufdruck nicht mehr viel übrig war.

Geheim, hatte Avary gesagt. So geheim wie dein Blut.

Hätte Ben den Anhänger fallen lassen, so wie davor das Mädchen, dann hätte Janus vielleicht nichts von seinem Midi-Blut erfahren. Und er wäre jetzt noch immer dort unten.

Ben ließ den Anhänger los und sah auf. Keine Zeit für solche Gedanken. Er wischte sich unruhig die Hände an der Hose ab, obwohl er das allermeiste Blut längst abgescheuert hatte. Er konnte nicht anders. Irgendwie fühlte er sich immer, als wäre er mit Blut bedeckt.

Sollte er zurück laufen? Aufgeben und Via fragen?

Nein. Das hier war seine Aufgabe und er hatte schon ganz andere gemeistert. Wenn auch keine solche. Er hatte Waffen wählen dürfen, Navvo hatte ihn einmal ein Quartier aussuchen lassen, und einmal einen Mitstreiter…

Aber niemals Essen.

»Bring mir irgendwas«, hatte Via gesagt, wieder mit diesem Lächeln, bestimmt weil sie gewusst hatte, wie schwierig die Aufgabe eigentlich war.

Essen. Hier gab es nicht einfach Essen, hier gab es Regale von unterschiedlichsten Kartons und Packungen, Dutzende Brotarten, Kanister mit Flüssigkeiten in allen Farben, und sogar Dosen, auf denen ein Mynock abgebildet war – und bei deren Anblick Ben zum ersten Mal froh war, nicht lesen zu können.

Für sich selbst würde Ben hier schon irgendetwas finden. Graugewebe, im Wasser zum Aufquellen gebracht. Und zum Trinken… Wasser. Und hinterher vielleicht… Wieder Graugewebe, trocken, zum Knabbern. Und Wasser für unterwegs.

Sollte doch das Monster diese verdammte Mynocksuppe trinken.

Nur was brachte Ben dem Mädchen mit? Vielleicht war es egal. Irgendwas hatte sie doch gesagt. Aber selbst in den Gruppenhöhlen der ärmsten Asteroiden verstand man unter irgendwas noch lange keine Mynocks. Genau so, wie man kein gebackenes Brot kannte. Hier gab es jede Menge davon. Vielleicht sollte Ben doch kein Graugewebe nehmen, vielleicht sollte er wirklich mal ausprobieren, wie echtes Brot wohl… Oder das Zeug aus diesem Behälter dahinten… Oder – er riss einen Karton auf – oder dieses Pulver, aber konnte man das einfach so essen? Hier waren so viele Dinge, genug für einen der größten Asteroiden! Er musste sich nur entscheiden!

Eine Ewigkeit später verließ er das Speiselager mit einem Packen Graugewebe für sich selbst – und einer kleinen Auswahl an Essen für das Mädchen.

Via saß im Sitz des Piloten, erschöpft vom letzten Hyperraumsprung. »Hey«, sagte sie. Ein Schweißtropfen rann über ihre Schläfe und blitzte im hellen Licht der Brücke auf. »Hast du was finden können?«

»Bin nicht sicher.« Ben stellte die Kiste ab.

Via riss den Kopf herum. Starrte auf die Kiste.

Ben war schon halb auf dem Weg, noch die zweite zu holen, die er vorbereitet hatte, für den Fall, dass…

Via wischte sich die verklebten Haare aus dem Gesicht und blinzelte. Sah zu Ben. Und wieder auf die Kiste.

Ben bewegte den Mund. Doch Mynocks?

Via hob die Augenbrauen.

Ben hielt verzweifelt seine eigene Wahl hoch. »Grau… Zeugs?«

Via lächelte. »Grauzeugs klingt gut.«

Grauzeugs war das einzig Normale an ihrem gemeinsamen Abendessen. Frühstück. Wie man das im Weltraum eben nannte. Sie saßen auf dem Boden der Brücke, die man so auf Hochglanz poliert hatte, dass sie nicht einmal Teller gebraucht hätten. Wenigstens war da noch immer der Blutspritzer, der das halbe Panoramafenster bedeckte. Ohne hätte Ben diesen Ort nicht lange ertragen.

Ben hatte nicht oft in Gesellschaft gegessen. Bis auf Trent hatten die meisten Sklaven und Spieler ihn immer gemieden. »Du machst ihr Angst«, hatte Trent gesagt, als Ben sich einmal neben Taylee gesetzt hatte, woraufhin sie Ben ihr Essen hingeschoben und die Flucht ergriffen hatte.

Ein paar Monate später hatte Ben sie in der Arena fallen lassen. Vielleicht hatte sie ihm schon immer angesehen, dass er zu sowas fähig war.

Vielleicht hätte er sie gerettet, wäre sie damals sitzengeblieben.

Nein. So hässlich bin nichtmal ich. Er scheuerte sich über den Arm, als wäre da schon wieder eine neue Blutschicht.

Via sah ihn fragend an.

Ben mied ihren Blick. Sie würde es sehen. Das Gleiche, das Taylee gesehen hatte, und sie würde weglaufen.

Sie hatte kein Wort über die Leichen an Bord verloren. Ben ebenfalls nicht. Schweigend hatten sie alle von der Brücke getragen, als wäre gar nichts dabei, aber am Ende hatte Via jedem Toten die Augen geschlossen – jedenfalls bei denen, die noch welche gehabt hatten. Via konnte kaum ahnen, dass ein 13-jähriger Junge fähig gewesen war, so viele zu töten. Andererseits… War es möglich, Ben anzusehen und die Leichen anzusehen, und es nicht zu wissen?

Kali wollte mich umbringen, dachte Ben. Ich musste das tun. Das muss Via doch verstehen. Sie hat ja auch die Sirene erschossen, oder? Er wollte nach dem Grund fragen, aber Via fragte auch nicht nach den Leichen, also ließ er es bleiben.

»Und was ist dein Geheimnis?«

Ben schreckte hoch.

Via sah ihn aus großen, dunkelbraunen Augen an. »Mit dreizehn schon eine Dejarik-Legende. Etliche Veteranen erledigt.« Sie zwinkerte. »Also was ist dein Trick, Trickser?«

Herz oder Lungen zerplatzen lassen, dann mit dem Dolch zustechen und hoffen, dass mich niemand durchschaut.

»Weiß nicht.« Er stopfte sich noch etwas Graugewebe hinterher. »Glück«, sagte er durch die aufgequollene Masse hindurch. Eigentlich sprach man nicht mit vollem Mund. Nicht in der Gegenwart eines hübschen Mädchens. Das höflich genug war, einen Massenmord zu übersehen.

»Du…« Via änderte ihre Sitzhaltung ein wenig, suchte einen bequemen Platz auf dem kalten Boden. »Du fragst dich bestimmt, ob das, was Raidne gesagt hat, wahr ist.« Ihre Augen schimmerten traurig. »Über deine Mutter.«

»Naja«, machte Ben. »Schon. Ein bisschen.« Bring mich zum Felsen, hatte er geschrien. Bring mich nach Hause.

»Ich war nur deren Dienerin, also… Hat man mir nie viel gesagt. Die Sirenen wollten, dass du zum Felsen kommst. Es war eine Falle. Das weißt du, oder?«

Ben nickte.

»Genau. Eine Falle. Und du darfst niemals zum Felsen fliegen, aber…« Sie zögerte, zog die Beine an den Körper. »Vielleicht ist ein bisschen was Wahres dran.«

»Ah… Glaubst du?« Bring mich nach Hause…

»Hätte Raidne gelogen, hätte sie dir gesagt, dass deine Mutter auf dich wartet. Stattdessen hat sie dir erzählt, dass deine Mom mal eine von ihnen war. Das wäre ne seltsame Lüge, oder? Also vielleicht… Ist sie noch irgendwo da draußen.«

Nein. Sie ist tot. So tot wie Avary.

Für einen Moment glaubte Ben, sie zu sehen. Aber kaum, dass er begriff, was geschah, wandte er sich ab. Sperrte das Bild fort. Es war das Gleiche wie damals, als er ein einziges Mal mit seinen Sinnen nach dem Detonator im Bauch getastet hatte – er fand nur Leere, und es tat nur weh. »Wer bist du?«, hatte der Veteran gefragt, noch im Sterben, ein letzter Angriff, gezielt auf den einzigen Punkt, an dem Ben verwundbar war. Er war zerbrochen. Und jedes Mal, wenn er herausfinden wollte, warum – zerbrach er ein kleines bisschen mehr.

Denk nicht mehr dran. Schieb‘s weg. Irgendein anderer Gedanke, mach irgendwas anderes…

»Grauzeugs«, sagte er. Riss sich aus der Dunkelheit. Kämpfte sich zur Oberfläche wie ein Ertrinkender. »Der Trick ist Grauzeugs.«

Via blinzelte. »Trick?«

»Beim Dejarik.« Er wurde rot. Deshalb erzählte er keine Witze. Es ging nur schief.

Via lachte. Aber nur halb aus Belustigung, und zur anderen Hälfte aus…

Ben musste schlucken. Anerkennung. Als hätte sie genau gesehen, was er getan hatte. Als hätte sie tatsächlich verstanden.

Er stand auf und ergriff die Flucht, brachte zumindest ein paar Meter, ein paar blutige Konsolen zwischen sich und das Mädchen. »Also, wo hast du fliegen gelernt?«, fragte er laut, so beiläufig und so normal, wie er nur irgendwie konnte.

Es kam keine Antwort.

Ben holte Luft und drehte sich um.

»Bei meinem Dad«, sagte Via schnell. Den Blick an die Reste des aufgequollenen Graugewebes geheftet. »Ist‘n ziemlich guter Pilot. Auch wenn ich besser bin.« Sie lachte, jedoch völlig anders als zuvor. Ben konnte es genau so wenig lesen wie die Schrift auf der Mynock-Dose. Nie gelernt.

Was machte er falsch? Konnte er nicht einmal ein Gespräch führen, ohne links und rechts gegen Asteroiden zu steuern?

Via hatte wieder zu essen begonnen. Mit einem winzigen Messer schnitt sie durch das Grauzeugs, so präzise, als würde sie ein Tier ausweiden. Erst in Streifen, dann mit weiteren Linien in kleine Plättchen, die sie zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer zierlichen Hand nahm, und plötzlich im Mund verschwinden ließ.

In seiner Faszination hatte Ben das Messer aus den Augen verloren. Er fand es. Und hielt den Atem an.

Die Klinge war sauber. Keine Spur von grauem Schleim, ebenso wenig an Vias Lippen oder ihren Fingerspitzen.

Wie machte sie das?

Via sah ihn verdutzt an.

Ben schloss den Mund, ein leises Schnappen in der unangenehmen Stille. »Mein Vater war auch Pilot«, sagte er hilflos.

»Ja?«

Ben nickte. »Er hieß Avary.«

Mein Vater… Es hatte sich seltsam angefühlt, das zu sagen. Als Ikaia ihm die Wahrheit eröffnet hatte, hatte Ben geglaubt, es immer schon gewusst zu haben. Aber er hatte nie so gedacht. Und es jetzt laut auszusprechen…

»Mein Vater war Avary Leander.«

Via musterte ihn.

Wieder konnte er ihren Augen nicht standhalten, und sah zu Boden. »Aber er hat mir nie gesagt, wie man fliegt. Er meinte… Er meinte, ich soll auf den Splitterwelten bleiben.« Warum erzähle ich ihr das?

»Kommt mir bekannt vor«, meinte sie. »Meiner hat mich zu den Sirenen geschickt. Sollte bleiben und auf sein Zeichen warten.« Via stand auf und setzte sich auf eine der Konsolen. Sie tat das in einer fließenden Bewegung, beiläufig und verspielt zwar, aber unglaublich exakt. Sie bewegte sich wie jemand, der noch zu ganz anderen Sachen fähig war. »Aber ich kann ja nicht ewig warten, oder?« Sie atmete tief ein und legte den Kopf in den Nacken. »Manchmal, wenn… Wenn sich die Chance bietet, dann muss man einfach entscheiden. Finde ich.«

»Ja«, sagte Ben schnell. Hatte sie deshalb die Sirene getötet? Weil Ihr Vater das so wollte?

Erst jetzt holte ihn die Erinnerung ein. Der Karbonit-Block auf den unteren Decks. Der Gefangene, den das Monster darin nicht erreicht hatte. Der größte Kopfgeldjäger unserer Zeit, hatte Kali gesagt. Andor Hokulani.

Hokulani! Wie hatte Ben das übersehen können? Wenn Kali nicht gelogen hatte, dann war Vias Vater auf diesem Schiff eingesperrt. Deshalb war das Zeichnen nie gekommen. Janus hatte Hokulani geschnappt.

Ben wollte etwas sagen – und stockte. Er konnte nicht sicher sein, dass Hokulani der Gefangene war. Und falls doch… Wusste Ben nicht, ob ihm das gefiel. Es war doch alles okay für den Moment, oder? War es nicht besser, wenn er Via erst am Ende der Reise von dem Karbonitblock erzählte? Damit sie diesen öffnete, wenn Ben schon längst auf der Arcadia war, zusammen mit seinem Bruder, und der Prinzessin und den Vermillion Piraten?

Er hatte sich entschieden.

»Avary Leander«, sagte Via. »Er konnte das hier auch. Ein Schiff durch den Hyperraum fliegen, ohne irgendwelche… Kräfte zu nutzen. Sagt zumindest jeder. Also, dass Leander kein Midi war. Trotzdem hat er über Sarapin eine ganze Staffel Valueen-Jäger besiegt. Und später den König selbst.«

»Den König? Echt?«

»Naja. Das erzählt man sich. Das Königreich hat natürlich versucht, es zu vertuschen. Aber einige sagen, Valueen hat sich bis heute nicht erholt, und zeigt sich deshalb kaum noch der Öffentlichkeit.« Via verzog das Gesicht. »Gibt dazu einige Geschichten, die ziemlich… Grauenvoll sind.«

Dann sind es vielleicht keine Geschichten.

Ben trat wieder näher. »Wo haben Sie gekämpft? Avary und der König?«

»Auf Anaxes. Am Eingang zum Verbotenen Weg. Das Königreich hat geglaubt, dass die Piraten aus dem Kern ausbrechen wollen – aber Avarys eigentliches Ziel lag woanders.«

Der Vater des Tricksers.

»Der König war noch vom Duell verwundet. Lag im Sterben, oder so. Ein Jahr vorher hat er den alten Zwölferrat hinrichten lassen, das heißt… Das Königreich war so verwundbar wie nie. Und später nie wieder. Die Piraten haben alles riskiert und den Azuramond angegriffen, und…« Sie brach ab und schaute auf den Blutfleck im Fenster.

Ben ballte die Fäuste. Wenn er dabei gewesen wäre, dann wäre alles anders gekommen. Er hätte das Monster gerufen. Egal, zu welchem Preis. Er hätte den ganzen Mond für Vater zerstört. Aber er war nicht dabei gewesen und die Piraten hatten verloren. Nach dem Zwischenfall waren sie gejagt worden, hatte Ikaia erzählt, und Avary war dabei gestorben. Er hätte bei Ben bleiben sollen. Ben hätte ihn schon irgendwie beschützt. Oder sie wären zur Arcadia zurückgekehrt, hätten neue Hyperraumrouten erkundet, hätten sich irgendwo versteckt, wären vielleicht sogar aus dem Kern ausgebrochen. Sie wären Entdecker geworden, Ben, und Avary, und Themis, und vielleicht sogar Mom, ein perfektes Team, eine Familie, und sie hätten jeden Tag einen anderen Stern gesehen – und sie wären trotzdem Zuhause gewesen.

Und Ben wäre unzerbrochen.

»Wir finden ihn.«

Ben zuckte zusammen, fand sich am Fuße einer Konsole wieder, die Beine an den Körper gezogen, das Gesicht auf verschränkten Armen gebettet. »Hm?«

»Deinen Bruder. Und die Arcadia.« Via zwinkerte ihm zu. »Wir folgen ihnen durch den ganzen Kern, wenn‘s sein muss. Hängen uns an sie dran. Wie ein Mynock.«

Ben lächelte heimlich. »Mynocks bringen doch Unglück…«

»Hey, das war nicht immer so. Früher, bei den ersten Raumfahrern? Da hat jeder gesagt, ein Mynock, der einem Schiff folgt, bringt Glück. Einmal gab es einen, der hat einen Raumer durch die halbe Galaxis begleitet. Hat an jeder Raumstation gewartet und wenn es weiterging, wenn er seinen Captain entdeckt hat, hat er sich wieder drangehängt.«

Ben runzelte die Stirn. »Und? Hat‘s dem Captain Glück gebracht?«

»Nein«, sagte Via, als wäre ihr die Antwort gerade erst bewusst geworden. Sie schwang sich von der Konsole, bemühte sich um ein Lächeln, und scheiterte schließlich, zum ersten Mal. Leise schlich sie zurück zum Steuerpult »Nein«, murmelte sie, nur zu sich selbst. »Der Idiot hat den Mynock erschossen. Er wusste wohl nicht… Was er an ihm hatte…« Sie packte einen Regler und schleuderte ihn bis zum Anschlag hoch. »Manchmal… Manchmal ist es einfach nichts wert.«

Der zweite Sprung erschütterte das Schiff härter als der erste.

Eine Weile lang sah Ben ihr beim Fliegen zu. Vielleicht wartete er auf die Chance, sich irgendwie nützlich zu machen. Zu zeigen, dass er mehr konnte, als nur das falsche Essen zu holen oder ihr die Laune zu verderben. Aber für das Einzige, in dem er tatsächlich gut war, würde selbst die Tochter eines Kopfgeldjägers nichts als Verachtung empfinden.

Also stahl er sich leise von der Brücke und wanderte durch die verlassenen Korridore des obersten Decks.

Früher, in seinem alten Leben, war er oft allein gewesen. Aber die letzten Stunden hindurch, seit seiner Begegnung mit Janus, war immer irgendjemand bei ihm gewesen – um kurz darauf zu sterben und durch jemand anderen ersetzt zu werden. Navvo, Trent, Ikaia, Kali, und nun Via… Ben fiel von einem Spiel ins nächste, brach alle Brücken hinter sich ab, und hatte nicht einmal Zeit, wirklich darüber nachzudenken, was geschah. Was er hier tat.

Vielleicht war es besser so. Er hatte beim Nachdenken noch nie irgendwelche Antworten gefunden, die er hören wollte.

Und selbst jetzt, wo er sich mit jedem Atemzug seinem Bruder näherte, wagte er es nicht, zurückzublicken. Sich Navvos letzte Worte noch einmal anzuhören. Oder Ikaias. Oder noch einmal den Blick in Kalis Augen zu sehen, als sie ihn schließlich verstanden hatte, als sie verstanden hatte, was für ein Geschöpf Ben war – um sich dann ins offene All zu stürzen.

Er war der Trickser gewesen, bis er erfahren hatte, dass jeder den Trick durchschaute. Dann hatte er sich als den mächtigsten Midi aller Zeiten gesehen, bis er erkannt hatte, dass ihm das im Weltraum kaum etwas nutzte. In einigen wunderbaren Momenten war Ben der Sohn von Avary Leander, bis er sich erinnerte, dass Avary ihn zurückgelassen hatte und gestorben war.

Es gab nicht mehr viel, was er noch sein konnte: Der Bruder des Piratenkönigs. Der Bruder von Themis Leander. Das musste der Platz sein, den die Galaxis für ihn bereit hielt. Das würde die Rolle sein, in der er zu etwas gut war. Sie würden der Cloudrun nachjagen, auf der Arcadia, und Ben würde sich wieder zusammensetzen. Als wäre er niemals kaputt gegangen.

Via wäre bei ihnen, würde die Arcadia fliegen, und wenn sie gemeinsam Grauzeugs aßen, auf dem Brückenboden, und wenn Via in seine Augen sah, dann würde er nicht wegschauen, und sie würde feststellen…

Dass er okay war.

Dass er mehr sein konnte als ein Killer und ein Sklave.

Das Schiff fiel aus dem Hyperraum.

Zu früh, dachte Ben, als er den Sicherheitsgriff wieder losließ. Er war noch nicht soweit. War noch nicht der Mensch, den der Piratenkönig sehen sollte.

Die Abdeckungen der Fenster schoben sich zurück. Dahinter lag ein graublauer Planet, ohne erkennbare Landmassen, ohne Meere, nur ein Ball im leeren Raum. Vielleicht hatte der Planet nicht mal einen Namen.

Ben rannte zurück zur Brücke.

»Ich weiß, ich weiß!« Via hatte ihn hereinkommen gehört. »Der Schatten von diesem System hier hat den Hyperraum komplett…« Sie machte eine wilde Bewegung mit den Armen. »Die Route hat sich völlig merkwürdig… Geteilt. Gekreuzt. Egal. Ich bring uns schon wieder auf den Weg, okay?«

»Ich weiß«, sagte Ben kleinlaut. »Wenn ich irgendwie helfen kann…«

»Nein.« Via lächelte erschöpft. »Nein, nein…«

Ein Signalton erklang.

»Was ist das?«

»Der Annäherungsalarm…« Via beugte sich über die Konsole zu ihrer Linken. »Für kleinere Objekte. Schrott, kleine Asteroiden, Leuchtbojen…«

»Leuchtbojen?«

Sie blieb auf ihre Anzeigen fixiert. »Wie Leuchttürme, nur unsinniger…«

»Leuchttürme?«

»Naja, Leuchttürme. Halt ne Raumstation oder Asteroidenbasis, die ein so starkes Signal funkt, dass du sie vom Hyperraum aus siehst. Quasi. Damit du das System ansteuern kannst.«

Ben nickte. Die Splitterwelten hatten keinen Leuchtturm. Vermutlich, weil jeder nur weg, aber niemand dorthin wollte.

»Hab‘s gefunden.« Via drückte eine Folge von Knöpfen. Auf einem Bildschirm, der von der Decke herabhing, erwachte das Bild eines Metallzylinders. Die Oberfläche schimmerte im kalten Blau des Planeten. Es gab ein paar Vertiefungen und zusätzliche Platten auf der Hülle, aber nichts von der drahtigen Technik eines Satelliten. Das Objekt erinnerte mehr an ein Geschoss.

Wo hatte Ben so etwas schon einmal gesehen?

»Hier sind noch mehr davon.« Via schüttelte den Kopf. »Wenn wir Glück haben, war das ne Mülldeponie, ehe die Route zu instabil geworden ist. Wenn wir Pech haben… Ist das Zeug aus dem Masseschattenkrieg. Ich bringe uns lieber auf einen besseren Kurs.«

»Es sind Sonden«, sagte Ben. »Vom Königreich.«

Via warf ihm einen überraschten Blick zu. »Du kennst die Teile?«

»Wir sehen sie immer wieder mal. Aber immer nur zerbeult, oder verglüht, und nicht… So. Sie jagen durch die Splitterwelten, und manchmal schlagen sie irgendwo auf. Ein paar Händler zahlen dafür, aber nur die Idioten, hat Navvo gesagt, weil die glauben, man könnte alles entschlüsseln.«

Via pfiff durch die Zähne hindurch. »Eine Flaschenpost.«

Eine was? »Naja. Geheime Nachrichten halt.«

Via nickte eifrig, deutlich besser gelaunt, als noch vor einer Minute. »Ich meine, ich hab davon gehört. Hyperraum-Funken ist nicht mehr, und ein Schiff auf eines Todesroute zu schicken, ist ein irres Risiko. Also produzieren sie Massen von diesen Blechbüchsen und schießen sie in den Hyperraum – eine wird schon den richtigen Strom erwischen.«

»Ich… Hätte irgendwie nicht gedacht, dass die Dinger von der Metellosroute kommen. Hier ist doch nichts. Oder?« Kali hatte ihm lang und breit erklärt, dass nicht einmal die besten Midi-Piloten des Königreichs diese Route befahren würden. Hatte sie gelogen?

»Valueen ist fast überall. Vielleicht sind‘s nur Scoutschiffe. Vielleicht eine ganze Raumbasis mit Flotte. Vielleicht sind die Sonden der einzige Kontakt, den sie noch mit dem Rest des Reiches halten können. So oder so? Irgendjemand ist dort. Zwischen uns und Koornacht.«

Hoffentlich wussten die Piraten davon. Als wäre die Cloudrun nicht schon Gefahr genug.

»Was ist das?«

Ben blinzelte. »Huh?«

Mit leuchtendem Blick deutete Via auf den Anhänger, den Ben unbewusst hervor geholt hatte. »Oh, das ist…« Sie legte den Kopf schief. »Die sind von Leria Kersil, oder? Die Glücksbringer?«

»Ich…«

Sie hatte die Kette in der Hand, ehe Ben reagieren konnte. »Eine der Sirenen hatte auch so ein Teil. Irgendein Raumfahrer hat wohl geglaubt, man könnte sie damit beeindrucken. Weil sie ja nie in der Galaxis herumgekommen ist und so, weißt du? Schau, zwei Kreise für die beiden Planeten, einer für Leria Kersil und der andere für Telil Menin, Lord Picous sagenhafte Schatzkammer. Nur ein Felsen, wenn du mich fragst. Ah… Ben? Hey, was ist?«

»Ein Glücksbringer…«

Via gab ihm die Kette mit einem verschmitzten Grinsen zurück. »Naja, nicht so gut wie ein Mynock, und in Suppen schmecken sie ein wenig fad, aber sie sind handlicher und…«

»Das ist nicht witzig.«

Via zuckte zusammen. »Hey, jetzt…« Sie hob die Hände. »Jetzt beruhig‘ dich, was hab‘ ich denn gesagt? Es ist ein hübscher Anhänger. Ich versteh‘ schon, dass er dir nicht gerade Glück gebracht hat, aber das ist ja auch nur … Raumfahrerzeugs. Die meisten geben‘s nicht zu, weißt du, aber seit sich der Weltraum geändert hat, haben auch die härtesten von denen Angst, dass sie irgendwo stranden, oder eine neue Kernwelle sie aus dem Hyperraum fetzt, oder… Jetzt schau nicht so!«

Ben betrachtete seine zitternde Hand, mit dem wertlosen Stück Schrott darin. Geheim, hatte Avary gesagt. So geheim wie dein Blut. Pass gut auf ihn auf. Ben hatte sich damit abgefunden, dass Avary ihm Dinge verschwiegen hatte, fast alles sogar, aber zu lügen …

Er schrie. Feuerte den Anhänger von sich weg.

Mit einem Klirren prallte dieser vom Panoramafenster ab, begleitet von Vias Aufschrei. »Hey! Bist du irre? Was hast du denn geglaubt, was das ist?!«

Er blickte ins Leere.

Mehr. Er hatte geglaubt, der Anhänger wäre mehr.

»Wertlos«, flüsterte Ben. Und im nächsten Moment war er schon von der Brücke gestürmt, mit hochrotem Kopf, verfolgt von einem Gelächter, dass nur er selbst hörte. Nur ein Kind, riefen sie. Nur ein Sklave.

Gib‘ ihm ein Stück Schrott und er beschützt es mit seinem Leben.

Das Schiff sprang wieder.

Damit verlor Ben den namenlosen Planeten. Bei ihrer Ankunft hatte er den blauen Ball kaum beachtet, jetzt bereute er das. Für Via wäre es bestimmt der langweiligste Planet der Galaxis gewesen, noch unbedeutender als Bens Kette. Aber für Ben, der noch nicht einmal die Planeten im Splitterwelten-System aus der Nähe gesehen hatte – geschweige denn einen betreten?

Egal. Zu spät.

Ben verbrachte die nächste Stunde damit, durch die Korridore der oberen Decks zu wandern. Dort, wo noch immer Leichen herumlagen.

Die Dejarik-Gilde hatte immer die Droiden zu den Toten geschickt. Manchmal auch zu den Sterbenden, um es zu Ende zu bringen. Die meisten Leute wollten nichts mit den Leichen zu tun haben, obwohl sie an jeder einzelnen verdienten.

Ben ging neben einem der Toten auf die Knie. Was war es, das allen solche Angst machte? Das Blut? Die herausgequollenen Eingeweide?

Wenn Ben nach der Lunge eines Gegners griff, oder gleich dem Herz, sah er alles. Nicht, dass er wusste, wie man es nannte, oder wozu es gut war. Manchmal fühlte er sich schmutzig, wenn er mit den Gedanken durch all das Blut glitt. Manche Lebewesen stanken innen noch schlimmer als außen. Aber das war alles. Mehr war Leben nicht. Säcke mit Fleisch drin.

Ben hatte mal einen Bastler gekannt, der immer den Kopf geschüttelt hatte, wenn jemand einen Droiden wie eine Person behandelt hatte. Schrott und Schaltkreise, Ben. Viel schlauer als ein Mikroschraubenschlüssel, klar. Aber nicht anders.

Genau so sah Ben manchmal Organische. Manchmal. Er vergaß es, wenn er mit jemandem sprach. Aber im Kampf? Sobald er nach dem Körper des Gegners griff? Sah er wieder, dass er einem Fleischsack gegenüber stand. Sah er, wie wenig Leben doch war.

Und wie wenig er zerstörte, wenn er ein bisschen Fleisch zerplatzen ließ.

Er betrachtete die Leiche.

Und schloss ihre Augen. Weil es Via freuen würde.

Bei der nächsten tat er das Gleiche.

Das war anders als sein erster Gang durch das Schiff. Da hatte er mehr über die Kräfte des Monsters erfahren wollen. Jetzt… Ging es um nichts. Er patrouillierte die Korridore wie Navvo es früher getan hatte, bei Einbruch der Nacht.

»Licht aus«, murmelte Ben, nahm einem Gardisten den Helm ab, und schloss die Augen darunter. »Und schlafen.« So redete er vor sich hin, halb, um sich von anderen Gedanken abzulenken, halb, um sich selbst zu versichern, wie sinnlos und lächerlich diese Arbeit doch war. Was kümmerte es die Toten, ob ihre Augen offen standen? Was kümmerte es Ben? Er sollte einfach zur Brücke zurückgehen.

Ikaias Augen schloss er als nächstes.

Er musste an ihren kurzen Gang durch den Jedi-Tempel denken, und all die dunklen Wunder, für die kaum Zeit gewesen war. Das Skelett mit dem aufgerissenen Brustkorb, über dem blutroten Jedi-Symbol. Ihr Gebieter war zum Monster geworden, und die Jedi hatten den Verstand verloren. Wenn du dich an etwas klammerst, hatte Ikaia gesagt, und alles, was du bist, baut darauf auf. Und du verlierst es… Dann stirbst du, oder wirst jemand sehr Gefährliches.

Ben tastete vergeblich nach seinem Anhänger, und verfluchte sich selbst dafür.

Ikaia hatte ihm aus geschlossenen Augen zugesehen. »Ja, Ben«, schien sie zu spotten, »du bist etwas ganz Besonderes. Redet man sich das ein, wenn man ein Sklave ist?«

Sie hatte ihm Auserwählte gezeigt. Darth Vader. Altair Valueen. Menschen, die tatsächlich einen Wert und eine Aufgabe gehabt hatten. Einen Grund dafür, hier zu sein. Und sie hatte ihm gesagt, wo dieses Schicksal damals geendet hatte. Die Galaxis hatte die Wahl, unterzugehen, oder ein Kind zu töten.

Und wir sind noch immer hier. Das ist passiert.

Ben hatte nur für Ikaia selbst einen Wert gehabt. Sie hatte ihn an Bord gebracht und hatte genau gewusst, was passieren würde. Sie war nicht besser als Navvo – beide hatten sie Ben am Leben gehalten, solange sie etwas davon gehabt hatten. Auch Trent hatte ihn nur durch die Slums begleitet, weil der Rodianer Schutz gesucht hatte – aber bis auf ein paar Brocken Huttisch hatte er nichts Gegenzug angeboten. Kali hatte Ben eine Spielfigur genannt. Eine Waffe.

Immer auf der Suche nach dem nächsten Besitzer.

Ben schmetterte die Faust gegen die Wand. Er musste sich ablenken. Wenn er sich noch länger an all dem festklammerte, jeden Moment wieder und wieder passieren ließ, wie ein defektes Holoband, dann würde er nicht einmal mehr als Waffe zu gebrauchen sein.

Sieh nicht zurück. Das war Avarys letzte Regel gewesen, bevor der alte Mann ins All aufgebrochen war.

Avary hatte ihm verboten, die Splitterwelten zu verlassen. Aber was hatte Via gesagt? Man konnte nicht ewig warten. Manchmal, wenn sich die Chance bot, und die Sterne ein ganzes Leben nach einem geschrien hatten…

Muss man einfach fliegen.

Ein saftiger Fluch kam von der Brücke.

… auch wenn man das selbst noch nicht kann.

Zum dritten Mal fiel das Schiff in den Normalraum zurück. Das All erwartete sie grün und finster, in einem sternenlosen Meer aus Nebeln, und verirrten Lichtflüssen.

Ben stolperte auf die Brücke und sprang auf den Sitz neben Via. Dieser Ort war anders. Waren sie etwa endlich da?

»Ein Schiff«, sagte Via angespannt. »Am Horizont.«

»Die Arcadia

»Zu groß für die Arcadia

»Also was ist es?«

Via warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Ich weiß es nicht!« Ihre Finger glitten über das Steuerpult. »Wenn wir Pech haben, ist es Valueen. Vielleicht hätten wir die Flaschenpost als Warnung sehen sollen.«

Ben beugte sich vor und versuchte, mit den Augen den Nebel zu durchdringen. »Können wir kämpfen? Mit dem Schiff hier?«

Via gab einen hilflosen Laut von sich. »Ohne Crew? Wir könnten die höchstens rammen. Aber bei deren Größe« – sie tippte einen Befehl ein – »dürfte die das kaum kratzen.« Eine Diode blinkte rot auf.

»Können wir wieder springen?«

»Was denkst du, versuche ich hier? Nein, können wir nicht. Die haben uns aus dem Hyperraum gerissen und sie halten uns hier fest. Kein Wunder, dass die Routen zusammenstürzen, wenn hier irgendwelche Verrückten noch immer mit Masseschatten…« Sie brach ab. »Traktorstrahl. Auch das noch.«

»Und die Arcadia?« Ben fühlte, wie seine Anspannung zunahm. »Die muss hier doch auch vorbeigekommen sein, oder? Oder sind… Sie haben‘s ganz bestimmt nach Koornacht geschafft. Der Piratenkönig ist ein irrer Pilot, und«, er holte Luft, »und sie haben diesen Makro-Droiden, ihnen ist bestimmt nichts passiert, egal was …«

»Ben!«

Er zuckte zusammen.

Via rang sich ein Lächeln ab. »Wir kommen hier schon raus. Und finden deinen Bruder.«

Ben wollte etwas sagen, Via zumindest ansehen, aber es fiel ihm schwer, den Blick von der gewaltigen Silhouette loszureißen. »Jemand… Ist auf diesem Schiff.«

»Das möchte ich doch stark anneh…« Via stutzte. »Wie meinst du das? Bist du… Bist du einer von diesen… Du-weißt-schon-Midis?

»Ich bin kein Seher. Aber ich bin ganz sicher, dass… Dass er auf diesem Schiff ist, jedenfalls glaub ich, dass er es ist.« Er scheuerte eingebildetes Blut von seinem Arm. »Und ich glaube, das Schiff ist die Cloudrun

Via ließ von ihrer Konsole ab. Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen. »Die Cloudrun«, sagte sie langsam. »Der Weiße Wanderer. Der Geist des ersten Sterns. Diese Cloudrun

»Ich muss an Bord.«

»Ben, hast du irgendeine Ahnung, was… Wenn das da wirklich die Cloudrun ist, willst du sie ganz bestimmt nicht von nah sehen!« Sie machte sich wieder an den Kontrollen zu schaffen, noch hektischer als zuvor.

Ben verfolgte gebannt, wie das fremde Schiff größer wurde.

Via schüttelte den Kopf. »Wir kommen nicht frei.« Sie schlug auf einen der Knöpfe, der daraufhin panisch zu blinken begann. »Und warum nicht? Weil Valueen nichts Besseres bauen kann als eine kirim lanku«, sie hämmerte ein zweites Mal auf den Knopf, «kushu milona!«

Gegen seinen Willen schmunzelte Ben.

»Oh.« Via verzog das Gesicht. »Fantastisch. Merk‘ dir das bloß nicht, okay? Ich wurde trainiert, nicht erzogen. Das ist ein Unterschied.« Die Brücke begann zu zittern, dann starb das ferne Antriebsgrollen. Via ächzte und fuhr sich durch die Haare. »Nein, weißt du was? Kushu milona. Du hast mich schon verstanden. Ich hab mal auf einem Valueen-Frachter angeheuert, wir haben täglich die Mutter des Ingenieurs beleidigt.« Ein zweiter Knopf blinkte. »Und nahe Verwandte«, murmelte sie. »Vor allem mütterlicherseits…«

Ruckartig stand sie auf. »Okay.«

»Okay, was?«

»Ich bring‘ dich an Bord. Komm mit.« Via hatte die Brücke schon halb durchquert.

Ben sprang auf, warf sich die Vermillion-Jacke über und eilte ihr nach. »Warum warten wir nicht einfach hier?«

Er holte Via im Brückenkorridor ein. »Weil wir uns damit in eine taktisch unterlegene Position bringen würden«, sagte sie ruhig. Am Ende des Korridors öffnete sie die Drucktür zu Kalis Hangar. Raidne, die Sirene, lag noch immer auf dem Boden. Etwas entfernt stand Kalis persönlicher Jäger.

»Aber werden sie uns nicht kommen sehen?«

Via öffnete die Transparistahl-Kuppel. Von den unteren Decks her erklang eine Folge dumpfer Explosionen. Hinter dem blauen Kraftfeld des Hangars tauchte ein Objekt auf: Eine Rettungskapsel schoss ins All hinaus. Genau wie Dutzende andere, von überall auf dem Schiff.

»Werden sie«, sagte Via und schwang sich ins Cockpit. »Aber erst, wenn wir landen.«

Ben kletterte auf den Co-Pilotensitz und wäre beim Einsteigen fast heruntergefallen, als die Antriebe aufheulten und die Korvette beschleunigte. »Was bei allen Höllen…!?«

»Die Rettungskapseln zerstreuen den Traktorstrahl. Zu viele Objekte. Er weiß nicht mehr, was er festhalten soll.« Das Sternenfeld wanderte aufwärts, als das Schiff sich zu drehen begann. »Rollen«, erklärte Via, während sie die Triebwerke des Jägers startete. »Immer ein guter Trick.« In der Reflexion der Frontscheibe sah Ben ihr klassisches Lächeln aufblitzen. »Und es hebt die Stimmung.«

Der Jäger startete schneller, als jemals irgendetwas starten sollte.

Ben hatte sich irgendwo festgeklammert. Und klammerte noch mehr.

Via zog den Jäger in einer Kurve nach oben. Eine unsichtbare Kraft drückte Ben in seinen Sitz.

Unter einiger Anstrengung drehte er den Kopf zur Seite.

Die Korvette hielt auf die Cloudrun zu, wobei sie sich zunehmend schneller um die eigene Achse drehte. Einige Rettungskapseln zerplatzten beim Start an der Hülle des Valueen Schiffes, andere jagten haarscharf an Ben und Via vorbei. So oder so hatte Via ein beachtliches Chaos angerichtet. Und wenn die Korvette nicht mehr abbremste, dann…

Oh, nein.

»Du musst die Korvette stoppen«, rief Ben.

»Die Cloudrun wird‘s überstehen! Ich opfere das Valueen-Schiff für ein wenig Ablenkung!«

Nein, nein… Wenn Kali die Wahrheit gesagt hatte, dann befand sich der Kerl, der Via diesen Wahnsinn beigebracht hatte, in einem Karbonitblock auf der Korvette. Sie hatte ihren eigenen Vater in den Tod geschickt! »Glaub‘ mir einfach!« Ben wusste nicht, wo er anfangen sollte, zu erklären. »Du musst es irgendwie anhalten, sonst…!«

Via hielt unerbittlich auf die weiße Oberfläche der Cloudrun zu. »Dafür ist es zu spät, Ben!« Eine weitere Rettungskapsel explodierte. »Es ist schon ein Wunder, dass ich das Schiff soweit bringen konnte! Fernsteuern kann ich‘s nicht!«

Er durfte es ihr nicht sagen. Wenn er es ihr erzählte, wenn sie es jemals erfuhr, würde sie daran…

Zerbrechen.

Und das würde er nicht zulassen.

»Wir können damit eh nicht mehr springen«, rief Via. »Man sagt, wenn die Cloudrun einmal ein Schiff gefressen hat, gibt sie‘s nicht mehr her!«

Die Korvette zielte auf den Fuß des Brückenturms, viermal so breit wie sie selbst. Die Dimensionen, die dort draußen aufeinander prallen würden, überstiegen Bens Vorstellungskraft.

Er drückte die Hände gegen den Transparistahl. Das Monster konnte helfen. Was immer es auch danach tun würde.

Dann bremste die Korvette ab.

Ben nahm die Hände vom Glas. Hatte das Monster bereits eingegriffen, ohne dass er es gemerkt hatte? Oder warum…?

»Zusätzliche Traktorstrahlen!«, rief Via. »Ich hab‘ befürchtet, dass die das können.« Sie klang ehrlich verärgert.

Ben sank grinsend in seinen Sitz zurück. »Dreck«, ächzte er und sein Grinsen wurde noch breiter. »Mynockdreck.«

Während die Korvette über ihnen in einem großen Hangartor versank, tauchte Via durch das Kraftfeld eines ungleich kleineren Nebenhangars. Erstaunlich sanft setzte der Raumer auf dem Boden auf.

Ben wäre am liebsten noch eine Stunde sitzen geblieben. Ungefähr so mussten sich Weltraumschlachten anfühlen. Ihm war übel, die Haare hingen ihm schweißgetränkt ins Gesicht, und er hoffte, dass es auf legendären Geisterschiffen auch Toiletten gab.

Via ließ die Kuppel zurückschnellen, holte von irgendwoher einen winzigen Blaster hervor und sprang mühelos aus dem Cockpit heraus.

Unbeholfen kletterte Ben hinterher. Er wischte sich die verschwitzten Hände an seiner Jacke ab. Sorry, Dad. Ich wär wohl kein so guter Pilot.

Aber er hatte es bis zur Cloudrun geschafft. Daran hatte er jetzt keine Zweifel mehr. Kalis Korvette hatte einfach nur existiert. Hatte sich so leer und kalt und sinnlos angefühlt, dass Ben sie nicht länger ertragen hätte. Die Cloudrun dagegen, so dunkel und unheimlich sie auch sein mochte – tat mehr, als nur zu existieren. Irgendwie.

Erst jetzt sah er, dass Via innegehalten hatte. Mit dem Blaster zielte sie auf eine Ecke des halbdunklen Hangars, wo eine humanoide Gestalt hockte. »Wer sind Sie?«, forderte Via. »Gehören Sie zur Crew?«

»Die Crew«, murmelte der Fremde. »Die Crew ist unten. Das hier ist nur der verdammte Empfangsbereich…«

Ben trat einen Schritt an Via vorbei. »Dann sind Sie von der Arcadia?« Das Herz schlug ihm schon wieder bis zum Hals. »Sie sind einer der Piraten, ja? Ich suche nach Themis Leander, dem Piratenkönig!«

Stille.

Und dann ein langsames, trauriges Lachen, aus dem Herzen der Schatten. »Der Piratenkönig, ja… Du bist hier, um mit einer Märchenfigur zu sprechen, Kleiner?«

»Es gibt ihn wirklich, und das wissen Sie. Ikaia hat gesagt, dass es ihn gibt.«

»Ikaia? Ikaia Storm?« Der Mann stand urplötzlich auf und kam näher, löste sich aus den Schatten. »Wo hast du Ikaia gefunden?«

»Hey!«, sagte Via scharf, den Blaster erhoben, und sie wollte den Fremden schon stoppen, als das Licht der Geisternebel sein Gesicht erreichte. Der Mann konnte nicht viel älter sein als Via, auch wenn seine müde Stimme fast so geklungen hätte, fast ein wenig wie Avary, und die braunen Augen hatten ebenfalls etwas von…

»Themis Leander«, entfuhr es Ben. »Das sind Sie, oder?«

»Und ihr beide seid?« Er sah zu Via. Vielleicht, weil sie den Blaster hielt. Oder kein Kind war.

»Via«, antwortete sie. »Via Skirata. Woher wussten Sie, dass wir kommen? Und dass wir genau hier landen würden?«

Das gleiche, traurige Lachen. »Das Schiff hat‘s mir erzählt…«

Ben war so aufgeregt, dass er darüber nicht weiter nachdachte. »Ich bin Ben«, sagte er. »Ich bin… Ich bin…« Er schluckte. »Mein Vater war Avary Leander.«

Themis‘ Augen weiteten sich. Er trat noch näher und musterte ungläubig Bens Gesicht. »Wer ist deine Mutter?«, fragte er, nach einer Ewigkeit.

»Eine der Sirenen. Avary… Avary hat‘s wohl vom Felsen geschafft. Ist lebend wieder weggekommen.« Er versuchte zu lächeln.

Das Gesicht seines Gegenübers war wie aus Stein.

»Er… Hat mich zu den Splitterwelten gebracht und… Ikaia hat auf mich aufgepasst, ich wusste das nicht, aber sie war immer da, bis sie… Bis sie gestorben ist…«

Er suchte fiebrig nach Worten. Kratzte sich Blut vom Arm. Fand seine Jacke. Und zog sie eilig aus, hielt sie hoch, wie ein Schutzschild zwischen sich und Leander. »Hier«, stammelte er. »Die Jacke ist von Ava… Von D-dad…«

»Ich weiß«, sagte Leander.

»I-ich… Ich kann helfen. Ihnen. Und der Flotte und…« Die Worte verebbten.

»Eine Sirene«, sagte Leander. »Du willst mir erzählen, mein Vater hatte irgendwas mit einer… Mit einer Prostituierten? Ja?«

Ben schwieg.

»Geh‘«, sagte Leander.

Bens Erwiderung kam so leise, dass er sie selbst nicht hörte. Ein kleines, schwaches »Was?«

»Geh‘ dahin, wo du hergekommen bist.« Leander deutete auf den gelandeten Jäger. »Ich will dich hier nicht haben. Egal, ob‘s stimmt.« Er schüttelte den Kopf. »Und es stimmt nicht. Okay? Mein Vater hat die Rote Königin geheiratet. Er hat Jahrzehnte auf sie gewartet. Nach dem Krieg. Mein Vater hat keine andere Frau gewollt als Brianna Vermillion und wenn du noch ein verdammtes Wort…«

»Hey!« Via stieß ihm gegen die Rippen und drängte ihn zurück. »Schrei‘ Ben noch einmal an und…«

»Schon gut«, flüsterte Ben. »Schon gut.«

Er nahm die Jacke und warf sie vor Leander auf den Boden. »Von Avary. Hätte seinem Sohn gehören sollen.« Seine Stimme brach. »Ist kein Blut dran. Hab sie nie beim Kampf angehabt.«

Er kratzte wieder. »Ich geh‘ nicht zurück… Ich geh‘ nirgendwo mehr hin…«

Damit schlich er an ihnen vorbei, aus dem Hangar heraus, dorthin, wo das Licht der Sterne ihm nicht folgen konnte. Er ging immer weiter, bis er nicht mehr konnte, und irgendwo in der Dunkelheit stehen blieb.

Via tauchte auf, in der Hand ein Scheinwerfer.

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte er.

»Ich bin gut darin«, sagte sie leise. »Leute zu finden. Das Einzige, was ich von meinem Vater geerbt hab‘.« Sie hielt etwas hoch. Und ließ das Licht des Scheinwerfers über die Kette und den Anhänger gleiten. »Hab‘ ihn für dich mitgenommen. Er ist von deinem Vater, oder?«

Ben nahm sie in die Hand. Und zerriss die Kette. Schweigend.

»Wenn dir das jemand geschenkt hat…«, flüsterte Via. »Wie kannst du dann sagen, es wäre wertlos?«

»Nichts ist irgendwas wert. Wir sind alle einfach nur da.« Er wandte sich ab. »Was interessiert dich das? Was willst du von mir? Soll ich irgendwen töten, soll ich einen Krieg für dich führen? Jeder will irgendwas, also was willst du? Warum hast du mir überhaupt geholfen?«

»Weil das… Mein Wert ist. Das, was wir… Anderen schenken. Das, was wir geben. Das ist, was wir sind. Das macht eine Galaxis, die einfach nur da ist… Zu etwas Wertvollem.«

Ben hatte nicht den Mut, sie ein letztes Mal anzusehen.

Er wanderte abwärts, den Tiefen der Cloudrun entgegen. Mit jedem Schritt über unsichtbarem Boden ließ er weitere Ketten fallen, weitere Jacken, weitere Erinnerungen, weitere Hoffnungen, und weitere Namen.

Bis er keine mehr übrig hatte.

Und Ben aufhörte, zu existieren.

Die Cloudrun sprang.

Fortsetzung folgt…