1.10 All the King’s Men


»… denn du hast geschworen.«

— Daphan Valueen

Janus

Als sie ihn in die Toten Gemächer warfen, wusste er, dass er entsetzlich alt geworden war.

Durch die Korridore der Arcadia zu gehen, hatte ihm schon feuchte Augen beschert, aber wenigstens war der Großteil des Schiffs mit ihm gealtert. Diese Räume dagegen hatten der Zeit getrotzt. Staubschichten auf den Vitrinen, ein umgestürzter Stuhl – mehr hatte sich dieser Ort in neunzig Jahren nicht verändert. Seit dem Krieg.

Und schon damals war Janus ein alter Mann gewesen.

Er war alt gewesen, als Avary Leander am Steuer gestanden und den Kernstürmen getrotzt hatte. Er war alt gewesen, bevor Avary zum ersten Mal Fuß auf dieses Schiff gesetzt hatte, bevor Brianna gekrönt worden war, ja sogar bevor man die Arcadia gebaut hatte, in der verlorenen Heimat der Vermillion-Flotte.

Und heute hatte er auf der Brücke gestanden und Avarys Sohn töten lassen.

Schon komisch, dachte er, wie er so auf dem Teppichboden lag und auf einen Grund wartete, aufzustehen. Ich muss wohl einfach nicht nachgedacht haben.

Der Plan hatte nicht vorgesehen, den Jungen umzubringen. Ganz und gar nicht. Janus hatte sofort gesehen, dass Themis weder Krieger noch Anführer gewesen war, und den Frieden im Königreich nicht gefährden konnte. Solange er lebte. Tot allerdings?

Methodisch kraulte Janus den roten Samtteppich, als läge er auf dem Rücken eines Drachenrosses.

Wie würde die Flotte auf das Ableben ihres Throncaptains reagieren? Seit dem Bruch, vor 24 oder 25 Jahren, war er nicht mehr hier gewesen. Kaum einen der verbliebenen sieben Flaggschiff-Captains konnte er wirklich einschätzen. Er hatte Delfy erzählt, dass Themis‘ Ableben sie aufhetzen würde – jedoch nur, um herauszufinden, was sie selbst glaubte.

Delfy hatte keine Antwort gehabt. Er hatte keine programmiert.

Im Optimalfall kehrte die Arcadia nie wieder in bekannten Raum zurück. Wenn die Sieben das Schiff verschollen glaubten – und keiner von ihnen konnte eine Todesroute wie diese befliegen, um der Sache nachzugehen -, dann gab es keinen Anlass für eine zweite Rebellion gegen Valueen. Vorausgesetzt Delfy kehrte ebenfalls nicht zurück. Aber selbst wenn es Janus gelang, L1-E12 für immer außer Gefecht zu setzen, und damit den Rückweg unmöglich zu machen, würde Delfy es trotzdem versuchen – und dabei umkommen. Was er niemals zulassen durfte.

Er hatte es seinem König geschworen.

Daphan und seine Familie vor all ihren Feinden zu beschützen. Das war sein Schwur. Und trotzdem habe ich zugelassen, dass Delfy die Cloudrun betritt.

Mit dem Gedanken an das Geisterschiff kehrte seine Angst zurück. Sie fand ihn, selbst hier, im abgetrennten Mikrokosmos der Toten Gemächer. Seine ewige Begleiterin, durch 900 Jahre voller Kriege und Schrecken, die einzige Konstante, als immer neue Imperien, Republiken und Königreiche seinen Himmel verdunkelt hatten, um unter seinen Füßen wieder zu zerbrechen – im trommelnden Herzschlag einer sterbenden Galaxis.

Seine letzten Jahre waren bereits angebrochen. Die Angst hatte ihn gejagt, sein Leben lang, und er hatte überdauert. Doch all diese Zeit über hatte sie ihn hierher getrieben, seinem Grab entgegen, das auf der Cloudrun geduldig auf ihn wartete. Und dahinter…

Eine Welt, schlimmer als der Tod.

Seine Hand verkrampfte sich, krallte sich um einen Teil des roten Teppichs, hielt sich am Diesseits fest. »Nicht heute«, flüsterte er. »Irgendwann. Nicht heute.«

»Wie lange bleibt Ihr da noch liegen?«

Janus sah auf.

Ein Junge schaute auf ihn herab, die fast weißen Haare schmutzig und zerstrubbelt. Er war nicht älter als zwölf, aber in den Augen standen einhundert Jahre mehr. »Warum habt Ihr zugelassen, dass sie Euch einsperren?«

Janus ließ von dem Teppich ab, und von seiner Angst. »Auch hier«, murmelte er, »muss ich wohl einfach nicht nachgedacht haben.« Er atmete tief ein und aus, die reine Luft der Toten Gemächer, frei vom Geschmack des Monsters. Er lebte. Er lebte und er würde den Tag überstehen. Er würde einen Weg finden, Delfy und ihn selbst von der Cloudrun zu schaffen – wenn er nur Zeit zum Nachdenken hatte. »Und du, möchtest du einem alten Mann nicht aufhelfen?«

»Nein.«

Janus rollte sich auf den Bauch und stemmte sich mit zitternden Armen hoch. Ein Schmerz fuhr ihm in den Rücken, und dann noch ein zweites Mal, als er schließlich aufstand. Sie hatten ihm seinen Gehstock weggenommen, diese kleinkriminellen Unterlicht-Piraten. Als ob ein verstecktes Lichtschwert mehr oder weniger noch einen Unterschied gemacht hätte. Wo waren die hohen Ideale der Vermillion-Flotte geblieben?

»Seid Ihr immer so alt?«

Ächzend stützte Janus sich mit dem Rücken gegen eine Kommode. »Du erwischt mich in einem meiner älteren Momente.« Mit der rechten Hand zog er eine der Schubladen neben sich auf und tastete nach… irgendetwas. Essen wäre nett. Wenn auch unwahrscheinlich.

»Könnt Ihr nicht einfach zur Tür raus? Irgendeinen Geistestrick abziehen?«

Janus tappste vorwärts. Langsam kehrte das Leben in ihn zurück. So viel Leben, wie Platz war, jedenfalls. »Das Abziehen von Geistestricks in einem Toten Raum«, antwortete er, »wäre tatsächlich ein ganz beachtlicher Trick. Das Monster hat hier kein Reich, mein kleiner Freund, und alles was mir bleibt«, er seufzte, »sind heitere Wortspiele. Hm?«

Der Junge wartete bei der kleinen Wendeltreppe auf ihn. »Was ist das Monster?«

»Das, fürchte ich, wirst du noch erleben müssen.«

»Und so ein Toter Raum? Wie macht man den?«

Die Bilder rauschten vor Janus‘ Augen vorbei. »Mit sehr viel Vorsicht. Und am besten gar nicht.« Er ließ sich auf eine der untersten Treppenstufen sinken und atmete durch. »Aber ich bestand darauf, während meiner Zeit hier, und jetzt bin ich in meinen eigenen Gemächern eingesperrt. Gewiss ein, wenn du verzeihst, Treppenwitz der Geschichte.«

Der Junge schaute auf ihn herab. »Ich will niemals alt werden.«

»Oh, du wirst. Glaub mir. Es gibt andere Monster in der Galaxis als nur das… Monster. Und die lassen sich nicht so leicht aussperren.« Er beugte sich vorsichtig nach vorn und betrachtete seine faltigen Hände. »Man sieht jedem von uns an, mit welchen… Substanzen wir arbeiten. Mein Handwerk waren Erinnerungen, Täuschungen, sogar Identitäten. Fast 900 Jahre lang. Dass es mir gelungen ist, einen klaren Geist zu behalten, das… Ist ein kleines Wunder.«

Ein Schulterzucken, mehr hatte der Junge für dieses Wunder nicht übrig. Er verlor das Interesse an Janus und begann, im Raum auf und ab zu gehen. Er schaute hinter die Vorhänge, aber aber in den Fenstern dahinter wartete nicht der Weltraum – und auch nicht das Innere der Cloudrun -, sondern Utapau. Gemälde von Schlundlöchern und Knochenstädten, in Vitrinen die Zähne von Drachenrössern oder einfach nur ein Stein. Ein belangloses, winziges, wunderbares Stück Zuhause.

»Wertloser Schrott«, sagte der Junge, als er den Stein in der Hand drehte. »Und warum hat er zwei Farben?«

»Die eine Hälfte ist die Farbe, die unsere Sonnenuntergänge hatten«, antwortete Janus. »Die Hälfte, an die kein Licht gekommen ist… Das ist die eigentliche Farbe des Steins.«

»Und wie hilft Euch das jetzt? Hier?«

»Es…« Janus seufzte. »Es erinnert mich daran, dass alles zwei Seiten hat. Und jeder von uns hat zwei Gesichter.«

Verärgert zog der Junge den letzten der Vorhänge wieder zu. Er stürmte durch den Raum. Kühl, aber ruhelos. Zielstrebig, aber immer auf der Suche.

Bedauerlich, dachte Janus. Höchst bedauerlich.

Der Junge ließ von der großen Tür ab. Sie blieb verschlossen. »Es muss doch einen Ausgang geben!«

»Ich habe die Gemächer bauen lassen, weil ich Mauern brauchte. Zwischen mir und der Galaxis. Und dem Krieg. Zeit zum Nachdenken.«

»Dann denkt nach, alter Mann!« Der Junge kehrte zu ihm zurück. Hatte er immer getan. Und irgendwann nicht mehr. »Ihr seid doch gut mit sowas. Oder?«

Janus blinzelte. »Gut mit was?«

Die alten, blauen Augen des Jungen klagten ihn an. »Mit Schlupflöchern. Ihr seid gut darin, welche zu finden.«

Janus senkte den Blick. »Diesmal nicht. Diesmal gibt es kein Entkommen. Weder für mich, noch für die Prinzessin.«

Leider hatte der Junge Recht. Sie mussten fort von der Cloudrun. Delfy und Janus. Wenn einer von ihnen starb, war alles vorbei. Wortwörtlich.

Janus unterdrückte ein Ächzen und stand auf. Er konnte besser denken, wenn er im Kreis ging. Wenn er das Gefühl hatte, dass nur er selbst in Bewegung war, und die Galaxis abwartete, bis er das Problem gelöst hatte. Ihr seid doch gut mit sowas, mit Schlupflöchern…

Der Junge sah ihm zu. Beobachtete den erbitterten Marsch eines alten Mannes. »Werdet Ihr sterben?«, fragte er.

»Wir müssen alle sterben.«

»Ich nicht.«

Janus blieb stehen.

»Diesmal werde ich ein Schlupfloch finden«, erklärte der Junge stolz, und grinste bis über beide Wangen. »Ich werd‘ jeden Stern der Galaxis sehen. Jeden Planeten besuchen, den‘s gibt. Und werd‘ einen Weg finden, nie zu sterben.« Sein Grinsen erlosch und seine Augen verengten sich. »Ihr glaubt mir nicht. Oder, Meister?«

»Doch«, sagte Janus, langsam und schwer. »Ich glaube dir.«

Und ich wünschte, du wärst niemals erwachsen geworden. Ich wünschte, du wärst genau dieses Kind geblieben. Ich wünschte, die Galaxis hätte damals aufgehört sich zu drehen, ich wünschte, ich wäre nicht alt geworden, der Krieg wäre nicht ausgebrochen, das Monster wäre nicht über uns gekommen…

Ich wünschte, hinter diesen Vorhängen würden die Sterne von Coruscant auf uns warten.

Mit diesen Gedanken machte er sich wieder auf den Weg, weiter vorwärts, im endlosen Kreis. Nach ein paar Stunden brachte man ihm ein Tablett mit Essen, aber niemand bot ihm Antworten an. Er fand sein altes Bett, aber keinen Schlaf. Janus überdauerte die Tage in der Gesellschaft der Vergangenheit, abgeschnitten von einer Galaxis, die sich mit jeder Stunde schneller drehen würde.

Das Schiff erzitterte von Zeit zu Zeit, aber nie so sehr wie beim letzten Flug, als die Arcadia noch keine Gefangene gewesen war. Vermutlich fühlte sich die Cloudrun auf Todesrouten sogar zuhause. Das machte das Geisterschiff einmal mehr zu einer Variablen, die jeden von Janus‘ Plänen durchlöcherte. Während es für L1 und die Arcadia schon beachtlich gewesen war, sich auf der Metellos-Route vor und zurück zu bewegen, standen diesem Schiff vielleicht sogar die Nebenrouten offen, winzige Verzweigungen, ein Netz aus Blutadern.

Auf einmal musste Janus an Hath Usiris denken.

Usiris war ein General der Königlichen Garde gewesen. Ein fähiger Anführer und Krieger, aber seinen Namen hatte er sich für etwas anderes gemacht, in den Jahren von Avarys Rebellion: Usiris hatte dem Tod getrotzt, wieder und wieder. Er hatte Sarapin überlebt, zu Beginn des Krieges, und bei Kriegsende hatte er den König selbst gerettet, nach dessen Niederlage auf Anaxes. Man hatte ihn befördert, zum höchsten Gardisten unter Lady Kali, und ihn mit dem Schutz der königlichen Familie betraut.

Wenige Tage nach Anaxes war es zum Zwischenfall gekommen. Die Vermillion-Piraten hatten Delfy entführt, kurz nachdem die Gardisten sich gegen die Königin und ihren Sohn gewandt hatten. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Delfy die Leichen nicht gesehen hätte. Wenn Janus einen anderen Weg gefunden hätte, ihr zu helfen, als… diesen.

Janus‘ Erinnerungen an diesen Tag waren neblig. Er wusste, dass er Hath Usiris irgendwann gefunden hatte, im Chaos nach der Schlacht. Der General war nicht bei seinen Männern gewesen, als es passiert war. Er war dem Zerschnittenen Saal entgangen. Hatte überlebt, ein weiteres Mal.

Janus hatte ihn verhört und gefoltert, »Wessen Befehl war es?«, hatte er immer wieder gefragt. »Wer hat es getan? Wer hat sie töten lassen? War es Kali?«

Usiris hatte keine Antworten gehabt. Der König hatte ihn hinrichten lassen wollen, aber Daphan hatte nicht vergessen, dass Usiris ihn auf Anaxes gerettet hatte. Also hatte er Usiris in eine Hyperraumsonde gesteckt und ihn auf die Metellosroute geschossen.

Nicht ganz eine Hinrichtung. Für einen nicht ganz begangenen Mord.

Die Geschichten über Usiris hatten an diesem Tag erst begonnen. Sein Leben dagegen hatte wohl ein hässliches Ende gefunden, irgendwo, entlang der Metellosroute.

Janus hoffte inständig, nicht Usiris‘ Geist zu begegnen. Er hatte schon Gesellschaft genug.

Vor ihm trieb der Junge schwerelos durch den Raum, die Augen geschlossen, und blass wie eine Leiche.

»Wer hat dich getötet?«, flüsterte Janus. »Wer?«

Er hatte das Gefühl, ein ganzes Jahr in den Toten Gemächern verbracht zu haben, als sich die Tür öffnete und ein Geist eintrat.

Es war nicht Usiris.

Der Geist war kräftig, hatte dichtes, dunkles Haar und die harten Züge einer Legende – aber die Augen waren die eines Kindes. Augen, die selten geworden waren, in diesen Zeiten, in dieser Galaxis.

Der Junge betrachtete die geisterhafte Konkurrenz kritisch.

Janus dagegen deutete eine Verneigung an, ohne sich jedoch von seinem Sessel zu erheben. »Themis Leander. Was verschafft mir die Ehre Eures surrealen Besuchs?«

Der Geist schloss zögernd die Tür hinter sich und trat dann näher, blieb jedoch in einigem Abstand stehen.

»Oh, keine Sorge.« Janus machte eine wegwischende Geste. »In diesen Gemächern hier bin ich nur ein gewöhnlicher alter Mann. Ich könnte Euch nicht einmal gefährlich werden, wenn ihr noch am Leben wärt.«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Er lebt. Er ist gar nicht tot. Höchstes ein bisschen.«

»Immerhin hat er die Tür benutzt«, murmelte Janus. »Nimm‘ dir ein Beispiel.«

Der Themis-Geist sah zu dem Ort, an dem der Junge stand…ürde aber niemanden finden. Es brauchte eine gehörige Portion Talent und Fantasie, um Personen zu sehen, die nicht da waren. Langsam wandte er sich wieder Janus zu. »Mit…« Er räusperte sich. »Mit wem redet Ihr…«

Janus musterte den Geist. Warum hat er Angst? Weil er mit Angst gestorben ist?

»Er ist echt«, sagte der Junge. »Er ist wirklich hier.«

»Unmöglich«, raunte Janus und lehnte sich in die Richtung des Jungen. »Ich habe doch gesehen, wie er gestorben ist. Meine Augen mögen nicht mehr die besten sein, aber ich erinnere mich deutlich, den Puls gefühlt zu haben.« Er zupfte an seinem blauen, schweren Gewand. »Und hier muss noch irgendwo Blut kleben…«

»Seid endlich ruhig!«

Janus sah auf.

Themis richtete mit zitternder Hand einen Blaster auf ihn. Einen verhältnismäßig echten Blaster. Gemessen an den Möglichkeiten eines Geistes.

Langsam kamen Janus ernsthafte Zweifel. Was wurde hier gespielt? Er ließ sich in den Sessel sinken. »Noch nicht ganz überzeugt«, erklärte er. »Aber wenn Ihr die Waffe wieder herunternehmt, wäre ich bereit, Euch vorübergehend als echt zu akzeptieren.«

Themis gehorchte. »I-in Ordnung…«

Ein Punkt für seine Echtheit, notierte Janus. Aber was bei den Schwarzen Sternen geht hier vor? »Ich möchte nicht taktlos sein Aber ich war sicher, Ihr wärt tot.«

»I-ihr habt auf mich geschossen. Auf der Brücke. Nachdem One Euch die Tür geöffnet hat.« In Themis‘ Gesicht standen eine Unzahl von Gefühlen, die Janus kaum auseinander sortieren konnte.

»Schon möglich, ja.« Janus musste plötzlich kichern. »Verzeiht mir, wenn ich schwer von Begriff erscheine, aber…« Er schüttelte fasziniert den Kopf. »Das hier ist wirklich, wirklich sonderbar.« Er beugte sich vor, und fragte in verschwörerischem Tonfall nach einem Geheimnis unter zwei guten Freunden: »Warum sind Sie noch am Leben?«

Themis antwortete nicht mehr.

»Wissen Sie, in meiner Zeit hier, in dieser Galaxis… Habe ich die wunderlichsten Dinge gesehen. Machtgeister. Bevor sich alles geändert hat. Ich habe gesehen, wie die Macht jeden noch so schlimm Verwundeten geheilt hat, aber…« Seine Faszination wich und in ihm stieg die alte, eisige Angst auf. »Aber das hat sie nie getan. Sie hat niemals die Toten zum Leben erweckt. Niemals.«

Aber die Cloudrun

Die Cloudrun konnte es vielleicht…

Oh, bei allen Sternen…

Plötzlich sprudelten die Fragen aus Janus hervor. »Was ist mit der Prinzessin? Ist sie an Bord gegangen, an Bord der Cloudrun? Wohin fliegen wir? Wie lange sind wir schon unterwegs? Wo ist die Delfy, und warum… Warum seid Ihr am Leben?«

»Ich weiß es nicht«, feuerte Themis zurück. »Ich weiß es nicht, okay? Die Cloudrun ist gesprungen, mit uns drinnen. Delfy… Delfy redet mit niemandem mehr, nur mit…« Er stockte. »Mit dem Schiff. Das ist alles, mehr weiß ich nicht. Wir sind auf der Metellos-Route, Richtung Koornacht. Seit knapp einer Woche.«

Janus nickte abwesend. Sie redet mit dem Schiff…

»Und jetzt habe ich ein paar Fragen…«

»Nur zu«, murmelte Janus, jedoch ohne ihn anzusehen. Richtung Koornacht. Wir hatten eine Kolonie hier. Und eine Flotte. Falls sie noch existiert, und falls ich das irgendwie nutzen kann…

Themis zerstörte den makellosen Fluss seiner Gedanken. »Mein Vater. Auf der Brücke… Ihr habt gesagt,… dass er vielleicht noch lebt.«

»Nicht jetzt«, zischte Janus. Die Koornacht-Flotte würde auf seinen Befehl hören, aber wie setzte er sich mit ihr in Verbindung? Und selbst, wenn er Delfy von der Cloudrun herunter auf auf ein Valueen-Schiff bringen konnte, wie würde der Captain darauf reagieren, die Tochter des Königs einzusperren? Und einsperren musste man sie. Karbonit wäre ein Anfang…

»Was ist mit meinem Vater?«

Wen kümmerte denn das jetzt? Janus blickte auf und spuckte grimmig Luft aus. »Er ist tot. Ich habe gelogen. Haben Sie mich erwischt, hm?«

Themis Gesicht war wie aus Stein. »Ja«, sagte er irgendwann. Und nickte schnell. »Was anderes könnt Ihr ja auch nicht…«

»Wenn ich die Frage erwidern dürfte: Wer war Eure Mutter?«

Die Augen seines Gegenübers blitzten rebellisch auf. »Brianna Vermillion.«

Janus starrte ihn an.

Da war so viel von Avary, dass er zuerst nichts anderes gesehen hatte. Bei Menschen waren solche Sachen ohnehin schwer zu erkennen, irgendwo ähnelten sie sich alle. Aber jetzt, wo er wirklich danach suchte…

Fand er Briannas Sohn.

Janus erwischte sich bei einem sanften Lächeln. »Ein guter Gedanke.« Er nickte zufrieden. »Der beste in den letzten Tagen.«

Dann sah er zum Jungen.

Dieser blickte Themis mit dem Hass ganzer Jahrzehnte an.

Janus ließ den Jungen verschwinden. Das hier war zu wichtig.

Und doch konnte er es dem Jungen nicht verübeln. In dieser Neuigkeit lag etwas Wunderbares und Hassenswertes zugleich. Avary Leander hatte keinen Sohn, das hatte Janus dem König erzählt, das hatte er sich selbst erzählt, und vor ein paar Tagen schließlich Ikaia. Er hätte sein Leben darauf verwettet, dass sie nicht so irrsinnig dumm gewesen waren. Und kurzsichtig. Und egoistisch.

Janus versicherte sich, dass der Junge auch wirklich fort war. »Es war nur wegen Ihnen«, sagte er dann. »Weil Sie existieren.«

Themis sagte nichts.

»Wissen Sie, was die Kernwelten zusammengehalten hat, nach dem Schattenkrieg? Als wir am Rande des Untergangs standen? Wissen Sie, was die Trümmer vereint hat?« Janus fuhr sich über die Stirn. Dieser Tag brachte entschieden zu viele vergrabene Erinnerungen hervor. »Das war der Bund zwischen der Nachtrepublik der Jedi… Und den heimatlosen Überlebenden des Hapes Konsortiums. Dem, was Sie heute die Vermillion-Flotte nennen. Was uns gerettet hat, das war die Hochzeit zwischen Daphan Valueen und Brianna Vermillion.«

»Eine politische Ehe.«

»Ein Meisterstück. Leander. Mein Meisterstück.«

Schweigen.

»Als sie ihn verlassen hat, lange nach Lucans Tod, und ohne weitere Nachkommen… Da war das bereits ein gefährlicher Schlag gegen den Frieden in den Kernwelten. Aber als der König von Gerüchten erfuhr, sie sei zu Avary geflohen, zu ihrer alten Flotte zurückgekehrt… Und Sie hätten einen Sohn gezeugt…« Janus schüttelte den Kopf. »Der König hat Eure Auslieferung verlangt. Avary hat verneint. Ich habe versucht zu vermitteln, aber ich bin gescheitert und… Wie es scheint, wurde ich dazu noch belogen. Die Dinge haben sich dann verschlimmert. Und vier Jahre später hatten wir einen neuen Krieg.«

»Und was ist das für ein Mann«, fragte Themis mit bebender Stimme, »der ein Kind töten und ein Reich in den Krieg stürzen wollte, nur weil ihn seine Frau verlassen hat? Was ist das für ein Mann, dem Ihr dient?«

Diesmal war es Janus, der schwieg.

Ein großer Mann, aber kein guter. Der Mann, den wir brauchten. Und dem ich einen Schwur geleistet habe.

»Kein König«, hörte Janus sich sagen. »Und ist das nicht die Ironie? Bei allem, was Daphan Valueen erreicht hat… Und bei all Ihren Fehlern und Schwächen… Sind Sie von königlichem Blut, und er nicht. Er war ein Soldat, und davor der Sohn eines Farmers. Sie dagegen sind der Sohn von Brianna Vermillion, der rechtmäßige Erbe des Königshauses von Hapes, der letzte Abkömmling einer Jahrtausende alten Blutlinie.«

Janus legte den Kopf schief. »Natürlich ist all das belanglos. Es gibt kein königliches Blut. Bevor Ihre Vorfahren Könige waren, kannte man sie als die Lorell Raiders. Piraten, die vor Urzeiten das Hapes Cluster besiedelt haben – bis einer von Ihnen begonnen hat, sich König zu nennen.« Janus faltete die Hände. »Und 5000 Jahre später nennt der jüngste dieser Könige sich wieder Pirat. Ironien wie diese sind es, für die sich ein langes Leben lohnt.«

Wieder schwiegen sie. Es war nicht einfach, mit diesem Jungen einen anständigen Gesprächsfluss aufzubauen.

»Gut«, sagte Themis. »Das wäre alles.« Er machte Anstalten, zu gehen. »Da ist noch eine Besucherin für Euch. Sie hat um fünf Minuten gebeten. Und wenn Sie nach fünf Minuten nicht wieder draußen ist, schicke ich ein Dutzend bewaffneter Soldaten rein.«

Eine Spur von Avary. Eine Spur eines zweiten Gesichtes. Flüchtig. Aber nicht zu leugnen.

Leander wartete nicht auf eine Antwort. Er schritt durch die Tür und ein paar Augenblicke später erschien dort die schmale Silhouette einer jungen Frau.

Janus verengte die Augen zu Schlitzen, um besser sehen zu können. Delfy war es nicht. Delfy brauchte auch keine bewaffnete Verstärkung. Eventuell auch keine fünf Minuten. »Guten Abend?«, rief er vorsichtig.

»Guten Abend«, antwortete eine weiche Stimme, und die Fremde schwebte ins Zimmer herein. Das Auffälligste an ihr, aber so ging es Janus mit fast jedem, waren ihre Augen. Groß, und von einem leuchtenden Braunton, hielten sie Janus fest. Ohne jede Angst. Und dabei war dieses Mädchen noch jünger als Delfy.

»Kann ich Ihnen etwas zu essen anbieten?«

»Danke, nein.« Lächelnd nahm die Fremde auf dem Teppichboden Platz, als wäre sie hier unter Freunden – und nicht in einem gewaltsam von der Macht getrennten Raum, zusammen mit dem Lord der Schatten, und um sie herum ein uraltes Geisterschiff.

Wäre der Junge noch hier, Janus hätte ihn gebeten, ihre Echtheit zu bestätigen.

»Lord Janus«, sagte sie. »Ich bin Via.«

»Via«, wiederholte er unsicher. An irgendetwas sollte ihn dieser Name erinnern, aber sein Gedächtnis war nicht mehr das Beste.

»Ich habe die Arcadia verfolgt. Und bin an Bord gekommen, bevor wir gesprungen sind. An Bord der Cloudrun. Die Vermillion-Piraten kennen mich als Via Skirata, eine Schmugglerin aus den Splitterwelten.«

»Eine Midi also…«, sagte Janus langsam. »Eine von denen, die die Trantor-Route befliegt?«

»Keine Midi.« Via lächelte. »Und keine Schmugglerin.«

»Kein gewöhnlicher Mensch kann ein Schiff durch den…« Er schloss die Augen. Jetzt erst, jetzt erinnerte er sich. Die Geheimdienst-Berichte. Er hatte Lady Isi Lemuan persönlich beauftragt, der Spur nachzujagen. Der Tochter des größten Kopfgeldjägers dieser Zeit.

»Via Hokulani«, sagte er. »Eine unerwartete Begegnung. Wenn auch nur an zweiter Stelle, was Überraschungen angeht, an einem Tag wie diesem.«

Via runzelte für einen Moment die Stirn, ignorierte die Bemerkung dann aber. »Ich bin hier, weil ich Euch ein Angebot machen möchte. Und dazu ist es wichtig, dass Ihr versteht… Dass sich das Schiff von Lady Siena Kali in einem Hangar der Cloudrun befindet.«

Was?

»Lange Geschichte.« Sie zwinkerte. »Ich hab‘s hierher geflogen, die Cloudrun hat‘s gefressen – aber ich bin sicher, dass wir es auch wieder starten können.«

»Wir.«

»Wir.«

»Was ist mit den Piraten?«

»Ich werde niemanden töten. Aber ich kann Euch hier herausholen.«

»Tatsächlich.« Diese Sache wurde immer interessanter. »Ich bezweifle nicht, dass Sie das können – aber ich habe ernsthafte Zweifel an ihrer Motivation.« Er faltete die Hände. »Außer natürlich… Oh. Sie wollen ihren Vater.«

Vias fester Blick war Antwort genug.

»Sie müssen verstehen, ich habe ihn natürlich nicht hier… Aber sollten Sie mich tatsächlich von hier fortbringen können, kann ich seine Freilassung veranlassen. In Form eines dramatischen Ausbruchs. Je nach Wunsch. Solange es keine offizielle Sache wird, Sie wissen?«

Janus redete nur, um mehr Bedenkzeit zu haben. Das hier war eine unerwartet großartige Wendung des Schicksals. Allerdings warf sie neue Fragen auf: Wie sorgte er dafür, dass Delfy mit ihnen kam? Vielleicht konnte er sie mit Via zusammen in die Toten Gemächer locken. Hier würden Delfy ihre Fähigkeiten nichts nützen, und vielleicht würde die Tochter von Andor Hokulani, bei allen Sternen, Delfy tatsächlich überwältigen können. Aber das war ein sehr großes Vielleicht.

Dazu kam das Detail, dass Janus ihren Vater niemals geschnappt hatte.

»Nachdem Sie mich ins Königreich zurück gebracht haben«, begann er. Woher wissen Sie, dass ich Wort halte?«

Via stand auf. »Ich lasse Euch schwören.«

Innerlich zuckte Janus zusammen. »Schwören? Nun ja, aber wie sagt man noch: Worte sind Wind. Vielleicht könnten wir das über eine Art Pfand regeln, oder eine andere Art von Sicherheit…«

»Nein.« Via zwinkerte ihm zu, verspielt und entschlossen zugleich. Jeder hatte zwei Gesichter. »Ihr schwört es. Und bringe Euch von hier fort.«

Das Schiff fiel aus dem Hyperraum.

»Schnell.« Via sah zur Decke. »Wir können nur fliehen, solange wir auf Sublicht sind.«

Er brauchte mehr Zeit. So etwas war keine leichtfertige Entscheidung, jedenfalls nicht für Janus. »Angenommen«, er befeuchtete sich die trockenen Lippen. »Angenommen, aus irgendeinem Grund kann ich Ihnen Andor nicht liefern. Das Königreich ist nicht gerade stabil, im Augenblick, und die…« Er lachte gezwungen. »Die Galaxis sowieso nicht, heh?«

Via deutete auf die Tür. »Ich will ja nicht hetzen, aber Leander hat mir fünf Minuten gegeben. Jetzt wo wir angekommen sind, will er mich vielleicht sofort raus haben. Er traut mir nicht mehr als Euch.«

»Natürlich, natürlich, was ich sage, ist ja nur: Ich brauche eine Alternative. Etwas Anderes, das ich Ihnen geben kann, falls… Falls irgendetwas dazwischen kommt.«

Via nickte. »Die Concord Dawn.«

»Das Schiff ihres Vaters.« Janus bedachte das hastig. Er wusste nicht mehr über den Verbleib des Schiffes als über den von Hokulani selbst. Aber die Dawn würde einfacher zu finden sein. Falls Hokulani sie bei seinem Verschwinden nicht zerstört hatte. Er musste es riskieren. Mann oder Schiff, eines von beiden würde schon zu beschaffen sein.

»Gut«, sagte Janus und erhob sich vom Sessel. »Ich schwöre. Wenn Sie mir helfen und mich zurück ins Königreich bringen, bringe ich Ihnen Ihren Vater – oder sein Schiff.« Er streckte die Hand aus und Via nahm sie an.

»Deal«, sagte sie.

»Dann möchte ich, dass Sie an Bord von Kalis Korvette gehen und die Komm-Anlage auf Punkt 325 stellen. Anschließend suchen Sie einen Raum auf dem Gefängnisdeck, in dem sich ein Karbonit-Block befindet. Ich gebe Ihnen ein Zeichen, wenn es soweit ist – Sie werden es wissen, wenn sie es hören. Der Schlüssel zum Auftauen lautet Dactillion, D-A-C-T-I-L-L-I-O-N, verstanden? Sobald der Prozess abgeschlossen ist, öffnen Sie einen Funkkanal und warten, bis ich mich melde. Alles weitere folgt dann.«

Bevor Via etwas erwidern konnte, wurde die Tür aufgestoßen.

Und Delfy Valueen stürmte herein, Prinzessin des Königreichs, und ganz die Tochter ihres Vaters. Via eilte an ihr vorbei nach draußen, und die beiden Frauen würdigten sich kaum eines Blickes.

»Versucht es gar nicht erst«, sagte Delfy zu Janus, noch im Einmarschieren. »Keine Psychotricks mehr. Oder wir beenden es hier und heute.«

»Oh, keine Sorge.« »Was man Euch über diese Gemächer und ihre Eigenschaften erzählt hat, entspricht der Wahrheit. Auch wenn meine eigenen Ausführungen diesbezüglich wohl etwas eloquenter ausgefallen wären als die Erklärungsversuche eines… Mance Galney, nehme ich an?«

»Er sagte, das Monster kann hier nicht rein.«

»Bestechend. Ein Gott, dieser Mann.«

Delfy kam vor ihm zum Stehen. »Es gibt…«

»… Schwierigkeiten.« Janus ließ sich zurück auf den Sessel sinken. »Wann sonst interessiert sich die Jugend für die Gesellschaft der Alten und Erfahrenen? Wie gut, dass Kinder heute so schnell erwachsen werden. Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass Ihr auf einem Eurer Abenteuer die Galaxis an den Rand eines Krieges gebracht habt und – oh, wartet. Ich vergaß: Wir fliegen genau drauf zu. Jedenfalls taten wir das, bis wir vor einer halben Stunde aus dem Hyperraum gekommen sind. Und nun in Schwierigkeiten stecken. Ihr müsst mir unbedingt davon erzählen.«

Delfys Augen funkelten. »Seid Ihr fertig? Dann seht es Euch einfach an.« Sie holte einen Holoprojektor hervor und knallte das handflächengroße Gerät zwischen ihnen auf den Boden.

Sie tippte mit dem Fuß dagegen und das gespeicherte Bild erwachte.

In der Mitte der Darstellung ließ sich Cloudrun ausmachen, umgeben von einer Unzahl kleiner Punkte, zwei Halbkreisformen, und einem ungleich größeren, langgezogenen Oval. Die Szene war überaus verzerrt. Vermutlich, weil sich die Arcadia in einem Hangar der Cloudrun befand.

»Was ist das?«, fragte Delfy.

»Eine Einsatzgruppe vom Typ Besh 7«, sagte Janus. »Zwei Korvetten, ein Schlachtschiff, vier Dutzend Begleitschiffe und sechshundert Raumjäger, in Angriffsformation…f, für Sprungblockade und Einschüchterung. Ich nehme stark an, dass sie unsere Koornacht-Kolonie bewachen, auf dem Planeten Polneye.«

»Ein weiteres System, das Ihr und mein Vater mir verschwiegen habt.«

»Nur Euer Vater, in diesem Fall. Ich hatte keine Ahnung, dass die Kolonie noch existiert. Wir haben sie in den Anfangstagen des Königreichs gegründet, um den Zustand des Galaktischen Kerns zu überwachen. Als die Metellosroute sich verschlimmert hat, haben wir nur noch über einzelne Hyperraumsonden Kontakt gehalten – bis zur Großen Welle, vor zwanzig Jahren. Ich ging davon aus, dass die Kolonie dabei zerstört wurde. So nahe am Kern, wie sie ist. Falls danach noch Sonden kamen, ist es denkbar, dass Kali oder Lemuan sich ihrer angenommen haben und…«

»Egal«, fuhr ihm Delfy ins Wort. »Wenn diese Einsatzgruppe den gleichen Vorschriften folgt wie der Rest des Königreichs, gibt uns das eine halbe Standartstunde, um uns zu identifizieren oder zu entfernen.«

»Das ist die Vorschrift für unbekannte Objekte. Nicht für unmittelbare Bedrohungen. Letztere sieht dann doch ein wenig, nun ja, aggressiver aus. Damit stellt sich nun die Frage, ob die Cloudrun in der Lage ist, einer ganzen Flottengruppe standzuhalten. Oder ob Ihr, Prinzessin, uns von hier fort bringen könnt.«

Delfy funkelte ihn an. »Ihr wisst ganz genau, dass dieses Schiff nicht auf Befehle hört. Nicht so wie andere Schiffe. Selbst wenn ich es dazu bringen könnte, wenigstens die Arcadia wieder auszuspucken…«

»Würde die Arcadia uns genau so wenig nützen. Exakt. Ohne einen aktiven Makro-Droiden können wir nicht einmal springen – was Ihr ohnehin nicht tun würdet, denn Ihr seid besessen von der Cloudrun.« Er seufzte. »Und hier ist nun das Ergebnis. Diese Flotte wird das Schiff zerstören oder verkrüppeln. In zwanzig Standartminuten.«

»Oder auch nicht«, sagte Delfy langsam.

Janus rollte mit den Augen. Es war so schwierig, sich überraschen zu lassen, wenn man schlauer war, als jeder andere. Verglichen mit einem lebenden Toten und der Tochter eines Kopfgeldjägers war selbst Delfy Valueen noch relativ konventionell. Er musste nicht fragen, was sie von ihm wollte: »Weil der Stützpunkt lange vor Eurer Zeit war«, sagte er, »wird der Kommandant nicht auf Euren Befehl hören. Wenn er Euch überhaupt glaubt, wer Ihr seid. Meine eigenen Verbindungen dagegen dürften ganz ausgezeichnet sein – solange ich nicht erwähne, dass ich damals jeden auf Polneye für tot erklärt habe. Manche Leuten sind sehr empfindlich, was das angeht.«

»Wir haben keinen Funkkontakt. Wegen der Cloudrun. Ihr müsst an Bord des Schlachtschiffes gehen, und dem Kommandanten befehlen, sich zurückzuziehen.«

Janus nickte langsam.

»Also… Werdet Ihr es tun?« Delfy hasste es. Oh, und wie sie es hasste.

»Ich werde. Aber woher wisst Ihr, dass ich nicht einfach verschwinde?« Ich muss aufhören diese Frage zu stellen. Genug Schwüre für einen Tag.

Delfy hob die Augenbrauen. »Ich weiß es, weil ich neben Euch stehen und Euch eine Klinge in den Bauch jagen werde.«

Was auch ihr eigener Tod wäre. Aber dass Delfy es trotzdem tun würde, musste sie ihm nicht erst versichern. Er wusste es. Er hatte sie programmiert. Und daraus ergab sich eine weitere Frage: Außerhalb der Toten Gemächer warteten Macht und Monster auf Janus. Er würde die Crew – und Delfy selbst – erneut beeinflussen können und ihren Plan ruinieren. Wie wollte sie das verhindern?

Oh, natürlich. Er seufzte. Schloss die Augen. Und hoffte, dass sie nicht stärker zuschlug, als notwendig.

Wie immer enttäuschte sie ihn.

Als er aufwachte, war er irgendwo angeschnallt, eingeengt, atmete künstliche Luft. Hier gab es kaum Licht, mit Ausnahme einiger Farbkleckse, zu beiden Seiten, und vor ihm die Lehne eines Pilotensitzes, unter oder über ihm der offene Weltraum…

Ihm wurde übel. Das Cockpit drehte sich um ihn herum.

Er ließ einen jämmerlichen Laut entkommen, hielt aber zumindest seinen Mageninhalt an Ort und Stelle. Mit der Stirn prallte er gegen die Lehne vor ihm. Er fiel zurück, schloss die Augen, und kämpfte gegen die Schwindelgefühle an. Langsam, vorsichtig, wagte er es wieder, die Augen zu öffnen.

Sie flogen durch eine Valueen-Flotte. Eben noch ein Hologramm, jetzt unglaublich real. Jedes der Schiffe war mehrere Jahrzehnte alt, aber das schlug sich nur in ihrer Bauweise nieder. Die Rümpfe glänzten wie auf einem Jungfernflug, helles Blau, verziert mit dem Glanz der Sterne. Ein Jäger-Geschwader hatte Formation um Delfy und Janus bezogen, um sie zum Schlachtschiff zu eskortieren.

Janus wagte sich ans Sprechen. »Wo hast du… diesen Jäger her? Das hier ist… keiner der Shen-Flieger von der Arcadia…«

»Siena Kalis Privatjäger«, ertönte Delfys Stimme. »Das Mädchen, das bei Euch war, hat ihn auf der Cloudrun gelandet.«

Natürlich, ja. Auch die Shens wären zweisitzig gewesen, aber ein Jäger im Valueen-Design würde weitaus weniger Fragen aufwerfen. Erbaulich, dass Delfy wenigstens dieses eine Mal nachgedacht hatte.

»Es wird sie nicht retten«, sagte der Junge.

Janus schaute neben sich.

Der Junge lächelte ihm durch den Transparistahl des Cockpits hindurch zu, flog neben dem Jäger her wie ein im All lebender Vogel. »Die Prinzessin hat einen Fehler gemacht. Stimmt‘s, alter Mann?«

Ja, das hatte sie. Delfy glaubte, dass er keine Macht mehr über sie besaß, jetzt wo sie von ihrer Programmierung wusste. Sie würde hochkonzentriert vor ihm im Cockpit sitzen und in jeder Sekunde für einen Angriff bereit sein. Jeden anderen Geistestrickser, den Janus kannte, hätte sie auf diese Art abwehren können. Ihre Dickköpfigkeit hatte Vorteile. Aber Janus selbst…

Hatte sich damals ein Schlupfloch geschaffen.

Und er würde es nutzen. Wenn die Zeit gekommen war.

Delfy landete den Jäger auf dem Brückenhangar des Schlachtschiffes. Draußen wartete bereits ein bewaffnetes Empfangskomitee, ein Dutzend Soldaten, etwas älter schon, aber in ausgezeichneter Verfassung.

Janus erinnerte nicht mehr, wem sie damals das Kommando über Koornacht gegeben hatten. Aber vielleicht hätten sie ihn während der Vermillion-Rebellion gebraucht.

Sie stiegen aus.

Als er Janus erkannte, zuckte der Offizier zusammen. Eilig hob er die Hand und ließ seine Einheit die Waffen senken. »Lord Janus! I-ich… Ich weiß, nicht was ich sagen soll…«

»Offensichtlich nicht«, bemerkte Janus und vermisste seinen Gehstock. Erschöpft, aber dennoch um seine Würde bemüht, schritt er durch die Reihe der Soldaten.

Delfy und der Offizier folgten.

»Meine reizende Begleitung«, sagte Janus, ohne sich umzudrehen. »Die Tochter von König Valueen, Prinzessin Delfy.«

»M-mylady…«, sagte der Mann und schien grenzenlos überfordert. »Es… Ihr müsst wissen, wir sind hier draußen sehr weit abgeschnitten und erfahren fast nichts aus dem Königreich…« Der Mann beschleunigte seinen Schritt und trat in Janus‘ Sichtfeld. »Mein Lord, ich bin untröstlich, wenn wir gewusst hätten, dass Ihr auf diesem Schiff… Wir hätten niemals…«

»Ihr hättet niemals was?«

»Die Enterkommandos geschickt.«

Delfy atmete scharf ein.

Janus verzog das Gesicht. Er hätte ahnen können, dass die Vorschrift vor sechzig Jahren noch anders ausgesehen hatte. Oder man in Koornacht besonders vorsichtig sein musste, aufgrund der Wichtigkeit der Forschungen. So oder so, die Cloudrun erhielt in diesen Momenten bewaffnete Besucher.

»Rufen Sie sie zurück«, befahl Delfy.

»Gewiss!« Während sie den Turbolift betraten, gab der Offizier hastig eine Reihe von Befehlen in sein antikes Komlink ein. »Allerdings ist… Nun, wir haben den Kontakt zu General Usiris vorübergehend verloren. Ich kann nicht sagen, wann er den Befehl erhalten…«

»Usiris?« Delfys Reaktion war so heftig, dass Janus zusammenzuckte. »Hath Usiris? Dieser Dreckskerl hat überlebt?«

Janus fixierte sie mit seinem Blick und deutete ein Kopfschütteln an. Er war nicht sicher, warum. Wenn Delfy sich schon jetzt als Feindin des Königreichs zu erkennen geben wollte, warum sie aufhalten?

Der Offizier stammelte eine Erklärung zusammen.

Janus dagegen blieb mit seinen Gedanken bei den Entertrupps. Natürlich würde kein Funkspruch zur Cloudrun durchkommen, wenn man nicht auf genau dem richtigen Kanal sendete. Delfys Befehl würde lediglich solche Entertruppen zurückrufen, die noch nicht Fuß auf die Cloudrun gesetzt hatten.

Für alle anderen war es zu spät.

Der Turbolift beschleunigte nach oben.

Der Junge war bei ihnen. »Könnt Ihr ihnen nicht befehlen, zu feuern?«, fragte er mit vor Aufregung geröteten Wangen. »Auf die Cloudrun? Dann sind die Piraten erledigt, und die Cloudrun ist endlich zerstört, und… Und Ihr müsst nur noch die Prinzessin zurück ins Königreich schaffen!«

Janus betrachtete den Jungen stumm.

Dessen Aufmerksamkeit galt inzwischen Delfy. Er lächelte scheu, aber Delfy bemerkte ihn nicht. »Du wirst sie beschützen, oder?«, flüsterte er. »Du hast es geschworen. Die Familie vor all ihren Feinden zu schützen. Hast du gesagt.«

»Ja«, murmelte Janus. »Habe ich gesagt.«

Delfy quittierte das mit einem Augenrollen. Der Offizier gab vor, nichts gehört zu haben.

Der Lift erreichte die Brücke.

Ein riesiger Mann mit grauem Haar und einem Gesicht wie ein Dolch erwartete sie mit hinter dem Rücken verschränkten Armen. Die Rangabzeichen und Uniform waren die eines Admirals. »Lord Janus«, sagte er und verneigte sich. »Es ist mir eine Ehre. Ich habe nie daran gezweifelt, dass Ihr oder der König uns eines Tages hier besuchen würdet.« Er grinste breit. »Ich bin Admiral Havard Pellaeon.«

Pellaeon, ja. Die Ähnlichkeit zu Lord Nim Pellaeon war nicht zu übersehen. Sein älterer Bruder, vielleicht? Janus zuckte gedanklich mit den Schultern. Er hatte im Laufe der Jahrhunderte den Überblick über den Pellaeon-Stammbaum verloren.

Er sah an Pellaeon vorbei zum Panoramafenster des Schlachtschiffes. Dahinter hing die Cloudrun, geisterhaft wie eh und je, umgeben von Valueen-Schiffen sämtlicher Größenordnung. Winzig im Vergleich zum Geisterschiff, aber zahlreich und kampfbereit – ein Heer von kleinen Jägern, das jede Sekunde über seine desinteressierte Beute herfallen konnte.

Er musste es nur befehlen.

Einen Augenblick noch.

Er sah zu Delfy. Lächelte.

Delfy verstand sofort. Presste die Lippen aufeinander. Deutete unmerklich auf das Laserpack an ihrem Arm.

Nutzlos, wusste Janus. Ein einziges Wort und sie würde erstarren, noch im Angriff. Er würde sie gefangen nehmen lassen, die Cloudrun zerstören, den Befehl über Koornacht übernehmen, mittels Hyperraumsonde ein Sprungschiff anfordern – und Delfy zurück ins Königreich schleifen. Dann würde er sich um Siena Kali kümmern, die Verräterin, ehe sie einen Zug gegen den König wagen konnte. Die Familie vor all ihren Feinden zu schützen…

»Mein Lord?«, fragte Pellaeon. »Wie lauten Ihre Befehle?«

Janus betrachtete sein Spiegelbild im Panoramafenster, das zweite Gesicht. Eines im Blau der Brückenlichter, darin die rot umrandeten Augen. Neben Janus stand seine wunderschöne Schülerin, sein größtes Kunstwerk. Und neben ihr sein größter Fehlschlag, der Junge mit den weißen Haaren, ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.

Hier stand er also. Alt und krank. Am liebsten würde er schlafen. Nur für ein Weilchen. Zum ersten Mal in 900 Jahren.

»Gib den Befehl«, sagte der Junge. »Zerstöre das Schiff. Bring‘ diese Geschichte zu Ende. Ich befehle es dir.«

Janus drehte sich um.

Der Junge sah ihn an, aus diesen verdammten Augen, die ihn einhundert Jahre lang verfolgt hatten. Einmal hatten sie einem zehnjährigen Kind gehört, das nach dem Nachthimmel von Coruscant gerufen hatte. Dann einem sechzehnjährigen Verstoßenen, beraubt, zerbrochen, und Janus hatte ihm wieder aufgeholfen. Dann einem jungen Helden, eines von drei Leuchtfeuern im Krieg der Masseschatten. Dann einem Herrscher. Und schließlich einem Mann, den Janus nicht mehr kannte.

Einem Mann, der alles Erdenkliche tun würde, um an der Macht zu bleiben.

Vielleicht sogar, seine eigenen Kinder zu töten.

»Du hast dein Schlupfloch gefunden«, flüsterte Janus, so leise, dass nur der Junge es hörte. »Du hast einen Weg gefunden, den Tod zu überlisten. Niemals zu sterben. Und für immer zu herrschen.«

Der Junge sah ihn aus großen Augen an.

Janus lief eine Träne über die Wange. »Es tut mir Leid.« Seine Stimme brach. »Aber ich habe mich endlich entschieden. Ich muss dich jetzt aufhalten.«

»Und wie?«, brüllte der Junge. »Wie willst du das machen, alter Mann? Was kannst du schon tun? Du bist feige und schwach! Du hast bei allem versagt, was du je begonnen hast! Was willst du schon machen, gegen mich? Du kannst mich nicht einmal verletzen, du jämmerlicher Greis, denn du hast geschworen. Du hast geschworen, die Familie der Valueen vor all ihren Feinden zu beschützen.«

Janus wischte sich die Träne fort. Richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Ich habe einen Weg gefunden. Ein Schlupfloch.«

»Keine Waffe, die du besitzt«, sagte der Junge, »kann mich töten.«

In diesem Moment sah der Junge zu Delfy. Und gefror.

»Eure eigene Tochter«, flüsterte Janus. »Ich habe sie ausgebildet und geformt, jahrelang. Ich habe sie programmiert, Euch zu hassen.«

Er hätte es ertragen können, den König zu verraten. In seinen Träumen hatte er diese Worte immer wieder gesagt, und Daphan Valueens Gesicht war kalt und unbewegt geblieben, selbst im Angesicht eines solchen Verbrechens. Der König hatte es ertragen, als wäre er eine Maschine und kein Mensch mehr.

Der Junge ertrug es nicht.

Er sah Janus an, so durch und durch zerbrochen, dass er nicht einmal weinen konnte.

»Es tut mir Leid, Daphan.« Janus öffnete die Augen. Er beschwor die Macht und das Monster herauf. »Feuer«, sagte der Lord der Schatten.

Und die Crew des Schlachtschiffes schoss auf eine der Korvetten, um diese in einem glühenden Inferno vergehen zu lassen. Dann auf die nächste. Admiral Pellaeon schrie auf.

»Töte«, sagte der Lord der Schatten.

Und Delfy schlug Pellaeon den Kopf ab. Stürmte zur Tür und versiegelte sie, ebenso die beiden Turbolift-Eingänge.

Im Dienst des Schattenlords ließ die Crew die gesamte Flotte in Flammen aufgehen, bis nur noch die Cloudrun zurückblieb, ein weißer Geist inmitten der verbrannten Trümmer. Dann erschoss Delfy die Crew.

Der Lord der Schatten nahm auf dem Sessel des Admirals Platz.

Ein Funkspruch ging ein. Via Hokulani hatte das Zeichen verstanden und getan, wie befohlen. Sie hatte den Karbonitblock geschmolzen und den Gefangenen befreit.

Der Sichtschirm erwachte zum Leben.

Ein alter Mann erschien. Der letzte Geist in dieser Nacht.

Und der Lord der Schatten faltete die Hände. »Guten Abend, Avary.«

Fortsetzung folgt…