1.11 The Skies are Falling, Pt. I


»Krieg um Krieg, Stern um Stern.«

— Avary Leander

Delfy

Delfy jagte ihrem Krieg entgegen.

Sechshundert Raumjäger stürzten sich wie Klauenfische auf die Cloudrun. Der leichenblasse Koloss ließ den ersten Angriffsflug über sich ergehen, ruhte unbeeindruckt und verzeihend im All, auch als seine Steuerbord-Flanke unter einem Teppich aus winzigen Explosionen verschwand. Die Valueen-Jäger zogen steil nach oben, und die Schwärme zerstreuten sich in immer kleinere Wolken.

Delfy lächelte. Standartprozedur wäre gewesen, zum Startpunkt zurückzukehren und sich für einen weiteren Flug zu sammeln. Aber dort wartete eine Todeszone: Zwischen der Cloudrun und dem Valueen-Schlachtschiff trieben die Trümmer von Korvetten und Begleitschiffen. Auch ein paar Jäger hatten die Turbolaser gestreift.

Mit einem einzigen Schachzug hatte Janus der Koornacht-Flotte das Rückgrat gebrochen. Die Überreste waren zwar überaus zahlreich – aber ohne Kommandanten und die Deckung schwerer Geschütze würden sie der Cloudrun kaum gefährlich werden können.

Sofern das Scheißding endlich anfing, sich zu verteidigen.

Delfy beschleunigte.

Die Jägerwolken stürzten zu neuen Angriffsflügen herab, mit hervorragenden Formationen innerhalb ihrer Geschwader, jedoch ohne eine größere Struktur. Die Cloudrun leuchtete orangegolden auf und verzichtete abermals darauf, sich zu verteidigen.

Das war nicht gut.

Hatten die Einsatzkommandos vielleicht Erfolg gehabt und die Abwehrsysteme deaktiviert? Nein, das war unmöglich. Delfy selbst hatte den Brückenturm tagelang durchsucht – vergeblich. Derart wichtige Systeme würden sich im Hauptrumpf befinden, und wenn Abbadon die Wahrheit sagte, wachte dort die Crew.

Daraus ergab sich allerdings ein neues Problem: Falls Hath Usiris und seine Kommandos dort unten gelandet waren, konnten diese bereits tot sein. Und Delfy brauchte Usiris lebend. Jedenfalls für so lange, bis er ihr den Mörder ihres Bruders genannt hatte. Jemand war für das Sterben im Zerschnittenen Saal verantwortlich, jemand hatte den Gardisten den Befehl erteilt, und Delfy würde ihn zur Strecke bringen.

Sie warf einen Blick auf ihre Anzeigen. »Was ist mit dem Schlachtschiff? Weiterhin tot?«

Es dauerte eine Weile, bis Janus von der hinteren Cockpithälfte aus antwortete. Sein schwerer Atem wäre auch ohne die Kom-Verstärkung zu hören gewesen. »Sämtliche Kernsysteme passwortgesichert«, keuchte er. »Erwartet für die nächsten Stunden keine Angriffe von deren Seite…«

Delfy nickte nur. Sie hatte alles, was auf der Brücke geschehen war, bereits in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins verdrängt. Wie Janus die Brückenoffiziere unterworfen hatte. Wie er Delfy auf Pellaeon gehetzt hatte. Um schließlich Avary Leander von den Toten zurückzuholen.

Er war ihr eine Welt voller Antworten schuldig.

Aber nicht jetzt. Zumal Janus wieder in seine alte Rolle gefallen war, schwächlich und flug-krank, zu Tode erschöpft von den Geisteskräften, die er entfesselt hatte. Auf seine Hilfe brauchte sie hier nicht zu hoffen.

Sie tauchte in das Trümmerfeld ein.

Neue Explosionen zierten den Rumpf der Cloudrun. Delfy hätte schwören können, dass winzige Teile der Hülle herausgefetzt wurden.

Eine halbierte Korvette trieb auf Delfys Flugbahn zu. Leichen und metallische Innereien ergossen sich aus der offenen Hälfte des Schiffes ins All. Hinter dieser glitzernden Wolke erwachten zwei Lichter zum Leben, drei, und setzten sich in Bewegung. Einige der Jäger mussten die Zerstörung überstanden haben – und befanden sich auf Abfangkurs.

Sie begannen, die austretende Leichenwolke zu umrunden, in der Erwartung, dass Delfy den Toten den gleichen Respekt erweisen würde.

Süß.

Delfy blieb auf direktem Kurs zur Cloudrun. Sie schaltete die Reserveenergie in den Antrieb, und zweigte Energie aus den Schilden für die Waffen ab. Lady Kalis Privatjäger war erstaunlich flexibel, was das anging, fast auf dem Niveau eines Vermillion-Raumers.

»Festhalten«, sagte Delfy. Sie besann sich auf ihre Midi-Sinne.

Der Jäger und die Trümmer verloren an Geschwindigkeit. Das All wurde zu einer zähen Masse. Eine Leiche prallte gegen den Bug und war im nächsten Moment wieder verschwunden, so schnell, dass ein gewöhnlicher Pilot sie nicht wahrgenommen hätte.

Ein Hover-Panzer erschien, Überlebender eines aufgerissenen Fahrzeugdecks, und gewann an Größe.

Delfy feuerte mit beiden Fingern.

Der Panzer zerplatzte, in einer Explosion, die an leuchtende Farbe in dunklem Wasser erinnerte. Der Jäger schoss mitten hindurch, und ließ das Leichenfeld der Korvette hinter sich.

Delfy ließ los und atmete aus.

Von oben stieß eine Jägerstaffel herab. Zuerst schien es, als wäre ihr Ziel erneut die Cloudrun, doch stattdessen hielt sie auf Delfy und Janus zu.

»Mist!« Delfy setzte die Energieverteilung wieder auf den Standard zurück. Sie hatte gehofft, das Valueen-Design ihres Jägers würde ihnen noch etwas mehr Zeit verschaffen. Aber inzwischen hatte auch der Hauptteil der Valueen-Jäger sie als Feind markiert.

Janus hustete. »Ver… Versucht es nicht, Prinzessin…«

Delfy fluchte. Sie war eine gute Pilotin. Aber eine ganze Staffel, von offenbar hervorragend ausgebildeten Valueen-Piloten, das lag jenseits ihrer Fähigkeiten. Widerwillig schob sie das Steuerpad nach vorn, ließ den Nebenhangar der Cloudrun aus ihrem Blickfeld verschwinden, und hielt auf einen Punkt unterhalb des Geisterschiffes zu. Abzudrehen wäre das Sicherste gewesen – aber dazu konnte Delfy sich nicht bringen.

Die Staffel blieb auf Kurs und jagte die Flanke der Cloudrun herab.

Delfy versuchte, Letztere zwischen sich und die Verfolger zu bringen. Aber die Cloudrun war gigantisch, und Kalis Jäger nicht schnell genug.

Die vordersten Valueen-Piloten eröffneten das Feuer. Blitze pfiffen einen Meter an Delfys Cockpit vorbei, andere waren zu hoch gezielt und schlugen auf der Unterseite der Cloudrun auf.

Delfy zog den Jäger nach oben und erreichte die Steuerbord-Flanke des Geisterschiffes. Ein Schweißtropfen glitt ihre Wange hinab.

»Weg von der Cloudrun«, rief Janus. »Oder wir geraten in den nächsten Angriffsflug!«

»Ich weiß, ich weiß«, fluchte Delfy, blieb aber auf Kurs. Niemals aufgeben. Niemals abdrehen, niemals flüchten.

Ein Schuss traf ihren rechten Flügel und erschütterte das Cockpit. Mehrere Anzeigen blinkten. Die Aggregate schienen unversehrt, aber der Schuss hatte mehrere Kontrollleitungen durchtrennt – und einen Teil des Jägers totgelegt. Der rechte Stabilisator gab zuerst seinen Dienst auf und riss den Jäger aus dem Gleichgewicht.

Delfy reagierte gerade noch schnell genug, um eine Kollision mit der Schiffshülle zu verhindern. Mist, Mist, Mist…

Ihre Verfolger schlossen auf. Über ihr die Jäger-Schwärme. Links die vorbei flimmernde Hülle der Cloudrun, aber keine Spur von einem Hangar. Rechts der offene Weltraum.

Gleich, dachte Delfy. Ein bisschen noch, dann ziehe ich weg…

Weitere Streifschüsse blitzten an ihr vorbei. Auch über ihr erwachten nun die Geschütze der Jäger…

Rote Laser platzten aus dem Innern der Cloudrun hervor, und für einen Moment schien es, als hätte das Schiff endlich die Waffen aktiviert. Aber dann, direkt neben Delfy, brach die Hülle auf.

Und die Vermillion-Piraten schossen in den Weltraum hinaus.

Delfy floh in die Zeitlupe, die Hände um ihr Steuerpad gekrallt.

Shen-Jäger, in glänzendem Rot, strebten aus den Schatten der Cloudrun hervor, und entkamen durch immer neue Löcher im Rumpf. Das Kom erwachte zum Leben, mit den Stimmen etlicher Piloten, aber sie waren zu langsam und verzerrt, als dass Delfy sie hätte verstehen können. Aus den Augenwinkeln glaubte sie, die Lichter der Arcadia zu erahnen.

Sie zog ihren sterbenden Jäger nach links…

Tauchte in den riesigen Hangar der Cloudrun ein…

Und die Arcadia eröffnete das Feuer. Die Hangartore zersplitterten unter der Wucht etliche Raketen und Turbolaser. Im nächsten Moment leuchtete die Rückwand des Hangars rötlich auf, als das Vermillion-Flaggschiff seine Antriebe zündete und auf die Bruchstelle zuhielt. Aus dem Hangar an der Unterseite der Arcadia starteten weitere Shen-Jäger.

»Zu wenige. Viel zu wenige…«

»Ihr wart zweimal im Hangar«, sagte Janus. »Er dürfte kaum zur Hälfte gefüllt sein. Sechzig oder siebzig Jäger. Gegen fast sechshundert.«

»Schlimmer.« Delfy begann einen Sinkflug, dem Boden des Cloudrun-Hangars entgegen. »Themis hat seit Jahren keine volle Crew mehr – im besten Fall kann er die Hälfte seiner Jäger besetzen.« Sie schlug gegen die Transparistahl-Scheibe. »Ich hoffe stark, dass Euer wiedergefundenes Lasergehirn noch ein paar Tricks auf Lager hat, andernfalls…«

Ein satter Knall erwachte in der Ferne, und verhallte nur langsam.

»Was war das?«, fragte Delfy noch, aber sie kannte die Antwort.

Janus musste die Selbstzerstörung des Schlachtschiffes gezündet haben.

»Zwei Minuten früher«, fauchte sie, »und Ihr hättet den Piraten die perfekte Chance zum Starten gegeben.«

»Ja, zwei Minuten«, seufzte Janus. »Das war die Zeit, die ich der Crew zur Evakuierung lassen wollte. Ich werde einen König stürzen, kein Volk ermorden.«

Delfy drehte den Jäger auf den Kopf.

Janus schrie auf, erst vor Überraschung, dann vor Schmerz.

Unsanft ließ Delfy die Maschine auf dem Hangarboden aufsetzen, mit der Cockpitscheibe voran. Der Transparistahl bekam Risse, hielt jedoch stand.

Janus fluchte. »Ein defekter Stabilisator, nehme ich an? Verschont mich, Prinzessin.«

»Der Hangar hat keine Luft mehr«, sagte Delfy, während sie aus dem Sitz kletterte und ihr Laserpack bereit machte. »Das hier ist der schnellste Weg, aus dem Jäger zu kommen.« Sie bohrte ihre Lichtklinge in die Cockpitdecke unter sich und schnitt das größte Loch, das sie riskieren konnte. Dann schlang sie sich hindurch.

Janus folgte ihr in die Dunkelheit. »Sich einfach durch die Wand schneiden«, ächzte er und kam unsanft auf dem Korridorboden auf. »Manchmal glaube ich, das ist Euer einziger Trick…«

Delfy hatte sich kaum orientiert, als den Gang hinauf zwei Lichter erschienen und sie und Janus erfassten.

Blitzartig riss sie beide Laserpacks hoch, Schild und Schwert, und floss in ihre lange antrainierte Abwehrhaltung. »Wer ist da!«, rief sie.

Die beiden Fremden senkten die Lampen und kamen näher. Im Schein von Delfys Klinge wurden die Silhouetten zu Via Skirata, der Schmugglerin… Und Avary Leander persönlich.

Sie hatte ein paar Minuten Zeit gehabt, sich an Leanders Überleben zu gewöhnen, und trotzdem verfolgte sie sein Näherkommen mit einem reglosen Starren.

Avary sah aus wie eine ältere, härtere Version von Themis, in dessen Gesicht alles Weiche abgeschliffen worden war, im Laufe zweier Kriege. Was blieb, waren zwei stechende Augen, das Gesicht einer Legende, und der Gang eines Mannes, der irgendetwas zu wissen schien. Etwas Bedeutendes. Etwas, das ihn weit über jeden anderen hier stellte, vielleicht sogar über die Cloudrun selbst.

»Prinzessin Delfy.« Avary verbeugte sich. »Immer zweimal im Leben, hm?«

Delfy blieb stumm.

Avary erreichte Janus. Dieser schien nicht zu wissen, ob er sich verneigen wollte, suchte hilflos nach Worten… Avary legte ihm die Hand auf die Schulter und nickte. Die Blicke der beiden Männer trafen sich, am Ende zweier Wege, die Delfy nicht verstand.

Waren sie nicht Todfeinde? Hatte Janus es wirklich geschafft, Avarys Tod vorzutäuschen, und jahrelang ein ganzes Königreich zu belügen, sogar den König selbst? Jeder kannte die Geschichte, Avary hatte sich ausgeliefert, kampflos, und war dies nun die Erklärung dafür? War es immer ein Teil des Plans gewesen, Avary zu verstecken und eines Tages zurückzubringen? Und überhaupt, wie…

»Wie haben Sie uns hier gefunden?«, fragte Delfy. »Das Schiff ist riesig. Und dieser Hangar liegt auf der falschen Seite. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier landen würden…« Sie schüttelte den Kopf.

»Er hat uns hergeführt«, sagte Avary.

»Abbadon?«

Avary sagte nichts, aber Via nickte zaghaft. Das Mädchen schien nicht weniger irritiert als Delfy selbst.

»Ich muss auf die Arcadia«, erklärte Avary. »Ehe es zu spät ist.«

»Es ist zu spät.« Delfy verschränkte die Arme. »Die Arcadia ist gestartet und kämpft. Unser Raumjäger ist hinüber. Und das Kom wird von der Cloudrun blockiert, bis auf einen einzigen Kanal – den die Arcadia nicht überwachen wird. Nicht ohne One.«

»L1?« Avarys Augen verschmälerten sich. »Wieso, was ist mit ihm?«

Delfy sah zu Janus. Dieser wirkte unbeteiligt. »Außer Gefecht«, antwortete sie. »Die Arcadia fliegt vorerst von Hand.«

»Gegen sechshundert Feindmaschinen.« Avary kam in Bewegung, drehte sich zu Via. »Ich gehe zurück zur Korvette. Vielleicht finde ich noch einen intakten Jäger.«

Sie mied seinen Blick. »Unser Flug hierher war ein wenig… holprig. Ich glaube nicht, dass… da noch viel zu finden ist.«

»Ich kann alles fliegen«, murmelte Avary, tief in Gedanken. »Es würde schon genügen, wenn ich sie irgendwie erreichen kann… Vielleicht ist es nicht zu spät, sie zurückzuholen.«

Delfy blinzelte. »Zurückholen.«

»Ja.« Avary sah auf. »Das letzte, was wir brauchen, ist ein neuer Krieg.«

Wieder tauschten Delfy und Janus Blicke aus. Janus räusperte sich nervös. Was auch immer der Plan gewesen war, die Dinge liefen gerade gehörig schief.

»Ich fürchte«, Janus hustete, »wir können den Krieg nicht mehr verhindern. Sämtliche Großkampfschiffe sind zerstört.«

»Durch Euch.« Avarys Gesicht war wie aus Stein. »Nicht durch die Vermillion-Flotte. Wir sind in einen inneren Konflikt des Königreichs geraten – und wenn wir überleben wollen, müssen wir uns sofort aus ihm entfernen.«

Janus starrte ihn entgeistert an. »Ich… Ich habe Euch am Leben gehalten, damit… Damit die Rebellion eine zweite Chance bekommt, nicht damit…« Er hustete.

»Die Rebellion hat keine Chance.« Avary trat näher an Janus heran, die Augen funkelnd, die Stimme leise und fest: »Nicht gegen Daphan.«

Janus hielt dem Blick stand. »Wir haben seine Tochter.«

Delfy gefiel die Richtung des Gespräches immer weniger. Aber sie mussten Avary überzeugen, koste es, was es wolle. »Und wir haben die Cloudrun«, sagte sie also. »Wir haben die Cloudrun

Avary lachte kalt. »Niemand besitzt dieses Schiff. Auch nicht… Er. Die Cloudrun verlangt für alles einen Preis, und wenn niemand ihn mehr zahlen kann… Dann mögen die Sterne uns beistehen.« Er packte Janus an den Schultern. »Glaubt mir, die Cloudrun in einen Krieg zu bringen, mit allem, zu dem sie in der Lage ist… Das wäre das Ende.«

»Viel schlimmer kann es nicht werden.« Inzwischen war Janus gänzlich aus seinem Halbschlaf aufgewacht. »Die Bevölkerung steigt, aber wir können nicht noch mehr auf Stadtschiffen zusammenpferchen, und jeden Tag beschließt jemand Neues, dass er aus den Kernwelten ausbrechen will – solange, bis selbst Arthen Darakaer den Verbotenen Pfad nicht mehr kann.«

Avary hörte ihm stumm zu.

»Das Netzwerk der Sirenen wächst. Die Dejarik-Sklaverei breitet sich aus, genau so wie die Black Sun. Nicht einmal ich kann sagen, wie tief sie das Königreich schon unterwandert haben. Und der König braucht es nicht zu wissen, nicht genau jedenfalls, er wird einfach ganze Welten niederbrennen, bis er sie erledigt hat. Und irgendwo da draußen«, Janus‘ Stimme wurde lauter und lauter, »irgendwo da draußen, Avary, sind die Genoharadan. Ich kann sie sehen, in jeder Nacht, wie sie gierig die Leere des Alls atmen, und im schwärzesten Nichts ihre Ungeheuer züchten. Falls wir nicht bereit sind, wenn die Geisterhand nach uns greift…«

»Sie kommen in dem Moment, in dem wir im Krieg stehen!«, donnerte Avary. »Wenn die Nomaden und das Königreich sich gegenseitig an die Kehle gehen, genau dann wird Holt Kazed kommen. Genau dann bricht die Mauer zum Verbotenen Weg, genau dann werden die Sirenen ein zweites Mal nach dem Thron greifen, genau wie die Black Sun…« Er verstummte, schwer atmend. »Kein Krieg mehr, Janus«, sagte er leise. »Kein Krieg mehr, alter Freund.«

Delfy konnte nicht länger zuhören. Das hier musste aufhören, augenblicklich. Sie musste Hath Usiris finden, ehe er hier starb oder das Schiff wieder verließ. Aber genau so wichtig war es, dass sie Avary Leander aufhielt: Wenn er Themis erreichte, und ihm diese Ideen einredete, war Delfys mühsame Überzeugungsarbeit umsonst. Dann nützte es ihr rein gar nichts, dass sich Janus als ihr Verbündeter gezeigt hatte – ohne die Vermillion-Flotte hatten sie keine militärische Macht.

»Der Krieg lässt sich nicht mehr verhindern«, sagte sie. »Und Ihre Leute stecken mitten drin. Selbst wenn Sie die Arcadia noch erreichen könnten: Der Valueen-Kommandant ist tot. Es gibt niemandem, mit dem sie über Kapitulation, Rückzug oder was auch immer verhandeln könnten. Diese Flotte greift uns an, bis wir Geschichte sind – oder jeden einzelnen ihrer Jäger abgeschossen haben. Wir oder sie, klar?«

Avary wandte sich zum Gehen. »Ich werde zu meinem Sohn gehen«, sagte er langsam. »Ich finde einen Weg.«

»Er ist hier.«

Avary drehte sich um. »Hier? Auf der Cloudrun

Delfy hatte keine Ahnung. Vielleicht war Themis auf seinem Flaggschiff, vielleicht wollte er in einem Raumjäger den Helden spielen, aber vielleicht auch… »Er ist in Richtung der unteren Decks gegangen«, sagte sie und hoffte, das Via ihr nicht ins Wort fiel. »Nachdem er mit Janus gesprochen hat. Er ist gegangen und nicht zurückgekommen.«

Avary starrte Janus an. »Was hast du ihm gesagt?«

Janus antwortete nicht. Etwas Besseres hätte er nicht tun können.

»Wir wurden noch vor der Schlacht geentert«, fuhr Delfy eilig fort. »Hath Usiris und seine Soldaten sind längst hier. Deshalb sind Janus und ich zurückgekommen. Wir müssen sie finden, und wir müssen Themis finden.«

Avary musterte sie.

Delfy hoffte, dass sie genug Wahrheit hineingemischt hatte, um die Lüge zu verkaufen. Wer weiß, vielleicht war es ja auch keine. Via hatte noch immer keinen Einspruch erhoben.

»Gut«, sagte Avary. »Ich gehe.«

Delfy nickte und wandte sich Via zu. »Ich will, dass du auf der Korvette nach einem Jäger suchst und zur Arcadia fliegst. Sag ihnen, welchen Funkkanal sie brauchen, um mit uns zu sprechen. Hilf ihnen, wo du kannst.«

Via betrachtete sie einen Moment, dann lächelte sie sanft. »Ihr würdet mir einen Gefallen schulden.«

»Von mir aus«, erwiderte Delfy und scheuchte sie los. »Janus. Sucht Euch einen Ort, von dem aus ihr die Schlacht sehen könnt, und stellt das Komlink auf Empfang. Sobald sie Euch rufen, helft Ihnen, wo Ihr nur könnt.«

Janus verneigte sich vor ihr und Avary.

Delfy sah ihm nach. Unsicher, ob dieser uralte Mann wirklich helfen konnte. Ob der Janus, den sie auf der Brücke des Schlachtschiffes gesehen hatte, nicht nur Einbildung gewesen war.

Sie machten sich auf den Weg, Avary und sie, liefen ein paar der Korridore eines Decks ab und stiegen dann eine Ebene tiefer, während die Dunkelheit jedes Mal zu wachsen schien. Jedes der Decks war dabei zu weitläufig, als dass sie es restlos hätten ableuchten können. Stattdessen mussten sie darauf hoffen, dass die Entertrupps aufgrund eben dieser Weitläufigkeit in vielen kleinen Gruppen unterwegs waren: Je verstreuter die Soldaten, umso höher die Chance, auf ein paar von ihnen zu stoßen – und sie ohne Probleme auszuschalten.

Immer vorausgesetzt, Usiris und seine Leute hatten die Cloudrun nicht bereits wieder verlassen. Ein Schiff, das sich nicht verteidigte, leere Decks ohne jegliche Lebenszeichen, und schließlich ein verstecktes Piratenschiff in einem der Hangars…siris musste glauben, dass es sich bei all dem um eine Täuschung oder Ablenkung handelte.

Oder er wusste es. Oder er wusste haargenau, wo er hier war.

Je nachdem, ob man ihm als Kind Märchen vorgelesen hatte.

»Es ist gefährlich«, sagte Avary, auf dem achten Deck, das sie betraten. »Was Ihr Janus befohlen habt.«

»Er wird überleben«, erwiderte Delfy. »Er ist zäher, als er aussieht.«

Avary gab einen Laut dunkler Belustigung von sich. »Ihr habt nicht verstanden. Ich habe ihn gekannt, da war ich noch jünger als ihr. Ich habe ihn im Schattenkrieg gekannt. Er ist alt geworden, ja, aber was hat er heute getan? Aus einer flüchtigen Gelegenheit heraus eine halbe Flotte dezimiert.« Avary richtete seinen Blick fest in die Dunkelheit. »Ihr wollt nicht sehen, zu was Janus fähig ist, wenn er wirklich in den Krieg zieht. Und ich wiederum will nicht sehen, wie er daran endgültig zerbricht. Wie er den Verstand verliert. Und was er an dem Tag tun wird.«

Delfy wusste keine Antwort. »Ich hab‘ ihn unter Kontrolle«, rutschte es ihr heraus, und darauf musste Avary nichts erwidern.

Sie ließen auch die nächsten drei Decks hinter sich, ohne irgendwem zu begegnen, oder auch nur eine Spur von Themis oder den Soldaten zu finden.

Es dauerte alles zu lange.

Delfy musste daran denken, wie Themis sie selbst gefunden hatte, vor mehreren Tagen. Abbadon war bei ihm gewesen, aber auch dieser hatte kaum wissen können, auf welchem der etlichen Decks Delfy sich aufgehalten hatte. Trotzdem hatte Themis genau den richtigen Turbolift in genau dem richtigen Moment angehalten, um direkt vor ihr zu stehen…

Und das, nachdem sie ihn getötet hatte.

Einer dieser Momente, in denen sie dankbar gewesen war, keine Angst zu spüren.

»Wir müssen irgendwas anderes probieren«, sagte sie laut. »Es muss einen Weg geben, sie schneller zu finden. Oder Themis.«

»Ich glaube nicht, dass er hier ist«, sagte Avary.

Delfy war froh, dass die Dunkelheit ihr Gesicht verhüllte. »Warum?«, fragte sie, bemüht tonlos.

Avary spähte um die Ecke des nächsten Korridors, leuchtete hinein und ging dann weiter. »Weil er weder dumm noch mutig genug ist, sich zwölf Decks vom Hangar zu entfernen.« Er warf ihr einen Blick über die Schulter zu, die Augen schimmernd im Licht ihres Strahlers. »Und weil Eure Lüge ein wenig zu überzeugend war.«

Sie legten den Korridor schweigend zurück.

Als sie über einen Leiter ein Deck tiefer geklettert waren, stellte Delfy die Frage, auf die Avary warten würde: »Also warum dann?«, zischte sie. »Warum seid Ihr mitgekommen?«

»Drei Dinge.« Avary marschierte wieder los. »Ich kann die Schlacht nicht beenden, noch kann ich der Arcadia helfen. Janus wird genügen müssen. Und falls er One reaktiviert, müssen wir uns darum keine Sorgen machen. Ich hätte den Droiden damals nicht gestohlen, wenn er nicht zu kleinen Wundern fähig wäre.« Ohne sich umzudrehen, hielt er zwei Finger hoch.

Delfy glaubte zuerst, er hätte etwas gefunden, und hielt inne, die Lichtklinge erhoben.

Doch Avary lachte nur leise. »Zweitens«, sagte er, »möchte ich, dass Ihr überlebt, Prinzessin. Daphan hat schon genug Kinder verloren.«

Sie hätte fast gelacht. »Als würde Euch das kümmern«, schoss sie zurück. »Was habt Ihr damals gesagt? Hättet Ihr die Chance gehabt, dann hättet ihr es getan. Dann hättet ihr ihn getötet.« Sie schnaubte. »Zum Wohle aller anderen Kinder. Um die Galaxis zu retten.«

»Wenn es nun nicht Altair gewesen wäre«, sagte Avary leise. »Sondern irgendein anderer Junge. Und Ihr allein hättet die Chance, es… zu tun.« Er lief weiter in die Dunkelheit, blind, den Strahler seines Gewehrs gesenkt. »Würdet ihr?«, fragte er heiser. »Ein Kind oder eine ganze Galaxis. Würdet Ihr richtig wählen?«

»Und wer sagt, dass es eine Wahl war, hm? Wer sagt, dass diese Prophezeiung nicht ausgemachter Schwachsinn gewesen ist? Ein paar leere Worte, von irgendeiner Verrückten«, sie überholte Avary und baute sich vor ihm auf, stieß ihm gegen den Brustkorb, »und schon verliert das ganze Königreich den Verstand, und schon läuft jeder einzelne verdammte Scheißkerl los, um meinen… Um meinen Bruder…«

In Avarys Augen stand Trauer. Aber keine Antwort.

»Kali ist tot«, sagte Delfy leise. »Hath Usiris hatte unter ihr den Befehl. Über alle Gardisten auf dem Azuramond, auch über die, die uns bewachen sollten. Sie haben sich gegen sie gewandt. Verstehen Sie? Gegen die Königin und… meinen Bruder. Im Zerschnittenen Saal.«

»Also jagt Ihr sie. Jeden einzelnen Gardisten.«

»Nur Usiris ist noch nach. Von denen, die auf dem Azuramond waren, beim Zwischenfall. Vater hat ihn in den Hyperraum geschossen, hierher, und wir dachten alle, das wär‘s. Ich dachte, Kali wäre die Letzte.«

Avary betrachtete sie stumm. »Beängstigend, nicht wahr?«

»Was?«

»Wir alle sind nur deshalb hier. Nur wegen Euch und Usiris. Ihr wusstet nicht einmal, dass Ihr diesen Mann töten wollt, dass er überlebt hat… Aber die Cloudrun wusste es. Sie ist nach Koornacht gesprungen und hat ihn an Bord kommen lassen. Macht Euch das keine Angst? Was dieses Schiff noch alles tun könnte?«

Delfy ging wieder weiter. »Ich habe keine Angst. Nie.«

»Dann beneide ich Euch. Zumindest jetzt gerade.«

»Was ist der letzte Grund?«, fragte Delfy, um das Thema wieder von sich, ihrem Bruder und den Kräften des Geisterschiffes abzulenken. »Warum Sie mitgekommen sind, was ist Nummer Drei?«

Es kam keine Antwort.

Sie drehte sich um.

Avary hatte sich nicht von der Stelle gerührt. »Die Zeit ist um«, sagte er, ein Schatten, gefangen im ungewissen Dunkel. »Meine Zeit ist um. Ich dachte, ich könnte den Tod genau so austricksen, wie Euer Vater.« Er lachte traurig. »Aber ich wache auf… und bin auf der Cloudrun. Sie musste mich nicht mal finden. Ich bin im Schlaf an Bord gekommen.«

Delfy verstand kein Wort. »Warum sind Sie hier?«

Avary hob sein Gewehr und ging an ihr vorbei, die Augen zwei dunkle Flecken. »Um zu sterben.«

Zögernd eilte sie ihm nach. »Wohin gehen Sie? In der Richtung liegt der zentrale Lift!«

»Ich weiß.«

»Und die Enterkommandos? Wie finden wir die?«

»Usiris und sein Team sind auf unserer Höhe eingedrungen – dann sind die abwärts gegangen. Um sich mit den Trupps zusammenzuschließen, die tiefere Einstiegspunkte gewählt haben.«

Woher wollte er das wissen?

»Diese Teams«, fuhr Avary fort, »sind im eigentlichen Schiff gelandet. Nicht hier, nicht im Turm. Sondern unten. In der wirklichen Cloudrun.« Er holte Luft. »Wo die Crew ist. Die Soldaten werden keine drei Sekunden überlebt haben.«

Delfy hatte Mühe, zu folgen. Avary schien irgendetwas zu sehen, oder zu hören, das ihr entging. Mit Themis war es ähnlich gewesen, in den letzten Tagen. Dieses ewige Starren ins Leere hatte sie so sehr irritiert, dass sie ihm schließlich noch mehr aus dem Weg gegangen war, als ohnehin schon.

»Und Usiris?«, fragte sie. »Wo ist er jetzt?«

»Auf dem Zwischendeck. Wo der Turm den Hauptrumpf berührt. Abbadon nennt es die Brücke. Eine leere Ebene, zwischen seiner Enklave und der Welt der Crew. Darüber liegen die Echo-Decks, ein Niemandsland, ein bisschen wie das hier… Aber weiter unten. Näher an denen dran.«

Avary betrat die angrenzende Halle und blieb in der Mitte stehen.

»Ihr wart schon einmal hier.« Delfy sprach das Offensichtliche aus.

»Ja«, sagte Avary abwesend. »Vor langer Zeit. Und heute… Wird sich der Kreis wohl schließen.«

Die Halle setzte sich in Bewegung, abwärts.

Zwanzig oder dreißig Decks später öffneten sich die großen Türen. Dahinter lag die gleiche Dunkelheit, die auch den Rest des Schiffes füllte – aber da war noch mehr. Stimmen, so wie die aus den Komlinks, ohne Statik, aber trotzdem verzerrt und unverständlich. Ein ewiges Flüstern, das im Hintergrund wartete, um sich in jeder Stille einzunisten.

»Die Echo-Decks«, sagte Avary. »Nur noch ein wenig tiefer. Dann sind wir auf der Brücke.«

Tiefer war einfach, auf diesem Schiff. Vielleicht gab es mehr Leitern nach unten, als nach oben.

Eine von diesen führte sie in einen dichten Nebel hinab, nicht unähnlich dem, in welchem die Cloudrun auf die Arcadia gewartet hatte. Das Flüstern war hier lauter, und wann immer eine Silbe geradezu ausgespuckt wurde, rollte eine Wellenfront durch den Nebel.

Delfy zündete ihre Lichtklinge, mit einem schlechten Gefühl bei der Sache. Oben, im Korridorlabyrinth reichte ein Lichtschein nie weiter als bis zur nächsten Ecke. Die Brücke dagegen war kein Ort, an dem sie von weit weg gesehen werden wollte. Und hier war jemand. Keine Zweifel.

Avary ließ seinen Gewehrstrahler weiterhin ausgeschaltet. Seit seinem reizenden Moment völliger Erleuchtung schien er die Hilfsmittel Sterblicher nicht mehr nötig zu haben. Er glitt in das Weiß, so bereitwillig und gelassen, als kehrte er heim.

Eine Reihe von Lichtern erschien, durchstach den Nebel von einem Moment auf den anderen. Warnungen, dachte Delfy. Oder ein Sicherheitssystem.

»Die Grenze«, sagte Avary. »Eine der Linien in dieser Galaxis, die ihr niemals überschreiten wollt.«

Delfy hob die Augenbrauen. Wenn Sie einen Credit bekäme, für jedes Mal, das sie sich diesen Satz anhören musste…

Ein blaues Licht. Wachsend. Und ein Knall, nein, ein Schuss!

»Weg!«, schrie Delfy, und zündete ihren Energieschild.

Während ihr linker Unterarm nach oben strebte, während die gelbe Lichtbarriere aus dem Laserpack floss, und eine Schwertklinge aus seinem Zwilling – kam der blaue Energieimpuls näher und näher, eine verschwommene Linie, selbst für Delfys Augen…

Und sie trieb direkt auf Avary zu.

Dieser rührte sich nicht. Nicht langsam. Gar nicht.

Delfy hatte ihre Klinge endlich oben. Sie drückte sie nach rechts, wo sie kurz auf den Impuls gerichtet war, schob sie dann weiter, dorthin, wo der Impuls sein würde, zielte dabei fast schon auf Avarys Brustkorb…

Und feuerte.

Die Trägheit starb, die zwei Impulse wurden von Linien zu Blitzen – und berührten sich direkt vor Avary. Ein grelles Licht. Ein Kreischen wie bei einem Turbolaser. Und Avary ging weiter, als hätte er gar nichts bemerkt.

Er hat den Verstand verloren!

Aus dem Nebel tauchten zwei Soldaten auf, die Blastergewehre auf Delfy gerichtet. Sie feuerten.

Delfy stürmte los, ließ die Schüsse an ihrem Schild zersplittern, senkte diesen dann, und ließ ihr rechtes Laserpack zwei Energiebälle ausspucken.

Der linke Soldat wurde in den Hals getroffen. Der rechte konnte ausweichen und hielt weiter auf Delfy zu, mit heulendem Blaster.

Delfy warf sich nach vorn, hinter dem Energieschild, und erwischte ihren Gegner mit aller Wucht – der Schild verbrannte Brustpanzer und Helm, und ließ den rauchenden Leichnam im Nebel versinken.

Über ihm erschien ein Mann in einer goldenen Rüstung. Anders als die Rüstung der gewöhnlichen Gardisten bestand sie aus etlichen einzelnen Platten, und umschloss den gesamten Körper, mit Ausnahme des Gesichtes: Grüne Haut hing in etlichen Falten an den alten Knochen, mit zwei großen orangefarbenen Augen als einzigem weiteren Merkmal.

Hath Usiris trug die Rüstung, in der man ihn beerdigt hatte. Die traditionelle Rüstung des neimoidianischen Volkes, aus einer Zeit und einer Welt, die für immer verschwunden war.

»Delfy…«, hauchte der alte Mann. »Prinzessin Delfy…«

Er schien Avary nicht zu bemerken. Und die Kriegslegende machte auch keine Anstalten, aus dem Nebel aufzutauchen. Vielleicht schlich er sich von hinten an? Für einen Schuss in den Rücken? Oder sollte Delfy langsam aufhören, bei dieser verdammten Familie auf Pragmatismus zu hoffen?

»Ich… hatte keine Ahnung«, sagte Usiris. »Wir… Wir wussten nicht, dass Ihr es seid, und diese Stimmen… Diese Stimmen haben…«

Delfy schnellte vor, und Usiris wich erschrocken zurück. »Warum«, echote sie, »Warum habt ihr ihn getötet? Von wem kam der Befehl? Von Euch?!«

Usiris blinzelte sie hilflos an. »Ich verstehe nicht…«

»Altair Valueen! Wer hat es getan? Wer hat es befohlen?« Sie riss ihre Klinge hoch und drängte auf Usiris zu.

Dieser zündete seine eigenen Laserpacks, Schwert und Schild, und floh in eine Verteidigungshaltung. »N-niemand…«, keuchte er. »Meine Leute hatten Befehl, die Königin und den Prinzen zu bewachen, t-tief im Azuramond, wo die Piraten sie nicht…«

»Und die Piraten haben sie nicht erreicht! Also was ist passiert?« Delfy führte einen Schlag aus, halbherzig, ohne es zu wollen.

Usiris verstand kaum, dass er angegriffen wurde, aber er parierte, in einem lange antrainierten Reflex. »I-ich weiß es nicht…«

»Geben Sie mir wenigstens ein paar Ausreden!« Noch ein Schlag, diesmal bewusster. »Sie wollten die Galaxis retten! Was ist schon ein Kind! Es war fürs Wohl aller!«

»Ich habe keinen Befehl erteilt«, erwiderte Usiris. »Und ich war nicht im Saal. Wenn ich dort gewesen wäre, wäre ich jetzt tot!« Seine Paraden wurden energischer, aber er ging nicht in den Angriff über.

»Wer hat ihn getötet?«, schrie Delfy und begann ein Trommelfeuer aus Schwerthieben.

Usiris kämpfte um sein Leben.

Delfys Lichtklinge fuhr über Rüstungsplatten und ließ glühende Linien zurück, wie damals im Zerschnittenen Saal, als jedes einzelne Lichtschwert sich erhoben haben musste, in einem tödlichen Wirbel, der jeden erfasst hatte. Erst als Delfy eingetroffen war, als sie neben den Leichen von Altair und ihrer Mutter zusammengebrochen war, da waren über ihnen die letzten Schnittlinien erloschen.

»Wer hat ihn getötet?«

»Ich weiß es nicht!«

»Wer hat ihn getötet?«

»Bitte! Prinzessin, bitte, ich… Ich musste schwören, wir alle mussten… Mussten Eurem Vater schwören, dass…« Usiris schrie auf. Delfys Schlag hatte seine Rüstung aufgerissen und ließ schwarzes Blut aus seinem rechten Oberarm treten. Er wich zurück, das Schwert erloschen, das Schild verzweifelt erhoben.

»Was?«, hauchte Delfy. »Was habt Ihr ihm geschworen?«

»Euch zu schützen. Vor dem, was Ihr getan habt. Ich flehe Euch an, Ihr wollt es… Ihr wollt das nicht, Prinzessin. Delfy.«

Sie richtete die Lichtklinge auf seinen Hals. »Wer. Hat. Ihn. Getötet.«

Usiris sank zu Boden, unbewaffnet, die Hand auf seine Wunde gepresst. »Ich weiß es nicht«, sagte er, das Gesicht in plötzlicher Wut verzerrt. »Aber Ihr… Habt die Prophezeiung gemacht.«

»Nein.«

Usiris senkt den Kopf.

»Nein. Nein, es war irgendein… Irgendein Mädchen, Vater hat es geheim gehalten, damit… Es war…«

Manchmal sehe ich sehe ich Dinge. Das hatte sie Janus gesagt, wann immer er ihr nicht geglaubt hatte. Ich weiß genau, was passieren muss. Dass es genau so passieren muss. Ich sehe es vor mir.

Und Altairs Tod?, hatte er gefragt, auf der Brücke der Arcadia. Musste das auch so passieren?

»Nein«, flüsterte sie. »Nein.«

Avary erschien aus dem Nebel. Die Hände erhoben. »Prinzessin. Tut es nicht.«

Sie ließ sich nicht von Usiris ablenken. »Wollten Sie nicht sterben, Leander?«

»Ich dachte, die Zeit wäre hier. Ich dachte, dieser erste Schuss wäre meiner gewesen. Ich dachte, Usiris wäre die Waffe, mit der die Cloudrun mich töten wird. Aber ich hab mich geirrt.«

»Offensichtlich«, murmelte Delfy.

Und bohrte Usiris die Klinge in den Bauch.

Der Neimoidianer kippte vornüber. Spuckte Blut. Avary war sofort bei ihm, packte seinen Kopf. »Die Station, von der aus die Hyperraumsonden geschickt werden«, sagte er. »Die Flaschenpost ins Königreich. Wo ist die Station?«

Delfy verstand nicht. Verstand nichts von dem, was ihr gesagt wurde. »Was bringt uns das…«

Avary sah zu ihr auf, in diesem Moment ganz und gar anwesend, mit dieser irrsinnigen Präsenz, wie sie niemand sonst hatte. »Das Königreich darf hiervon nicht erfahren. Das wird den Krieg verhindern. Usiris, verstehen Sie? Sie müssen mir sagen, wo diese Station ist!«

»Polneye… Im Orbit… des Planeten…«

Avary ließ den Kopf des Neimoidianers zu Boden sinken und stand auf. »Wir müssen sie zerstören, Prinzessin. Bevor das, was hier passiert ist, Koornacht verlassen kann.«

Ihr habt die Prophezeiung gemacht. Mehr hörte Delfy nicht. Ihr wart es. Ihr habt ihn getötet. »Der Krieg wird kommen«, murmelte sie. »Sie können mich nicht mehr aufhalten…« Ihr habt ihn getötet.

Plötzlich musste sie an Vater denken.

Er würde es erfahren. Mit der Hyperraumbotschaft. Er würde erfahren, dass Janus und seine Tochter sich gegen ihn gewandt hatten. Dass sie auf dem Weg waren.

Und Delfy war noch nicht soweit.

Die Station musste zerstört werden, ehe sie die Flaschenpost in den Hyperraum feuerte. Aber wie?

Hath Usiris verblich im Nebel.

Die Stimmen wurden lauter.

Delfy ertrank in der dunklen Flut. Ihr habt ihn getötet. Das war der Gedanke, mit dem alles anfing und endete. Ihr habt die Prophezeiung gemacht.

Sie riss sich zusammen. Zwang sich, stark zu sein. Das konnte sie doch. Das war alles, was sie konnte. Stark sein. Und tun, was getan werden musste.

Es würde zu lange dauern, die Piraten zu verständigen und zur Station zu schicken. Vielleicht gab es die Piraten schon nicht mehr. Und sie wussten ja nicht einmal, welche der Orbitalstationen es sein würde. Wenn es eine der größeren war, hatten Jäger keine Chance. Die Arcadia konnte sich freischießen – wenn sie noch existierte – aber das würde die Cloudrun ohne Deckung lassen.

Avary stand vor ihr. »Es ist unsere Schuld«, sagte er. »Was aus der Galaxis geworden ist. Und dem Hyperraum. Und der Macht. Es war unser Krieg. Wir hätten niemals so weit gehen dürfen.« Er schüttelte den Kopf. »Und ich… Ich habe auch danach nicht aufgehört. Hab‘ mich gegen ihn gestellt. Vielleicht nur aus Rache. Und wir haben weiter und weiter gemacht. Schlacht um Schlacht. Er hat… Brianna… Und er wollte meinen Sohn tot sehen. Und ich, ich hab den Azuramond angegriffen…« Avarys Stimme brach. »Nicht, um den Auserwählten umzubringen, nicht um die Galaxis zu retten… Sondern um seinen Sohn zu töten.« Avary begann zu zittern.

Delfy sah ihn stumm an.

»Ihr wollt nicht so leben«, sagte er. »Ihr wollt nicht so leben, wie ich gelebt habe. Wie Janus gelebt hat. Wie Euer Vater gelebt hat. Krieg um Krieg, Stern um Stern.«

Delfy suchte nach einem Ausweg. Suchte und fand nicht.

»Ich habe Euch ihm zurückgebracht, nach dem Zwischenfall… Ich habe mich dem Königreich ausgeliefert… Weil ich den Kreis endlich beenden wollte.« Er lächelte traurig. »Lasst uns von hier verschwinden, Prinzessin. Lasst uns zu meinem Sohn gehen. Und das Schlimmste verhindern.«

Und Delfy sah etwas.

Sie sah Avary und Themis, vereint auf der Arcadia. Sie sah, wie Avary den Befehl über die Flotte übernahm, wie er dem König die Kapitulation überbrachte, im Tausch für ein paar letzte, friedliche Jahre in Gefangenschaft. Sie sah, wie die Valueen-Flotten die Cloudrun zerstörten. Und alle Chancen auf eine Flucht. Sie sah, wie Janus in einem Kerker starb, an Alter und Verrat.

»Kommt mit mir«, sagte Avary. »Lasst… Lasst los. Ehe es zu spät ist.«

Delfy zündete ihre Klinge und versenkte sie in seinem Bauch.

Avary öffnete den Mund. Fiel auf die Knie. Und dann nach vorn, schlug im Nebel auf und wurde von ihm verzehrt.

Delfy war wieder allein.

Sogar die Stimmen wurden leiser. Lauschten.

»Der Preis ist gezahlt«, sagte Delfy. »Und ihr kennt meinen Befehl.«

Und als die Stimmen antworten, konnte Delfy sie zum ersten Mal verstehen. »Polneye-Kolonie«, flüsterte die Cloudrun. »In drei Minuten in Schussweite.«

Delfy verließ den Nebel und kletterte zu den Echo-Decks hinauf. Betrat die zentrale Turbolift-Halle.

»Polneye-Kolonie in zwei Minuten in Schussweite.«

Der Lift entließ Delfy in der Gegend der Hangars. Sie fand ihren Weg zu dem Nebenhangar, in dem Janus und sie mit Kalis Jäger gestartet waren.

Ihr alter Meister kniete auf dem Boden. Über ihm wurde der Planet größer und größer.

»Polneye-Kolonie ist jetzt in Schussweite«, sagte das Schiff.

Ein grüner Strahl entsprang dem Keilrumpf der Cloudrun, schoss durch das All und zertrümmerte den Planeten.

Janus stand auf.

Delfy ging vor ihm auf die Knie. »Ihr müsst es löschen«, flüsterte sie. »Das mit der Angst, das… War noch nicht genug. Ich muss noch stärker sein, Meister. Ich darf…«

Sie sah Avary sterben.

Sie sah ihren Bruder sterben.

Was hab ich getan? Delfy schloss die Augen. »Nehmt es weg«, flehte sie. »Macht, dass es… Mir nicht mehr wehtun kann…«

»Nein.« Janus ließ sie allein zurück, allein mit den Sternen und den Trümmern, allein mit dem Schiff, das sie ihr Leben lang gesucht hatte.

»Nein«, sagte er. »Diesmal nicht.«

Fortsetzung folgt…