1.12 The Skies are Falling, Pt. II


»Oh, tot ist er nicht. Noch nicht.«

— der Alte Ben

Der Junge

Der Junge blinzelte nicht, als das erste Schiff zerbrach.

Ein Jägergeschwader wurde von den Blitzen erfasst und verglühte. Der nächste Laserhagel durchbohrte eine weitere Korvette. Ihre Trümmer zwangen die Staffeln zum Ausweichen und die starre Formation zerfiel in Panik. Das Schlachtschiff wählte ein Ziel nach dem nächsten.

Der Junge war wieder hungrig. Vor einem Tag – oder zweien – hatte er ein wenig Essen gestohlen, von einem Kundschafter-Trupp der Piraten. Gute Rationen. Und er konnte sehr lange mit sehr wenig leben.

Die verbliebenen Korvetten drehten sich langsam, während die Jägerschwärme aufwärts strömten, weg von der Zerstörung – aber das Schlachtschiff begann von Neuem. Die Ionenantriebe eines Beuteschiffes flammten blau auf, als es die Flucht antrat, nur um von den Blitzen eingeholt und verbrannt zu werden. Flammen und Leichen ergossen sich in die Leere des Alls.

Das letzte Mal, dass der Junge solchen Hunger gehabt hatte, war nach seinem allerletzten Dejarik-Duell gewesen. Gegen den Veteranen. Vielleicht war es die Schlacht, die ihn hungrig machte.

Und vielleicht war es nicht die Art von Hunger, die normale Menschen spürten.

Er kratzte sich eingebildetes Blut von den Armen.

Das Schlachtschiff ließ von seiner Beute ab. Die brennende Flotte leckte ihre Wunden.

Schwere Schritte ertönten. Erstaunlich nah, als hätte ihr Verursacher in der Nähe gewartet. Oder aber hatte andere Wege, sich zu bewegen. Ein Riese in einer uralten Rüstung betrat den kleinen Hangar.

Der Junge sah sich selbst, wie er in einer fließenden Bewegung aufstand, einen Schritt zurück tat und in der Kampfhaltung des Tricksers erwachte, die Hände erhoben, um nach dem Monster zu greifen. Doch der Trickser war tot. Und so blieb der Junge sitzen. Er drehte sich zum Riesen hin und wartete.

Der Riese kam vor dem Kraftfeld zum Stehen. Er sah ins All hinaus, ragte dabei hoch über dem Jungen auf. Die brennenden Schiffe spiegelten sich im Visier seines Helms. Der metallische Atem ging schwer und gleichmäßig.

Der Junge stand nun doch auf. „Wer seid Ihr?“

»Ich bin Verne Abbadon. Ich bin der, hm, Erste Offizier der Cloudrun.« Der Riese wandte sich von der Schlacht ab und richtete zwei unsichtbare Augen auf ihn. »Und wer bist du?«

Der Junge wich dem Blick aus. »Irgendwer.«

»Hm«, machte Abbadon. „Dann beneide ich dich.“

»Um was?«

Abbadon antwortete nicht.

Der Junge zuckte mit den Schultern.

Draußen in der Ferne fielen Schüsse: Ein Raumjäger, bei dem es sich nur um den von Kali handeln konnte, durchflog das Trümmerfeld einer Korvette. Und hielt auf die Cloudrun zu, vielleicht auf genau diesen Hangar. Eine Dreiergruppe von Valueen-Maschinen nahm die Verfolgung auf. Mit einem Ächzen trotzte die Hülle der Cloudrun dem Feuer hunderter Jäger.

Der Junge legte den Kopf schief. Kalis Spiel um den Himmel. Das war es, was dort vor seinen Augen stattfand. Das riesige, gewaltige Spiel um die Sterne.

Und es war ihm schrecklich egal.

»Ihr Schiff wird angegriffen«, murmelte er.

„Angegriffen.“ Abbadon atmete tief ein und aus. »Wenn du läufst und dir der Wind ins Gesicht weht. Wenn sich die winzigen Partikel des Alls am Bug deines Schiffes brechen. Ist das dann schon ein Angriff?«

»Weiß nicht. Vielleicht‘n ziemlicher schlechter.«

Abbadon gab ein seltsames Geräusch von sich. Tief und blechern. Ein Lachen. Er ließ es verklingen und beobachtete die Bewegungen der Jägerstaffeln, die sich im All kreuzten wie Mynockschwärme. »Dieses Schiff hat Geburt und Tod von Sternen gesehen. Es interessiert sich nicht für“ – er verschränkte die Arme – „Angriffsmuster Besh-7.«

»Okay«, meinte der Junge. Es hatte eine Zeit geben, da hatte er davon geträumt, ein großer Pilot zu sein. Er wäre durch eine Schlacht wie diese geflogen, hätte die feindliche Übermacht durchbrochen und das Mutterschiff zerstört, und am Ende hätte es eine Parade gegeben, mit Medaillen und Prinzessinnen.

Aber natürlich hatte er in seinem Leben gerade einmal fünf Minuten in einem Jäger verbracht, und hätte man ihm anschließend eine Medaille verliehen, er hätte über sie erbrochen.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte er. »Sind Sie auch so alt wie das Schiff? Geburt von Sternen, und so?«

»Nein.«

Die Jäger griffen wieder an. Der Junge sah sie von hier aus nicht, und die Cloudrun erzitterte nicht einmal. Jetzt, wo das Schlachtschiff zu feuern aufgehört hatte, wurde ihm bewusst, wie leise der Angriff war. Wie das ferne Prasseln eines Meteoritenschauers, der Kilometer über einem auf die Oberfläche eines Asteroiden niederging. Beruhigend, fast.

»Wie komme ich von hier weg?“, fragte der Junge. Die Worte hörten sich erstaunlich gleichgültig an. »Runter von Bord?«

»Warten«, sagte Abbadon nur. »Wie. Und ob. Du wirst es wissen.«

»Ah«, machte der Junge. »Und… Gibt‘s hier vielleicht was für mich? Zu tun und so? Arbeit?« Eilig fügte er hinzu: »Nur für ne Weile.« Er kannte die Antwort. Und trotzdem hatte er sich dazu herabgelassen, zu fragen. Weil er wohl einfach nicht einsehen konnte, dass es keinen Platz für ihn gab.

»Nein“, sagte Abbadon. „Das Schiff braucht niemanden.« Er wandte sich von der Schlacht ab und ging auf den Ausgang des Hangars zu.

»Wohin wollen Sie?«

»Einen alten Bekannten besuchen.«

Der Junge folgte. Am Eingangsportal trennten sich ihre Wege.

»Und wohin willst du?«, fragte Abbadon.

»Töten«, sagte der Junge. „Oder woll’n Sie’s mir verbieten?“

„Nein. Gute Jagd.“

Abbadon war schon fast verschwunden, da rief der Junge ihm nach: „Das ist Ihnen völlig egal, oder? Was ich hier mache? Was die da draußen machen?“

Langsam drehte der Riese sich um.

Draußen knallte es. Das Schlachtschiff war explodiert. »Egal ist vorbei«, sagte Abbadon, und ein grelles, feuriges Licht fegte über die rauen Platten seiner Rüstung. »Auf diesem Schiff, von diesem Tag an… Ist nichts mehr egal.«

Der Junge zuckte zusammen.

Abbadon machte einen schweren Schritt auf ihn zu. „Aber du hast noch eine Stunde. Ich möchte, dass du die hast. Eine Stunde, um ein paar Gardisten aufzuschlitzen, irgendein Gemetzel anzurichten – wie auch immer du deine Kindheit beenden möchtest. Eine Stunde ist noch alles egal. Und dann nie wieder.“

Einen Augenblick lang standen sich der Riese und der Junge schweigend gegenüber. Dann ließen sie den Hangar in gegensätzlichen Richtungen zurück.

Was auch immer, dachte der Junge.

Und er begann seine Jagd.

Er hatte die letzten Tage hier verbracht. Auf den Ebenen unter dem Hangar, wo die Piraten sich aufhielten, und über den Flüsterdecks, wo irgendetwas Anderes lebte. Alles dazwischen war sein Territorium. Er hatte begonnen, den Labyrinth-artigen Aufbau der Decks zu durchschauen, kannte den Verlauf der wichtigsten Korridore, auch wenn er kaum eine Ahnung von der Funktion der einzelnen Räume hatte. Es gab einen Teil des grauenvollen Geisterschiffes aus den Schauergeschichten…

Den er verstand.

Er redete sich ein, es wäre seine eigene Leistung gewesen. Dass er ein guter Lerner war, wenn auch sonst schon nichts. Manchmal hatte er im Wochentakt auf neuen Asteroiden überleben müssen. Wo konnte man Essen stehlen, wo hatten die Gilden viele und wo wenige Wachen, wo konnte man ihn nach einem Duell verarzten, und was musste er vorher jagen oder finden, um dafür zu bezahlen.

Aber eigentlich wusste er, dass sein Verständnis des Schiffes nichts mit Erfahrung zu tun hatte. Eher damit, dass er alle Erfahrungen vergessen oder verdrängt hatte. Dass er aufgehört hatte, irgendjemand zu sein.

Er war leer gewesen, als er das Schiff betreten hatte, und die Cloudrun hatte gnädig begonnen, ihn zu füllen.

Er klemmte die kleine Stablampe zwischen die Zähne und kletterte eine Leiter herab. Dabei fühlte er mit der freien Hand, ob er die zweite Lampe noch dabei hatte. Falls die erste starb, falls sie ihn in der Dunkelheit dieses Schiffes zurückließ…

Dann würde die Cloudrun ihm Dinge beibringen, die er vielleicht nicht lernen wollte.

Deck 21. Hier gab es hunderte Käfige, in allen Größen. Von einer Halle bis zu einer Kiste. Und alle leer. Soweit der Junge wusste.

Er hasste das Deck.

Auf der Leiter nach unten schwirrte ein leuchtender Punkt an ihm vorbei, und ohne nachzudenken, griff er zu. Das Licht brannte glühend heiß in seiner Hand. Als der Junge sie öffnete, schwirrte ein Insekt heraus. Träge schwebte der Käfer vor ihm auf und ab, und dabei wurde das Licht stärker und schwächer. Er schien auf etwas zu warten. Auf eine Reaktion des Jungen? Aber das war absurd. Für eine Weile blieben sie so, der seltsame Leuchtkäfer in der Luft, der Junge an der Leiter. Dann schwirrte der Käfer schließlich davon.

Der Junge stieg tiefer.

Deck 22 und 23. Das Lager nannte er sie. Hier gab es… Zeug. Dinge. Alle ohne Bedeutung und Wert.

Wie Dinge eben so waren.

Deck 24… War gestört worden. Die Luft war anders, etwas, das man bemerkte, wenn man sich tagelang in Dunkelheit bewegte. Und die Gerüche der Cloudrun nicht mehr als solche wahrnahm. Und nun war hier ein Willen am Werk. Etwas, das man wiederum bemerkte, wenn einem selbst alles gleichgültig war.

Der Junge nutzte die Lampe nur noch blitzartig, im wahrsten Sinne: Eine halbe Sekunde Helligkeit genügte, um sich seine Umgebung einzuprägen, sich um die nächste Ecke zu schleichen und zu lauschen.

Und er fand fremdes Licht. Etwas, das man bemerkte, wenn man selbst kaum noch welches brauchte.

Auf leisen Füßen kam er näher.

Das Licht sickerte aus einer Halle, in deren Zentrum jemand eine Art provisorisches Lager errichtet hatte. Sie hatten Kisten zusammengeschoben, als Deckung. Sogar ein Standgeschütz hatten sie aufgebaut – der Junge hatte noch nie eines gesehen, aber eine solche Waffe erkannte man ohne jegliche Fantasie.

Nur Lampen gab es hier nicht viele. Selbst ein noch so gut ausgebildeter Einsatztrupp rechnete wohl nicht damit, sich auf einem Schiff ohne Lichtquellen bewegen zu müssen.

Und diese Soldaten waren nicht gekommen, um zu lernen.

Im gelben Schein einer Lampe tauchte ein hochgewachsener Mann in Rüstung auf, goldene Platten, die nur sein grünes Gesicht frei ließen. Ein Neimoidianer. Und ein königlicher Gardist, den Laserpacks nach. In einer etwas altmodischen Rüstung.

Vielleicht hatte Via Recht gehabt: Das Königreich besaß hier draußen einen Stützpunkt, aber der einzige Kontakt war per Flaschenpost.

Der Junge musste an das letzte Mal denken, dass er Gardisten gesehen hatte. Kurz nach seinem letzten Duell. In der Asteroidenstadt, zusammen mit Ikaia. Die Soldaten hatten das Hologramm der wunderschönen Prinzessin gezeigt. War das wirklich erst ein paar Tage her?

Ein Mann eilte in die Halle, durch einen der anderen Eingänge. »General Usiris!“

Der komische Gardist drehte sich um. »Lieutenant?«

Der Mann kam zwischen den Kisten zum Stehen, atemlos. »Wir werden angegriffen«, keuchte er. »Die Corellianna hat das Feuer auf den Rest der Flotte eröffnet. Die Korvetten und die Unterstützungsschiffe sind zerstört. Dann hat die Corellianna sich selbst gesprengt. Admiral Pellaeon ist höchstwahrscheinlich tot. Unsere Jägerstaffeln greifen dieses Schiff hier an. Ich konnte noch immer keinen Funkkontakt zur Flotte aufbauen, oder nach Polneye.«

Zwei weitere Soldaten schauten von ihrer Arbeit auf und der Junge konnte sich die Gesichter unter den Helmen lebhaft vorstellen.

General Usiris nickte langsam. »Wir merken hier unten nichts von dem Angriff«, sagte er. »Was nicht für den Erfolg unserer Piloten spricht.«

Der Lieutenant schüttelte den Kopf. »Wie lauten Ihre Befehle?«

»Wir gehen weiter nach Plan vor: Die Crew lokalisieren und ausschalten. Falls das Schiff computergesteuert ist, zerstören wir den Hauptreaktor. Dazu werden wir zu den anderen Teams stoßen.« Usiris wischte sich über die Stirn. »Wenn wir versagen … Wird unsere Kolonie auf Polneye dem Erdboden gleichgemacht werden, und alle Orbitalstationen zerstört. Ich habe eine Botschaft, von unserem Kern-Vorposten, die um jeden Preis den König erreichen muss.« Er reichte dem Lieutenant ein tellerförmiges Gerät, ähnlich einem Holoprojektor.

Der Mann rührte sich nicht. „General, ich… Ich weiß, ich übertrete meinen Rang. Aber ich weiß auch, dass Ihr selbst die besseren Chancen hättet. Es stimmt doch, was man sagt, oder? Dass die Macht nutzen könnt, um im offenen All zu überleben? Dass Ihr es so bis nach Koornacht geschafft habt?“

Usiris lächelte müde. „Seid Ihr nicht etwas zu alt, um an Märchen zu glauben?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, meine Aufgabe ist dieses Schiff. Und Eure ist die Botschaft.“

»I-ich… Ich verstehe, General.« Der Mann salutierte. »Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

»Ich weiß.« Usiris lächelte schwach. »Und jetzt fliegen Sie.«

Der Soldat rannte los.

Und der Junge schlich hinterher.

Er wusste nicht, warum er Usiris und dessen Leute nicht einfach tötete. Warum er sich sogar Mühe gab, nicht von ihnen bemerkt zu werden. Vielleicht war es der Respekt eines Kindes vor Erwachsenen. Eines Sklaven vor königlichen Soldaten. Vielleicht war da noch immer etwas von den Splitterwelten in ihm.

Nun? Er würde sie schon vergessen. Er war jetzt frei.

Frei von allem, was menschlich ist.

Der Junge nahm eine Abkürzung und ein paar Räume später tauchte er direkt vor dem Soldaten auf. »Hey«, sagte er. »Wie geht‘s?«

Der Mann stolperte rückwärts und fingerte nach seinem Blaster.

Der Junge riss den Blaster hoch in die Luft, ließ ihn herumwirbeln und feuerte zwei Schüsse auf den Kopf des Soldaten ab.

Die kopflose Leiche ging zu Boden, und im Rhythmus eines sterbenden Herzen sprudelte Blut aus dem Hals.

Sein ganzes Leben lang hatte der Junge Regeln folgen müssen. Avarys Regeln. Navvos Regeln. Immer neuen Dejarik-Regeln. Und den vielzitierten Dingen, die man einfach nicht tat.

Aber das war ein anderes Leben gewesen.

Der Junge öffnete die Tasche am Gürtel des Soldaten und holte den Holoprojektor heraus. Betrachtete ihn von allen Seiten, tastete ihn mit seinen blutbefleckten Fingern ab. Mist, dachte er. Das Teil ist bestimmt gesichert. So wie die Hyperraum-Flaschenpost.

Es klickte. Das Gerät erwachte zum Leben und ein kleines, bläuliches Hologramm erschien.

Der Junge hätte es beinahe fallen gelassen. »Okay«, murmelte er. »Oder auch nicht.«

Auf der kreisrunden Fläche erschien eine Frau. Nicht Prinzessin Delfy. Ganz und gar nicht, die Fremde war nicht einmal menschlich. Der Junge hatte ihre Spezies noch nie gesehen. Sie war schön, auf ihre Art. Groß, vielleicht größer als ein Mensch. Sie war schmal und hatte nicht den Körper einer Kriegerin, aber ähnlich wie bei Via gab es etwas in ihren Bewegungen, das von Training und von perfekter Körperbeherrschung sprach. Ihre Haut musste in Wahrheit grau sein, und obwohl das Hologramm nicht größer als Bens Hand war, ließen sich Verzierungen in ihrem Gesicht erkennen.

»Eure Majestät«, sagte die Frau und verneigte sich tief.

Der Junge grinste. »Ihr dürft sprechen«, brummte er.

»Mein Name ist Bion. Ich bin die wissenschaftliche Leiterin des Koornacht-Stützpunktes. Ich befinde mich auf unserem Vorposten, der – auf Euren Wunsch hin – seit Jahrzehnten den Tiefenkern überwacht.«

Der Junge seufzte. Er hatte sich etwas Interessanteres erhofft. Von einer geheimen Botschaft. Und einer geheimnisvollen Fremden.

»Die Hyperraum-Welle vor zwanzig Jahren«, fuhr Bion fort, »war erst der Anfang. Die Kernstürme sind keine Nachwirkung, die mit der Zeit verschwinden wird. Im Gegenteil…« Sie machte eine Pause. »Unsere Vermutungen, dass der Kern durch den Masseschattenkrieg dauerhaften Schaden genommen hat… haben sich inzwischen bewahrheitet. Mehr noch, fürchte ich: Er stirbt.«

Der Junge hob die Augenbrauen.

»Eure Majestät. Wir… Wir haben unsere Ergebnisse wieder und wieder überprüft und haben vielleicht länger gewartet, mit dieser Nachricht, als es richtig gewesen wäre. Aber ich bin jetzt sicher: Der Tiefenkern stirbt. Der Hyperraum wird weiter zusammenbrechen, es wird neue Kernstürme geben, die bewohnte Welten erreichen… Neue Wellen… Die Struktur der Kernwelten wird sich mehr und mehr verformen, und dann…« Sie schloss die Augen. »Wird der Kern sie zerstören.«

Der Junge hätte fast gelacht. War das ihr Ernst? Das Ende der Kernwelten, das klang so unwirklich, dass es nur komisch sein konnte.

»Wir müssen evakuieren«, sagte Bion. »Wir müssen aus den Kernwelten fliehen. Am besten sofort. Solange wir noch wissen, wohin unsere Routen führen. Ich weiß, es steht mir nicht zu, das zu sagen, aber… Majestät, ich flehe Euch an. Was immer dort draußen ist, hinter dem Verbotenen Weg… Es ist unsere einzige Hoffnung.«

Das Holobild starb.

Der Junge saß in der Dunkelheit. Und suchte. Nach Angst. Um sein eigenes Leben. Nach Schuld. Für Mann, den er getötet hatte. Er suchte nach irgendetwas, irgendeiner Reaktion, irgendeinem Gefühl, irgendeinem menschlichen Weg…

Auf die Zerstörung so vieler Welten zu reagieren.

Aber da war nichts. Es war ihm einfach egal.

Nichts bedeutet etwas, hatte er Via gesagt. Nichts in dieser Galaxis ist irgendetwas wert.

Und trotzdem wünschte er, er wäre nicht zerbrochen. Und hätte eine einzige Träne für alle vergangenen und zukünftigen Toten übrig. Auch wenn sie nur mit Fleisch gefüllte Hautsäcke waren.

»Das habt ihr jetzt davon«, erzählte er dem kopflosen Mann.

Was?, fragte der Tote vielleicht. Was meint Ihr damit, Majestät?

»Ihr habt den Auserwählten getötet.« Der Junge stand auf und zuckte mit den Schultern. »Aber jetzt geht ihr trotzdem drauf. Ihr habt irgendein kleines Kind erschossen, den Feind allen Lebens…« Er spuckte auf den Boden. »Ein Kind, das Euch alle umbringen würde, womit auch immer… Und es hat euch nicht mal was gebracht. Außer‘n paar Jahren mehr, hm? Wie fühlt sich das an?«

Er trat gegen den ausgehöhlten Kopf.

Es kam keine Antwort.

»Ja«, murmelte der Junge. »Ich fühl‘ auch nichts. Ich bin auch leer.« Er dachte, er würde nun lachen. Aber er lachte nicht. Die ersten Tage lang war die Sinnlosigkeit allen Lebens durchaus komisch gewesen. Aber jetzt wurde ihm davon nur noch übel.

Er nahm die Essensrationen des Mannes an sich und kehrte Grauzeugs-knabbernd zur Halle zurück.

Usiris und die anderen waren fort. Das Lager war verlassen, sogar die Lampen hatten sie mitgenommen. Nein. Vor allem die Lampen. Die würden sie brauchen. Da unten.

Der Junge beschloss, weiter jagen zu gehen. Ein wenig sinnlos, wenn man keinen Hunger mehr hatte. Aber jemand ohne höhere Bestimmung, ohne irgendeinen triftigen Grund zu existieren, konnte wohl kaum etwas Sinnvolles machen.

Also warum nicht die Zeit nutzen und töten?

Er kletterte den Soldaten nach, Deck für Deck. Er wäre deutlich schneller gewesen, hätte er den Hallenlift genommen. Aber darin kam er sich immer vor wie ein Gefangener, den das Schiff irgendwo hin transportierte.

Und wozu die Eile? Es war nicht gerade so, als gäbe es hier noch andere Jäger. Nicht im Turm jedenfalls. Er wollte nicht wissen, was sich unterhalb des Nebeldecks befand. Aber es war unwahrscheinlich, dass Usiris sich dorthin wagte. Stattdessen würden sie im Nebel warten. Auf die anderen Teams. Als wären diese nicht längst tot.

Der Junge erreichte den Nebel.

Das Flüstern begrüßte ihn.

»Ich bin‘s nur«, brummte er. »Ich suche wen. Ihr habt Ihn nicht zufällig gesehen?«

Die Stimmen veränderten sich nicht. Hatten ihn nicht bemerkt. Warum auch? Aber durch den Nebel ging eine Bewegung. Und da war ein Geräusch. Unregelmäßig. Ein leises Husten.

»Usiris!«, rief der Junge. »Seid Ihr schon tot?«

Keine Antwort.

Der Junge begann zu rennen.

Das Husten wurde zu einer Ahnung. Und die Ahnung wurde zu den Umrissen eines liegenden Mannes.

Und der Mann war der alte Avary.

Ben erstarrte.

Avarys Brustkorb hob und senkte sich, unregelmäßig. Er hatte den Kopf zur Seite gelegt, und mit jedem Zucken, das durch den Körper ging, spuckte er Blut.

»Nein«, hauchte Ben. »Nein!« Er stolperte näher – und fiel.

Über die Leiche von General Usiris.

Hatte Usiris das getan? Hatte Usiris Avary…? Weil Ben sich Zeit gelassen hatte, weil er gespielt hatte, weil ihm alles egal gewesen war, weil…

»Nein!« Ben beugte sich über den sterbenden Avary. »Nein, nein…«

»H-hey«, sagte der Alte und lächelte blutig. »Hey, Kleiner…«

Bens Welt verschwamm hinter Tränen. »Dad…«

Avary hustete. Seine Augen flackerten.

»Sag mir… Sag mir, was ich tun soll, ich…« Ben packte Avary an der Schulter, wollte ihn irgendwie festhalten, hier behalten, diesseits des Nebels. »Ich werd’ wieder deinen Regeln folgen«, flüsterte er. »Ich werd‘ wieder Ben sein, ich geh zurück zu…«

»Nein. Du musst mir jetzt zuhören, Kleiner. Du musst dir jetzt, die…« Avary erbebte. »Die Lebensbeichte eines alten Narren anhören…«

Ben nahm die faltigen, großen Hände und schloss sie in seine. Blutig waren eh beide. »O-okay…«

»Ich hatte die Chance… Alles richtig zu machen. Schicksal, weißt du? Ich war dazu bestimmt ihn zu hassen. Daphan zu hassen. Ich war dazu bestimmt, mich für alles zu rächen, was er getan hat… Und ganz nebenbei… Uns alle zu retten… Das Schicksal hat mich in diesen Raum gebracht.« Er riss die Augen weit auf. »In den Zerschnittenen Saal.«

Ben nickte. Weinte. »J-ja?«

»Und da lagen sie. Die Kinder meines größten Feindes. ‚Heb sie auf‘, hab ich Jojen gesagt, und er hat Delfy nach draußen getragen. Und ich stand zwischen den Leichen. Über Daphans Sohn. Über dem Jungen, der uns alle töten wird. Und ich hab’ mein Schwert gehoben…« Avary verkrampfte sich. Kämpfte die Wahrheit nach draußen. »U-und…«

Die Galaxis hörte auf, sich zu drehen.

»Und ich hab‘s nicht tun können.«

Ben ließ die Hände des Alten fallen.

Avary schloss die Augen. Und verging.

Der Junge stand auf. Sein ganzes Leben prasselte auf ihn ein. Dein Blut, hatte Avary gesagt. Dein Blut ist geheim.

Die Holodisc hatte sich geöffnet. Auf Berührung.

Bleib auf den Splitterwelten. Lass niemanden sehen, dass du ein Midi bist. Lass niemanden sehen, was du kannst.

Er scheuerte sich das Blut von den Armen. Das Blut aus dem Zerschnittenen Saal. Dem Saal, in dem er…

Weil dir das gleiche passiert ist wie Coruscant. Du bist zerbrochen.

Janus. Janus war da gewesen. Und Janus hatte ihn auch auf den Splitterwelten besucht. Um zu sehen, ob alles okay war. Ob die Gitter des Käfigs noch hielten.

Der Junge taumelte rückwärts, weg von der Leiche, weg von der Linie aus Lichtern.

Das war es, was Kali gesehen hatte. Das war die Angst in ihrem Blick gewesen. Und sie hatte sich ins All gestürzt, nicht um zu sterben. Sie konnte dort überleben, genau wie Usiris. Sie war gesprungen, um dem König zu berichten.

Denn der Feind alles Lebens hatte überlebt. Der Auserwählte, der den Himmel zerbrechen würde. Und eine Galaxis ermorden.

Der Todfeind des Monsters.

Der Junge stieß mit dem Rücken gegen etwas. Stolperte wieder vor, drehte sich um.

Verne Abbadon ragte über ihm auf. Die Stunde war um. »Du weißt es«, sagte er langsam. »Nicht wahr?«

Der Junge blicke ihn an, starr vor Angst. »Sie werden kommen«, flüsterte er. Jeder Mann und jede Frau auf den Kernwelten. Vielleicht sogar jedes Kind. Sie würden alle kommen. Um ihn zu töten.

Wärst du gerne auserwählt?, fragte Ikaia. Willst du wirklich ein Schicksal, größer als jedes andere? Eine Bestimmung? Wärst du gerne der Junge, für den es keinen Platz gibt, nirgendwo in der Galaxis? Der Junge, der niemals ein Zuhause haben wird. Der, den sie den Auserwählten nennen, aber in Wahrheit der Junge, den niemand gewählt hat.

Und niemand jemals wählen wird.

„W-wo…“ Er zitterte am ganzen Körper. „Wo soll ich jetzt hin? Was soll ich jetzt… Wohin…“ Seine Stimme versagte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er wirkliche, wirkliche Angst. Er würde von Bord fliehen und er würde kämpfen, bis zum Ende – aber wie lange würde er überleben, gegen eine gesamte Galaxis?

„Sie alle“, sagte Abbadon, „werden dich jagen. Die Armada des Königreichs. Die Sirenen. Die Black Sun und die Vermillion Piraten, sie alle. Und mit ihnen das Monster. Sollte die Cloudrun in einen Krieg gegen all diese Mächte verwickelt werden, dann weiß ich nicht, wer gewinnen wird. Vielleicht niemand. Vielleicht stirbt jeder einzelne Stern. Vielleicht ist das der Weg, auf dem alles endet.“

Der Junge stand auf. „Ich geh’ von Bord“, flüsterte er. „Und lauf’, so weit ich kann.“

„Nein“, sagte Abbadon. „Noch nicht.“

Der Junge erstarrte.

Abbadon wandte sich zum Gehen. „Du hast nach einem Job gefragt. Da sind ein paar Lüftungsschächte, die gewartet werden müssen. Von jemandem, der klein genug ist, um hindurchzuklettern. Vielleicht bist du damit in ein paar Tagen durch, aber… Ich erwartete, dass du gründlich bist. Und…“ Der metallische Atem ging ein und aus. „Man sollte diese Dinge lieber häufig als selten machen, hm, Luft ist wichtig…“

Der Junge sah ungläubig zu, wie der massige Riese in den Nebel hinein stapfte.

„Und die Flammkäfer“, brummte Abbadon. „Für gewöhnlich puste ich sie ins All, aber jemand, der schnell genug ist, um sie zu fangen, könnte mir den, hm, Aufwand ersparen. Ich fürchte, sie bis auf den Letzten zu erwischen, wird Wochen in Anspruch nehmen. Eventuell Monate…“

Abbadon verstummte.

Der Junge hatte ihn am Arm gepackt und klammerte sich an ihm fest. An jedem einzelnen Wort.

So standen sie schweigend inmitten des Geisternebels.

Hinter ihnen traten Soldaten aus dem Nebel. Die anderen Teams. Die Cloudrun hatte sie verschont. Als Willkommensgeschenk.

Der Junge löste sich von Abbadon und griff hinaus. Er entriss ihnen die Laserpacks, um hoch über ihnen zwei Dutzend Lichtklingen zu zünden, Leuchtfeuer im Nebel. Er bewegte die Hand.

Und tötete alle bis auf einen.

Er nahm eine der Klingen, beugte sich über den Mann und rammte dem Veteranen den Dolch in den Hals. Ein zweites Mal.

Wer bist du?, schien der Sterbende zu fragen.

»Ich bin Altair«, antwortete der Junge. »Ich bin Altair Valueen.«

Ende des ersten Teils