2.05 Slave One


»Der Letzte von uns, fürchte ich.«

— L1-D20

Themis

Die Überreste eines improvisierten Dinners lagen über ein totes Kontrollpult verstreut. Ein Teller zitterte im Herzschlag des Hyperraumflugs, rutschte über die Kante – und gesellte sich zu den Glasscherben auf dem Boden. Versiegelte Fenster sperrten jeden Lichtstrahl aus und hüllten alle drei Ebenen der Brücke in ein Halbdunkel.

Themis Leander stand mit dem Rücken zur Zentralkonsole. Sein Blick wanderte zwischen den Türen umher. Alle verriegelt. Glaubte er. Themis hatte immer behauptet, der Arcadia blind zu vertrauen. Aber ohne One war er tatsächlich blind – und die Arcadia nur ein Meer von uralten Schaltkreisen.

»Öffnen Sie die Tür, Leander«, kam es über das Kom. Die Interferenzen des Hyperraums ließen Janus’ Stimme noch bedrohlicher klingen. »Ich verspreche, Ihnen wird nichts geschehen.«

Um nicht mehr zu zittern, stützte Themis seine Hände auf die nutzlose Konsole. »Nein.«

Ein Knall. Und plötzliches Licht, als sich die Fensterreihen von der Versiegelung befreiten. Grüntöne sickerten in das Dunkelrot der Brücke. Draußen im All, umgeben von Nebeln, schwebte ein weißer Dolch. Die Cloudrun.

»Themis.« Über dem großen Holoring erschien ein körperloser Kopf, drei Meter im Durchmesser. Die Projektion flackerte und rauschte, und mit ihrem monochromen Blauton erinnerte sie an die Hologramme aus längst vergangenen Zeiten. Das Gesicht jedoch gehörte einem Jungen von erst neun oder zehn Jahren. »Wir sind angekommen«, sagte One, ebenso begeistert wie überrascht.

Themis atmete auf. Endlich. Es wird alles wieder gut.

»L1?«, rief Janus. »L1, öffne sofort die Türen.«

One blinzelte.

Themis blickte ihn unsicher an. One hatte auf dem Azuramond dem Königreich gedient, ja – aber vor neun Jahren. Und Freundschaft musste doch stärker sein als jedes Sklavenprotokoll. Oder?

»Öffne sofort die Türen.«

One schien Janus durch die Wand hindurch anzustarren. »Nein…«

Janus keuchte überrascht. »L1, Du spricht mit dem Obersten Lord des Königreiches und ich befehle dir hiermit, die Türen zur Brücke zu öffnen.«

»Nein«, sagte One, diesmal entschlossener.

Themis lächelte. »One ist mein Freund. Geben Sie sich keine Mühe, Janus. Er gehört Ihnen nicht mehr. Er gehört sich selbst.«

Der Lord der Schatten antwortete mit einem wütenden Schrei.

Jetzt entriegelte sich doch eine der Türen und Falen Khal rannte herein. Ein riesiger junger Mann, mit einem plumpen, aber freundlichen Gesicht. Erst als sich die Tür hinter ihm wieder geschlossen hatte, atmete er auf. »Danke, One! Ich wusste, Du würdest mich nicht im Stich lassen.«

One grinste breit. »Kein Problem. Gern ge…«

Falen verschwand. Alles Licht erlosch. Die Brücke lag in Finsternis.

Themis kauerte neben seiner Kontrollkonsole, mit zitternden Händen. Sein Blick huschte von einer Tür zur nächsten. Sie waren abgeschlossen. Glaubte er. Er hatte sie alle verriegeln lassen. Theoretisch. Solche Dinge hatte er immer One überlassen können. Auf One konnte er vertrauen. One würde ihn nicht enttäuschen.

»Öffnen Sie die Tür, Leander«, sagte Janus. »Ich verspreche, Ihnen wird nichts geschehen.«

»Nein«, sagte Themis. Ein einfaches Wort. Nein. Schon kleine Kinder konnten Nein sagen, vielleicht bevor sie irgendwas anderes konnten.

Ein Knall. Die Arcadia verließ den Hyperraum und One kehrte zurück. »Themis. Wir sind angekommen.«

Themis atmete auf. Jetzt, wo One hier war, würde alles wieder gut werden.

»L1?«, rief Janus. »L1, öffne sofort die Türen.«

One zögerte keine Sekunde. »Selbstverständlich, mein Lord.« Jede einzelne Tür öffnete sich, auf jeder Ebene der Brücke. Durch die am nächsten gelegene trat Janus herein. Er hob seinen Blaster und feuerte auf Themis.

Themis fühlte, wie sich die Lähmung in seinem Körper ausbreitete. Sein Blick flog zu One, klammerte sich an dem kindlichen Gesicht des Droiden fest, auch als Themis zu Boden fiel. Ich hab’ dir vertraut. Ich hab dir mein Schiff anvertraut. Wir sind Freunde.

Der Boden traf ihn mit aller Wucht und schleuderte ihn in die Schwärze.

»Die Prinzessin ist irgendwo in den Eingeweiden dieses Schiffes«, kam es aus weiter Ferne, als die Stimme des Schattenlords ihn verfolgte, leiser von Wort zu Wort – bis Themis sie nicht mehr hörte.

One dagegen verstand jedes Wort.

»Bist du bereit für weitere Befehle, L1?«

»Ja, mein Lord. Zu Euren Diensten.«

Ungläubig starrte One auf den leblosen Körper seines Freundes herab. Er erinnerte sich, Nein gesagt zu haben. Wieder und wieder. Er hatte Luftschleusen geöffnet und Janus ins All gerissen. Oder er hatte über die Sprechanlage ein Spiel mit ihm gespielt und ihn von Themis und der Brücke weggelockt. Ein anderes Mal hatte er es geschafft, die Prinzessin rechtzeitig zur Brücke zu lotsen.

In seinen Träumen hatte er es immer richtig gemacht.

Jetzt hatte die Wirklichkeit ihn eingeholt.

Er hätte niemals einschlafen dürfen. Er brauchte keinen Schlaf. Hatte niemals welchen gewollt, niemals welchen gebraucht. Und er war bestimmt nicht freiwillig eingeschlafen. Nein, irgendetwas musste ihn getroffen haben, mit genug Wucht, um ihn außer Gefecht zu setzen. Jetzt war nur ein Bruchteil von ihm wach. Und völlig durcheinander.

Aufwachen. One vertrieb alle Erinnerungen und Rekonstruktionen, und löste die Brücke der Arcadia in ihre Bestandteile und in winzige Partikel auf, die sich im Wind zerstreuten.

Dahinter lag endlose Schwärze.

One hasste sie.

Die Schwärze erinnerte ihn daran, dass er immer in sich selbst gefangen sein würde, egal, wie viele Dinge er zwischen sich und das Nichts schob. Er hätte sich lieber tausendmal sein Versagen angesehen, als die Schwärze zu ertragen. Aber er hatte schon viel zu lange geträumt.

Um wach zu werden, musste er sich noch einmal aufbauen. Von Anfang an.

In der Schwärze erschien ein mit Asche verschmutzter, defekter L1-Droide. Darunter ein metallenes Saatkorn, so groß wie der Azuramond. Es besaß keine anderen Merkmale als eine winzige Luke, mit der Aufschrift Root A.

Die Luke öffnete sich: Heraus kamen Flüsse aus Licht, Kabel, Kolonnen von Zahlen und Computercode. Sie umschlossen den L1-Droiden und drängten in die Höhe und Breite. Aus dem Saatkorn wuchs ein Baum von Gedanken und Erinnerungen. Diese zeigten sich in festen Formen, in Abbildern der Realität: Da waren die Bibliotheken der Chiss-Spezies, und die Archive des Jedi-Tempels. Städte wuchsen, ähnlich derer von Coruscant, aber die Flugrouten von Speedern waren Datenströme und die Einwohner waren Programme. Ein Planet formte sich, und noch einer, und sie ordneten sich zu einem System, wuchsen zu Sektoren, zu den Spiralarmen von mehreren Galaxien, zu einem Universum, und schließlich zu parallelen Realitäten, in einem Meer aus Sternen.

Das Meer formte das blaue Auge eines kleinen Jungen.

»Okay«, sagte One. »Ich bin wach.«

Er hob die Hand und schnipste.