2.06 A Convergence of Birds


»Wir alle haben eine Rolle zu spielen.«

— Janus

Delfy

Der Sterbende lag auf einem gewaltigen Rad. Seine ausgestreckten Arme und Beine zuckten, während sich das Rad unter ihm vor und zurück drehte. Blut strömte aus hundert kleinen Wunden und floss über die Kante, in roten Wasserfällen.

Delfy kletterte auf das Rad und beugte sich über den Sterbenden. Sie hob den Singstahldolch, holte aus – und rammte ihn in das Herz des Jungen.

Große, hellblaue Augen sahen ungläubig zu ihr auf.

Und Altair starb.

Mit einem Schrei riss Delfy sich aus dem Schlaf. Sie tastete in der Dunkelheit. Schlug gegen den Schalter der Energieeinheit. Und starrte auf ihre zitternden Hände.

Kein Blut. Und kein Singstahldolch.

Altair saß auf der anderen Matratze des kleinen Raumes, im rechten Winkel zu ihrer. Er hatte die dünnen Beine an den Körper gezogen und presste den Rücken gegen die Metallwand. Er lebte. Keine hundert Wunden und kein Dolch im Herz.

Sie sahen sich schweigend an.

»Schlecht geträumt.« Delfys Stimme klang brüchig. Wie lange hatte sie nichts getrunken? »Du auch?«

Altairs Augen schimmerten im Halbdunkel wie zwei Monde. »Hab nicht geschlafen.«

»Wegen diesem Schiff? Oder wegen den Vermillion-Leuten vor der Tür?« Sie suchte nach einer Wasserflasche und fragte möglichst beiläufig: »Wegen mir?«

»Weiß nicht. Aber nicht wegen Euch.«

»Wegen dir.«

»Wegen mir?«

Delfy schüttelte den Kopf und lächelte verschlafen. »Du sagtest ‚wegen Euch‘. Du kannst ‚Du‘ zu mir sagen. Das hast du früher gemacht.«

Altair richtete seinen geisterhaften Blick auf die schmutzige Wand des Quartiers. »Ihr seid die Prinzessin vom Königreich.«

»Ich habe seit Tagen die gleichen Klamotten an und meine Haare sind das Ergebnis von sehr unruhigem Schlaf – sehe ich wirklich wie eine Prinzessin aus?«

Aus scheuen Augenwinkeln sah ihr Bruder nun doch zu ihr herüber. »Yeah.« Im nächsten Herzschlag war der Blick wieder fort. »Siehst du.«

Delfy nahm die Metallflasche und kippte sich das Wasser mit einer kompromisslosen Bewegung über den Kopf. »Immer noch?«

Altair vertraute der Dunkelheit ein sanftes Lächeln an. »Schon.«

»Du willst mich wirklich nicht herausfordern.«

Mit einem berstenden Knall flog die Durastahltür auf, prallte gegen die Wand, und wurde von einer gewaltigen Metallhand gestoppt. Gegen das Licht des Basislagers zeichnete sich die Silhouette eines metallischen Riesen ab. Verne Abbadon. Erster Offizier dieses verfluchten Schiffes. Sein Atem rasselte und fauchte wie eine Droidenlunge. »Ihr wolltet mich sprechen.«

Delfy stand auf. Die nassen Haare klebten an Stirn und Wangen.

Altair hatte seinen Schlafplatz verlassen. Delfy fand ihren Bruder gegen die Rückwand des Quartiers gedrückt wieder, die Hände erhoben. Ein erschrockenes Tier in einer Todesfalle. Nur langsam nahm er die Arme herunter.

Delfy stellte sich zwischen Altair und den Riesen. »Ich will nicht Sie, sondern das Schiff sprechen. Seit mehreren Tagen.«

»Komlink.«

Delfy holte das kleine Gerät aus ihrer Gürteltasche hervor. »So sehr ich einen Holonet-Sender für unheimliche Flüsterstimmen auch zu schätzen weiß, auf Dauer…«

Das Komlink piepte.

Unmöglich. In zwei Wochen hatten weder das Schiff selbst, noch dessen lichtscheue Crew je Kontakt mit Delfy aufgenommen. Nur Abbadon hatte für die Cloudrun gesprochen. Und meistens geschwiegen.

Sie drückte die Annahme-Taste.

»Prinzessin?« Verzerrungen und Rauschen ließen nicht viel von der Stimme übrig. »Wir sind zurück.« Der Sprechende hustete. »Wir haben Bion. Aber eine Kernwelle hat die Station zerstört – und sie wird ganz Koornacht erfassen.«

Janus. Er und Via hatten endlich die Wissenschaftlerin geholt.

Altair traute sich einen Schritt näher. »Kernwelle?«

»Der Tiefenkern stößt Energiebänder aus«, erklärte Abbadon. »Hunderte Lichtjahre lang. Mit Gravitationswirbeln im Schlepptau.«

Delfy hob das Komlink vor den Mund. »Bestätige, Janus. Wie viel Zeit haben wir?«

Es knackte in der Verbindung. »Zwei Tage, bis die Welle dieses System erreicht. Aber wir müssen den gesamten Sektor verlassen. Und dazu müssen wir innerhalb der nächsten Stunden springen.«

Delfys Finger drohten das Komlink zu zerquetschen. Springen. Wohin? Und mit welchem Schiff? Die Cloudrun antwortete nicht. Und Delfy würde sie hier nicht zurücklassen, selbst wenn sie den Antrieb der Arcadia rechtzeitig reparieren konnten.

»Was passiert«, fragte Altair langsam, »wenn so eine Welle ein Schiff trifft?«

Abbadon senkt den Kopf, als wollte er sich Altair zuliebe etwas kleiner machen.»Dann werden seine Trümmer über mehrere Lichtjahre verstreut.«

»Und wenn sie dieses Schiff trifft?«

»Das wäre ein sehr interessanter Tag.«

Delfy wollte es nicht herausfinden. »Janus, wir treffen uns hier an Bord. Konferenzraum vom Vermillion Lager. Bringt diese Bion mit.« Sie zögerte. »Außerdem Via. Delfy Ende.«

Solange Via unentgeltlich für sie arbeitete, durfte Delfy sie nicht ausschließen. Und bis es endlich jemand geschafft hatte, One aufzuwecken, würde die Arcadia eine Pilotin brauchen.

Ein Captain wäre allerdings auch nicht schlecht. Ein Schiff flog zwar auch ohne, und notfalls musste Delfy statt dem Captain die Führungsoffiziere manipulieren. Aber Themis brauchte den Titel. Er musste Captain sein, und er musste glauben, als solcher gebraucht zu werden. Das hatte ihn damals davon abgehalten, in Trauer zu versinken – und heute musste es ihn genau so retten. Wir alle haben eine Rolle zu spielen, hatte Janus einmal gesagt, und niemand darf sie uns nehmen. Wir müssen glauben, dass wir einen Wert haben.

Es wurde Zeit, dass sie Themis aus seinem Schwarzen Loch herausholte.

Delfy betätigte die entsprechenden Knöpfe auf dem Komlink. »Arcadia? Hier ist Delfy. Sagen Sie dem Captain, ich brauche seine Hilfe.«

Abbadon wandte sich zum Gehen.

Delfy setzte ihm nach. »Ihr habt mir immer noch nicht gesagt, wie ich mit dem Schiff sprechen kann.«

»Komlink.«

Das kleine Gerät spuckte ein weiteres Rauschen aus, gefolgt von Themis’ Stimme. »Delfy? Hör zu, ich bezweifle stark, dass ich dir im Moment eine große Hilfe wäre. Egal bei was.«

Delfy starrte ins Leere. Sie hatte ihn tödlich verwundet und das Schiff hatte ihn gerettet. Seitdem hörte Themis das Flüstern im Komm, während sie selbst nicht einmal einzelne Wörter ausmachen konnte. Konnte Themis ihr helfen, mit der Crew zu sprechen?

Abbadon stampfte aus dem Quartier.

»Themis? Funk ist zu gefährlich«, sagte Delfy ins Mikrofon. »Wir treffen uns im Basislager. Delfy Ende.« Sie betätige den Knopf, ehe er etwas erwidern konnte. Ihn so herumzuscheuchen, konnte nach hinten losgehen. Aber Themis taugte nicht zum Anführer, und er wusste es. Also klammerte er sich an Delfys Pläne, um nicht selbst entscheiden zu müssen.

Einmal mehr lag es an ihr, sie alle zu retten.

Delfy schloss die beschädigte Tür hinter Abbadon, so gut es eben ging. Sie wandte sich wieder ihrem Bruder zu. »Wie gut kennst du ihn? Abbadon?«

»Fast gar nicht.« Altair hatte sich nicht vom Fleck gerührt. »Aber er kennt mich. Keine Ahnung woher, aber… Er weiß es.«

Delfy hatte es befürchtet. Sie würde eine Liste machen müssen, mit jedem, der vom Überleben Altair Valueens wusste. Und sie würde entscheiden müssen, wer das Geheimnis wahren konnte – und wen sie auszuschalten hatte. Aber ließ sich Abbadon ohne Weiteres umbringen? Das Schiff würde nicht begeistert sein.

»Wer weiß es noch?«, fragte sie.

»Die Sirenen. Siena Kali.« Altair schielte auf das Komlink in Delfys Hand. »Janus.«

Delfy atmete langsam aus. Viele. Weder die Sirenen noch Kali würden ihr Wissen bei der ersten Gelegenheit in die Welt hinausschreien – aber beide würden es für ihre eigenen Zwecke nutzen. Und Janus…

Janus hatte Delfy getäuscht. Er hatte es all die Jahre gewusst und er hatte gelogen. Warum hast du es mir nie gesagt?, fluchte sie. Ich hätte das Geheimnis besser verteidigt als du selbst.

»Themis und Via kennen dich als Ben«, sagte sie. »Wir nennen dich weiter so. Wir sorgen dafür, dass Abbadon und Janus mitspielen. Und wir hoffen, dass niemand sieht, dass wir Geschwister sind. Kannst Du das? Weiter den Jungen aus den Slums spielen, noch für eine Weile?«

Ein Schatten huschte über Altairs Gesicht. Ein böser Funke in zwei sonst so leeren Augen. Doch der Moment verschwand, ehe Delfy ihn ganz wahrgenommen hatte. Altair nickte langsam. »Was ist mit dem König?«

Delfy presste die Lippen zusammen. »Dad?« Sie bemerkte Altairs Blick. »Nein, ich hab’ seine Majestät nie so genannt. Nicht in seiner Anwesenheit. Aber ich rede mir ein, dass es ihn ärgern würde, deshalb… Dad

»Ist er so schlimm, wie alle sagen?«

»Ist jede einzelne Schauergeschichte wahr? Nein. Einige sind’s. Genug weitere hat er geheimhalten können.«

»Und unsere Mutter?«

Delfy verstaute das Komlink wieder in der Seitentasche, halb in Gedanken. Aus der Ferne sah die tote Königin ihnen zu. Es ist wieder okay, wollte Delfy ihr zurufen. Deine Kinder haben sich wiedergefunden.

»Allya«, sagte Altair, als hätte er den Namen noch nie im Leben ausgesprochen. »Richtig, oder? Allya Valueen?« Er machte eine hilflose Bewegung mit den Händen. Also, ich meine… Ihre Majestät die Königin?«

»Nein.« Delfy starrte ins Leere. »Nur Mom.«

Altair war zu jung gewesen, als sie ihn verloren hatten. Kaum ein menschliches Kind erinnerte sich wirklich an seine ersten paar Lebensjahre. Jedenfalls nicht an Momente. Aber an seine Mutter? Schwester? Musste da nicht irgendwas sein? Irgendein flüchtiges Bild? Irgendein Funken von Erinnerung, irgendein stilles Lächeln, das sagte, »Da bist du ja wieder, Delfy.«

Doch Altairs Augen blieben leer.