2.07 Leviathan


»… all die harmlosen Schauergeschichten, die uns nachts schlafen lassen.«

— Baron Tyber Malreaux

Kali

Devi hatte Angst.

Eigentlich wollte sie wegschauen und sich verkriechen, in den Eingeweiden des Stillen Schiffes. Ihre Schwestern waren zu groß für die Wartungsschächte gewesen, aber Devi passte hindurch. Dort hatte sie überlebt, als es passiert war.

Sie wischte mit ihrer kleinen Hand über den zerkratzten, schmutzigen Transparistahl. Dann kam sie mit einem Auge ganz dicht heran und schaute durch den Fensterspalt nach draußen.

Wolken hatte die Sterne verhüllt.

Ein monströses Schiff schnitt durch den Nebel wie ein Dolch, und schwebte unaufhaltsam auf die beiden Kinder zu.

Devi sprang ruckartig vom Fensterspalt zurück. Suchte und fand Sienas Arm. Sie klammerte sich an ihrer großen Schwester fest und spürte die tröstende Hand auf ihrer Schulter, als der weiße Dolch näher und näher kam.

Dann ein Blitz.

Eine andere Welt, eine andere Zeit.

Der Hunger fraß Devi von innen heraus auf. Ihre nackten Füße stolperten über den Felsboden. Kleine Steinchen schnitten ihr die Haut auf. Am Himmel brannten die unbarmherzigen Lichter der Asteroidenstädte.

Siena kam zum Stehen, schwer atmend.

Devi packte ihren Arm. Mit der anderen Hand fischte sie die Transpari-Scherbe aus dem Stoffbeutel. Nutzlos wie eine Spielzeugwaffe, und trotzdem hielt Devi sie hoch.

Zwischen den toten Felsen erschienen die Engel. Hochgewachsene, wunderschöne Geschöpfe, die hier draußen fast zu leuchten schienen. Die Sirenen bildeten einen Kreis um die Schwestern, und niemand kam, um zu helfen.

»Nein«, brüllte Siena, und ließ die zitternde Blastermündung von Sirene zu Sirene wandern. »Ihr wollt uns haben, dann holt uns, versucht’s doch, ich erschieß die erste, die’s versucht, ihr kriegt sie nicht, ihr kriegt sie nicht, ihr…«

Ein Blitz.

Devi wischte sich über die Lippen und ließ sich nach hinten fallen, versank im weichen Bett. Sie war satt und warm und sicher, und sie würde jeden Moment genießen. Mit einem Seufzen trat sie die Leiche des Technikers über die Bettkante und richtete sich auf.

»Es ist verboten, den König aufzusuchen«, sagte sie. »Man muss von ihm eingeladen werden, oder? Die Strafe für das Betreten der Königstiefen ist…«

»Ich weiß, ich weiß.« Siena nickte abwesend. Sie würdigte die Leiche im Zimmer keines Blickes. Siena hatte ihren Durst besser unter Kontrolle. Sie ertrug ihn in jeder Sekunde, zögerte die Sucht hinaus, und Devi wünschte, sie wäre genauso stark.

»Aber was, wenn Valueen die anderen Ratsmitglieder eingeladen hat?« Siena kam auf ihrem endlosen Marsch zum Stehen. »Einen von ihnen – vielleicht sogar alle, bis auf mich?«

Devi wollte etwas erwidern. Ob Siena denn wirklich Hand des Königs werden musste. Ob sie nicht nach Treskov zurückkehren und dort leben und jagen konnten, gemeinsam, wenigstens für die nächsten hundert oder zweihundert Jahre.

Doch Siena hatte den Raum schon verlassen und die Drucktür schloss sich.

Aus den Schatten erschienen fünf gesichtslose Wesen und warfen sich auf Devi.

Ein Blitz.

Devi stand im Halbdunkel. Gelähmt und gebrochen. Allein.

Wo bist du? Wo bist du, Siena?

Vor ihr stand König Daphan Valueen. Seine alte Hand hielt den Singstahldolch.

Hilf mir.

Der König holte aus.

Hilf mir. Hilf mir, hilf mir,…

Und stach zu.

Siena Kali riss die Augen auf. Stolpernd kam sie auf die Beine, und wäre fast vom Rand der Plattform gefallen. Rudernd warf sie die Arme nach hinten, prallte auf dem Rücken auf, und ließ den Schmerz alle Alpträume fortspülen. Selbst der Hunger verging für einen Moment.

Was habe ich getan…

Sie fand sich inmitten der Splitterwelten wieder, in einem Meer von glitzernden Asteroidenstädten. Tausende von Sublicht-Jägern und Schrottfrachtern fädelten sich zwischen den Felsbrocken hindurch, während in der Ferne die Silhouetten gewaltiger Raumriesen ihre Bahnen zogen. Irgendwo hier würde Manarai sein, einer der größten Planetentrümmer, und in seinem Herzen die Ruinen eines Jedi-Tempels.

Kali erhob sich.

Sie stand auf einer schwebenden Plattform, exakt im Zentrum der riesigen Observationssphäre. In den Kugelwänden eingelassene Holoprojektoren erzeugten ein perfektes Rundumbild des umliegenden Weltalls, ohne die toten Winkel eines Panoramafensters. An jedem anderen Ort fühlte sich Kali, als wäre sie auf einem Auge blind. Hier dagegen…

Konnte sie ihren Tod vielleicht noch rechtzeitig kommen sehen.

Kali nahm den Singstahldolch vom Gürtel und wog ihn in der Hand. Sie hatte die Wahl gehabt. Vor einem Monat, in Tiefen des Azuramondes. Sie hätte den Titel der Obersten Heerführerin ablehnen können, und sie wäre gestorben und es wäre vorbei gewesen.

Aber sie hatte den Dolch angenommen.

Und sie hatte die Erinnerungen ihrer toten Schwester getrunken.

Seitdem kannte sie keine anderen Gedanken und keine anderen Träume mehr. Wenn sie ihre Gemächer betrat, lag Devi tot auf dem Bett. Wenn sie hinaus ins All blickte, stand Devi neben ihr, plötzlich wieder das kleine Mädchen von damals, und hinterließ einen blutigen Fingerabdruck auf dem Fenster. Und wenn Kali die Augen schloss, flüchteten sie wieder über das Asteroidenödland, während sich um sie herum der Kreis der Sirenen enger und enger zog.

All das Leid in Devis Leben ging nun auf Kali über. Erinnerungen an Angst, Erinnerungen an Hunger – das waren Schrecken, auf die Kali gefasst gewesen war. Aber nicht…

Nicht ihre Erinnerung an mich.

Kali zwang den Gedanken fort. Die Zeit für Schwäche war vorbei. Sie würde sich nicht in dunklen Kammern verkriechen und Jahrtausende um ihre Schwester trauern – sie würde ganz einfach diesen Dolch nehmen, Valueen die Zunge rausschneiden, erst ins eine Auge stechen, dann ins andere, dann durch die Nase hindurch sein Hirn aufbrechen und sein Leben austrinken, langsam, über Jahre hinweg, ehe nur noch die erbärmliche, leere Hülle eines alten Mannes übrig war, und dann, flehte sie, würde Devi ihren Frieden haben.

Der König musste sterben, aber noch konnte Kali ihn nicht erreichen.

Noch musste sie dienen – und am Leben bleiben.

Wieder betrachtete sie die Klinge in ihrer Hand. Nirgends in Devis Erinnerungen hatte Valueen ein Ziel genannt oder einen Befehl ausgesprochen. Nein, ein Dolch und die Leiche ihrer kleinen Schwester – das war Valueens einzige Botschaft an Kali gewesen.

Der Dolch befahl Krieg. Und auf den Verlierer wartete diese Klinge. Mit einem einzigen Schlag hatte Valueen Kali zur zweitmächtigsten Person im Königreich gemacht – und ihr gleichzeitig einen Sklavendetonator eingepflanzt.

Finde und zerstöre die Vermillion Rebellion.

Die Bombe in deinem Bauch tickt.

Und du weißt nicht, wie lange noch.

Doch hinter der Drohung des Königs verbarg sich das Versprechen eines noch größeren Ungeheuers: Vor einem Jahrhundert hatte es Kali und Devi vom Stillen Schiff gerettet. Dafür hatte Kali der Cloudrun ihr Leben versprechen müssen. In einhundert Jahren.

Die Zeit war um.

Und Kali war nicht gegangen.

Sie besaß heute eine eigene Flotte, eigene Armeen, ein eigenes Planetensystem und sie kommandierte die königlichen Gardisten. Falls die Cloudrun wirklich kommt, um mich zu holen, hatte Kali sich Jahr für Jahr eingeredet, bringe ich das gesamte Königreich zwischen sie und uns. Wir werden leben. Und wir werden frei sein.

Jetzt war Devi tot.

Strafe, Warnung und Anzahlung.

Du kannst nicht weglaufen, nicht vor diesem Schiff.

Aber welche Wahl blieb ihr? Sie hatte sich ihr Leben zu teuer erkauft, um es jetzt zu verlieren. Sie hatte mehr dafür bezahlt, als es wert war. Sie musste laufen, sie musste Königin werden, und dann würde sie tausende von Schlachtschiffen auf die Cloudrun hetzen.

Aber diese Macht erhielt sie nur, wenn sie zuvor die Vermillion Rebellion zerschlug, Janus tötete und Prinzessin Delfy lebend ins Königreich zurückbrachte. Das wiederum verlangte, der Spur der Arcadia in eine der tödlichsten Regionen des Alls zu folgen – ganze zwei Monate, nachdem das Vermillion Flaggschiff die Splitterwelten verlassen hatte.

Es war ein erbärmlich schlechter Plan.

Nicht genug, um sich vor dem mächtigsten Mann und dem mächtigsten Schiff der Galaxis zu retten. Nicht genug, um unbewaffnet durch das eigene Quartier zu schleichen. Nicht genug, um nachts zu schlafen. Nicht genug, um selbst dem treuesten Diener den Rücken zu zuwenden.

Kali lief am Rande der Plattform entlang, in einem ruhelosen Kreis. Der Hunger nagte an ihrem Körper, wie ein klaffendes Loch in jedem Organ, jedem Gelenk, jeder Muskelfaser. Es wäre so einfach, ihn zum Schweigen zu bringen. Ihre Gardisten hätten ein Dutzend Sklaven aus dem Dreck ziehen können, bedeutungslose Seelen, die niemand vermissen würde – und Kali würde trinken und wieder stark sein.

Aber der Hunger würde zurückkommen – und doppelt so viele Seelen fordern. Bald würde der Abschaum der Splitterwelten nicht mehr ausreichen, bald mussten es gesündere Seelen sein, und am Ende konnten nur noch Midi den Hunger zum Schweigen bringen. Kali würde ein Monster werden, wie ihre Eltern vor ihr, und sie würde von ihrer eigenen Crew zehren.

Also musste sie den Hunger und die Schwäche ertragen.

Solange, bis es nicht mehr ging.

Ein holografischer Zylinder umschloss die Plattform, um sofort von Textkolonnen überschwemmt zu werden. Da Hyperraum-Funksprüche seit dem Krieg unmöglich geworden waren, setzte das Königreich stattdessen Sonden und Signalbojen aus, »Flaschenposten«, die ihren Datenstrom losfeuerten, sobald ein Valueen-Schiff in das System eintrat.

»Erzählt mir von euren Erfolgen«, flüsterte Kali und begann die Dekodierung der militärischen Meldungen. »Sagt mir, dass ihr die Arcadia gefunden habt.«

»Neue Unruhen auf Haven«, titelte eine Meldung des militärischen Informationsdienstes. »In drei Städten des Geiselplaneten kam es zu Übergriffen von mehreren tausend inhaftierten Vermillion Rebellen auf stationierte Sicherheitskräfte. Protektor Uriah Raith hat die Garnisonen mit zusätzlichen Landetruppen verstärkt, darunter schwere Kampfläufer und Kommando-Soldaten der Azura Phalanx.«

Kali schüttelte den Kopf. Wie hatten sie jemals glauben können, den Frieden zu sichern, indem sie eine Milliarde Geisel auf einem lebensfeindlichen Eisplaneten einsperrten? Kali selbst war nie dort gewesen, doch alle Berichte von dort klangen weniger nach einem Gefängnis und mehr nach einer zehnjährigen Kriegszone.

Sie sprang zur nächsten Nachricht.

Neutronensprengladung aus dem Vermillion-Krieg freigelegt, begann ein Hilferuf aus dem anliegenden Ruan-System. Sektor 23 gesperrt. Entschärfung unsicher. Administrator Malreaux bittet um Unterstützung aller königlichen Schiffe, die über entsprechende Sondereinheiten verfügen.

Kali wischte den Schriftzug beiseite. Für Kleinkram bleib keine Zeit mehr. Hastig filterte sie die Datenflut nach Meldungen aus Devis Spionage-Netzwerk.

Die Sirenen singen, schrieb ein hier auf den Splitterwelten stationierter Agent. Der Felsen ruft mehr Schiffe zu sich, als je zuvor. Dann werden sie zurück ins All gestoßen, ohne eine Spur der Crew.

Kali atmete scharf ein. Die Jedi-Huren lebten in einer perversen Symbiose mit den Fraktionen der Splitterwelten. Was hatte sie dazu gebracht, diese zu gefährden? Suchten sie ebenfalls nach der Arcadia, indem sie Raumfahrer telepathisch ausnahmen? Oder hatten die Sirenen schließlich begonnen, eine Armee aufzubauen, wie Kali den Rat immer gewarnt hatte?

Die ganze Galaxis zieht in den Krieg.

Kalis Blick huschte von Asteroidenstädten zu Raumstationen zu fernen Sternen zu Schiffswracks, und immer so fort. Falls sie auch nur ein einziges Detail übersah, falls sie im falschen Moment auf den falschen Ort achte – würde die Cloudrun ihr einen Dolch in ihren Rücken bohren, so wie sie es mit Devi gemacht hatte.

Jetzt ist niemand mehr da, dem ich vertrauen kann.

Das Komlink zirpte.

Auf dem Display leuchtete die ID von Lieutenant Desanne.

Kali nahm den Anruf nicht an. »Ich weiß«, sagte sie nur, in der Einsamkeit der Sphäre. Wir sind fast da.

Sie wollte den Singstahldolch wieder an ihrem Gürtel befestigen, offen, damit jeder ihn sehen konnte. Doch die ewig-scharfe Klinge schnitt durch ihre Uniform und biss in die Haut an ihrer Hüfte.

Kali keuchte auf, zog den Dolch zurück und hielt ihn ausgestreckt vor sich. Ihre Hand zitterte. Der Hunger fraß ihren Arm von innen heraus auf. Übrig bleiben würde nur eine brüchige, leere Hülle.

So viele Jahre lang hatte Kali den Hunger beherrschen können, mit winzigen Mahlzeiten, mit einer Diät aus geringeren Lebensformen. Dann hatte sie Devis Leben getrunken. Und nun verlangte der Hunger nach weiteren Midi. Das Ungeheuer war aufgewacht – und auf den Geschmack gekommen.

Nein, hielt Kali dagegen. Trotzig, fast mit einem Schlag, weckte sie die Kontrollkonsole und gab den Befehl zum Aufstieg.

Die Plattform erhob sich und trug Kali durch ein kreisförmiges Loch hindurch in die Halle über der Observationssphäre.