2.07 Leviathan


Hier oben wartete der beste Gardist, den Kali besaß. Lieutenant Desanne war auf Corellia geboren worden, im Herzen des Königreiches, wo man ihn sofort als Midi erkannt und mit drei Jahren in die Schmiede gebracht hatte. Der Rest war Klischee: Bester jedes Jahrgangs, ein begnadeter Pilot und Feldsoldat, unübertroffen im unbewaffneten Teräs Käsi und den Echani Künsten, so geschickt mit dem Vibroschwert wie mit einem Scharfschützengewehr, eine seltene Zierde der menschlichen Spezies, ein geborener Krieger mit den Augen eines Philosophen.

Eine Sekunde mehr gegen den König.

Eine halbe gegen die Cloudrun.

Desanne salutierte. »Mylady, wir erreichen den Felsen der Sirenen in zehn Standartminuten.«

Kali schritt an ihm vorbei. »Zur Brücke.«

Ein Turbolift katapultierte sie weiter aufwärts. Hinter den Transpariwänden der Lift-Säule blitzten kleinere Decks auf, dann öffnete sich vor ihnen eine unendliche Halle. Auf dem Boden führten Tausende Soldaten Marschübungen durch, darüber trainierten Gardisten-Teams auf schwebenden Übungsplattformen, und in den Aufbauten an der Decke kletterten zweihundert Piloten in ihre hängenden Raumjäger. An die Halle grenzte eine weitere an, diese mit schwerer Kriegsmaschinerie gefüllt, und dahinter folgten die noch größeren Hangarkomplexe.

Die Liftkapsel ließ die Hallen hinter sich und gab den Blick frei auf eine Landschaft aus Durastahl, unter dem roten Himmel von Coruscants Splitterwelten. Von hier aus betrachtet schien es, als würde der Azuramond persönlich auf das Asteroidenmeer zusteuern, so endlos und gewaltig schien allein der Bug.

Die Leviathan war das größte Kriegsschiff des Königreichs.

»Ein Supersternenzerstörer«, hatte Lord Janus bei der Taufe gesagt. »Der letzte seiner Art.«

Zehn Sekunden, dachte Kali. Zwanzig, falls die Cloudrun spielen möchte.

Fünf für den König, um mir alles hier einfach wegzunehmen.

Die Liftkapsel tauchte für einen Moment in Schwärze ein und kam zum Stehen. Desanne betätigte einen Knopf. Die gebogenen Türflügel schoben sich zur Seite…

Und vor Kali öffnete sich die Brücke der Leviathan.

Fünfhundert Offiziere sprangen von ihren Kontrollkonsolen auf oder unterbrachen ihre Patrouillengänge, nahmen Haltung an und salutierten. »Lady Siena Kali auf der Brücke«, rief Desanne.

Kali marschierte den Kommandosteg hinauf, ohne langsamer zu werden und ohne das Heer von Untergebenen zu beachten, das auf beiden Seiten Position bezogen hatte. Der Steg führte zu einer zentralen Plattform, von der aus sich die vordere Brückenhälfte wie eine Konzerthalle überblicken ließ. Zehn Decks nach unten und zehn Decks nach oben ragte ein gebogenes Panoramafenster auf, das nach außen hin von den einzelnen Brückenebenen durchzogen wurde.

Auf der Kommandoplattform, umrahmt von einem Offiziersstab aus fanatischen Jüngern, wartete eine lebende Legende. Jemand, der sich inzwischen für den letzten Helden der Galaxis halten musste. Ein Überlebender der schwächlichen Khil-Spezies, der als unbedeutender Ensign im richtigen Moment den richtigen Einfall und eine absurde Menge an Glück gehabt hatte. Ein heller Stern im Krieg, der am nächsten Tag wieder verglüht wäre…

Hätte Janus nicht anders entschieden.

»Das Volk braucht einen Kompass«, hatte der Schattenlord damals erklärt, »um zu wissen, welche Seite im Bürgerkrieg die richtige ist. Und das ist immer die mit den Helden.«

Also hatte er Marsai zu einem gemacht.

Und nichts an dem Captain der Leviathan erinnerte noch an das Holobild des kleinen Ensigns. Guri dal Marsai war eine Urgewalt von zwei Metern, mit einem Kreuz, das seine Uniform zum Bersten spannte. Mit der grauen Haut, den eingefallenen Augen und dem Bart aus Tentakeln bildete Marsai ein krasses Gegenstück zum menschlichen Helden-Ideal – und genau darauf hatte Janus gezielt. Valueen gegen Vermillion hatte sich nicht als »Gut gegen Böse« darstellen lassen, also hatte Janus die Spezies-Karte gespielt: Die Vielfalt und Toleranz des Königreichs, bedroht durch die fast ausschließlich menschliche Vermillion-Flotte.

Ein eleganter Schachzug. Aber sollte Janus überlebt haben, konnte er all das ebenso mühelos wieder umdrehen und gegen das Königreich einsetzen. Und konnte jemand, der einhundert Jahre lang Marionetten und Diener in jedem Winkel des Königreichs verborgen hatte, überhaupt sterben?

Die größte dieser Schattenfiguren neigte den haarlosen Kopf. »Mylady«, sagte Captain Marsai, zwischen den Fleischtentakeln seines Kinns hindurch, die Stimme wässrig und undeutlich. »Wir haben die Splitterwelten von Coruscant erreicht. Die Leviathan steht zu Ihrer Verfügung.«

Das stand sie schon bei ihrem Aufbruch vom Azuramond. Aber jeder im Königreich war besessen von Prozeduren und Zeremonien. Der Frieden hatte viel zu lange angedauert.

»Gab es Schwierigkeiten mit dem Hyperraumsprung?«, fragte Kali.

»Nicht mehr als erwartet.«

»Ich wiederum hatte erwartet, dass Sie uns so nahe wie möglich am Ziel aus dem Hyperraum bringen.«

»Wir haben eine Sicherheitsdistanz eingehalten von…«

Kali schnitt ihm das Wort ab. »Coruscant ist tot. Das hier ist kein Planet mehr. Kein Gravitationsradius, kein Mindestabstand für einen Sprung. Das hier ist nur ein bevölkertes Trümmerfeld – und ich hatte gehofft, es heute daran zu erinnern zu dürfen.«

»Wenn wir ein Schiff dieser Größe irgendwo zwischen Millionen von kleinen Raumern auftauchen lassen, kann ich nicht verhindern, dass …«

»… dass die nicht-existente Regierung dieses Systems sich gegen uns auflehnt, um den Tod von ein paar hundert Kleinkriminellen zu rächen?« Kali zerstörte den Einwand mit einem herablassenden Lächeln. »Wenn das Königreich die Splitterwelten weiterhin wie eine scharfe Masseschattenbombe behandelt, Captain, könnten diese auf die Idee kommen, tatsächlich eine zu sein.«

»Also fliegen wir mitten hindurch. Selbst, wenn wir dabei einen Asteroiden zerschießen.«

Kali funkelte ihn an. Nur zu, dachte sie, geh noch einen Schritt weiter und ich lasse dich hier und jetzt exekutieren. Und die Legende endet. »Es gibt keine Waffe da draußen, die uns gefährlich werden kann. Das hier ist ein sehr, sehr großes Schiff.«

Marsai hielt ihrem Blick stand. »Diese Asteroiden«, sagte er, »waren einmal ein Planet.«

Schweigen.

Die Stille des toten Alls.

Die Offiziere hielten den Atem an. Die Crewmitglieder an den umliegenden Stationen taten beschäftigt, aber niemand konnte ignorieren, wie ihr heldenhafter Captain mutig seiner Vorgesetzten widersprach, als Stimme der Vernunft und des Volkes, gnädig dazu bereit, dieser dahergelaufenen Fremden das Führen eines Raumschiffs zu erklären.

Kali lächelte.

Es gab nichts Bedrohlicheres als ein wissendes, geheimnisvolles Lächeln. Sie zog den Moment hinaus…

… und suchte fieberhaft nach einem Ausweg. Sie konnte Marsai einsperren oder umbringen lassen – aber konnte sie es sich leisten? Es würde ihren angeschlagenen Ruf noch weiter schädigen. Sie würde die Crew ihres hart erkämpften Schiffes gegen sich aufhetzen. Sie würde Stärke zeigen, aber keine Weisheit. Man würde sie fürchten – aber nicht respektieren.

Aber wenn sie Marsai verschonte, wirkte sie schwach. Was also tun?

Der Hunger spürte ihre Schwäche und kam zurück. Ihre Hände begannen zu zittern, ehe Kali sie vor der Brust verschränkte. Tausend Blicke hafteten an ihr und suchten gierig nach einem einzigen Zeichen der Schwäche.

In ihrem Augenwinkel blitzte etwas auf. Hinter dem Panoramafenster lag ein Asteroid. Zu klein für eine Stadt, aber gerade groß genug, um in eine mobile Festung verwandelt zu werden. Kleinere Felsen umkreisten diese in unterschiedlichen Orbits, an unsichtbaren Seilen, wie die Projektile einer primitiven Steinschleuder.

Die Leviathan hatten den Felsen der Sirenen erreicht.

Ein Gigant kam vor einem Staubkorn zum Stehen.

Von der Oberfläche löste sich ein kleines Schiff, dessen verchromter, keilförmiger Rumpf im Licht von Coruscants Sonne glänzte. Der Sirenenpfeil hielt direkt auf die Leviathan zu.

Kali hatte die Lösung ihres Problems gefunden. »Die Sirenen schicken uns eine Sprecherin«, sagte sie zu Marsai. »Nur hat mich der König mit einigen Angelegenheiten betraut, die dringend meine Aufmerksamkeit verlangen – warum begrüßen Sie unseren hohen Besuch nicht an meiner Stelle, Captain?«

Unter den Tentakeln atmete Marsai scharf ein. »Ich bezweifle, dass diese… Prostituierten… Bedarf an einer Sprecherin haben. Und wenn, dann sollte ein Bataillon Soldaten Empfangskomitee genug sein.«

»Gerade waren Sie es noch, der dem Dreck Respekt erweisen wollte.« Kali wandte sich in einer fließenden Bewegung zum Gehen. »Und nebenbei, Captain: Ich glaube nicht, dass ein Bataillon genug sein wird.«

Fast hätte sie den Satz nicht beendet, so stark biss der Hunger in diesem Moment zu, bereit, Kali von innen auszuhöhlen, wenn sie ihm keine anderen Leben als Nahrung verschaffte. Ihre Sicht verschwamm.

Mit erhabenen, verzweifelten Schritten marschierte sie den Kommandosteg hinab zu ihrem persönlichen Turbolift, wartete, bis die Türen sich geschlossen hatten – und brach zusammen. Sie stieß gegen die Wände der Liftkapsel. Zog sich an einem der Griffe hoch. Schlug unbeholfen gegen das Kontrollpanel – und beschleunigte den Lift abwärts, zum anderen Ende des Schiffes, egal wohin, Hauptsache die verdammte Tür blieb geschlossen.

Ein Teil von ihr schrie nach einem Bactatank. Aber sie musste wach bleiben. In Bewegung.

Bei ihrer letztem Aufeinandertreffen mit den Sirenen hatte Kali sich selbst und das Königreich als schwach und verletzlich gezeigt. Eines ihrer Schiffe war den Vermillion Rebellen zum Opfer gefallen, kurz bevor ein dreizehnjähriger Junge ein zweites erobert und entführt hatte – eine Schande, bei der die Sirenen ihn sogar noch unterstützt hatten.

Sie musste Stärke zeigen. Und nicht bloß die Stärke von ein paar tausend Laserkanonen.

Also kämpfte Kali sich wieder auf die Beine.

Eine Stunde und zahlreiche, verbotene Medikamente später saß sie auf dem Thron des obersten Lords, im Empfangssaal des Schlachtschiffes.

Der Saal war noch ungleich gewaltiger als die Brücke; mit genug Raum, um Manövrierübungen von zwei oder drei Jagdmaschinen zu erlauben. Diese hätten sich zwischen den Säulen hindurchschlängeln können, wie zwischen schmalen Hochhäusern. Dann wäre Leben in die schweren, tiefblauen Vorhänge gekommen, die sich um die Säulen wanden und ihren Weg im spiegelnden Bodens in die Tiefe fortzusetzen schienen. Der Empfangssaal sendete eine einzige, einfache Botschaft: Wir sind unberührbar. Wir könnten hier drinnen Feste feiern, während draußen Krieg herrscht.

Kali dagegen fühlte sich, als hätte sie auf einer Zielscheibe Platz genommen.

Vor ihr hatte Janus hier gesessen, auf dem Thron des Obersten Lords. Vielleicht schon Jahrzehnte, bevor die Leviathan gebaut worden war. Die meisten Betrachter hätten Marmor und geschliffenen Sandstein als ganz normale, absurd extravagante Materialien für einen Thron gesehen. Aber dieser hier schien aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit zu stammen. Vielleicht sogar aus den Überresten von Utapau.

Kali ließ ihre Hände über die kalte Oberfläche gleiten. Janus wird versuchen, ihn zurückzuholen. Er wird kommen, aus den Schatten, und er kennt jeden Winkel seines Schiffes.

Sie versicherte sich, dass Desanne noch immer hinter ihr stand. Auf der rechten Seite hatte eine der Ysalamiri-Wachen Position bezogen – im Kampf nutzlos, aber dafür mit einem natürlichen Schutzfeld gegen die Midi-Kräfte der Sirenen ausgestattet.

Kali hätte sich mehr Wachen gewünscht, aber sie musste ihre Crew und die Sirene glauben lassen, dass sie keine Angst hatte.

Die Flügeltür am anderen Ende öffnete sich. Eine kleine, schmale Gestalt in einem schwarzen Umhang trat ein, flankiert von zwei Gardisten.

Diese Sirene schien nicht von einer Dienerin begleitet zu werden. Raidne hatte damals eine gehabt, als sie Fuß auf Kalis Korvette gesetzt hatte. Die Dienerin hatte Raidne erschossen und anschließend das Schiff entführt. Wussten die Sirenen, was in diesem Hangar passiert war? Sahen auch sie ihren Ruf der Unantastbarkeit bedroht?

»Verneigen Sie sich«, rief Desanne, »vor der Obersten Lady des Valueen Königreiches, der Kommandantin der Königlichen Garde und des Treskov-Systems, Siena Kali.«

Die verhüllte Sirene deutete eine Verneigung an. Mit hoher, seliger Stimme hauchte sie: »Die Sirenen des Felsens senden ihre Grüße, Siena Kali.« Damit zog sie ihre Kapuze zurück – und zeigte das puppenartige Gesicht eines Kindes. Ein Mädchen von vielleicht elf Jahren. Ihr Kopf war haarlos, die Haut blass, bis auf die blauen Schimmer um ihre Augen. Eine Überlebende von Umbara.

Kali starrte sie an. Ein Kind. Äußerlich nicht viel älter als Devi damals, in der Nacht, in der die Sirenen sie hatten stehlen wollen. Kali hatte es nicht zugelassen. Andere, jüngere Kinder hatten weniger Glück gehabt.

Bevor ich sterbe, lasse ich jede Sirenenmutter hinrichten.

»Es gibt keine gemeinsame Sprache«, sagte Kali, »zwischen dem Thron des Valueen Königreiches und einer Dienerin. Geschweige denn einem Kind.« Sie machte eine wegwischende Handbewegung. »Geh. Deine Meisterinnen werden unsere unzufriedene Antwort in Kürze erhalten.«

Das kleine Mädchen rührte sich nicht.

Einer der Gardisten legte seine Hand auf ihre Schulter. Zuckte. Und war tot.

Das Sirenenmädchen verfolgte seinen Fall aus großen, erbarmungslosen Augen. Dann machte sie einen zierlichen Schritt über seine Leiche hinweg, näher an Kali heran – und wartete. Als ein Leviathan im Körper eines Kindes.

Kali hatte den Blick in diesen Augen schon einmal gesehen. Aber Altair hatte Angst gehabt, trotz allem, irrsinnige Angst. Dieses Mädchen nicht.

»Das Königreich verfügt über Soldaten wie dich«, sagte Kali. »Programmierte und gestaltete Waffen. Aber jeder in der Azura Phalanx war einmal ein Kind. Erst dann sind seine Augen leer geworden.« Ihre Hände krallten sich am kalten Marmor des Throns fest. »Wir löschen keine Kinder.«

»Ihre Geistesgestalter wissen nicht, wie man bei Null anfängt. Wir schon.« Das Mädchen senkte den Kopf, fast bedauernd. »Sie müssen warten und erst zerstören, ehe Sie die Trümmer unbeholfen neu zusammensetzen. Wir dagegen erschaffen. Von der ersten Sekunde an.«

»Ein künstliches Produkt wird kein echtes Leben ersetzen.«

Das Mädchen sah hinter sich, zum toten Gardisten. Dann wieder zu Kali. Ausdruckslos.

Sie flüsterte: »Falls Sie besorgt sind, dass Sirenen in meinem Alter bereits unseren Gästen dienen könnten… Nicht ich, nein. Ich habe andere Talente und andere Aufgaben.« Erneut sah sie zur Leiche. »Ich bin Manami. Unsere Jägersirene.«

Desanne trat einen Schritt vor.

Kali hob die Hand und ließ ihn innehalten. »Ich fürchte«, sagte sie zu Manami, »deine Mütter werden bald mehr als eine einzige Kriegerin brauchen.«

Manami antworte nicht.

Ihr Schweigen zwang Kali dazu, weiterzureden. »Die Sirenen haben eine königliche Korvette angegriffen, in diesem System hier, und anschließend gestohlen. In dieser Sekunde schuldet ihr mir…« Sie streckte einen Finger der rechten Hand aus. »Ein Schiff.« Ein zweiter Finger. »Eine Entschuldigung.« Noch einer. »Ein Zeichen der Unterwürfigkeit, und schließlich…« Sie hob den vierten Finger, ihren Blick auf die Leiche gerichtet. »Einen Gardisten.« Sie atmete ein und aus, täuschte die Ruhe einer Herrscherin vor. »Ich denke, ausgerechnet dieser Gardist wird euch dabei das Genick brechen. Wenige Dinge sind so endgültig wie der Tod.«

Manami nickte. »Ihr selbst wärt im All gestorben, nach Eurem kalten Sprung, hätten wir nicht Euer Schiff und Eure Suchdroiden alarmiert. Wir hatten gehofft, Ihr würdet diese Geste als unsere Entschuldigung sehen.«

Kali blinzelte nicht. Sie zeigte vier Finger und nahm einen herunter.

»Wir«, begann Manami, »haben keine Verwendung für Schiffe. Die Entführung Eurer Korvette geschah durch eine abtrünnige Dienerin.« Sie zögerte, ehe sie erklärte: »Via ist meine Beute.«

»Diese Via hat mein Schiff in eine Todeszone geflogen. Damit ist sie unerreichbar für dich.«

»Sie ist noch am Leben«, sagte Manami, dieses Mal ohne die geringste Pause. »Und niemand verlässt die Sirenen – nur als leere Hülle. Ihr erhaltet Euer Schiff zurück. Andernfalls werden die Sirenen euch entschädigen.«

»Bliebe noch ein Gardist«, sagte Kali. »Und eine Geste.«

»Tot ist tot und das Leben ist unbezahlbar.« Manami legte den Kopf schief. »Wir sind sicher, dass drei Milliarden Credits Euch über Euren Verlust hinweghel…«

»Nein. Du wirst es.«

Über Manamis leeres Gesicht huschte eine Spur von Überraschung und… Interesse. Sie schaute abwartend zu Kali hinauf.

»Leben zahlt für Leben«, sagte Kali. »Ich betrachte deine Dienste als Tribut, Ausgleich und als Pfand für mein gestohlenes Schiff.«

»Wir wählen unsere Kunden. Und wir sind niemals ihre Waffen. Der Felsen der Sirenen ist unabhängig von jeder Macht der Galaxis.«

»Und wenn ich die Hand hebe, hat dieses System ein paar Splitter mehr.«

»Ehe der Befehl den Feuerleitstand erreicht, haben wir zweihundert Asteroiden auf den Kommandoturm dieses Schiffes geschossen.«

»Ein Kratzer.«

»Ihr könnt euch keine weiteren Kratzer erlauben. Weder das Königreich. Noch Ihr selbst, Siena Kali.«

»Also opfern sich die Sirenen, für ein sinnloses Zeichen der Rebellion?« Kali erzwang ein zuversichtliches Lächeln. »Ihr seid keine Märtyrer. Ihr seid Dienerinnen. Vielleicht sogar Jägerinnen.« Sie stand auf, eisig und überlegen. Hoffte sie. »Solange Du mir dienst, Manami, leben die Sirenen weiter.«

Manami zögerte. Dann warf sie den Umhang ab und verneigt sich in ihrer schlanken Gestalt. »Akzeptiert.« Das Mädchen drehte sich um und ging den Weg zur Tür hinauf.

Nur der überlebende Gardist zögerte. Er sah zur Leiche des anderen Mannes, und dann zu Kali hinauf, die Augen verborgen hinter dem schwarzen Helmvisier. Schließlich folgte er dem Sirenenkind.

Das Tor schloss sich hinter ihnen.

Kali atmete erleichtert aus. Sie sammelte sich für einige Momente, ehe sie die stille Frage im Raum beantwortete: »Nein.«

»Mylady?«, fragte Desanne.

»Sie möchten wissen, ob wir ihr vertrauen können.« Kali kämpfte mit einem Anflug von Schwindel. Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen mit der Zunge. »Wir können nicht. Aber sie und ich jagen die gleiche Gruppe und das werden wir nutzen. Die Kunst wird sein, Manami beschäftigt zu halten – und uns selbst vom Leib.«

In ihrem Augenwinkel nickte Desanne unsicher.

Kali bereute das Gesagte sofort. Sie hätte sich ihm nicht anvertrauen sollen, geschweige denn gegenüber einem Untergebenen rechtfertigen.

Sie erhob sich von Janus‘ verfluchtem Thron.

Der Schattenlord musste von hier aus etliche Feinde manipuliert und für eigene Zwecke gewonnen haben. Kali hatte dazu weder seine Midi-Kräfte noch seinen Ruf als Schreckgespenst gebraucht. Ein erster Triumph, und ein bitter nötiger dazu.

Sie konnte kaum erwarten, dass Marsai davon erfuhr.