2.07 Leviathan


Auf Kalis Wunsch hin blieb die gewaltige Halle stockfinster. Winzige Lichter markierten den mittleren Weg, und andere ließen die Wände erahnen – doch der Thron selbst wurde von blauen Vorhängen verschleiert, ähnlich einer nächtlichen Nebelfront.

Wie in den Königstiefen. Doch diesmal saß Kali selbst auf dem Thron, und diesmal war sie es, die über Leben und Tod regierte. Ihre Hände klammerten sich an dem kalten Metall fest. Allein hier zu sitzen, war ein Sakrileg. Nicht einmal Janus war es erlaubt gewesen.

Aber Kali musste ein Zeichen setzen.

Und falls sie die Rebellen nicht finden konnte, war sie so oder so tot – ob sie nun auf Daphan Valueens hässlichem Thron saß oder nicht. Wenn sie schon sterben musste, dann genau hier.

Die Vorhänge wichen zur Seite wie in plötzlichem Wind, doch die Schatten blieben und boten Kali weiterhin Schutz. Vor ihr, unter ihr, am Fuß der Thron-Empore erschien ein Mann, flankiert von Gardisten. Baron Tyber Malreaux blickte sich zwischen Schatten und Nebeln um, für den Moment unsicher und ehrfürchtig – dann zeigte er der Finsternis ein strahlend weißes Lächeln.

»Mylady.« Er schlug seinen Umhang beiseite und warf sich in eine absurd tiefe Verbeugung. »Gestattet mir die Ehre, Euch hier willkommen zu heißen. Ich bin Tyber Malreaux, der Administrator von Ruan.« Er hob den Kopf, um aus der Verbeugung hinauf zum Thron zu schauen. »Bitte verzeiht, dass Ihr euch überhaupt mit uns befassen musstet. Ein so bezauberndes Wesen gehört wahrhaftig nicht in unseren Himmel aus giftigen Wolken.«

»Das Versteck der Rebellion. Wo ist es?«

Malreaux zuckte zusammen, dann fing er sich mit einem Lächeln wieder auf. »Unsere, ah, Befragung der Geiselstädte dauert an – Protektor Raith versichert mir, dass wir bald unsere Antworten bekommen werden.« Er befeuchtete sich die Lippen. »Ich weiß, dass mein Funkspruch den Eindruck gemacht haben wird, wir hätten bereits…«

»Sie haben gelogen. Warum?«

»Weil ich Euch unter vier Augen sprechen musste«, wieder verbeugte sich Malreaux, »und in der Eile keinen eleganteren Weg sah. Ich kann Euch nur vielmals um Verzeihung bitten – und ich erwarte meine gerechte Strafe. Aber falls Ihr mir noch eine Sekunde Eurer Zeit schenken mögt…«

»Warum sind Sie hier?«

Malreaux atmete aus. »Auf meinem Planeten ist eine Bombe.«

Stille.

»Eine Neutronensprengladung«, sagte Kali. »Ich weiß.«

Der Administrator legte den Kopf schief, scheinbar peinlich berührt. »Die Neutronensprengladung ist leider nur das Märchen, das wir erfunden haben. Strahlungsrisiko, Verwüstung im Umkreis von 20 Kilometern,…« Er lächelte entschuldigend. »All die harmlosen Schauergeschichten, die uns nachts schlafen lassen, während Ihre Experten eine aktive Masseschatten-Bombe entschärfen.«

Masseschatten.

Desanne keuchte auf.

Marsai stieß einen Fluch aus.

Masseschatten-Bombe.

Im Schutz der Dunkelheit fuhr Kali zusammen. Versuchte, im Thron zu verschwinden, während sich die Außenwelt zu drehen begann.

Eine aktive Masseschatten-Bombe. Hier.

Marsai trat hastig vor. »Mylady, wir müssen dieses System umgehend verlassen. Wenn dieses Höllending losgeht, werden wir bis zum Ende aller Sterne hier eingesperrt werden.«

Die Cloudrun.

Die Cloudrun hat mich hierher gelockt und sie wird mich für immer…

Kali sprang auf. »Mein Schiff, Captain!«, brüllte sie. »Meine Befehle!« Sie stolperte auf ihn zu. »Und beim nächsten Wort schicke ich Sie persönlich zu dieser Bombe runter!«

Marsai wich zurück.

Kali wirbelte herum, in Richtung von Malreaux, und wäre fast gestürzt. »Niemand weiß davon? Von dem, was wirklich da unten ist?«

»Nur mein Führungsstab«, sagte Malreaux langsam, ohne die Augen von Kali zu lassen. »Die Minencrew, die sie gefunden hat, befindet sich unter Quarantäne.« Er räusperte sich. »Es war nicht meine Absicht, die Leviathan in diese Lage zu bringen. Aber unsere Verschlüsselungscodes sind nicht mehr sicher genug für die Wahrheit, nicht bei einer Flaschenpost durch die Splitterwelten, und ich…«

»Sie hätten das Protokoll befolgen sollen. Stattdessen haben Sie mich angelogen, zweimal, und damit auch den König.«

Auf einmal stand Manami an Kalis Seite. »Malreaux ist ein Risiko und ein Verräter«, sagte die Jägersirene leise. »Soll er sterben?«

Desanne versteifte sich, den Blick stur ins Leere gerichtet.

Captain Marsai sah Kali bittend an.

Sie stellte sich vor, wie Devi ebenfalls neben dem Thron stand, und für den sanften und besseren Weg argumentierte… Aber das war eine Lüge. So war die echte Devi nicht gewesen. Sanft vielleicht, und naiv – aber kein Engel. Devi hatte gejagt, um zu trinken; getötet, um zu überleben – weil sie es von ihrer großen Schwester gelernt hatte.

Sie hat mich nie verurteilt.

Aber genau das hätte sie tun sollen.

Kali atmete schwer. Ihre Augen verloren allen Fokus, und der Mann am Fuß des Throns verschwamm zu einer Silhouette.

»Bitte«, begann Malreaux. »Ich durfte keine Massenpanik in mehreren Sternensystem riskieren. Wenn Haven erfährt, dass sie von der Galaxis abgeschnitten werden könnten, sind die Geiseln zum Fluchtversuch gezwungen. Millionen werden sterben, noch bevor die Bombe hochgeht. Und die Milliarden auf Ruan werden folgen.«

Für einen Herzschlag wurde Kalis Blick wieder klar. Jetzt sah sie Malreaux, in seinen teuren Gewändern, mit extravagantem Umhang, der Mund vor Angst halb offen, aber die Zähne dahinter strahlend weiß, noch immer eine Gestalt aus einem Holodrama. Draußen spielte Malreaux den kultivierten Geschäftsmann, skrupellos und gierig; die Art von Monster, die Kinder auf einem Megafrachter in eine Arbeiterhölle verkauft…

Die Art von Monster, die im Valueen Königreich überleben kann.

Und es war alles nur gelogen.

»Sie haben sie gerettet«, sagte Kali langsam. »Die Eltern werden Sie bis an Ihr Lebensende hassen… Aber sie haben diese Kinder vom Planeten geschafft.«

Malreaux sagte kein Wort, zum ersten Mal. Krampfhaft versuchte er, die Maske aufrecht zu erhalten, doch seine Augen verrieten ihn. Es musste getan werden.

»Schafft ihn weg«, sagte Kali. »Aber lasst ihn leben.«

Die Gardisten packten ihn und Malreaux wehrte sich nicht. Sie zerrten den Baron durch eine der Seitentüren.

»Mylady«, sagte Marsai. »Egal, wie überlegen dieses Schiff auch ist – falls die Massenbombe detonieren sollte…«

»Sie auch«, krächzte Kali. »Sie auch. Gehen Sie und… Nein.« Sie hielt inne und blickte zu Manami. »Bring ihn um.«

Manami rührte sich nicht. Sie starrte Kali aus abschätzenden, kindlichen Augen an.

Kali zitterte jetzt am ganzen Körper. Eine Welle aus Schmerz warf sie nach vorn. Stiche prasselten auf sie ein. Dann der harte Aufprall, als der Boden sich gegen ihre Wange schmetterte.

Desanne eilte zu ihr, sank auf die Knie und hielt sie fest. »Die Sanitäter sind auf dem Weg, Mylady. Hört Ihr mich? Sie sind auf dem Weg. Bleibt bei uns. Sie sind auf dem Weg.«

Kalis Augen flackerten. »De… Devi…«

Desanne brachte seinen Kopf näher an ihr Gesicht. »Eure Schwester?« Er presste die Lippen zusammen. »Niemand weiß, wo sie ist. Aber ich bin sicher, wir…«

Ich hab’ sie umgebracht.

Ich dachte, ich wäre schlauer als der König und mächtiger als die Cloudrun.

Und sie haben Devi getötet.

Der Hunger peitschte Wellen aus Schmerz durch ihren Körper, ließ Kali sich auf dem Boden winden, vor den Augen all ihrer Untergebenen.

Sie hatte den Singstahldolch schon im Herz, und sie hat noch immer geglaubt, ich wäre die beste Schwester in der gesamten Galaxis.

Ich bin ein Monster.

Und ich hab sie auch zu einem gemacht.

Kali öffnete ihre verweinten Augen.

In Desannes Gesicht standen Angst und…

Mitleid.

Er bemitleidete sie.

»Nein«, flüsterte Kali. »Nein…«

Die Zungen schnellten aus ihren Wangentaschen hervor, bohrten sich in Desannes Nase und durchbrachen die Knochenwände zum Gehirn. Der Damm brach und ein Meer von Erinnerungen strömte auf Kali ein. Wasser in der Wüste. Und Kali trank und trank und trank.

Sie trank Desannes Ausbildung. Und all die hart erkämpften Erfolge, die einsamen Wachen unter den Sternen, und den Moment, als er von seiner Versetzung auf die Leviathan erfuhr, und das stolze Holo an seine Eltern und sein Schwur, zurückzukommen…

Die leere Hülle von Lieutenant Desanne schlug auf dem Boden auf, am Fuß von Daphan Valueens Thron.

Kali erhob sich.

Sie zitterte nicht mehr.

Marsai dagegen starrte Kali an, gelähmt von Abscheu und Furcht. »Falls ich… die Sanitäter rufen darf… Dann können Sie Lieutenant Desanne vielleicht…«

»Ruft sie«, sagte Kali. »Falls da irgendwo noch Leben drin ist, sollen Sie es zu Ende bringen.«

Marsai rührte sich nicht.

»Ihr wisst nicht, wer ich bin«, sagte Kali langsam. »Wir sind nicht wie ihr. Wir sind Monster.«

»Mylady…«

»Mylady«, echote Kali und sah auf ihre Uniform herab, plötzlich lachend. Sie schaute hinaus in den gewaltigen Saal, drehte sich inmitten von all dem Prunk und der Leere und den goldenen Käfigwänden – und ihr Lachen hallte umher.

»Wir waren die Anzati«, brachte sie hervor. »Die Galaxis hat keine größeren Jäger gekannt als uns. Und ich habe es einfach vergessen

Manami trat vor. »Wie lauten Eure Befehle?«

Kali richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Bring mir noch einen Gardisten, wollte sie sagen. Am besten gleich Zwillinge. Aber es gab Arbeit zu verrichten, vor der nächsten Mahlzeit, und es gab Beute zu jagen.

»Geh runter auf Ruan«, befahl sie. »Finde die Bombe und bring sie unter unsere Kontrolle. Lass jedes kümmerliche Geschöpf auf diesem Höllenloch wissen, dass sie hier ist und dass nichts sie entschärfen kann. Ich erwarte eine planetenweite Panik in zwei Stunden.«

Manami verbeugte sich und ging.

Kali drehte sich zu Marsai um.

Der große Held wich zurück.

»Verstecken Sie die Leviathan im Nebel«, sagte Kali. »Falls irgendwer uns entdeckt, schießen sie ihn ab. Lassen sie andere Schiffe mit der Evakuierung des Systems beginnen, um die Aufmerksamkeit von uns abzulenken. Wir sind nicht hier.«

»Nur«, begann Marsai, mit trockener Stimme, »nur die Bombe…«

»Freigelegt und aufgeweckt durch unachtsame Minenarbeiter. Ein bedauerlicher Unfall, der das Königreich eine seiner letzten Rohstoffquellen kosten wird und unmöglich gewollt sein konnte.« Kali lächelte. »Aber die Piraten verlieren ihren einzigen Planeten. Ziehen Sie unsere Kräfte von dort ab. Wir geben Haven auf. Wenn die Piraten die Geiselstädte evakuieren wollen, und all die getrennten Familien wieder vereinen möchten…«

»Dann brauchen sie Hunderte von Rettungsschiffen«, sagte Marsai leise. »Sie müssten all ihre Flotten schicken. In ein System, dessen einziger Zugang jeden Moment zusammenbrechen könnte. Glaubt Ihr wirklich, Leander wird das riskieren? Falls er noch lebt? Der Junge ist nicht sein Vater.«

»Nein«, sagte Kali. »Und wenn er ein Drittel seines Volkes verliert, dann wird er das auch nie sein.«

Marsai starrte ins Leere. »Wir könnten ihm offen sagen, dass es eine Falle ist, und er wäre trotzdem gezwungen, mitten hineinzufliegen…« Er drehte sich zu Kali um, das Gesicht zermürbt und bitter. »Es muss einen besseren Weg geben.«

Nein, dachte Kali. Die Zeit für Schwäche ist vorbei.

»Sie haben Ihre Befehle.«

Marsai wollte schon gehen, dann zögerte er. Mit bleichem Gesicht drehte sich der Riese zu Kali um. »Es gibt noch 19 erreichbare Sternensysteme in der Galaxis«, sagte er. »Wenn das hier vorbei ist, gibt es noch 17. Milliarden von Seelen werden entweder sterben oder für immer hier gefangen. Und falls irgendjemand von uns überlebt…«

Siena Kali ließ sich auf dem Thron von Daphan Valueen nieder. Dem letzten, der einen Planeten gesprengt hatte. »Dann wird er kein Held sein«, sagte sie, den Singstahl-Dolch fest in der Hand.

Marsai hatte keine Vorstellung davon, was heute beginnen würde. Sie würde nicht bloß die Rebellen vernichten und den König stürzen. Sie würde eine Jagd eröffnen, würdig ihrer Vorfahren, auf das größte Ungeheuer von allen. Ein Leviathan aus tausenden Mythen und Legenden – unverwundbar, aber nicht ohne Grenzen. Nicht mächtig genug, um in den Hyperraum zu springen, wo es keinen mehr gab.

Wie tötet man einen Gott?

Gar nicht.

Man fängt ihn. Und legt ihn in Ketten, bis zum Ende aller Sterne, über den verfluchten Eiswüsten von Haven.

 
 

Fortsetzung folgt …