2.02 Ghosts, Part I


»Das gleiche Blut. Wenn überhaupt.«

— Abbadon

Altair

Der Junge stand im Zentrum des sterbenden Sturms. Die Lichterwirbel verwandelten sich zurück in Klingen, die auf den Boden niederprasselten und sich in die Leichen bohrten. Auf eine Handbewegung des Jungen hin erstarben sie – und im Zerschnittenen Saal wurde es still. Das verbliebene Licht stammte von den Wänden, wo die Schwerter ihre glühenden Spuren hinterlassen hatten. Anstatt zu verblassen, wurden die Flammenlinien immer heller und größer, die Risse öffneten sich…

Bis der Saal zersplitterte.

Der Junge fand sich in der Schwärze des Alls wieder. Vor ihm lag der Azuramond, silbern und kalt.

Sei tapfer, Altair, sagte eine Stimme. Sei tapfer und sieh nicht zurück.

Mit dem letzten Wort jagte ein gewaltiger Windstoß durch das Vakuum des Alls, packte den Körper des Jungen und riss ihn fort. Tausende von Schlachtschiffen blitzten auf, ganze Planeten schossen an ihm vorbei, und der Sternenhimmel selbst erwachte zum Leben. Der Junge trieb auf ein grelles Licht zu, in einem Atemzug noch winzig, im nächsten verschlang es ihn bereits. Es zerfiel in einzelne Sonnen, verbunden durch Flüsse aus Licht. Das interstellare Gewebe wurde immerzu von Explosionen erschüttert, ähnlich denen einer Raumschlacht, aber um das Milliardenfache vergrößert, und manche von ihnen schienen sich rückwärts durch die Zeit zu bewegen.

Die Flüsse und Feuer und Sterne fanden in einem hellem Zentrum zusammen. Von dort schien das hellste aller Lichter nach dem Jungen zu rufen. Wohin Du auch läufst, rief es, alle Pfade führen hierher. All deine Wege führen zum Kern.

Endlich wehte der Allwind den Jungen am Licht vorbei.

Wohlige Dunkelheit folgte. Neue Planeten kamen, verwüstet und mit Narben übersät, als hätten die Energiebänder sie zerschlagen wollen. Für einen Herzschlag blitzte eine Raumstation auf, in deren Sensorphalanxen sich das ferne Licht spiegelte.

Langsam fand der Flug ein Ende. Der Junge durchdrang die Trümmer eines Planeten, dann die Überreste einer Raumflotte, darin ein brennendes, rotes Schiff. Und schließlich, aus einem Schatten heraus…

Die Cloudrun. Ein knochenbleicher Dolch, in giftiges Grün getaucht.

Kleine Hangarbuchten kamen in Sicht. Hinter einem der Kraftfelder stand ein hagerer, uralter Mann. Seine Augen waren mattschwarze Perlen auf grauer Haut, von roten Flecken umrahmt. Zitternd und auf seinen Stab gestützt, betrachtete Janus die Trümmer.

Ein Windstoß trug den Jungen zu einem zweiten Hangar. Dort starrte Themis Leander mit weit aufgerissenen Augen ins All hinaus. In ihnen spiegelte sich das brennende Vermillion Schiff. Leander drehte sich um, als hätte er jemanden kommen gehört, aber hinter ihm wartete nur ein Sarg.

Wie ein Geist fiel der Junge durch den Hangarboden. In der Bucht darunter kniete eine junge Frau vor der Gewaltigkeit von Sternen und Trümmern, die Hände über den Mund gelegt, in den Augen Tränen. An einer Kette um ihren Hals trug sie einen Anhänger, zwei goldene Kreise, für die beiden Planeten von Lord Ziu Picou. Via, wollte der Junge rufen, aber sie hörte ihn nicht. Zu ihren Füßen lag ein Messer. Daneben ein blutiger Würfel mit sieben Seiten, auf jeder von ihnen ein Name.

Die Cloudrun zog den Jungen zu sich, tiefer in ihre Schatten hinein. Weit entfernt vom Anblick der Trümmer und der Sterne fand er die Prinzessin. Während die anderen sich nicht von der Stelle gerührt hatten, schien Delfy seit Stunden zu laufen. Sie hechtete um eine Ecke herum und warf die massige Gestalt von Verne Abbadon zu Boden. Delfy kniete über dem metallischen Riesen, zündete ihre Lichtklinge und rammte diese in den Fleck, wo bei einem Menschen das Herz gewesen wäre. »Nein!«, rief der Junge, und Delfy blickte zu ihm auf, aus einem Gesicht von eiskalter, blutiger Schönheit. Der Junge wollte etwas sagen…

Aber sein Mund war voller Wasser.

Entsetzt kam er hoch und beugte sich nach vorn, seine Sicht verschwommen. Hustend und würgend spuckte er das Wasser aus. Er versuchte aufzustehen, stolperte dabei für mehrere Schritte durch den flachen See, ehe er schließlich sein Gleichgewicht fand. Benommen sah er sich um.