2.03 Ghosts, Part II


»Neben einem leeren Sarg. Mit einer Krone drauf.«

— Themis

Delfy

Ihre alte Hand hielt einen Dolch. Ein Muster zierte den stahlblauen Griff. Die goldene Klinge dagegen hatte der Schöpfer glatt und makellos belassen. Darin spiegelte sich ein eisblaues Auge, von Falten umrahmt.

Sie hob die linke Hand und zog mit dem Singstahldolch deren Lebenslinie nach. Blut quoll hervor, doch der Schmerz blieb aus. Langsam blickte sie auf.

Vor ihr stand eine junge Frau. Das Gesicht hätte auch einem unschuldigen Kind gehören können, wären da nicht die leichengraue Haut und die dunklen Lippen. Sie zitterte, rührte sich jedoch nicht von der Stelle, fast so, als hätte man sie in ein unsichtbares Kraftfeld gesperrt – aber das einzige Gefängnis war ihre eigene Furcht. Mit geweiteten Augen folgte Devidiya Kali dem Singstahldolch.

Die alten Hände wogen die Waffe behutsam, beschmierten den Griff dabei mit Blut. Dann schlossen sich die Finger der rechten Hand, mit einer Härte und Vertrautheit, die nur ein Leben voller Gewalt erkauft haben konnte.

»Wenn meine Schwester meine Erinnerungen liest«, flüsterte Devidiya, den Blick verzweifelt auf den Dolch gerichtet, »dann erfährt sie auch von Pandora…«

Delfy nickte bedächtig, während sie ihre goldene Klinge in der Luft hin und her bewegte. Schließlich hielt sie inne. Atmete langsam aus.

Devidiya schloss die Augen.

Und Delfy stach zu.

Noch in der Bewegung wachte sie auf. Sie fand sich nach vorn gebeugt in der Wirklichkeit wieder, auf den Lippen einen stummen Schrei. Schwer atmend sah Delfy sich um.

Sie saß auf einem Feldbett. Das künstliche Licht einer Energieeinheit erhellte den Raum dahinter. Den schmutzigen Durastahlwänden nach hätte Delfy auch in einem Frachtcontainers aufgewacht sein können. Ein geschmolzenes Stück Metall versiegelte die Tür von innen.

Delfy versuchte, den Traum abzustreifen. Aber sie sah noch immer vor sich, was ihr Vater getan hatte. Mit eigenen Händen, mit eigenen Augen… Sie blickte auf ihre Hände herab. Falten hatten diese keine, nur schmutzig waren sie, von Öl und Dreck. Eine Spur von Blut hätte das Bild vollkommen gemacht.

Avarys Blut.

Und das Blut der Kolonisten von Polneye.

Ob Daphan wohl die Geister von Coruscant schreien hörte?

Sie atmete tief durch, ehe sie sich zwang, aufzustehen. Sie trank zwei Schlücke aus dem Wasserbehälter, dann klappte sie diesen auf und wusch ihre Hände in dem letzten Rest. Als sie fertig war, betrachtete sie ihr Spiegelbild: Die Haare in Strähnen, die Haut müde und schmutzig. Der königliche Hof hätte sie nicht wiedererkannt.

Ein schwerer Gegenstand prallte von außen gegen die Tür. Jemand wollte die Ruhe im königlichen Frachtcontainer stören.

Delfy fand ihre Lichtklinge auf dem Boden, zündete sie und schnitt mit einer exakten Bewegung das Schmelzstück in zwei. Ohne die Waffe loszulassen, öffnete sie die Tür.

Blendendes Licht fraß sich in ihre Augen. Vor dem Hintergrund des Vermillion Lagers wartete Janus, gebeugt, die Hände in Energiefesseln gelegt. Neben ihm stand Jorelle Farwynd, die Befehlshaberin der Sicherheitstruppen. Jorelle besaß alle Haltung, die Janus fehlte, aufrecht und angriffsbereit, die Hand an ihrem Blastergurt.

Mit hochgezogenen Brauen deutete Jorelle auf das am Boden liegende Schmelzstück. »Keiner meiner Leute würde Euch im Schlaf ermorden.«

»Deshalb der Wecker«, sagte Delfy. »Erspart Euch die Gewissensbisse.«

»Was nützt Euch eine halbe Sekunde mehr?«

»Ich bin sehr schnell.«

»Ihr habt Euch sehr schnell Euren eigenen kleinen Palast aufgebaut, ja. Wir hätten noch ein paar Vorhänge auf der Arcadia

»Rot ist nicht meine Farbe.«

Jorelle lächelte kühl. »Das ist sie wirklich nicht. Aber ich hätte hier noch eine Antiquität in Blau anzubieten.« Sie wies auf Janus. »Unser Gefangener hat um eine Audienz bei Euch gebeten.«

Janus’ Versuch eines untertänigen Lächelns scheiterte an seinen Raubtierzähnen.

Delfy ließ ihn eintreten, machte einen Schritt vor und schloss die Tür hinter ihrem alten Meister. Sie selbst blieb mit Jorelle draußen stehen.

Ein Kundschaftertrupp kehrte gerade ins Lager zurück. Erleichtert ließen sich die Soldaten auf Frachtkisten und Notbänke sinken, vielleicht ohne zu merken, dass sie noch immer ihre Blastergewehre umklammerten. Die Cloudrun hatte diese Wirkung, auch nach so vielen Tagen noch.

Jorelle versperrte Delfy die Sicht. »Ich glaube nicht, dass wir beide irgendwas zu besprechen haben.«

»Sie sind nicht der Captain, nein. Aber solange, wie Themis außer Gefecht ist…«

»Außer Gefecht!«, schoss Jorelle zurück. »Der Captain trauert. Um seinen Vater. Wie wir alle.«

Delfy nickte geduldig. »Und ich habe Ihnen allen mein Beileid ausgesprochen. Mehrfach.«

»Oh, es war eine ergreifende Rede. Es geht nichts über jahrelange Übung.«

Delfy hob die Hände in einer überdeutlichen Geste der Kapitulation. »Okay. Sie gewinnen. Könnten wir jetzt darüber reden, in welchem Banthadreck wir stecken? Oder soll ich einfach Janus fragen, was er aus Ihnen und Ihren Leuten herausbekommen hat? Ohne dass Sie es gemerkt haben?«

Jorelle funkelte sie an. »Der Sprungantrieb der Arcadia ist hinüber. Wie ich sagte: Es wird dauern. Und für den Moment haben wir tatsächlich dringendere Sorgen.«

»Was für Sorgen?«

»Wir haben inzwischen 250 Überlebende aufgesammelt. Nicht von uns. Von denen. Aus den Jägern, aus den Orbitalstationen, die meisten aus Rettungskapseln. Aufnehmen kann die Arcadia so viele Leute – aber wir können sie nicht bewachen.«

»250 Gefangene.“ Delfy atmete angespannt aus. »Wie viele Crewmitglieder hat die Arcadia? 300?«

»Wir hätten das Dreifache, hättet Ihr den Captain vorher darauf hingewiesen, dass wir in einen offenen Krieg ziehen.« Jorelles Blick schweifte ins Lager, ehe sie düster hinzufügte: »Wir haben keine 200. Und von denen, die wir haben, sind einige verwundet, einige sind Kinder und alte Männer… Und einige sind hier auf der Cloudrun.« Sie verschränkte die Arme. »Die Valueen Überlebenden haben eine Schlacht und einen Planeten verloren – und wir haben sie nur deshalb noch unter Kontrolle, weil sie keine Waffen haben. Und weil sie nicht wissen, wie wenige wir sind.«

Delfy versuchte, sich ihre Frustration nicht anmerken zu lassen. Konnte nicht eine einzige Stunde vergehen, ohne dass neue Probleme auftauchten? »Wir müssen die Gefangenen irgendwo absetzen. Bevor sie die Arcadia überrennen.«

»Und wo? In einem ausgebrannten Schiffswrack?«

»Es war ein Fehler, sie überhaupt an Bord zu lassen.«

»Das ist Euer Volk«, erwiderte Jorelle entgeistert. »Entschuldigt bitte, dass wir nicht noch mehr von denen umbringen wollten.«

Delfy verzog keine Miene. »Die haben zuerst geschossen.«

»Haben sie? Diese Sache ist erst losgebrochen, als Ihr und der alte Mann die Corellianna betreten habt. Was genau habt Ihr dort getan?«

Jedes Gespräch, das Delfy mit einem der Vermillion-Piraten führte, schien früher oder später in einem Verhör zu enden. »Ich wollte verhandeln. Nur hatte Pellaeon längst seine Entertrupps geschickt. Er hätte die Cloudrun zerstört, und die Arcadia mit, hätten wir ihn nicht aufgehalten.« Sie hob das Kinn. »Ich bin auf Ihrer Seite.«

Jorelle schnaubte und tat einen Schritt zurück, die Arme noch immer verschränkt. »In einer halben Stunde halten wir die Erste Wache für Avary. Hier auf diesem Schiff. Und morgen dann die Zweite Wache, auf seinem eigenen.« Im Gehen warf sie Delfy noch einen Blick über die Schulter zu. »Wenn Ihr eine von uns werden wollt, Prinzessin, solltet Ihr dort sein und Euch vor Tränen nicht halten können.« Damit lief sie auf die neu eingetroffenen Soldaten zu und begann, diese zu vernehmen.

Delfy sah ihr grimmig nach. Bedachte das Gesagte. Schließlich öffnete sie die schwere Metalltür und betrat ihr Quartier.

Janus saß auf ihrem Bett, die gefesselten Hände auf dem Schoss gebettet.

»Runter.« Delfy schloss die Tür hinter sich.

Unter offenbar schrecklichen Qualen stand der alte Mann auf. »Ich habe eine Schlacht geschlagen. Und es hat mich alle Kraft gekostet, die ich noch hatte.« Janus schüttelte den Kopf. »Zum Dank hat man mich auf diesem verfluchten Schiff eingesperrt.«

»Die Piraten wissen nicht, dass Ihr geholfen habt. Sie erinnern sich nur daran, wie sie selbst das Ziel Eurer Machttricks waren.«

»Ja, man sollte meinen, wir wären quitt.« Er deutete auf seine Wange, die sich bei näherem Hinsehen als geschwollen herausstellte. »Jorelle meinte das nicht. Die Leute brauchen jemanden, den sie hassen können. Und sie hassen nichts so sehr, wie die Idee, dass ihre kostbaren Gedanken und Überzeugungen formbar sein könnten.«

Die Worte hingen in der kalten Luft.

Formbar, dachte Delfy. Janus konnte mich so programmieren, wie er mich haben wollte. Für ihn ist ein zerbrochenes Kind nur eine Sammlung aus Bauteilen gewesen.

Janus machte keine Anstalten, um Vergebung zu betteln. Stattdessen betrachtete er sie interessiert.

»Ihr wart mein Lehrer«, sagte sie kühl. »Nicht mein Schöpfer.«

»Manche Lehrer nehmen ihren Beruf ernster als andere.«

Delfy würdigte das mit keiner Erwiderung. Sie begann, im Raum auf und ab zu laufen. Dabei hielt sie die Energieeinheit zwischen sich und Janus, als könnte ein Haufen Schrott sie vor seinen Fähigkeiten schützen. Bei den Gardisten hatte man sie trainiert, Gedankenkontrolle zu widerstehen und Delfy hatte sich immer für ein Naturtalent darin gehalten. Heute wusste sie, dass ihr Talent eine Konstruktion war und deren Erbauer sich selbst ein Schlupfloch offen gelassen hatte. Ein einziger lauter Gedanke von ihm – und Delfy hatte Pellaeon getötet. Und davor Themis. Beinahe.

»Ich kann Euch nicht erlauben, hier herumzulaufen«, sagte sie, »wenn ich nicht sicher weiß, dass keine Geistestricks von Euch kommen.«

Janus ließ seine Fesselringe gegeneinander klicken. »Dann solltet Ihr wissen, dass ich dafür schon seit 700 Jahren keine Hände mehr brauche. Auch keine Stimme. Und keinen Sichtkontakt.« Gedankenverloren strich er über einen Rostfleck auf der Metallwand. »Ich verstehe meine Kunst… Irgendeiner muss es tun, in dieser Galaxis…«

Delfy kannte diesen Dreck von ihm. »Schwört. Keine Tricks mehr. Nicht mit mir als Ziel. Ihr gebt eine Menge auf Schwüre, alter Mann – also schwört.«

Janus riss seinen Blick vom Rostfleck los. »Ich könnte es schwören. Aber ich werde es nicht.« Er trat von der Wand zurück. »Schwüre bedeuten mir etwas, weil diese Galaxis keine Konstanten kennt, außer dem Krieg und außer dem Chaos. Ein Schwur ist Stabilität. Sicherheit.« Wieder hob er seine gefesselten Hände. »Aber wenn man zu viele davon hat, dann verstrickt man sich in ein Chaos aus Schwüren, in etliche Widersprüche. L1 ist an einem dieser Widersprüche zerbrochen. Mir könnte das Gleiche passieren, wenn ich nicht Acht gebe.«

»Okay«, sagte Delfy. »Dann machen wir es uns einfacher: Wenn Ihr noch einmal versucht, in meinen Kopf einzudringen, schlage ich Euren ab.«

Janus lächelte höflich. »Fair. Auch wenn Ihr nicht genug Verbündete haben dürfet, um sie leichtfertig zu köpfen. Auf wen außer mir könnt Ihr Euch verlassen? Leander?« Sein verspielter Tonfall wich schlagartig einem bitteren, eindringlichen Flüstern. »Er ist Eurem Vater nicht gewachsen. Und ich bin es auch nicht. Unsere einzige Chance ist, den König im Schlaf zu überraschen.«

Ein Herzschlag in der Stille.

»Das war unsere Chance.« Delfy blickte auf ihre Hände. »Er ist wach. Ich hab davon geträumt, wie er jemanden getötet hat. Oder töten wird. Was auch immer, er ist…«

»Wach.« Janus bedachte das mit einem finsteren Nicken. »Zumindest weiß er noch nicht, dass wir ihn verraten haben.«

»Und das darf er auch nicht«, sagte Delfy schnell. »Ich muss noch nahe genug an ihn herankommen können, um es zu Ende zu bringen.« Mit eigenen Händen, mit eigenen Augen…

Mangels anderer Sitzgelegenheiten ließ Janus sich jetzt doch wieder auf dem Feldbett nieder. Delfy duldete es. Janus faltete die Hände, so dass sich die Spitzen seiner langen Finger berührten. »Dann schicken wir also die Vermillion Piraten in den Krieg. Wir lenken Daphans Aufmerksamkeit auf sie, damit er Euch den Rücken zuwendet.« Janus blickte auf, so hastig, als hätte er sich erschrocken. »Habt Ihr Themis sicher?«

»Nein. Ich komme nicht näher an ihn heran als an Vater.« Delfy schaute zur Tür. »Sie treffen sich gleich alle für eine von diesen Trauer-Geschichten. Ich muss dabei sein.«

»Oh«, sagte Janus. »Die Erste Wache.« In einem anderen Gesicht hätte sein Lächeln als das eines gütigen alten Mannes durchgehen können. »Die erste am Ort des Todes. Die zweite auf dem Schiff, auf dem der Verstorbene gelebt hat. Avary hat beide Wachen für jeden Soldaten gehalten, damals im Krieg. Er hat ihnen auch die Dritte Wache versprochen, auf Hapes… Aber nach dem Krieg gab es kein Hapes mehr, nicht für uns.« Er zog eine Grimasse der Bitterkeit. »Ich nehme an, man wird mich dort nicht haben wollen?«

Delfy wandte sich der Tür zu. »Höchstens in einem zweiten Sarg.«

»Eine Schande. Ich kannte Avary länger als jeder andere hier. Ich wäre bereit, seinen Mörder durch die Feuer des Kerns zu jagen.«

Delfy mied seinen Blick. Selbst als die Tür des Notquartiers hinter ihr zufiel, sah sie nicht zurück. Auch das wollt Ihr lieber nicht schwören, dachte sie noch. Ihr könntet daran zerbrechen.

Auf ihrem Weg durch das Lager schienen ihr einmal mehr die Augen jedes einzelnen Soldaten zu folgen. Am Hof ihres Vaters hatte sie die Aufmerksamkeit genutzt und genossen – hier dagegen schien in jedem Gesicht eine Anklage zu stehen. Delfys Eintreffen auf der Arcadia hatte eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, und keiner der Piraten war glücklich, am Ende dieser Kette ein Geisterschiff und eine Schlacht gefunden zu haben. Dass der Sprungantrieb der Arcadia Schaden genommen hatte, bedeutete außerdem, dass sie hier festsaßen. Solange, bis Raleigh und seine Leute ihn repariert hatten – oder bis Delfy herausgefunden hatte, wie sie die Cloudrun zu einem weiteren Sprung brachte.

Sie bezweifelte, dass ihr die Antwort gefallen würde. Einmal mehr würde ein Preis zu zahlen sein.

Immerhin: Bislang schien es einfacher, ein Geisterschiff zu kaufen als die verdammte Vermillion-Flotte.