2.04 Prophet Motive


»Nur Objekte im Raum, mit leeren Lungen und leerem Herzen…«

— Andor Hokulani

Via

Dunkelheit. Darin die flackernden Nachbilder des Hyperraums, die sich in Vias Netzhaut gebrannt hatten: Eingefrorene Blitze. Flüsse und Vektoren aus Licht. Kreise und Ziffern. Die verzweifelten Versuche des Flugcomputers, Hyperraumstraßen, Masseschatten und all die anderen Phänomene in etwas zu verwandeln, das der Mensch verstehen konnte.

Jetzt waren sie der Dunkelheit gewichen.

Via versuchte ihre Arme zu bewegen, doch eiserne Fesseln hielten sie zurück. Auch ihre Füße steckten in den Sicherungen des Pilotensitzes. Die Notfallprotokolle, dachte sie. Irgendein Fehler hat sie ausgelöst.

In den Tiefen des Schiffes grollten Donnerschläge.

Die Konsolen auf der Brücke erwachten zum Leben. Der Stand für die Energiekontrolle ging in Flammen auf. Überall flackerten und zerplatzten Displays und erhellten mit ihrem Blitzlicht die Brücke.

Via rüttelte an den Sicherheitsringen. Beide Steuerknüppel reagierten nicht. Die Kontrollpads hatten sich ausgeschaltet. Wo sind wir? Wo sind wir gelandet?

Das Panoramafenster der Brücke blieb versiegelt. Entweder glaubten die Systeme, dass sich das Schiff noch immer im Hyperraum befand – oder sie waren längst tot.

Einige Meter entfernt lag Lord Janus auf dem Boden. Reglos.

»Janus!«, rief Via.

Der alte Mann reagierte nicht. Die Detonationen im Schiffsbauch wurden lauter. Der Hyperantrieb musste durchgebrannt sein, aber dem Klang nach standen die Dinge noch sehr viel schlimmer. Via hatte immer befürchtet, eines Tages als Gefangene auf einem Valueen-Schiff zu sterben – aber bestimmt nicht als dessen Pilotin.

Der Energiekern, dachte sie. Ich muss den Energiekern abschalten.

Die Lautsprecher der Brücke knisterten. »Es gibt etwas Böses in dieser Galaxis…«, sagte eine Stimme, »das gegen die Natur aller Dinge geht. Ein Dunkler Gott. Etwas Totes… das alles Lebende bedroht.« Der Sprecher atmete verzerrt. »Die Frage ist… Wie tötet man einen Gott?«

Via nahm die Stimme kaum wahr. Stattdessen starrte sie auf das Kontrollpanel. Wenn sie es einschaltete, würde es sich überlasten. Das konnte ihre einzige Chance sein.

Sie drückte den Weck-Knopf. Das Panel verbrannte in einem Blitz. Gleißender Schmerz fraß sich in Vias Hand, gleichzeitig öffnete sich der linke Sicherheitsring. Mit einem Schrei riss sie die Hand heraus. Die anderen drei Ringe hatten sich ebenfalls gelöst. Mit Tränen in den Augen wand sich Via aus den Gurten heraus und stolperte vom Pilotensitz herunter.

»Janus! Das Schiff wird explodieren!« Sie kam neben ihm auf die Knie, um den Puls zu prüfen.

Er lebte noch.

In der Ferne erschütterte ein neuer Donnerschlag die Eingeweide des Schiffes. Der schlimmste bisher. Vielleicht blieben nur noch Sekunden. Aber Via konnte ihn hier nicht liegen lassen.

Sie hob Janus auf ihre Schulter. Seine Spezies war hochgewachsen, aber auch sehr dürr. Und ein lebender Körper wog nicht viel mehr als ein toter. Nicht viel.

Via hielt auf den Ausgang der sterbenden Brücke zu. Rettungskapseln. Es musste auch hier oben welche geben, schließlich ging kein Valueen Captain mit seinem Schiff unter.

An der Drucktür zum Korridor stockte sie. Ihr Blut gefror zu Eis. Es gab keine Rettungskapseln. Ich hab sie alle abgesprengt. Als ich den Traktorstrahl der Cloudrun stören wollte.

Sie musste Janus ablegen. Keuchend stützte sie ihn gegen eine Wand. »Mist, Mist, Mist!«

Janus blinzelte. Sein Blick fiel ins Leere. »Die Fluchtkapseln sind alle weg«, murmelte er. »Hab’s auf dem Flug erst gesehen. Raumanzüge.«

Also gut. Via zwang sich, durchzuatmen. »Könnt Ihr laufen?«

Janus sah sie voller Angst an.

Via biss die Zähne zusammen, half ihm auf die Beine und stützte ihn. »Wohin?«

»Vorwärts, dann links. Nebenhangar. Für den Captain persönlich.«

Via erinnerte sich. Dort waren Raidne und sie gelandet. Dort hatte Raidne versucht, Ben zum Sirenenfelsen zu entführen – und Via hatte sie erschossen.

Sie stolperten durch die Tür des Nebenhangars. Via ließ Janus los, riss einen Schrank auf und zerrte zwei Raumanzüge heraus.

»Wenn wir den Energiekern…«, begann Janus.

»Zu spät!« Via drückte ihm einen der schweren Anzüge in die Hand. »Wir hätten ihn manuell kalt machen müssen, und zwar vor fünf Minuten! Genau deshalb fliegt man eine Korvette mit mehr als zwei Leuten!«

Janus zog den Mantelteil seines Gewandes aus und stieg dann mit erstaunlicher Gelenkigkeit in den Raumanzug. »Sind wir bei der Station angekommen?«

Via zwang sich ebenfalls in ihren Anzug. »Ich kann nicht durch Durastahl sehen. Und die Stasisfelder sind tot. Wenn ich diese Luke da öffne, werden wir nach draußen gerissen!«

»Es gibt hier oben keine Jetpacks«, sagte Janus. »Wir würden hilflos durchs Nichts treiben.«

Via fand, wonach sie gesucht hatte. Sie riss den Blaster aus seiner Halterung. »Ich arbeite daran«, sagte sie und zielte auf Janus’ Bauch. »Lasst mich Euch nur kurz erschießen.« Sie drückte ab.

Die Wucht warf Janus mehrere Schritte nach hinten – bis er von dem Synth-Seil aufgefangen wurde, das sich zwischen seiner Brustpanzerung und der Mündung des Blasters gespannt hatte. Er schnappte nach Luft.

»Sorry.« Via gab noch etwas mehr Seil, ehe sie den Blaster an ihrem Gürtel montierte.

Janus versiegelte seinen Helm mit einem Zischen. »Wenn das da draußen einfach irgendeine Leere zwischen den Sternsystemen ist«, sagte er, »können wir uns auch gleich hier drinnen zerfetzen lassen!«

»Ihr seid der Midi.« Via deutete auf die verschlossenen Hangartore. »Ist da draußen irgendetwas?«

»Ich bin Geistesformer, kein Machtseher.« Fast widerwillig holte Janus Luft und schloss die Augen. »Irgendetwas, jah. Irgendetwas ist da draußen.«

Via musste an die Funknachricht denken. Etwas Böses. Etwas Totes, das alles Lebende bedroht. Sie verscheuchte ihre Angst und rannte zum Kontrollpanel für die Hangartore. »Wann?«

Janus starrte sie mit offenem Mund an. »Wann?«

»Das Schiff dreht sich. Sobald der Hangar auf die Station zeigt, oder auf was auch immer da draußen ist…«

Janus schüttelte den Kopf. »Das ist Irrwitz.«

Eine weitere Detonation erschütterte die Korvette. Der Korridor schien für einen Moment zu kippen, und Via schlug auf dem Boden auf. »Irgendwas auf Steuerbord?«

Janus kämpfte sich wieder auf die Beine. »Sublicht-Triebwerk.«

Via hielt sich an der Konsole fest. »Okay, wann?«

»Wenn wir das hier überleben wollen, dann so schnell wie möglich!«

In Vias Augenwinkel leuchteten rote Flammen auf. Eine Feuerwalze rollte aus dem Korridor auf sie zu.

»Fierfek!« Via sprintete los, so schnell es der Raumanzug erlaubte, und schloss im letzten Moment die Drucktür. »Wir brauchen den Vektor genau zur Station! Sonst feuern wir uns einfach ins Nichts!«

Janus zwang sich zur Ruhe. Seine Augenlider flackerten. »Jetzt.«

»Wirklich?« Konnte Via ihm vertrauen? Oder hatte er zu viel Angst, um auf den richtigen Moment zu warten? »Wirklich?«

»Jetzt!«

Via schlug gegen den Schalter.

Die Hangartore öffneten sich. Mit dem Fauchen eines Ungeheuers entwich die Luft. Ein übermächtiger Sog packte Via – und schleuderte sie vorwärts. Für einen Herzschlag rollte sie über den Hangarboden, stieß sich dann von ihm ab und klammerte sich an dem Seil fest. Die Hangarbucht begann zu schrumpfen und ordnete sich in die Brückenaufbauten der Korvette ein. Der Hyperraum hatte Teile der Hülle herausgebissen und die gesamte Bugsektion verbrannt. Flammenfontänen fraßen sich durch mehrere Decks, als wäre das Schiff ein einziger Energiekern, dessen Sicherheitsventile aufbrachen.

Vias Hände verkrampften sich um das Seil, ohne Janus auch nur zu sehen. Sie spannte sämtliche Muskeln an, hoffnungslos der kommenden Katastrophe ausgeliefert.

Die Korvette explodierte.

Via schloss die Augen gegen das Licht. Die Druckwelle traf sie mit aller Härte und schlug ihr die Luft aus den Lungen. Der Anzug, dachte sie. Wenn der Anzug kaputt geht…!

Benommen öffnete sie die Augen wieder. Sie trieb durch die Schwerelosigkeit des Alls. Das Seil hatte gehalten: Janus hing am anderen Ende, fünf oder sechs Meter entfernt. Hinter ihm schwebte das ausgebrannte Wrack von Siena Kalis Korvette.

Tot. Und es ist meine Schuld. Via atmete kostbaren Sauerstoff ein und ihre Lungen füllten sich mit eisiger Furcht. Hatten sie es noch bis zur Station geschafft? Oder hatte Via den Sprung zu früh abgebrochen und sie beide im Nirgendwo stranden lassen? Wo niemand sie je finden konnte?

Janus hob die Hand und zeigte auf einen Punkt hinter ihr.

Via wagte es kaum, zu hoffen. Sie verdrehte ihren Körper, so wie sie es als Kind gelernt hatte, um sich in der Schwerelosigkeit halb um die eigene Achse zu drehen.

Vor ihr hing die Silhouette einer kilometerlangen Raumstation, umrahmt von einer riesigen Sonne im Hintergrund.

Via stieß einen Schrei der Erleichterung aus.